Trauma, Körper und Geschichte im Gegenwartskino

Filmszene aus »Maps to the Stars«

Einblicke in die menschliche Bedingung

Autor: Nicolai Bühnemann
Kategorie: Gemeinschaften
Ausgabe Nr: 62

 

 

Der Filmkritiker Bühnemann stellt hier drei neuere Filme vor, die sich mit den Abgründen der menschlichen Seele beschäftigen. Seelische und körperliche Verletzungen – zweimal durch den Nationalsozialismus, einmal durch Hollywood – zeigen Menschen von ihrer schwachen Seite. Das ästhetische Medium Film wird hier zum eindringlichen Vermittler menschlicher Schrecken.

 

Der Begriff Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Narbe. Demzufolge ist die heute gängige Verwendung eine Übertragung von außen nach innen, von dem verletzten Körper zur verletzten Seele, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren. Der Film als audiovisuelles Medium muss immer den umgekehrten Weg gehen, das Nichtsichtbare sichtbar machen (oder auch: das Nichthörbare hörbar). Nur aus Blicken und Bewegungen, Mimik und Gestik, aus dem, was jemand sagt, wie er oder sie es sagt, aber auch aus dem, was ungesagt bleibt, dem Schweigen und wie jemand schweigt, können wir im Kino auf das Innere, das Unsichtbare schließen, auf die Gefühle und Gedanken, auf Befindlichkeiten, seelische Verletzungen und Verletzlichkeiten. Wenn es ums Trauma geht, kann der Film manchmal die etymologische Entwicklung des Wortes genau nachzeichnen, durch Narben und Verletzungen an der Körperoberfläche auf seelische Verletzungen, auf Traumata schließen lassen.

 

Julianne Moore in einer Filmszene aus »Maps o the Stars«

Julianne Moore in einer Filmszene aus »Maps o the Stars«

 

In diesem Aufsatz sollen verschiedene Arten untersucht werden, wie Filme Traumata thematisieren. Dazu sollen drei Filme unter die Lupe genommen werden: »Adam Resurrected« (»Ein Leben für ein Leben – Adam Hundesohn« Deutschland, USA, Israel 2008, Regie: Paul Schrader), »Phoenix« (Deutschland 2014, Regie: Christian Petzold) und »Maps to the Stars« (Kanada, USA, Deutschland, Frankreich 2014, Regie: David Cronenberg). Die ProtagonistInnen der ersten beiden dieser Filme sind Überlebende der Shoah. Das historische Trauma der Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis und vor allem dessen Auswirkungen auf die Überlebenden wird anhand fiktiver Einzelschicksale verhandelt. In »Maps to the Stars« spielt die Geschichte Hollywoods in den vergangenen Jahrzehnten im Netz der Traumata des Figurenensembles – mindestens – eine Nebenrolle. Das Narrativ, in dem die Vergangenheit einen oder mehrere Menschen einholt, ist auch hier zentral. Nicht nur in dem Film David Cronenbergs, der sich im Frühstadium seiner Karriere mit Filmen wie »Slithers« (1975), »The Brood« (1979) oder »Scanners« (1981, alle drei Filme aus Kanada) zum »Meister des Körperhorrors« entwickelte, spielen die Leiber der Figuren eine zentrale Rolle. Die Verbindung von Trauma, Körper und Geschichte, die Mittel, derer sich der Film bedient, um die (historischen) Traumata auf den Körpern der Figuren sichtbar zu machen, sollen im Folgenden untersucht werden.

 

Immer zielt alles darauf ab, die Spuren, die das historische Trauma auf dem Körper hinterlassen hat, zu tilgen.

