Gemeinwohl-Ökonomie

Gemeinwohl-Ökonomie: Veränderungshebel für eine partizipativ-demokratische Gesellschaft

Veränderungshebel für eine ethische Wirtschaft und eine partizipativ-demokratische Gesellschaft

 

 

Autor: Michael Giselbrecht
Kategorie: Wirtschaft
Ausgabe Nr: 62

 

Das auf Geld, Gewinn und Wettbewerb ausgerichtete kapitalistische Wirtschaftssystem ist seinem Wesen nach nicht nur zynisch und lebensverachtend, sondern befindet sich durch die Krisen der vergangenen Jahre vermehrt im Brennpunkt der Kritik. Die hier vorgestellte Gemeinwohl-Ökonomie soll sich mit ihrem Fokus auf ethische Marktwirtschaft und die Bestimmung der Werte und Ziele des Wirtschaftens zu einer gesetzlich verankerten Systemalternative entwickeln, deren Messinstrument die partizipativ-demokratisch erarbeiteten Kriterien der Gemeinwohl-Bilanz sind.

 

Die Unzufriedenheit mit der vorhandenen, kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist allseits wahrnehmbar: Während Unternehmensgewinne an ShareholderInnen ausgeschüttet und Managergehälter in Millionenhöhe ausgezahlt werden, müssen MitarbeiterInnen immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit mit immer größerem Erfolgsdruck leisten und trotzdem bleibt ihnen am Ende kaum das Geld in der Börse, das sie für ein gutes Leben brauchen. Burnout, Depressionen, Scheidungen sind die Folgen. Politik- und Wahlverdrossenheit, Resignation, Frust, Wut bis hin zu Verzweiflung gefährden die Demokratie, weil sie rechtsradikalen Gruppierungen in die Hände spielen und Gewalt fördern.

 

Pressekonferenz mit Mittelständischen Unternehmen im November 2014 in Frankfurt. 4. v. re.: Christian Felber, Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie

Pressekonferenz mit Mittelständischen Unternehmen
im November 2014 in Frankfurt.
4. v. re.: Christian Felber, Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie

 

Was passiert da und warum?

In den letzten Jahrzehnten ist in unserer vielfach angebeteten kapitalistischen Wirtschaftsordnung vieles schief gelaufen: Das meiste Geld wird nicht mehr real am »Markt«, durch Menschenhände Arbeit, durch Dienstleistung oder Produktion verdient, sondern an den Börsen, im virtuellen Finanzcasino. Je höher und riskanter die Deals, desto mehr Geld ist in Sekundenschnelle zu »erwirtschaften«. Mit einem einzigen Mausklick kann ein Mensch Millionenbeträge »verdienen«. Das Schlimme daran: Viele Deals beinhalten Wetten auf Ernteerträge oder -ausfälle, Rohstoffengpässe, Umweltkatastrophen und sonstige Ereignisse, die existenzbedrohend für Tausende andere Menschen sind. Das große Geldverdienen am Finanzmarkt hat Einzelpersonen ebenso wie Unternehmen, öffentliche Institutionen und sogar Banken infiziert. Anstatt Geld von SparerInnen treuhändisch zu verwalten und an Menschen zu verleihen, die Geld brauchen (die ursprüngliche Idee einer Bank), spekulieren Banken kräftig mit im Finanzkarussell, während es Klein- und Mittelunternehmen durch die strengen Basel III Bestimmungen fast unmöglich gemacht wird, zu neuen Krediten für ihre Investitionen zu kommen.

 

Im heutigen »Raubtierkapitalismus« sind Geld und Gewinn der einzige Unternehmenszweck, der Mensch und die Umwelt sind nebensächlich.

 

