Die Symphonie des Lebens

Die Symphonie des Lebens

© Markus Ananda Ode Loponen / S. Thierauf

Wissenschaft zwischen Schöpfung und Zerstörung

Autor: Prof. Dr. Michael von Brück
Kategorie: Religionswissenschaft
Ausgabe Nr: 53

 

 

Der Religionswissenschaftler Michael von Brück wirft einen Blick auf die Erkenntnisgrundlagen der Wissenschaft aus der Sicht der non-dualen Traditionen des Buddhismus und des Advaita. Demzufolge ist schon die Unterscheidung in Subjekt und Objekt eine falsche Voraussetzung. Stattdessen gilt für ihn ein strikter Relationismus, in dem alles von allem abhängt und keine eigenständige Substanz existiert. Was dies für die Wissenschaft bedeutet, wird in dem Interview vertieft.

 

Tattva Viveka: Der Schwerpunkt der nächsten Ausgabe geht um die Frage, wie wir Wissenschaft und Spiritualität zusammenbringen können oder anders ausgedrückt: Was krankt an der heutigen Wissenschaft, die vermeintlich Objektivität erreicht?

Michael von Brück: Ich habe gerade ein Buch mit Günther Rager (Gehirnforscher und Mediziner) geschrieben, das »Grundlagen einer modernen Anthropologie« heißt. Es gibt einen zweiten Teil über Wissen und Wahrheit. Darin habe ich einige Thesen zu dem Thema formuliert, das Sie gerade ansprechen. Was ist das Problem in den Wissenschaften oder wie ist die Organisationsform der Wissenschaften gewachsen? Und was sind die Probleme, die verhindern, dass ein umfangreicheres Wissen möglich wird? In dem Buch sind also verschiedene Thesen und Vorschläge formuliert, die das Resultat eines langen Diskussionsprozesses sind, den wir in München führen. Wir haben dort ein Humanwissenschaftliches Zentrum, in dem vor allem die Neurobiologie, die Soziologie, die Religionswissenschaft, die Physik und die Germanistik miteinander diskutieren. Wir haben diese Thesen unter dem Gesichtspunkt »Ästhetik des Wissens« erarbeitet.

 

Die Symphonie des Lebens

 

Das Problem in den Wissenschaften, auch in den Naturwissenschaften ist, dass das meiste Interpretation ist, und diese Interpretationen sind das Fragliche. Formulierungen und Interpretation von Daten hängen ja an Vorentscheidungen, die in unterschiedlichen Kulturen anders konfiguriert sind, so dass etwa die Frage von Existenz oder Nicht-Existenz von Körper oder Geist schon eine Frage des Bewusstsein ist, denn das sind zunächst einmal Begriffe, die ich jetzt eben gebraucht und gebildet habe. Es gibt für uns überhaupt nichts außerhalb dieser Begriffe, mit denen wir Daten interpretieren, die wir über Sinneserfahrung und Messungen gewinnen. Eine der Kernthesen dieses Buches ist, dass nicht nur der Geistesbegriff oder Bewusstseinsbegriff strittig ist und gerade angesichts der neurobiologischen Erkenntnislage neu formuliert und konfiguriert wird, sondern auch der Materiebegriff. Er ist genauso strittig.
Es ist eine grundsätzliche Frage: Wie kann das Bewusstsein überhaupt etwas als etwas erkennen? Was trägt es da an Begriffen schon heran, also jene Interpretation von Daten? Mit Interpretation von Daten meine ich nicht die Interpretation eines empirischen Datums, das als ein objektiver Fakt gegeben wäre, sondern die Gewinnung eines so genannten Faktums ist bereits eine Form von Interpretation, wie wir aus der Diskussion um die Quantentheorie wissen.

 

Es gibt überhaupt nichts für uns, es sei denn in unserem Denken.