 

Von der Unterwerfung des Körpers zur Heilung der Seele:
Paul Schraders »Adam Resurrected«

Adam Stein wird in den frühen sechziger Jahren in ein Therapiezentrum in der israelischen Wüste eingeliefert, weil er versucht hat, seine Vermieterin, mit der er eine Affäre hatte, zu erwürgen. Der charismatische, großspurig auftretende Mann (gespielt von Jeff Goldblum), der offenbar einen guten Zug bei den Frauen hat, wird in der Klinik, in der er schon mehrfach behandelt wurde, aufgenommen wie ein Held, der aus der Fremde zurück nach Hause kommt. Hinter seinem weltmännischen Auftreten werden erst nach und nach seine Traumata erkennbar. So erinnert ihn die Modelleisenbahn in der Klinik an den Zug, der seine Familie und ihn einst ins Konzentrationslager Stellring brachte. Adam hat die Fähigkeit, mit Gedankenkraft seinen Körper krank werden zu lassen. Das Blut, das aus seinem großen Zeh sprudelt, oder der aussetzende Herzschlag sind somatischer Ausdruck des psychischen Leids, das er als Überlebender der Vernichtungslager erfahren hat. Ganz schlimm wird es, als Adam in den Klinikräumen ein Bellen wahrnimmt. Das Bellen kommt nicht von einem Hund, sondern von einem 12-jährigen Jungen, der sich für einen Hund hält. In Rückblenden, die im Gegensatz zur Farbe der eigentlichen Handlung in kräftigem Schwarz-Weiß gehalten sind, erfahren wir von Steins Geschichte. In den zwanziger Jahren arbeitete er als beliebter und erfolgreicher Komiker in einem Berliner Cabaret. Einzelne Rückblenden zeigen, wie ihm die Nazis 1936 Berufsverbot erteilten und ihn und seine Angehörigen schließlich ins Lager deportierten. SS-Kommandant Klein (Willem Dafoe) lässt ihn zwar überleben, aber Stein soll ihn im Gegenzug dazu aufmuntern und seinen tristen Mörder-Alltag auflockern – in filmischen Termini gesprochen, erwartet er von ihm ein comic relief. Dazu hält er sich Adam wie einen Hund, der sich auf allen vieren bewegen und seinen Zwinger und seine Mahlzeiten mit dem Schäferhund Rex teilen muss.

 

Filmszene aus »Adam Resurrected«

Filmszene aus »Adam Resurrected«

 

Schon der Name des Protagonisten suggeriert, dass es um einen Neuanfang geht: die Erfahrung und das Ende der Shoah sowie die Gründung des Staates Israel als Stunde Null. Aber wie kann Adam auferstehen und weitermachen, nach dem, was er erlebt hat? In der ersten Hälfte des Films geht es um die Unmöglichkeit, neu anzufangen nach dem Grauen der Lager, das alles infiziert hat. Um die Erinnerung, von der Adam durch Klein heimgesucht wird, und die Erfahrung im Lager. Um den Humor, den Kommandant Klein zu seinem Instrument gemacht hat, zum Öl mit dem die Mordsmaschinerie geschmiert wurde. Das Begehren, das für Adam nicht mehr von der Gewalt zu trennen ist. Nicht in der Beziehung zu seiner Vermieterin, die er würgte, ohne selbst dessen gewahr zu werden, nicht in der Beziehung zu der Krankenschwester Gina, die er beim Sex für sich Hund spielen lässt, wie er selbst für Klein Hund spielte. Zunächst auch nicht in der Beziehung zum »Hundejungen«, dem er den Namen David gibt. Das Gefühlsleben des Opfers scheint so zerstört wie das des Täters zuvor, der zwar so etwas wie Zuneigung empfinden kann, aber nicht zu Seinesgleichen, sondern nur zu Tieren, die seinen einzigen Umgang ausmachen – oder eben zu einem zum Tier degradierten Menschen.

 

Im Netz der dysfunktionalen Familien scheint jeder dazu verdammt, das Unrecht zu wiederholen, das ihm selbst wiederfuhr.

 

Neben den Rückblenden in die Zeit der Naziherrschaft gibt es einen weiteren Handlungsstrang, der in der Nachkriegszeit spielt. Anfang der Fünfziger macht sich Adam, der einsam und verlassen in der Villa in Berlin wohnt, die Klein ihm hinterlassen hat, in Haifa auf die Suche nach seiner Tochter, die den Naziterror ebenfalls überlebte. Hier findet er nur noch ihr Grab und ihren Witwer (Moritz Bleibtreu), der Adam bittere Vorwürfe daraus macht, dass er mit Klein kooperierte, um zu überleben. Im Gegensatz zur Zeit bis 1945 sind diese Szenen zwar in Farbe, aber mit einem Filter gefilmt, der den Bildern eine bräunliche Patina gibt. Adams Erinnerungen gehören Filmen vergangener Zeiten an, die nicht mit seiner Gegenwart in Einklang zu bringen sind. Er ist förmlich abgeschnitten von seiner Vergangenheit.

