Wirken aus der Ewigkeit

Dr. Peter Hubral - Wirken aus der Ewigkeit

Génesis – Die universelle Erfahrung der Schöpfung (1. Teil)

Autor: Prof. Dr. Peter Hubral
Kategorie: Taoismus
Ausgabe Nr: 56

 

 

Am Beispiel der spirituellen Tradition des Daoismus macht der Autor auf die allen menschlichen Kulturen zugrunde liegende Erfahrung der Schöpfung aufmerksam. Er zeigt die Unterschiede von gesellschaftlichem und natürlichem Denken auf und verweist auf die Parallelen in den östlichen wie westlichen philosophischen Traditionen.

 

Laozi (ca. 604-531 v.u.Z.) schreibt im Daodejing, Kapitel 25:

Es gibt Chaos, das schon vor Himmel und Erde existierte, still und formlos. Es befindet sich in einem Zustand einer aus sich selbst heraus ernährenden kreisenden Bewegung. Man mag es die ›Mutter der 10.000 Dinge‹ nennen. Ich kenne seinen Namen nicht, deshalb nenne ich es Dao. Weil ich kein besseres Attribut für Dao finde, bezeichne ich es als groß (Da). Es fließt dahin und kehrt wieder zurück.

 

Heutige Vorstellungen über die Schöpfung verweisen im Wesentlichen auf die Evolutionslehre und biblische Genesis. Dabei ignorieren wir, dass seit Jahrtausenden von Naturphilosophen zwischen Ost und West über die Weltentstehung und die persönliche Erfahrung jenseitiger Welten berichtet wird. Diese Erfahrung haben sie durch rigorose meditative Weltabgewandtheit erlangt.

Ich deute in diesem Artikel an, um was es dabei geht. Dabei beziehe ich mich auf die mir vertraute Dao-Lehre, die diese Erfahrung ermöglicht. Dazu erkläre ich in Fortführung zu meinem Artikel in Tattva Viveka 51 (Das Dao des Denkens) den Unterschied zwischen gesellschaftlichem, nachgeburtlichem Wissen (Platon: empeiría) und ursprünglichem, vorgeburtlichen Wissen (Platon: gnósis, epistéme). Letzteres ist ein Wissen über den meditativ erfahrbaren Schöpfungsverlaufs (Platon: génesis), der Entstehung der Welt inklusive des Selbst. Es ist das Resultat des ursprünglichen natürlichen Denkens, wie ich es in Das Dao des Denkens ausgeführt habe. Das gesellschaftliche Wissen ergibt sich hingegen aus dem uns allen vertrauten gesellschaftlichen Denken.

 

Der kreisende Gedanken
Das gesellschaftliche Denken ist überwiegend durch diskursive, formvolle und das natürliche Denken durch intuitive, formlose Denkphasen geprägt. Die diskursiven werden durch Youwei, weltzugewandtes Tun, und die intuitiven durch Wuwei, weltabgewandtes Nicht-Tun, bestimmt. Alle neuen Einsichten erfolgen in intuitiven Phasen. Diese werden im gesellschaftlichen Denken ignoriert und im natürlichen Denken bewusst gefördert, so dass es zur Wiedererinnerung (anamnésis) an Verborgenes, Vorgeburtliches, kommt.

 

Die zwei Arten des Wissens
Das gesellschaftliche Wissen ist uns allen vertraut. Es ist ziel- und problemorientiert. Das ursprüngliche Wissen ist es nicht. Darüber berichten seit eh und je Meister, Naturphilosophen und Weise. Sie tun dies mit unterschiedlichen Worten, auch wenn sie auf dieselbe universelle Schöpfungserfahrung verweisen. Diese offenbart sich als Wiedererinnerung, anamnésis. Sie umfasst ein meditativ erworbenes Wissen, das in vielen Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten gelehrt und mit dem persönlichen meditativen Übungserfolg zunehmend erlangt wird. Sein Wesenskern ist die Erfahrung der drei Welten Wu, Wuyou, und You (vgl. Hubral 2010a, S. 75ff). Die Dao-Lehre lehrt es noch heute. Es wird mittels der meditativen Dao-Praxis, Daoxing, in einer entspannten stillen Taiji-Stehübung erworben. Proclos Diadochos (412-485) schreibt: Die Anhänger der philosophía praktizierten die Stille, um ihr Bewusstsein auf das Wesentliche zurückzuführen.