Im heutigen »Raubtierkapitalismus« sind Geld und Gewinn der einzige Unternehmenszweck, der Mensch und die Umwelt sind nebensächlich. Belohnt wird, wer mehr Gewinn macht und bessere Finanzkennzahlen liefert. Wettbewerb und Wachstum sind dabei der Treibstoff. Die Messfaktoren sind das Bruttoninlandsprodukt (Volkswirtschaft), der Finanzgewinn (Unternehmen) und der Return on Investment (Investition). Diese Indikatoren sagen jedoch nichts darüber aus, wie es den Menschen dahinter geht oder in welcher Weise die Umwelt geschont oder ausgebeutet wird. Wie ist Gewinn oder Wachstum zu rechtfertigen, wenn dafür Arbeitsplätze geopfert werden (in der Wirtschaftssprache nennt man das »Optimierung« bzw. »Effizienzsteigerung«) oder größere Erträge mit genmanipuliertem Saatgut erreicht werden, das Tonnen von Insektiziden und Pestiziden verschlingt, abhängig von Weltkonzernen wie Monsanto macht und lebensbedrohliche Gesundheitsschäden verursacht? Wie fair ist es, wenn ethisch agierende Unternehmen Wettbewerbsnachteile erfahren (zum Beispiel in der öffentlichen Beschaffung, wo nach wie vor der Preis das einzige Kriterium für den Zuschlag ist) anstatt Anerkennung, Förderung und Belohnung für ihren wertvollen sozialen und ökologischen Beitrag auf dieser Welt? Wir sind mitten in der Veränderung. WIR sind die Veränderung! Die Medien (va. Social Media) helfen, all diese Initiativen sichtbar zu machen. Und die BürgerInnen erkennen langsam, dass sie eine Stimme jenseits der Wahlen haben.

 

Gemeinwohl-Ökonomie: Veränderungshebel für eine ethische Wirtschaft

 

Die Gemeinwohl-Ökonomie als Veränderungshebel

Als sich vor vier Jahren 15 österreichische UnternehmerInnen zusammenfanden und auf Basis von Christian Felbers Büchern »Neue Werte für die Wirtschaft«, »50 Vorschläge für eine gerechtere Welt« und »Kooperation statt Konkurrenz« eine Systemalternative zum vorhandenen kapitalistischen Wirtschaftssystem entwickelten, dachte noch niemand, dass daraus eine Reformbewegung werden würde, die sich mit großer Geschwindigkeit in ganz Europa und darüber hinaus ausbreitet.
Die Motivation dieser UnternehmerInnen war die Unzufriedenheit über die Wettbewerbsnachteile, die sie als ethisch agierende Unternehmen erfahren mussten. Diese Diskrepanz wollten sie umdrehen: Es sollte eine Wirtschaft entstehen, in der 1. ethisch agierende Unternehmen leichter zu Erfolg und Anerkennung kommen, die 2. ein Anreizsystem für Unternehmen schafft, sich ethischer zu verhalten und die 3. in letzter Konsequenz gesetzliche Rahmenbedingungen verändert. Das Ergebnis nach einem Jahr Entwicklungsarbeit war die Systemalternative der Gemeinwohl-Ökonomie, die im August 2010 in Buchform der Öffentlichkeit vorgestellt wurde und seitdem viele begeistert.

Der »Erfolg« eines Unternehmens soll sein Beitrag zum Gemeinwohl und nicht sein Gewinn in Zahlen oder sein Wachstum in Prozenten sein.

 

Werte als neuer Zweck statt Geld, Gewinn und Kapital

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine ethische Marktwirtschaft, welche die Grundwerte Menschenwürde, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Solidarität und Demokratie verbindlich in den Rechtsrahmen einbaut. Und sie ist eine wirklich liberale Marktwirtschaft im Vergleich zur vorhandenen kapitalistischen, denn diese konzentriert sich ausschließlich auf Gewinn, Wachstum und Kapital, bewertet Unternehmensbonität ausschließlich über Zahlen, fördert viele negative Auswirkungen von Wettbewerb und Konkurrenz und sagt nichts darüber aus, wie es den Menschen im Unternehmen geht oder wie sehr die Umwelt dafür ausgebeutet wird. Die viel gepriesene Freiheit der liberalen Marktwirtschaft von heute bedeutet in Wahrheit Freiheit für einige wenige, aber genau das Gegenteil für die Mehrheit der Bevölkerung. Die Gemeinwohl-Ökonomie setzt sich dafür ein, dass der neue Zweck des Wirtschaftens der Beitrag zum Gemeinwohl ist und definiert zunächst die Werte, Ziele und Mittel des Wirtschaftens. So werden Geld, Gewinn und Kapital vom Zweck zum Mittel des Wirtschaftens. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 16: Werner Heussinger − Das Naturgesetz der Märkte

TV 23: Prof. Dr. Brian Goodwin / Prof. Dr. Max Boisot − Lernen von der Natur

TV 28: Dr. Sonja Klug – Das Geld der Gotik

TV 57: Christoph Hinske − Das Paradigma der Fülle. Ecosynomics

TV 59: Gabriele Sigg − Das Geld als Mittel zu einer höheren Kultursynthese

 

Bildnachweis: © Frank Drozdowski

 


 

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