Erkenntnistheorie der ersten Person

 

Erkenntnistheorie der ersten Person

Subjektivität und Spiritualität in der Wissenschaft

Autor: Prof. Dr. Dr. Harald / Dr. Nikolaus von Stillfried
Kategorie: Psychologie / Neurowissenschaften
Ausgabe Nr: 53

 

Können sich Leib und Seele nun endlich die Hand geben? Nikolaus von Stillfried und Harald Walach zeigen den Weg der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte bis hin zum aktuellen noch materialistischen Welt- und Wissenschaftsverständnis auf. Der Untersuchungsgegenstand muss von seiner reinen Äußerlichkeit mit Innerlichkeit ergänzt werden. Hier greifen die spirituellen Erkenntnismodi, die letztlich die Aufklärung vervollständigen.

 


Prof. Dr. Dr. Harald Walach spricht über
Spiritualität und Subjektivität in der Wissenschaft
 

Von Mühlen, Mind & Matter: Das Verhältnis von Bewusstsein und Materie als ein Dauerbrenner der Psychologie und Philosophie

Eine der traditionsreichsten Fragen in der Philosophie und später auch in der aus ihr hervorgegangenen Psychologie und mittlerweile auch in den Neurowissenschaften ist die: Wie hängen Bewusstsein und Materie zusammen?

Das Wort Bewusstsein wird mit vielen verschiedenen Bedeutungen verwendet, darum müssen wir genau definieren was wir meinen. Im Folgenden verstehen wir unter Bewusstsein das Vorhandensein von Subjektivität per se, die Tatsache also, dass es sich »wie« etwas anfühlt zu existieren; dass es so etwas wie eine Qualität des Erlebens (die sog. »Qualia«), eine »1. Person Perspektive« gibt.

Unter Materie wird alles subsumiert, dem räumliche Ausdehnung zugesprochen werden kann, das beinhaltet in diesem und dem Einsteinschen Sinne also auch Energie.

Unter Subjektivität wollen wir hier das individuelle Erleben von Wirklichkeit verstehen.

Mit Spiritualität bezeichnen wir das subjektive Erleben von im weiten Sinne transzendenten Ebenen der Realität.
Insofern geht es hier beides Mal um eine »Erste-Person-Perspektive« »von Innen«. Wir werden uns also im Weiteren nicht mit dem Thema »Subjektives Erleben und Spiritualität von Dritten als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen« »von Außen« befassen, obwohl auch das natürlich in gewisser Weise ein Platz für Subjektivität und Spiritualität in der Wissenschaft ist und ein hoch spannendes Forschungsfeld obendrein. Vielmehr wollen wir hier ganz spezifisch die Frage stellen, inwiefern die Subjektivität und Spiritualität der WissenschaftlerInnen selbst einen Platz in der Wissenschaft haben kann.

 

Erkenntnistheorie der ersten Person

 

