Ahnengeister oder Ahnenmuster

Ahnengeister oder Ahnenmuster

Unsichtbare Mitspieler in unserem Dasein

Autoren: Barbara Aigmüller, Clemens Zerling
Kategorie: Anthropologie
Ausgabe Nr.: 49
 
Ahnenkulte spielten in allen frühen Kulturen eine große Rolle. Hierzulande sind sie als Allerseelen und Fastnacht noch vorhanden. Die Zwiesprache mit den Ahnen war für die Menschen Rückversicherung und Identitätsbildung. Ahnengeister übten Kritik an den Le-benden und man trachtete sie zu beschwichtigen. Der Aufsatz zeigt, dass unerledigte Probleme früherer Generationen bei ihren Nachfahren weiterwirken. Sind Ahnungen von früheren Leben eher Ahnenerbe oder mutmaßliche Reiinkarnation?

 

Süßer Reiz der Mitternächte,
Stiller Kreis geheimer Mächte,
Wollust rätselhafter Spiele,
Wir nur kennen euch.
Wir nur sind am hohen Ziele,
Bald in Strom uns zu ergießen
Dann in Tropfen zu zerfließen
Und zu nippen auch zugleich.
 
Aus: Novalis, »Lied der Toten« (1800)

 

Fahle Vermummte, die Köpfe mit weißen Tüchern verhüllt und, einem Totenkopf ähnlich, Augen, Nase, Mund mit schwarzer Farbe bemalt, stapfen in der Dunkelheit durch den alpi-nen Schnee. Lautlos öffnen sie die Türen und huschen selbstsicher in bäuerliche Stuben hinein. Hier werden sie schon erwartet. Getränke und Nahrung stehen für sie bereit. Schweigend treten sie an den Tisch, nippen vorsichtig an Brot und gefüllten Gläsern – oder schlingen alles gierig hinunter. Jetzt spielt ein Musikant, der sie begleitet hat, mit seiner Ziehharmonika zu einem Ländler auf. Die Maskierten beginnen miteinander einen skurrilen Tanz, manchmal auch mit den Anwesenden. Als der letzte Ton des Totentanzes verklungen ist, ziehen sie sich, ähnlich kurzlebigen Schatten, ebenso schweigsam wieder zurück.

 

Ahnengeister oder Ahnenmuster

Da kommen sie, die Ahnen..., Maschkera Werdenfelser Land; Foto von Erika Groth-Schmachtenberger (1956), Volkskunde-Museum Augsburg

Novemberbeginn und die Nacht der Toten

Im Jahre 998 ordnete Abt Odilo von Cluny in Burgund für alle von Cluny abhängigen Benediktinerklöster an, den 2. November als Gedenktag für die Verstorbenen zu begehen. Bald setzte sich dieser Tag auch außerhalb der Benediktinerkonvente durch und bezog, was das Gedenken anging, die »Armen Seelen« im Fegefeuer mit ein. In diesem Purgatorium verharren die Seelen Verstorbener, bevor sie auf ewig in den Himmel eingehen oder ins ewige Feuer der Hölle, hatten einige Kirchenväter gelehrt. Obendrein zwängte das Fest Allerseelen damit verschiedene Brauchtümer, die noch aus vorchristlicher Zeit herrührten und sich hartnäckig gehalten hatten, in ein christlicheres Korsett; versuchte es zumindest. Ursprünglich scheinen die Totenfeste nicht an festgelegten Tagen gefeiert worden zu sein, sondern in besonders stürmischen Nächten des Spätherbst oder Mittwinters. Seele, Wind, Hauch, Atem und luftiges Gebilde (lat: animus; griech: anemos; hebr: ruach) gehören nach alter Vorstellung eng zusammen.

 

Ahnengeister oder Ahnenmuster

Netzlarven beim Schleicherlaufvon Telfs in Tirol. Ihre ursprüngliche Bedeutung als Geister und Schattenwesen rückt mit dem Pomp ihres Aufputzes aber immer mehr in den Hintergrund. (© Jürgen Neuner; http://neunerjuergen. com)

 

Seit der Einführung eines festen Termins sollen sich die Seelen der Verstorbenen aber das ganze Jahr über auf diesen Tag freuen, zumindest in der Oberpfalz, und ruhen ein wenig von ihren Jenseitsqualen aus, überlieferte der Volksmund. Schon Tage vorher geistern sie als kleine Lichtlein umher, dürfen aber wohl erst zum Mittagsläuten an Allerheiligen kurz-zeitig das Fegefeuer verlassen (Allgäu). Zuerst würden sie ihre Gräber ansteuern, dann ihre Häuser und Familien heimsuchen. Bereits am Vortag, Allerheiligen (1. November), schmü-cken noch heute Katholiken die Gräber mit Blumen und immergrünen Zweigen. Unver-zichtbar bleibt das Entzünden von Totenlämpchen. In der Oberpfalz und in Tirol legten früher die Anverwandten an den Gräbern Speisen ab, meist Brot, Bohnen und Wein. Auch in den Häusern stellten sie Speise und Trank für die Seelen zurecht. In Lettland und an-grenzenden Gebieten bot man den Seelen sogar eine Möglichkeit zu baden. Das hat schließlich noch niemandem geschadet. Weit verbreitet war die Warnung vor »Geistermes-sen« in der Kirche, bei der jeder Besuch und jede nähere Beobachtung von Irdischen besser unterblieb, wollte man nicht Leib und Leben gefährden. Bauern hielten Hof- und Scheu-nentore offen, damit das an manchen Tagen, wie zu den berüchtigten Raunächten, wie eine »Wilde Jagd« einherziehende Seelenheer auf keinen Widerstand traf und nur »hindurchfeg-te«. Überhaupt blieb man in dieser dubiosen Nacht besser daheim, da alle Geister ungehin-dert frei schalten und walten durften.

 

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Wilde Jagd von Franz Stuck (um 1889), Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

 

Eine ältere Parallele findet sich im höchsten keltischen Fest Samhain zum 1. November. An diesem Tag begann einst das neue Jahr, zugleich der Winter, die Zeit der erstarrenden Na-tur und des Todes. In dieser Nacht sollten Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft zusammen-fallen und Ewigkeit herrschen. Jetzt öffnete die Anderswelt in einigen als hohl geltenden Bergen oder in alten jungsteinzeitlichen Grabhügeln ihre Pforten. Besuche nach hüben und drüben häuften sich. Nicht nur Verstorbene machten dann die irdische Welt unsicher. Jetzt erwachte auch Cailleach, die hässliche Alte mit bläulichem Gesicht (Zeit des Winters und der Eiseskälte) und einem Gefolge Entsetzen verbreitender Dämonen. Erst der Geist des Frühlings bereitete ihrer Vorherrschaft ein Ende. In der Walpurgisnacht lief sie noch ein-mal mit all ihrer schrecklichen Macht zu Hochform auf, bevor sie um Mitternacht zu einem Felsen versteinerte. […]
 
Den kompletten Artikel finden Sie in der Tattva Viveka Ausgabe 49
 

Bildnachweis: © Jürgen Neuner;

 
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