Andere Kulturen, auf die ich hier verweise und die Daoxing oder eine sehr ähnliche Praxis lehrten, sind offenbar ausgestorben. Auf den Untergang der altgriechischen Weisheitslehre der philosophía verweist z.B. der weit gereiste arabische Historiker und Philososoph Mas’udi (895-957) (vgl. Hubral 2010).

 

Zitate zum ursprünglichen Wissen
Ich präsentiere nun fünf klassische Zitate zum ursprünglichen Wissen mit Bezug zur Erfahrung der Schöpfung. Dabei habe ich Kommentare eingefügt, die ich im Anschluss erkläre.

1. Die Goldenen Verse des Pythagoras: Die heilige Dreiheit (Wu, Wuyou, You), das unendlich reine Symbol, Quelle der Natur und Urbild der daímones (Qi-Felder).

2. Sokrates in Timaios: Im Augenblick aber müssen wir uns drei Gattungen denken. Das Gebärende oder Werdende (Wuyou), das was daraus wird (You) und das (Wu), woraus das Gebärende geboren wird.

3. Buddha: Sei offen für das Jenseitige (Wuyou und Wu). Gehe immer darüber (You) hinaus. Setze nur Grenzen, wenn du diese brauchst und denke immer daran, dass Du über sie hinausgehen musst. Lasse sie dir nicht zum Gefängnis (You) werden.

4. Parmenides: Die Alltagswelt (You), in der wir leben, die Erscheinungen, die wir wahrnehmen, Raum, Zeit, Bewegung, Veränderung, kurz, das, was wir als anscheinende Realität erfahren, existiert nicht, ist purer Schein und dieses (Wuyou) ist auch EINS unteilbar, ohne Anfang und Ende, nicht entstanden und nicht zerstörbar, ein unbewegliches, einheitliches, zusammenhängendes Ganzes, ein Raum, der es ganz einnimmt und ausfüllt.

5. Platon: Was ist das »stets Seiende« und »kein Entstehen Habende« (Wuyou) und was das »stets Verwan¬delnde«, aber »nimmerdar Seiende« (You)?: Das Eine (Wuyou) ist durch nóesis (Wuwei = schöpferisches Wirken durch Nicht-Tun) zu erfassen; es ist stets sich gleich. Das andere (You) dagegen ist mit »vernunftloser Sinneswahrnehmung« verbundenes bloßes »Meinen und Vermuten«. Es ist »entstehend und vergehend« (You), aber nie »wirklich seiend« (Wuyou).

 

Ich fasse zusammen. Ich nenne die drei Welten im Folgenden Wu = Nichtsein, Wuyou = SEIN, You = Sein/Nicht-SEIN. Für Wuyou gibt es mehrere Umschreibungen. Wer die drei Welten nicht kennt, wird sie auf das Sein projizieren und somit falsch interpretieren.

Es folgen in diesem Artikel weitere Hinweise aus anderen Kulturen, die aus daoistischer Sicht im Einklang mit obigen Zitaten sind. Dabei nehme ich Bezug zu mehreren Artikeln in Tattva Viveka 51 (vgl. Ceming 2012, vgl. Gangaji 2012, vgl. Hubral 2012a), die das hier vorgestellte Thema mehr oder weniger ansprechen. Meine Abhandlung ist den kognitiven Aspekten des ursprünglichen Wissens (gnósis) gewidmet, obwohl dieses auch physiologische Aspekte (vgl. Hubral 2012) umfasst, auf die ich hier aber nicht eingehe.

Wer das ursprüngliche Wissen durch rigorose Weltabgewandtheit in regelmäßiger Stille-Meditation kultiviert, wird erkennen, dass es ebenso umfangreich werden kann wie das gesellschaftliche. Es ist aber keine Alternative, sondern eine Ergänzung dazu, die jedoch die Sicht der Welt und von uns selbst signifikant ändern kann. Dies entnehme ich z.B. Platons Zweitem Brief (314b-c): …Veteranen mit nicht weniger als 30 Jahren Übungserfahrung sagen, dass das, was ihnen zuerst am aller unglaubwürdigsten erschien, nun am klarsten und akzeptabelsten ist und das, was glaubwürdig erschien sich ins Gegenteil verwandelte.