Der »letzte große Universalgelehrte« Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) illustrierte den Knackpunkt dieser Fragestellung, seinerzeit noch als »Leib-Seele Problem« bekannt, mit der berühmten Mühlenmetapher (in § 17 seiner »Monadologie« von 1714): Stellen wir uns vor, wir könnten uns so klein machen, dass wir den Körper eines anderen Menschen betreten können wie eine Mühle. Sie wissen schon, so eine wie es sie zu Leibniz’ Zeiten gab: große Holzräder, die von Wind oder Wasserkraft bewegt ineinandergreifen und so über eine Kette von Ursache- und Wirkungsbeziehungen schlussendlich einen Mühlstein bewegen, von dem das Korn zu Mehl zermahlen wird. Diese Mühle mit ihren einzelnen Teilen steht nun bildhaft für den Körper und die Vorgänge darin: beträten wir beispielsweise den Kopf, so würden wir eine große Vielzahl unterschiedlichster materieller Strukturen sehen: verschiedene Zellen, die aus unterschiedlichsten Molekülen zusammengesetzt sind, Ströme von Flüssigkeiten, Neurotransmitter, die an Synapsen ausgestoßen werden und an andere Moleküle andocken, was wiederum deren Form verändert und dadurch Ionenkanäle öffnet oder schließt und so Spannungsschwankungen verursacht, diese Spannungsveränderungen wiederum verformen andere Moleküle, und so weiter. Auch wenn es mit Sicherheit sehr viel unübersichtlicher, vielgestaltiger und chaotischer zuginge als in einer einfachen Mühle, so würden aber doch die gleichen Prinzipien gelten: Ursache- und Wirkungsketten, bei denen ein Ereignis zu einem Weiteren und dieses wiederum zum Nächsten führt und so ein riesiger komplexer Mechanismus in Bewegung bleibt. Was allerdings ganz auffällig abwesend ist, ist irgendein Hinweis darauf, dass es irgendjemanden gibt, für den es sich nach irgendetwas anfühlt, aus diesem Körper samt Gehirn zu bestehen. Jemanden, für den es »wie« etwas ist, zu sein. Genauso wenig wie die Prozesse, die wir in einer Mühle beobachten, uns zu dem Schluss bringen würden, dass diese mit einem subjektiven Empfinden gekoppelt sind, dass die Mühle ein Bewusstsein hat.

 

Bewusstsein bedeutet das Vorhandensein von Subjektivität per se, die Tatsache also, dass es sich »wie« etwas anfühlt zu existieren.

 

Gleichzeitig wissen wir alle aber ohne Zweifel, dass wir eine Qualität des Erlebens empfinden, etwas Subjektives, eben ein Bewusstsein. Um genau zu sein, ist dies das Einzige was wir ohne jeden Zweifel wissen. Und jedes bewusste Wesen ›weiß‹ maximal um das eigene Bewusstsein, bei allen anderen Wesen kann es nicht ausschließen, dass es sich nur um sehr raffiniert konstruierte bewusstseinslose »Mühlen« handelt. Aber für unsere Frage hier reicht das schon. Denn schon die Existenz eines einziges Bewusstseins wirft die eingangs genannte Frage auf, nämlich: Wie hängen diese beiden, Bewusstsein und Materie, zusammen? Wie kann es sein, dass zwei so unterschiedliche Dinge so eng miteinander gekoppelt sind? Ist vielleicht nur eines »wirklich« real und das andere entsteht daraus? Aber wenn eines aus dem anderen entsteht, wie können sie dann so verschieden sein? Und wenn es nun aber zwei verschiedene Dinge sind, wie kommt es dazu, dass sie sich so im Einklang verhalten, wie könnten sie miteinander interagieren?

Unterschiedliche Sichtweisen auf Bewusstsein und Materie und damit einhergehend unterschiedliche Wissenschaftskulturen
Anhand der unterschiedlichen Lösungsversuche zum Leib-Seele-Problem lässt sich ein großer Teil der Entwicklungsgeschichte von Philosophie und Psychologie nachzeichnen. Etwas ausführlicher haben wir das z.B. in [1] beschrieben, hier können wir nur einige Tendenzen umreißen:

Zunächst einmal lassen sich die Lösungsversuche in verschiedene Kategorien ordnen:
Die sog. monistischen Ansätze gehen davon aus, dass nur eine der beiden »Substanzen« wirklich real ist, und die andere sich daraus abgeleitet. Beim sog. Idealismus wird z.B. das reine Bewusstsein als primär betrachtet, Materie ist dann nichts weiter als verdichteter Geist. Andersherum, beim sog. Materialismus, gilt die Materie als das einzig real existierende Element, welches dann unter bestimmten Umständen Bewusstsein »produziert«. Schnell wird hier deutlich, woran diese monistischen Erklärungsversuche kranken: Sie können nicht wirklich plausibel machen, wie aus Etwas etwas so komplett Anderes hervorgehen soll. Und zwar gilt das in beide Richtungen: es ist genauso schwer zu verstehen, wie aus reinem »Geist« Materie werden soll, wie umgekehrt.