 

Bereits die Herstellung eines Ereignisses als ein in Raum und Zeit und durch Kausalitäten bestimmtes Datum ist ein Prozess, der eine kognitive Leistung darstellt. Das heißt: In diesem Prozess ist bereits eine Bewusstseinsentscheidung beteiligt. Die „Herstellung« des Faktums geschieht durch Beobachtung, die muss dann mit-interpretiert werden, und diese Subjekt-Objekt-Interaktion muss noch einmal interpretiert werden, denn die Begriffe Subjekt und Objekt sind Begriffe, Momente im Bewusstsein. Meines Erachtens ist die Unterscheidung von Geistes- und Naturwissenschaften – oder sagen wir empirische Beobachtung naturwissenschaftlicher Art einerseits und geisteswissenschaftliche, z.B. hermeneutische Erkenntnisgewinnung andererseits – so gar nicht mehr haltbar. In den Grundlagenforschungen aus beiden Bereichen zeigt sich, dass die Perspektiven von Natur- und Geisteswissenschaften aufeinander angewiesen sind. Beide haben es mit einer einzigen Wirklichkeit zu tun.

TV: Die Wissenschaft beschneidet sich also in ihrem Erkenntnisrahmen?

MB: Es gibt einen Teil in unserem Wissensbetrieb, über den man kaum schreibt, obwohl es eine der wichtigsten Erscheinungen in unserem Leben ist: die Liebe. Die Liebe ist nach meiner Interpretation nicht nur ein Phänomen, das im affektiven Bereich angesiedelt ist, sondern ein Grundphänomen der Wirklichkeit. Sie ist eine Grundrelation der Wirklichkeit überhaupt. Sie kommt bereits in den elementarsten Gestaltungen materieller Prozesse vor, aber spiegelt sich dann natürlich in unterschiedlichen emergenten Phänomenen bis hin zum kognitiv-affektiven Bereich.

TV: Die Liebe ist auch ein wichtiges Element der Spiritualität.

MB: Meine Definition aus dem Buch »Wie können wir leben? Religion und Spiritualität in einer Welt ohne Maß«: Spiritualität ist der bewusste Umgang des Bewusstseins mit sich selbst. Punkt.

TV: Wo das Wort selbst drin ist.

MB: Ja, mit sich selbst, das ist reflexiv. Es ist nicht Selbst im Sinne einer Substanz oder eines Etwas, sondern das Bewusstsein spiegelt sich in sich selbst und tut damit nichts anderes als sich selbst erkennen. Das passiert ständig, aber dies bewusst zu vollziehen, ist für mich Spiritualität. Und das kann sich nun in sehr unterschiedlicher Art und Weise darstellen. Es gibt wahrscheinlich Milliarden verschiedener Prozesse, keiner gleicht dem anderen. Wir wissen: sie sind gruppiert und wohl auch lokalisiert. Sie sind gruppiert durch verschiedene Techniken, die die Evolution bereitgestellt hat, etwa indem sie räumliche Verteilungen zwischen Kortex und Stammhirn oder anderen Möglichkeiten hergestellt haben. Das ist nicht erst beim Menschen so, sondern geht schon bei der Fliege los, deren Aufbau des Gehirns dem unseren ähnlich ist.
Die Art und Weise, wie körperliche Prozesse im Moment ablaufen, beeinflusst die Bewusstseinsprozesse – und übrigens auch umgekehrt, also die Bewusstseinsprozesse beeinflussen unmittelbar die körperlichen Prozesse.

 

Die Symphonie des Lebens

 

Man entdeckt in der Psychosomatik fast täglich oder wöchentlich neue Zusammenhänge dieser Art. In einem klassisch materialistischen Weltbild herrschte die Vorstellung, der Körper beeinflusse den Geist oder der Geist sei nur ein Produkt körperlicher Prozesse. Diese Erkenntnis ist lange bekannt, aber die umgekehrte Erkenntnis, dass die Bewusstseinsprozesse den Körper beeinflussen, ist relativ neu in den Wissenschaften. Sie ist kulturgeschichtlich alt, aber in der Wissenschaft erst neuerdings akzeptiert mit der Psychosomatik. Es handelt sich um Wechselwirkung zwischen dem, was wir materiell, und dem, was wir geistig nennen. Wir wissen heute, dass bereits im epigenetischen Bereich bewusste Prozesse Steuerungen verursachen, die vererbt werden können. Das sind Erkenntnisse, die so fundamental sind und ein neues Menschenbild hervorbringen werden, dass wir dasselbe heute noch gar nicht formulieren können. Und wenn das so ist – und ich glaube, es gibt niemanden, der daran zweifelt –, dann bedeutet das auch: Körperprozesse sind unmittelbar die Voraussetzung davon, Bewusstsein zu steuern, also Spiritualität zu praktizieren.

