Inititation: Die Reifung zum Mann

Moderne Männer-Initiation in der Praxis

In unserer derzeitigen Gesellschaft dreht sich das Leben eines Mannes um seinen individuellen, beruflichen Erfolg. Hochleistung wird erwartet, Position, Verdienst und Statussymbole stehen im Fokus des Lebens. Das Funktionieren als Rädchen in einem von Macht und Geld dominierten System führt schleichend zu einem Empfinden von Leere und Sinnlosigkeit – wir werden müde, freudlos und antriebslos. Bleibt die zentrale Frage nach dem Mysterium des Seins zu lange ausgeklammert, meldet sich unsere Sehnsucht nach Antwort als Lebenskrise – zum Beispiel in Form der wohlbekannten Midlifecrisis.

 

Jede (Sinn) Krise ist der Ruf des Lebens nach Initiation.

 

Technikmann

Wir hinterfragen unser Leben oft erst, wenn wir in Krisen kommen, sei es auf gesundheitlicher, familiärer oder beruflicher Ebene. Dann müssen wir häufig erkennen, dass wir nicht wirklich eigenständig unser Leben meistern, sondern eine Rolle in der Anonymität des Systems spielen. Nicht selten erleben wir uns dabei als Opfer der Umstände. Es stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Vor 15 Jahren steckte ich selber in einer solchen Krise. Auf der Suche nach Orientierung und Antworten habe ich vor 15 Jahren die moderne Männerinitiation und Männerbewegung für mich entdeckt.

 

Phänomene wie schlagende Verbindungen oder Jugendgangs, Freeclimbing oder
S-Bahnsurfen, Komasaufen oder Drogenkonsum sind moderne, leider inadäquate Selbstversuche der Initiation.

 

Wieso sollte sich der moderne Technikmann überhaupt mit seinen archaischen Seiten beschäftigen? Unser Gehirn ermöglicht uns zwar die kognitiven Leistungen, die das Überleben im elektronischen Hochleistungszeitalter erfordern, doch grundlegende, eben archaische Bedürfnisse reichen stammesgeschichtlich sehr weit zurück. In vielerlei Hinsicht fühlen und denken wir mit einem Steinzeitgehirn.
Die Suche nach Herausforderung und Kräftemessen gehören zu dieser archaischen Seite. In uns ist die Sehnsucht nach Schwellenerlebnissen, nach dem Ausloten unserer Fähigkeiten und nach der Zugehörigkeit zu einer definierten Gruppe. Phänomene wie schlagende Verbindungen oder Jugendgangs, Freeclimbing oder S-Bahnsurfen, Komasaufen oder Drogenkonsum sind moderne, leider inadäquate Selbstversuche der Initiation. Der moderne Technikmann kommt in Konflikt mit seinem inneren Steinzeitmann und gerät leicht aus dem Gleichgewicht, was sich mitunter bis zur Lebenskrise steigert. So erklärt sich, warum gerade die archaischen Seiten und Rituale der initiatorischen Männerarbeit uns in der Tiefe berühren und Frieden schenken. Jede (Sinn) Krise ist der Ruf des Lebens nach Initiation.

Initiation – werde, wer du bist!

Schamanisches Rad

In ihrer ursprünglichen Bedeutung ist Initiation die Einführung (Einweihung) eines Außenstehenden an seinen ihm gemäßen oder vorbestimmten Platz in einer Gemeinschaft. In naturnah lebenden Gesellschaften durchlaufen Jugendliche Einweihungsrituale, durch deren Bestehen sie in den Kreis der erwachsenen Männer aufgenommen werden (Stammesinitiation).
Die Durchführung der stets geheimen Riten obliegt den Ältesten eines Stammes. Ziel ist es den Novizen eingehend auf eine tiefe, initiatorische und oft mystische Erfahrung vorzubereiten, die den Übergang vom Jüngling zum Mann kennzeichnet. Das kindlich unbeschwerte Leben findet ein klares Ende und als erwachsener Mann übernimmt der Initiierte Verantwortung für sich und die Gemeinschaft. Wesentlicher Aspekt der Initiation ist die Würdigung und Einbeziehung der Ahnen, die vor uns gingen und ohne die wir nicht wären.

Moderne Riten

Da uns ja leider keine stammestypischen Einweihungsriten zur Verfügung stehen,
nutzt die moderne Männerbewegung neben den Schwerpunkten der Bibliografie- und Ritualarbeit in hohem Maße die Wiederanbindung an das kollektive Unbewusste, um Fragen nach Sinn und Zweck des Lebens zu stellen. Im kollektiven Unbewussten existieren archaische Männerbilder (der König, der Liebhaber, der Krieger und der Heiler). C.G. Jung trug zu dieser Erkenntnis in seinen psychologischen Studien, Anfang des 20. Jh., wesentlich bei. Zahlreiche Methoden sind entstanden, die uns dieses Wissen der männlichen Seele wieder zugänglich machen und viele Bücher wurden darüber verfasst.

Der Stamm auf Zeit


Männer im Kreis


Ein Grundpfeiler unserer heutigen Männerinitiationarbeit ist das Bilden einer Männergemeinschaft, vergleichbar mit einem Stamm auf Zeit. Im Gefühl der tragenden Zusammengehörigkeit kann ein Mann seinen Gefühlen und inneren Wahrheiten nachspüren und ihnen Ausdruck verleihen.