 

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Dieses Problem umgehen die dualistischen Modelle: hier wird Bewusstsein und Materie je eine eigene Existenz oder »Substanzhaftigkeit« zugesprochen. Auf dem Fuße folgt dann jedoch sofort eine andere bislang nicht geklärte Frage: Wenn die beiden Substanzen so grundverschieden sind, wie können sie dann miteinander korrelieren? Allem Anschein nach geht ja jede Geistesregung mit einer materiellen Veränderung im Körper einher und andersherum wirken sich körperliche Veränderungen normalerweise zuverlässig und vorhersagbar auf die Inhalte des Bewusstseins aus. René Descartes, der Anfang des 17. Jhd. eine der wohl präzisesten und einflussreichsten Definitionen des Leib-Seele-Problems lieferte, zog für diese Aufgabe Gott heran: »Er« vermittelt ständig zwischen den beiden Substanzen. Ein mit Fortschreiten der Aufklärung zunehmend unattraktives Bild für die Wissenschaft, die doch gerne ohne Gott auskommen wollte. Auch Gottfried Wilhelm Leibniz’ Lösungsversuch kam nicht ohne Gott aus, obwohl bei ihm der Einfluss Gottes lediglich darin bestand, am Anbeginn der Zeiten die Bewegungen von Geist und Materie derartig zu »prästabilisieren«, dass sie in alle Ewigkeit in präzisem psychophysischem Parallelismus miteinander korrelieren würden.

 

Es ist genauso schwer zu verstehen, wie aus reinem »Geist« Materie werden soll, wie umgekehrt.

 

Der sogenannte neutrale Monismus oder Aspektdualismus versuchen diese Frage der Wechselwirkung auf ähnliche Art und Weise zu lösen, aber dabei Gott zu vermeiden, indem sie postulieren, dass es noch eine dritte, unbeschreibbare und unbeobachtbare »neutrale« Substanz gäbe, von der Bewusstsein und Materie die zwei Seiten einer Münze oder eben zwei Aspekte sind. Natürlich wirft diese Position dann die berechtigte Frage auf, was diese mysteriöse Substanz sein soll, die zwei komplett gegensätzliche Eigenschaften in sich vereinen kann.
Der Komplementarismus zu guter Letzt versucht auch dieses Problem zu lösen, indem sich gegenseitig bedingende gegensätzliche Pole als einzig mögliche Form der Existenz von Etwas statt von nurmehr Nichts identifiziert werden und somit das zu Erklärende zur Erklärung mit naturgesetzlichem Charakter verwandelt wird.

 

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Verbunden mit den jeweils bevorzugten Sichtweisen auf das Verhältnis von Bewusstsein und Materie gab und gibt es oft auch die dazu passende Auffassung davon, was Wissen ist und wie »Wissen-schaffen« funktioniert. Eher dem Idealismus zuzurechnende Standpunkte, wie zum Beispiel die Philosophie Platons im antiken Griechenland, Teile der mittelalterlichen Scholastik oder auch die Philosophie des deutschen Idealismus im 18. und 19. Jhd., gingen mehrheitlich einher mit der Überzeugung, dass Wissen über die Wirklichkeit am ehesten durch rein geistige Anstrengung, d.h. logisches Nachdenken, Introspektion oder Kontemplation, zu erlangen sei. In eher materialistischen Strömungen hingegen, wie z. B. der Newtonschen Vorstellung eines mechanistisch determinierten Universums oder dem Behaviorismus des 20. Jahrhunderts geht man dagegen davon aus, dass Wissen am besten durch systematisches Beobachten und Vermessen der physikalischen Vorgänge im Universum erlangt wird. Aus dualistischen Sichtweisen ergibt sich oft die Ansicht, dass es für die Erforschung von Geistigem und Materiellem je unterschiedliche Wissenschaftsmethoden braucht (siehe z.B. Wilhelm Diltheys Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften). Aus neutralistischer oder komplementaristischer Perspektive werden diese beiden Pole als nicht weiter reduzierbare, gegensätzliche aber sich gegenseitig ergänzende oder sogar bedingende Zugänge zur Wirklichkeit verstanden.