 

Einleitung
Das gesellschaftliche Denken umfasst alle Bereiche, die ohne Meditation auskommen: Natur- und Lebenswissenschaften, Mathematik, die moderne analytische Philosophie, Politik, Religion, Psychologie, Medizin, Theologie, Wirtschaft usw. Sie alle widmen sich der zweiten Natur, You, und nicht der ersten Natur, Wuyou, der das ursprüngliche Wissen zu verdanken ist.

You ist eine Emanation aus Wuyou, der kreativen Mischung aus Bekanntem, You, und Unbekanntem, Wu. Wuyou ist die nicht-dualistische, konfuse oder formlose, ewig kreative gebärende Welt. Es ist die Mutter der formvollen 10.000 Dinge, der Vielfalt des Seins, You. Es ist die höchste Realität, der viele Namen und Attribute in unterschiedlichen Kulturen zugewiesen werden. Wuyou ist das, was einige alte Griechen lógos, eón, ápeiron, daimónion, hén, usw. nennen. In den Upanishaden wird Wuyou Brahman genannt.

 

Die Grundthese des gesellschaftlichen Denkens
Die Grundthese ist: Das Sein, die uns allen vertraute Welt des You, prägt das Bewusstsein. Ich nenne sie das zweite Erkenntnisprinzip. Man findet sie verankert im Kommunistischen Manifest. Mit Ausnahme von wenigen Weisheitslehrern und -suchern, die sich im meditativen Üben dem Nichts, Wu, rigoros hingeben, wird es in allen Bereichen heute eingesetzt. Für die meisten von uns ist es das einzige Erkenntnisprinzip und wird nicht infrage gestellt.

 

Die Grundthese des natürlichen Denkens
Das natürliche Denken genügt dem ersten Erkenntnisprinzip: Das Bewusstsein lässt sich durch rigorose Weltabgewandtheit im Üben erweitern, um damit das Dasein (Wu, Wuyou, You) zu erfassen. Platon nennt es Aufstieg, anagogé der psyché. Damit wird der Bewusstseinswandel durch regelmäßiges Üben in der Stille angedeutet, den Daoisten den Weg zurück zur (ersten) Natur nennen. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 56

 

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Prof. Dr. Peter Hubral TV56 (PDF)

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 21-22: Dr. Engelbert Kronthaler – Metapher und Metamorphose

TV 32: Prof. Dr. Dr. Alfred Toth – Die Mathematik des Schicksals

TV 44: Prof. Dr. Peter Hubral – Das Dao des Sokrates

TV 49: Dr. Tom Steininger / Prof. Peter Gottwald – Das aperspektivische Zeitalter

TV 51: Prof. Dr. Peter Hubral – Das Dao des Denkens

TV 52: Ronald Engert – Ins und Outs. Zur Unterscheidung von männlicher und weiblicher Erkenntnis

 

 

1Kommentar
  • Gute_Kunst
    Veröffentlicht um 15:35h, 16 August Antworten

    Geliebte Brüder & Schwestern

    Ich habe das DAO in mir gefunden und es lebt, webt und entwickelt sich tagtäglich.
    In stillen Pfaden da im Warten seiend, genügsam und bescheiden.
    Dringt es durch Worte mir eingegeben.
    Sanft und zärtlich zu allem Leben.
    Liebe könnte ich den Zustand nennen doch anders auch
    und oh´n Bezeichnung kann´s nicht benennen.
    Gute_Kunst so nennt es sich mit diesem Namen.
    Dient ist nützlich in Gottes Amen.