TV: Was meinen Sie mit Körperprozessen genau?

MB: Körperprozesse sind Voraussetzung dafür, wie sich das Bewusstsein konfiguriert und wie es sich steuert. Das erleben wir in den spirituellen Übungen, wie zum Beispiel bei Meditation, künstlerischer Gestaltung oder auch sportlichen Übungen wie dem Laufen und dergleichen. Wenn wir Prozesse einüben, in denen das Bewusstsein fokussiert wird, brauchen wir den Atem. Es ist der Königsweg. Ich kenne keine Kultur, in der diesem nicht Aufmerksamkeit zukommen würde, weil im Atem die Verbindung zwischen körperlichen Prozessen und Bewusstseinsprozessen am sinnfälligsten und sofort deutlich wird. Wenn ich schnell atme, denke und fühle ich anders, als wenn ich langsam atme. Das gilt aber auch umgekehrt: Wenn ich affektiv aufgeladen bin, atme ich anders, erregt oder angstvoll etwa, und entsprechend werden die kognitiven Prozesse davon beeinflusst, das heißt der Körper beeinflusst die kognitiven Prozesse, steuert sie. Und umgekehrt: Wenn ich das bewusst durchschaue, kann ich diese Prozesse steuern. Das Interessante ist, dass das Bewusstsein die Prozesse, denen es selbst unterworfen ist, (zumindest weitestgehend) durchschauen, spiegeln, also spirituell wahrnehmen kann.

 

Die Welt, in der alles völlig einheitlich wäre, wäre grauenvoll und langweilig.

 

Das Spannende im Bezug auf Spiritualität ist, dass eine Praxis und ein Erkennen möglich ist, in der Menschen durch Selbstübung des Bewusstseins dasselbe verändern. Verändern heißt – hoffentlich – die Fähigkeiten integrieren und aufeinander beziehen, kognitive, emotionale, körperliche, also alle Fähigkeiten aufeinander beziehen, so dass ein kreatives Kunstwerk entsteht. Dieses kreative Kunstwerk ist der Mensch selbst. Man muss aber aufpassen, da man die Bewusstseinskräfte durch Konzentrationsübungen auch bündeln kann, um einen Aggressionszustand zu erzeugen, der eins-gerichtet ist. Dieser kann so kraftvoll sein, dass er mit geballter Aggression zerstörerisch wirken kann. Auch das ist möglich, auch das ist praktiziert worden. Nicht jede Bewusstseinsübung ist per se etwas human erstrebenswertes ist, sondern alles muss eingebettet sein in diesen Rahmen der Integration von Kräften, die etwas Schöpferisches verwirklichen, was letztlich ein Raum von Schönheit und Wahrheit ist. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 53

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 16: Ronald Engert – Leben bestimmt Leben.
Zum Unterschied von Leben und Materie.

TV 19: Dipl.-Psych. Albrecht Frasch – Übertragung im tibetischen Buddhismus

TV 25: Armin Risi – Licht wirft keinen Schatten.
Wie unterscheidet man theistische und atheistische Weltbilder?

TV 41: Thomas Warrior – Buddha war kein Buddhist.
Essenz des Tibetischen Buddhismus

TV 43: James Low – Mit frischen Augen sehen.
Ausstieg aus Samsaras endloser Geschichte

TV 45: Ronald Engert – Live Stream.
Zur Eigenbewegung des Lebens und der Realität der Gefühle.

TV 48: Daniel Barron – Wer wir noch nie waren.
Die Realität des persönlichen authentisierten Seins

TV 48: Ronald Engert – Wir sind alle ewige Personen.
Zur Existenz eines individuellen Selbst

 

Bildnachweis: © Markus Ananda Ode Loponen / S.Thierauf, fotolia.com, S.Thierauf

 

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