Das Körperbild im Yoga

Vom Irdischen zum Spirituellen

Autorin: Josephine Selander
Kategorie: Veden/Yoga
Ausgabe Nr.: TV Extra 2011

 
Viele Menschen glauben, sie seien der physische Körper, und was darüber hinausgeht, gerät selten in ihren Blick. Doch gibt es in der westlichen Kultur ein spirituelles Verständnis, das in der Regel zwischen Körper, Geist und Seele unterscheidet. Das Yoga des alten Indien geht noch etwas weiter. Es kennt insgesamt fünf Ebenen des Körpers von physisch bis seelisch mit unterschiedlichen Funktionen.

 

Wo endet der Körper und wo beginnt der Geist? Wo endet der Geist und wo beginnt die Seele?

B.K.S. Iyengar

 

Entsprechend unserer Herkunft und der Zeit, in der wir leben, wachsen wir mit einem entsprechenden Körperverständnis auf. Vielleicht denken wir einfach, dass wir in einen Körper geboren wurden, in dem wir leben werden, bis wir sterben. Was jedoch über den Körper hinaus existieren mag, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Zum Beispiel werden die meisten Menschen zustimmen, dass wir eine Fähigkeit zu denken haben. Das heißt, wir besitzen einen Intellekt. Manche nennen es Verstand oder Geist, und wenn wir die Perspektive etwas erweitern, können wir vielleicht hinzufügen, dass wir nicht nur denken, sondern auch wissen und Intuition haben. Andere wiederum sagen, dass wir eine Seele haben, die den Lebensfunken, das Leben selbst, beinhaltet, oder dass wir eine Art Kern oder Zentrum haben.
Bevor wir uns näher damit beschäftigen, wie der Körper aus der Sicht der Yoga-Tradition arbeitet, mag es interessant sein darüber nachzudenken, aus welcher Umgebung du selbst kommst, wie du aufgewachsen bist und wie du über deine Existenz denkst. Was, glaubst du, ist wahr? Sind das »Selbst« und der Körper das gleiche? Wie, glaube ich, wirken sich Gedanken auf mich aus? Haben wir eine Seele? Dies sind schwierige Fragen, aber indem wir über diese Fragen nachdenken, entwickeln wir uns als menschliche Wesen.

 

Josephine Selander

 

Für mich, eine schwedische Frau in den Vierzigern mit einer recht strikten und akademischen Ausbildung, hat es einige Zeit gedauert, mir die Augen zu öffnen und zu akzeptieren, wie andere Kulturen auf die Realität und den Körper blicken. Es hat Zeit gedauert, meinen Horizont der Interpretation zu erweitern und jenseits des einäugigen Blicks zu schauen, der mir suggerierte, dass das westliche Erklärungsmodell die einzige, allmächtige, rationale, weise und »wahre« Interpretation ist.
Der Yoga-Weg erlaubte mir, neugierig zu werden und mich einem anderen Weltbildmodell zu öffnen als dem einen, an das ich gewöhnt vor. Ich sah, dass die unterschiedlichen Gedankenssysteme wie verschiedene Landkarten für unsere menschlichen Fähigkeiten zu verstehen sind. Erinneren wir uns an die Geographiebücher mit den Landkarten: es gibt verschiedene Weltkarten, die Unterschiedliches darstellen. Eine zeigt vielleicht die Topographie, während eine andere die Bevölkerungsanzahl oder die Bodenschätze angezeigt. In gleicher Weise können wir auch die unterschiedlichen traditionellen Glaubenssysteme über den Menschen verstehen. Sie zeigen unterschiedliche Aspekte, aber es ist nicht die eine »richtiger« als die andere. Stattdessen bekommen wir einen breiteren Blick darauf, wie wir möglicherweise funktionieren, wenn wir unsere alteingeprägten sicheren Weltbilder abschütteln.

 

Josephine Selander

 

Einen frühen Blick auf die physische und spirituelle Körperstruktur findet man in der Taittirya Upanishad. Die Idee ist, dass es einen Mikrokosmos (den Körper) und einen Makrokosmos (das Universum) gibt, und dass diese Sphären miteinander verknüpft sind, indem unser innerer Mikrokosmos mit dem äußeren Makrokosmos korreliert. Das yogische Körperbild hat das innere Körperuniversum in fünf verschiedene Ebenen unterschieden. Diese Ebenen, oder koshas, werden manchmal »Astralkörper« genannt, zum Beispiel in dem eher neuzeitlichen Konzept der Theosophie.