 

Nur, wer nach innen schaut, erwacht

 

Die Erfahrung, dass es anderen Männern genauso geht wie uns selbst, fördert die Wahrnehmung unserer echten Bedürfnisse und Befindlichkeit. Die oftmals so mühsam zurückgehaltenen Schattengefühle der Scham, Hilflosigkeit, Angst, Wut und Trauer werden endlich spürbar. Im Licht betrachtet verlieren unsere Schatten an Bedrohlichkeit und liefern nicht selten Antriebsenergie für eine Not-wendende Veränderung.

Methoden und Werkzeuge moderner Männer-Initiation

Schamanisches Rad

Maßgeblich durch die eigene Erfahrung (und natürlich durch unser methodologisches Wissen) schaffen wir alten Männer den schützenden Raum, in dem sich ein Mann seiner Verletzlichkeit und seiner meist kindheitsbedingten Verletzungen gewahr wird. Ein Mann kann sich dazu entscheiden, seine Traumen bewusst noch einmal zu durchleben, und durch das homöopathische Prinzip „similia similibus curentur“ (Ähnliches möge Ähnliches heilen) zu befrieden. Er kann es möglicherweise auch zu einer Kraftquelle in seinem Leben transformieren.

Eine wesentliche Methode Glaubenssätzen auf die Spur zu kommen ist die Biografikarbeit. Wer die Ursachen seiner Lebensmuster erkennt muss nicht länger in ihnen gefangen bleiben. Wenn frühere Überlebensstrategien im Heute nicht mehr dienlich sind kann man sie verändern. So wird das Feld für eine Aussöhnung mit den Eltern bereitet.

Redestock einer initiatorischen Männergruppe

Eines der wichtigsten Werkzeuge in der Männer-Initiation ist der Redestock. Im Kreis der Männer spricht jeweils nur derjenige, der den Redestock in den Händen hält. Die anderen Männer üben sich im urteilsfreien Zuhören und Wahrnehmen und im Schenken ungeteilter Aufmerksamkeit. Am Ende bekräftigt die Gruppe das Gesagte mit „Ho!“ … so sei es. Dies würdigt respektvoll die persönliche Wahrheit desjenigen, der sich sprechend gezeigt hat, auch wenn sie möglicherweise im Widerspruch zu eigenen Überzeugungen steht.

Mit Musik, Berührung, Imaginationsreisen und Symbol- und Ritualarbeit treten wir „am Intellekt vorbei“ in Kontakt mit dem limbischen System, einem phylogenetisch sehr alten Teil des Gehirns, dem eine wichtige Funktion bei der Emotions- und Traumaverarbeitung zugesprochen wird.
Die Ritualarbeit ist ein kraftvolles initiatorisches Werkzeug. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, Ordnungen auf der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehung wieder herzustellen um natürliche Strukturen wieder fest zu verankern. Die Loslösung vom Vater zum Beispiel gelingt in dieser Form auf sehr tiefgreifende Weise – der wohl wichtigste Schritt eines Mannes seinen inneren Frieden zu finden.
 

Schwitzhütte

Durch das Schwitzhüttenritual, welches die Verbindung zwischen Himmel und Erde symbolisiert, wird für die Männer direkt erfahrbar, dass mehr existieren muss als nur das unmittelbar Begreifbare. Die Verbindung mit unseren Ahnen, von Himmel und Erde, Mensch und Natur wird erfahrbar.

 

 

Das Entdecken der Achtsamkeit

Für die Wiederanbindung an einen Lebenssinn und das Wesentliche ist der Aufenthalt in der Natur von großer Hilfe. Im Einswerden mit der Natur reift die Einsicht, dass ALLES mit ALLEM in wundersame Art und Weise verbunden ist. Durch das kraftvolle, heilende Potential der Natur wird das Urvertrauen ins Leben wieder wesentlicher Bestandteil unseres Seins. Allem, was ihm im Innen oder Außen begegnet, kann Mann dann zunehmend in achtsamer Weise wahrnehmen.

Männerarbeit ist Friedensarbeit

Moderne Männer-Initiation ist der Initiationsfunke für einen lebenslangen Prozess der Bewusstwerdung. Der bewusste Mann übernimmt Verantwortung für sein Leben und entwickelt eine Lebensvision, in der nicht allein seine Interessen im Mittelpunkt stehen, sondern in der er auch anderen, seiner Familie, der Gesellschaft und der Umwelt handelnd dienen möchte. Er geht die Wege des Lebens des Lebens wegen – zu seinem Wohl und zum Wohle aller fühlenden Wesen.

 

Walter Friedl-Grünecker

Walter Friedl-Grünecker, Alter Mann, Ehemann, Vater, Großvater
Seit 15 Jahren Männermentor und Gründungsmitglied des Ältestenrates Der Weg der Männer. Das Erbauen heilender Räume ist für ihn eine Berufung. Er lebt in Portugal in ursprünglicher Natur, wo auch seine Männerretreats stattfinden. (www.knaubenhof.de www.goladinha.eu)

mailto:walter@maennerintiation.eu
www.maennerinitiation.eu

 

 

Literaturempfehlung von Walter

  • Greg Campbell : Das MännerLebensbuch
  • Robert Blye: Eisenhans: ein Buch über Männer
  • John Bradshaw: Das Kind in uns
  • Robert Moore: King, Warrior, Magician, Lover. Rediscovering the Archetypes of the Mature Masculine
  • Thilo Spahl: Die Steinzeit steckt uns in den Knochen
  • Ken Wilbers: Eros Kosmos Logos

Bildnachweis Schwitzhütte: Temascal, GFDL, Wikimedia Commons.

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