Yoga zeigt den Weg

Yoga zeigt den Weg

Yoga im Himalaya

 

Sivajyoti Jeannette Büsser

Yoga zeigt den Weg
Teacher Training Course in Netala, Uttarkashi, India

Fragt man Teilnehmende von Yogakursen, warum sie Yoga lernen oder lehren wollen, bekommt man selten jene Antwort, die vor mehreren tausend Jahren zur Entwicklung des Yogaweges führte. Wir sind zu bescheiden, zu unwissend oder beides und praktizieren Yoga, ohne zu ahnen, dass wir den Schlüssel zur Glückseligkeit in der Hand halten. Vollkommenes Glück, Einheit mit dem Göttlichen, Verbindung des individuellen Selbst mit dem universellen Selbst; damit kann das Ziel von Yoga umschrieben werden. Auf die eine oder andere Weise suchen wir alle nach unvergänglichem Glück. Wir konsumieren uns dabei durch die Angebote und Beziehungen, sind temporär glücklich und unglücklich, immer wieder.

Im Juni 2010 sitzen dreißig Menschen aus der ganzen Welt am Ufer des Ganges und erzählen sich, warum sie nach Netala gereist sind, ohne dass dabei die Sehnsucht nach Glück auch nur einmal erwähnt wird. Das Zertifikat wird benötigt, eine Yogaschule will eröffnet werden, einen stärkeren Rücken, nicht ganz so schnell alt werden und vor allem nicht dick, den Blutdruck senken, aus Neugier und es ist doch eine gute Sache, so die Ferien zu verbringen. Es gibt einige gute Gründe für Yoga, ohne Zweifel.

Man erzählt, der erste Yogalehrer überhaupt war Gott Siva, die erste Schülerin seine Frau Parvati. Sie war alles andere als diszipliniert und während einer Ruhestellung wiegte sie das rhythmische Rauschen des Ganges in den Schlaf. Ein interessierter Fisch jedoch folgte den Anweisungen Sivas; daran erinnert uns noch heute Matsyasana (Fischpose). So werden auch wir in den nächsten dreißig Tagen unter dem ununterbrochenen Rauschen des Ganges zwischen der Müdigkeit Parvatis und dem Lerneifer des Fisches hin und her gerissen werden.

 

Sivajyoti Jeannette Büsser

Sivajyoti Jeannette Büsser

 

Sivananda Kutir, Netala

Für Swamiji, spirituelle Leiterin des Ashram, gibt es keine Zufälle. Karma wäre also die Antwort gewesen auf meine Frage in der 73. Kurve, warum ich nicht mit dem Zug ins gemütliche Österreich oder mit dem Flugzeug ins sicherlich komfortablere Trivandrum geflogen bin, um denselben Kurs in einem anderen Sivananda Ashram zu absolvieren. Wie so oft in Indien, wird das Beschwerliche in weniger als einer Sekunde durch unerwartete Schönheit einer landschaftlichen Szenerie weggewischt. Bis einem dieser göttliche Anblick in Netala geschenkt wird, muss man zuerst noch die Art Baustelle übersehen, in der sich der kleine Sivananda Kutir befindet. Nach einer Woche übersieht man die Baustelle und freut sich am kleinen Garten und an den in lieblich hellgelb gehaltenen Hausteilen, eingeteilt in Schlafräume, Yogahalle, die zu den zwei Mahlzeiten zum Essraum umfunktioniert wird, und die Satsang Hall. Die traumähnliche Szenerie am Ufer der Ganga bezirzt regelrecht. Sowie Euridike nicht zweimal in denselben Fluss steigt, so blicke ich nicht zweimal auf dieselbe Ganga. Sanft streicht sie um die großen Felsbrocken, um sie ein paar Minuten später unter lautem Getöse komplett zu verschlingen. Das Zeitgefühl verliert sich und schon ist man ein bisschen näher am nicht einfach definierbaren Zustand des Glückes.

 

Sivananda Ashram in Netala, © Bilder: Saravana Kumar

Sivananda Ashram in Netala, © Bilder: Saravana Kumar

 