Wenn das Auftauchen des Jungen für Adam den Moment der Retraumatisierung ausmacht, ihn zurückversetzt in seine »Vergangenheit als Hund«, dann gibt ihm dieser doch die Möglichkeit, seine Geschichte zu überwinden, gemeinsam und in Zuneigung verbunden, müssen sie wieder »Mensch werden.«
Der Typus des Helden in den Filmen des Regisseurs und Drehbuchautors Paul Schrader ist der einsame Mann (sehr selten: die einsame Frau) auf der Suche nach Erlösung. Adam Stein findet sein Seelenheil durch eine finale Konfrontation mit Kommandant Klein, der ihm als infernalische Vision in einem brennenden Busch erscheint, und ihn auffordert, sich das Leben zu nehmen. Erst dadurch, dass er Kleins Pistole wegwirft, kann Adam von dem Hass lassen, den ihm sein Widersacher eingepflanzt hat. Vielleicht mehr von dem Hass auf sich selbst als auf sein Gegenüber.

 

Szene aus dem Film »Phoenix«

Szene aus dem Film »Phoenix«

 

Wider die Verdrängungsarbeit: Christian Petzolds »Phoenix«

1945. Zwei Frauen fahren im Auto durch die Nacht nach Berlin. Beide deutsche Jüdinnen, konnte sich die eine, Lene (Nina Kunzendorf), vor den Nazis in die Schweiz retten. Die andere, Nelly (Nina Hoss), überlebte das Konzentrationslager nur, weil man sie für tot hielt. Ihr Gesicht ist entstellt und komplett von Verbänden verhüllt. Zwei amerikanische Soldaten halten den Wagen an. Der eine verlangt mit Nachdruck, das Gesicht Nellys zu sehen. Als sie es ihm zeigt, zeichnet sich Entsetzen auf dem Gesicht des Mannes ab, einen Gegenschuss auf das Gesicht Nellys gibt es nicht. Der Filmkritiker Lukas Foerster schreibt zu dieser Szene: »Die direkte Konfrontation mit den Narben, die das Vernichtungslager auf dem Gesicht einer Einzelnen hinterlassen hat, unterbleibt, im Wissen um die obszöne Anmaßung, die in einem solchen nachinszenierten Blick auf die Wunden der Geschichte enthalten wäre.« Dennoch steuert der Film von dieser ersten Szene an auf eine Sichtbarmachung des Traumas am Körper zu, die viele Menschen in Deutschland unmittelbar nach dem Krieg, wie es der Film zeigt, nicht gelegen kommt.
Nellys Gesicht wird von einem Schönheitschirurgen »wiederhergestellt«. Während der OP witzelt er darüber, dass sich viele Menschen dieser Tage ein neues Gesicht wünschen, und zollt der deutschen Filmgeschichte Referenz: Vor Kurzem hätten Frauen am liebsten das Gesicht der Zarah Leander oder Kristina Söderbaum (beides Schauspielerinnen, die im deutschen Kino der Nazizeit bekannt wurden) gehabt, aber die seien wohl jetzt aus der Mode gekommen. Diese Referenz ans Nazikino legt eine Spur in die Filmgeschichte, die sich in den Bezügen in »Phoenix« zum deutschen Trümmerfilm und zum Film Noir fortsetzt – Strömungen des Kinos, deren düstere Stimmung sich aus den Erfahrungen der Shoah und der Nachkriegsjahre speist. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 12: Erhard Doubrawa: Die Politik des Ich-Du. Buber, Landauer, Gestaltherapie

TV 19: Dipl. Psych. Utz Schulze: Was ist Schuld? Überraschende Antworten

TV 32: Detlev Ihlenfeldt: Zeit für Depression. Das Menschliche an der Melancholie

TV 52: Ronald Engert: Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung

 

Bildnachweis: © Filmpresse Meuser, 3L Vertriebs GmbH, Höhne Presse Media

 


 

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