    DIE KUGELN VON SILS,(c)

    eine Geschichte, Traum und Wirklichkeit inspiriert durch das Floten im Samadi_ank

    In meinem Laden liegen zwei Silserkugeln. Gebilde, seltsam kosmisch rund und haarig, als wären sie das Gewöll eines riesigen Kukucks. Dunkelbraun gegerbt von Wind und Wasser. Das Geschenk eines Freundes dessen Liebe zur Natur eine wirkliche Liebe zu allem ist und auch Liebe zu den Menschen.-
    Diese Kugel fasziniert viele Besucher in meinem Laden und immer gibt es Verbindung, Gespräche auf vielen Ebenen. Da ist die Neugier, sie ist immer eine Basis für Austauschmöglichkeiten. Die Ebene der Naturwissenschaft, der Ökologie, des Wertes einer Sache allgemein und auch der Philosophie, mein liebstes Thema.-
    Nun geht das übliche Rätselraten um die Silserkugel etwa so:
    Was ist das da? fragt der Besucher und ohne abzuwarten, gleich die nächste Frage; Was kann man damit machen? und weiter gehts (ich habe schon Atem geholt und will antworten…) , wieviel kostet das Ding… was ist es wert?, kann ich es kaufen?
    Der Durchschnittkunde nimmt die zerbrechlche Silserkugel in die Hände und dreht und wendet sie (Nadeln fallen zu Boden), ich insistiere und gebe mir Mühe, meine Verlustängste nicht merken zu lassen. – Dann endlich die Befreiung: Faszination beim Besucher, ein Ausruf, wie kommt (um himmelswillen) so etwas einfach von selbst zu stande?
    Jetzt bin ich wieder dran. Sage: sehen Sie!

    „Es ist Herbst geworden. Auf der Hochebene stehen die Lärchenbäume strahlend im hellgolden Kleid. Ein eisiger Wind weht, greift und rüttelt in die Äste. Bläst stark, löst Blätter-Nadeln, lang, leicht und dünn vom Lärchenbaum. Leer nur kann der Baum die Last des Winters tragen, deshalb der solch Geschehen Sinn. Schwer ist der Schnee, und andres Kleid des Baumes, lässt weiss ihn aufrecht stehn mit vielen seinesgleichen.
    Wirbelnd wahrhaft in gar grosser Zahl, treibt nun das Lärchenkleid in Wald und Flur zum Wasser. Das Sagen hat Formlosigkeit, und Chaos herrscht, vollkommen aufgelöst ist alles und scheinbar ohne Ordnung. So sammeln sie sich wieder, die einzelnen Blätter-Nadeln auf stets bewegtem Wasser. Da nun der Wind, wie immer er sich bläst, einmal das Ufer, die Grenze und Berührung zwischen flüssig, fest zu treffen weiss, darüber hinaus ungehindert weiter geht, bleibt alles in Bewegung, sind Widerstand und strudelndes Ereignis offenbar.
    Drei Elemente sind es jetzt im Bund. Der Wind, das Wasser und die Lärchennadeln. Zufällig, alle Jahr das gleiche Spiel in endlos Wiederholung. Turbulenzen machen Keime, Kerne von verfilzten Blätter-Nadeln rundgedreht, zusammenklebend, kugelig, exakt, lustig klein sind Babi-Kugeln nun geboren. Wenn Elemente stärker sich bewegen, zerrieben gleich im Status der Entstehung, die Kugeln formen sich aufs Neue.
    Ganz selten, und im wahren Alter mancher Jahre bilden sich zur Krönung des Naturspiels ohne Zweck, zu Strausseneiern gleiche Kugeln die gross und stumm am Ufer warten. Sturm und Bewegtheit haben sie in sich geborgen, sind haltbar von innen nach aussen aus Gründen erhaltender Kräfte des Lärchenharzes, das jeder Nadel innewohnt. All dies hat Vater/Mutter-Baum ihr, der unbedeutenden mitgegeben, um wieder sich zu finden, wie einst am Baum, doch nun getrennt als neue Form.“

    Dann mache ich eine kurze Atempause schau ins erstaunte Gesicht meines Gegenübers. Wir verstehen uns in dieser Sprache, denn jeder hats in seinem Herzen. Zum Schluss dann fasse ich zusammen:
    *Der Baum, die Form, verlor sich kurz der Jahreszeit entsprechend, in Formlosigkeit, in Chaos. Von dort mit Hilfe nimmer ruhender Elemente, getrieben von der Sonne, entsteht die neue Form. So ist’s die „SILSERKUGEL“ am Silser-See geworden!*

    Horst Gutekunst

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