Wenn wir uns diese Ebenen anschauen, können wir Dinge sehen, die wir auch aus der westlichen Kultur kennen. Körper, Geist und Seele sind Konzepte, die auch in unserem kulturellen System existieren, wenn wir jedoch näher auf die koshas schauen, werden wir einige neue Ebenen finden, die für uns Westler noch unbekannt sind.
Die erste Ebene wird im Sanskrit annamaya kosha genannt, die »Ebene des Essens«. Wir kennen sie als den physischen Körper. Der Körper ist ein für uns wohlbekanntes Konzept, das ist keine Neuigkeit. Wenn wir jedoch auf die zweite Ebene, pranamaya kosha, schauen, bewegen wir uns bereits in eine etwas feinstofflichere Dimension. Diese Schicht bewegt die Lebenskräfte, die in allem und jedem gegenwärtig sind und die im Sanskrit prana genannt werden. Prana wird bildlich und poetisch beschrieben als die Energie, die alles durchdringt und überall im Universum existiert. Es ist die Kraft, die als physische, mentale, intellektuelle, sexuelle, spirituelle und kosmische Energie beschrieben wird. Prana kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben, abhängig von unserem Lebensstil in puncto Schlafen, Ernährung, Alkoholkonsum, Stress, Arbeitsvolumen oder physische Aktivität. Ebenso haben Gedanken, Gefühle und Beziehungen einen starken Einfluss auf unsere Vitalität, was uns dann entweder ausgebrannt oder aufgeladen fühlen lässt.

 

Josephine Selander

 

Die nächste Schicht ist der Verstand oder Geist, manomaya kosha, in dem die Wahrnehmung, das Ego und die Gefühle verarbeitet werden. Die vierte Ebene, der Intellekt oder vinyanamaya kosha, beinhaltet Wissen jenseits der Wahrnehmungsfähigkeit, das heißt die Intelligenz, die Selbstwahrnehmung und die Identität. Das bedeutet also, die dritte Ebene (Geist) nimmt Information auf, und die vierte Ebene (die Intelligenz) ordnet diese Informationen in kleine, verstehbare Portionen wie zum Beispiel »Raum und Zeit« oder »positiv und negativ«. Dies mag eine hilfreiche Idee sein, denn die meiste Zeit haben wir die Tendenz, die Wahrnehmung mit der Analyse zu vermischen. Das Problem mit dieser unbewussten Vermischung kann sein, dass wir niemals die Chance haben, vollkommen bewusst und präsent in dem zu sein, was im gegenwärtigen Moment tatsächlich passiert. Mit dem richtigen Verständnis haben wir die Möglichkeit, zunächst durch unsere Sinnesorgane die Information aufzunehmen (manomaya kosha), dann innezuhalten und zu atmen, und dann bewusst die Entscheidung zu treffen, wie wir diese Information in der spezifischen Situation gebrauchen können (vinyanamaya kosha). Diese Technik wird üblicherweise in Achtsamkeitsmeditationen angewendet.

Die fünfte und letzte Ebene ist die Glückseligkeit, anandamaya kosha. Dass Glückseligkeit tatsächlich ein Teil unserer physischen, mentalen und spirituellen Anatomie ist, widerspricht doch einigermaßen der alltäglichen Beobachtung der menschlichen Existenz. Indes sind wir in dieser fünften Ebene des anandamaya kosha in unserer wahren Natur, jenseits solcher Unterscheidungen wie »Schmerz und Vergnügen«, »jetzt und später« oder »richtig und falsch«. Diese Ebene ist vollständige Glückseligkeit, sie beinhaltet, dass wir in unserer vollen Kraft und Brillanz sind. Tief innerhalb dieser Schichten oder Ebenen ist der atman, der die Seele ist.
Ziel des Yoga ist es, diese Ebene der Glückseligkeit zu erreichen und zu manifestieren. Dann sind wir in unserem Seelenbewusstsein, in unserer wahren Natur.
 

Josephine Selander

Die Autorin Josephine Selander

Über die Autorin:
Josephine hat ihre Wurzeln in der Bühnenkunst und ist ausgebildete Tänzerin und Schauspielerin. Seit 1999 hat sie Yoga-Erfahrungen in der ganzen Welt gesammelt, unter anderem in Ashtanga Yoga, Hatha Yoga, Anusara Yoga und Iyengar Yoga. Studium der Kunstgeschichte, Tanz- und Theaterausbildung in London u. Stockholm, Filmemacherin, 2007 Gründerin des Nordic Yoga Institute, Tv-Serie zu Yoga, drei Buchveröffentlichungen, Workshops in Berlin, Dresden, Stockholm, Oslo und Indien.

 

Weiterführende Links
School for Nordic Yoga: www.nordicyoga.se

 

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1Kommentar
  • Alexandra Auf der Strasse
    Veröffentlicht um 21:43h, 06 Dezember Antworten

    Der Text ist Teil meiner schwedisch- deutschen Übersetzung. Die vollständige Ausgabe ist im Buch: „MUT ZUM YOGA“ zu finden. Jetzt als Weihnachtsgeschenk bei SYNERGIA Verlag oder amazon.de zu bestellen. Da braucht man sich keine weiteren Gedanken zu machen – das Fest findet dann garantiert auch im Kopf statt!

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