Tagesablauf von 6am – 22.00pm – das Übungsprogramm zum permanenten Glück

Der Tagesablauf ist strukturiert und kennen lernen kann man die anderen Yogis und Yoginis während den Teepausen, beim Wäsche waschen oder auf dem Meditationsspaziergang. Um sechs Uhr morgens sitzen alle mit gekreuzten Beinen und geschlossen Augen in der Satsang Hall und versuchen zu meditieren. Swamiji erklärt uns, dass kaum jemand in der Lage ist, wirklich zu meditieren. Was wir tun, ist eine Vorbereitung dazu. Unseren, sich wie ein verrückter Affe aufführender Geist zu zähmen, für einen kurzen Moment die Kontrolle gewinnen und nicht kontrolliert zu werden, das lehrt uns auch Vishnu Devananda in seinem Buch »Mantra und Meditation«. Danach wird gesungen. Jaya Jaya Ganesha. Begrüssung der vielen verschiedenen Aspekte des einen Gottes. Mantras. Mystische Energien in Sanskrit und ungewöhnlichen Tonlagen. Nach einem Wort zum Tag, vorgelesen aus einem Buch von Vishnu Devananda oder Swami Sivananda, folgt ein Tasse Chai und dann zwei Stunden Yoga, d.h. das, was die meisten darunter verstehen. Körper- und Atemübungen. Hatha-Yoga. Einige, wenn nicht die meisten der Teilnehmenden, sind darauf fokussiert und würden gerne auf die anderen Praktiken verzichten. Bhakti-Yoga, Gottes Namen singen und das Durchführen von Ritualen, sich niederknien; vielleicht für Inder einfacher als für Westler, die mit einem guten Ego ausgerüstet sind, welches sich permanent fragt; warum sollte ich das tun? Mein Vorurteil wurde in Gesprächen korrigiert. Inder äußern die gleichen Zweifel. Die Unterrichtsstunden am Nachmittag in Vedanta und Bhagavad-Gita mögen vielleicht gewisse Einstellungen aufgeweicht haben. Wer bin ich? Bin ich der, der handelt? Wie hilft Krishna Arjuna aus seinem Dilemma, seine Freunde und Familie töten zu müssen? Sobald man das Göttliche in Allem erkennt, ist es auch kein Problem mehr, sich vor allem hinzuknien. Karmayoga, das selbstlose Tun, ebenso nicht für jeden einfach zugänglich. Insbesondere wenn der Tagessatz einem Luxushotel entspricht. Selbst putzen, wischen, Abfalleimer leeren? Eine gute Gelegenheit sich selbst und die anderen kennen zu lernen. Doch diese halbe Stunde am Tag hat die Gemüter dann doch nicht so beschäftigt. Sicher waren nicht nur die beginnende Müdigkeit und der Prüfungsstress Gründe dafür, sondern auch das zunehmende Verständnis, dass ein Ashram kein Hotel ist. Nach der zweiten Yogaklasse und dem Abendessen hat man kurz Zeit für einen Spaziergang über die Hängebrücke ans andere Ufer, ein Glas Tee und ein paar Worte. Dann wieder Meditation und Satsang, Lichter aus. Die strikten Regeln wurden in unserem Kurs scheinbar öfters gebrochen. Etwas militärisch, diese Routine und die Anwesenheitskontrollen. Befreiend auch, nicht überlegen zu müssen, was als nächstes getan werden soll. Konzentration ist möglich. Nicht daran denken, was eingekauft werden muss. Die Wiederholungen graben sich in den Geist ein und ich hoffe, das Auslassen der abendlichen Meditation wird mir in Zukunft denselben unguten Geschmack hinterlassen, wie die Unmöglichkeit des Zähneputzens. Der Weg zum absoluten Glück ist kein Spaziergang. Es ist ein herausfordernder Weg, der Disziplin abverlangt und schlussendlich, bei aller persönlicher Anstrengung, obliegt es in letzter Instanz immer noch der göttlichen Gnade, ob wir den Zustand erreichen, nachdem wir, unwissend oder wissend, suchen. Ich wusste es nicht. Wahrscheinlich haben sich auch die anderen Teilnehmenden nicht darum für diesen Kurs angemeldet. Trotzdem waren nach vier Wochen die meisten von uns mit dem mysteriösen Zustand rund um die Glückseligkeit und mit den verschlüsselten Antworten, die Vedanta und die Bhagavad Gita versprechen, beschäftigt. Mit dem Geist alleine ist das absolute Glück nicht zu erfassen. Durch die Meditation sei es erfahrbar, doch die meisten von uns sind wohl zu ungeübt und werden mehrere Leben brauchen, um das Ego loszulassen und Ananda (absolutes Glück) zu erleben.

 

Yoga im Himalaya, © Bild: Saravana Kumar

 

Zertifizierte Glückssuchende

Swamiji bescheinigt mit einem strahlenden Lachen, dass wir gute und sehr gute Yogis und Yoginis seien. Alle haben die Prüfung bestanden. Sie, die Küchencrew und das Personal verabschieden uns mit einem fast göttlichen Festessen. Das Abschiednehmen scheint dieser Gruppe nicht so schwer zu fallen. Mütter und Väter sind vom Heimweh geplagt und freuen sich, bald ihre Familie wieder um sich zu haben und andere sind von beruflichen Plänen getrieben. Es sei Zeit ins reale Leben zurückzukehren, wie einige sagen. Ich sitze am Ufer des Ganges und frage mich, ob es wirklich ein mehr oder weniger reales Leben gibt? Warum sollte das Leben in einem Ashram nicht real sein? Das ungestüme Rauschen der Mother Ganga wird uns nicht so schnell loslassen. Ebenso wenig die Erkenntnis, dass man nicht glücklich werden kann. Man ist es schon. Mache dich auf, entdecke dein wahres Selbst. Wie? »Yoga shows the way« (Yoga zeigt den Weg), würde Vishnu-Devananda sagen. Dafür hat er den Yoga Teacher Training Course 1969 entwickelt und über 20 000 Menschen haben bis heute diesen Weg eingeschlagen.

 

Himalaya, © Bild: Saravana Kumar

 

Artikel zum Thema Yoga in früheren Ausgaben

TV 07: Priya Krishna Dasa – Astanga-Yoga und Bhagavad-gita

TV 18-19: Heiko Helbig – Der Baum der vedischen Schriften.
Von den Anfängen bis zum Ende des Wissens

TV 22: Dr. Joachim Reinelt – Kundalini.
Die kosmische Kraft im Innern des Menschen

TV 35: Hardy Fürch – Die Sadhana des integralen Yoga. Sri Aurobindo

TV 39: Meike Hünefeld – Der göttliche Rückenwind.
Traditionelles Yoga aus Osteuropa

TV 41: Hardy Fürch –Yoga für die Erde.
Plädoyer für ein öko-yogisches Bewusstsein

 

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