 

Verschiedene Dimensionen von Wissenschaftskultur

Fälschlicherweise werden die gegensätzlichen Pole des Geistigen und des Materiellen oft auch mit einer weiteren Unterscheidung von wissenschaftlichen Arbeitsweisen gleichgesetzt, nämlich der theoretischen und der empirischen Forschung. Das hat u.a. damit zu tun, dass historisch im europäischen Kulturkreis die Entwicklung der Empirie vor allem im Zuge der Aufklärung stattfand und sich vorwiegend mit der Erforschung der materiellen Welt befasste, während die Wissenschaft der Scholastik überwiegend theoretischer Natur war und sich schwerpunktmäßig der Klärung von Fragestellungen aus dem Bereich des individuellen geistigen Lebens gewidmet hatte. Theoretische Methoden können sich aber sowohl auf geistige als auch auf materielle Inhalte beziehen und »empirisch« bedeutet zunächst einmal nichts anderes als »erfahrungsbasiert« (von griechisch empeiria = »Erfahrungswissen«), worunter sowohl die Erfahrung von »inneren« geistigen als auch »äußeren« materiellen Objekten oder Prozessen fällt. Insofern plädieren wir für eine doppelte Unterscheidung von empirischer versus theoretischer Methodik und geistigen versus materiellen Untersuchungs-›gegenständen‹ (siehe Abb.1).

 

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Abb.1: Unterscheidung verschiedener Dimensionen bei der Kategorisierung von Wissenschaftskulturen.

 

Dabei ist wichtig zu beachten, dass die Untersuchung des Bewusstseins einer anderen Person in die Kategorie »materiell/außen« fällt. Das ist vielleicht nicht auf den ersten Blick einleuchtend aber wird hoffentlich klar, wenn wir uns vor Augen halten, dass wir den Bewusstseinszustand einer anderen Person immer nur indirekt wahrnehmen können. Im gegenwärtig allgemein anerkannten wissenschaftlichen Weltbild ist das immer ein Wahrnehmen von Materie: wir sehen z.B. zunächst einmal nur Gesichtsmuskeln, die sich bewegen, oder nehmen Schallwellen war; erst im nächsten Schritt interpretieren wir diese dann als Information über den Bewusstseinszustand des Anderen. Und auch falls noch andere, nicht-materielle Informationsübertragungsmechanismen existieren, wie z.B. Telepathie oder dergleichen, so nehmen wir auch in diesem Fall wohl nie das andere Bewusstsein per se wahr, sondern immer nur Inhalte unseres eigenen Bewusstseins, die möglicherweise mehr oder weniger mit den Bewusstseinsinhalten eines Anderen korrelieren. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 53

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 01: Marcus Schmieke – Die Natur lesen. Quantentheorie und Wirklichkeit

TV 13: Dr. Fred Alan Wolf – Quantensprung ins Bewusstsein

TV 17: Günther Haffelder – Geist und Gehirn. Geistheilung, Trance und Bewusstsein im Lichte der Gehirnforschung

TV 21: Dr. Rupert Sheldrake – Erweitern Sie Ihr Bewusstsein!

TV 26: Dipl.-Psych. Gisela Beloff – Die Lehre von der Seele.
Von der Psychologie zur Spiritualität

TV 47-48: Dr. Ulrich Ott – Meditation für Skeptiker.
Ein Gehirnforscher auf der Suche nach dem Selbst.

 

Bildnachweis: © wallchan, Eirunn

 

1Kommentar
  • Ingeborg Ott
    Veröffentlicht um 07:42h, 29 April Antworten

    Schön dass sich Wissenschaftler jetzt auch zugestehen dürfen Menschen zu sein und nicht nur funktionierende Zellhaufen. Das was da beschrieben wird sind die grundlegendsten selbstverständlichsten Tatsachen unserer Existenz. Schön dass sie das jetzt auch erkennen. Die meisten Menschen wissen das allerdings intuitiv schon immer.

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