Beobachten wie der Geist von selbst wächst

Beobachten wie der Geist von selbst wächst

Wie eine Meditation ohne Methode uns zum Wesentlichen führt

Autor: Jason Siff
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 105

Einleitung

Der langjährige Meditationslehrer Jason Siff vermittelt einen ungewöhnlichen Ansatz, in dem der Meditierende keine bestimmte Meditationstechnik verfolgen soll, sondern seinen Gedanken, Gefühlen und Impulsen freien Lauf geben soll. Denn nur auf diese Weise kann man sich ehrlich erforschen und den Impulsen des Geistes auf den Grund gehen.

Tattva Viveka: Lieber Jason Siff, du bist ein ungewöhnlicher Meditationslehrer, der mit Titeln wie »Unlearning Meditation« (Meditation verlernen) und »Thoughts Are Not the Enemy« (Gedanken sind nicht der Feind) in der Meditationsszene für Aufsehen sorgte. In diesen Büchern greifst du heikle Themen auf, die jeden Praktizierenden auf seinem spirituellen Pfad früher oder später vor Herausforderungen stellen, über die man jedoch selten spricht. Bereits zu Beginn von »Unlearning Meditation« schreibst du darüber, dass viele spirituell Praktizierende – mich eingeschlossen – ein schlechtes Gewissen plagt, weil es ihnen nicht gelingt, täglich oder lang genug zu meditieren, oder weil sie befürchten, es nicht »richtig« zu machen. Wo liegt die Ursache für dieses weit verbreitete Schuldgefühl?

Jason Siff: Das höre ich in der Tat sehr oft. In unserer Kultur ist es normal, Schuldgefühle zu entwickeln, sobald man etwas nicht durchhält oder nicht diszipliniert genug ist. Wir erhalten konstant Ratschläge darüber, wie man zu meditieren hat, wie lange man täglich praktizieren sollte und welche Techniken die richtigen sind.

Andernfalls würde man nur herumsitzen und nichts tun, oder? Der Punkt ist jedoch, dass Meditation eigentlich nur darin besteht, zu sitzen und sich dessen bewusst zu sein, was man während des Sitzens erlebt. Die geläufigen Praktiken bringen die Menschen dazu, sich mit verschiedenen Techniken und den dazugehörigen Anweisungen zu beschäftigen. Mein Ansatz besagt jedoch genau das Gegenteil: Man sitzt einfach da und schaut, was passiert. Infolgedessen entstehen viel weniger Schuldgefühle, weil man nicht versucht, den Standards oder Idealen anderer gerecht zu werden. Es ist kein Wettkampf. Man praktiziert einzig, um sich selbst besser kennenzulernen und die verschiedenen Geisteszustände zu erleben, die während der Meditation entstehen.

TV: Du gehörst nicht zu den Meditationslehrern, die viel über Erleuchtung und optimale Bewusstseinszustände sprechen, sondern verfolgst deinen eigenen Ansatz, die Recollective Awareness Meditation. Wo liegt der Unterschied zu anderen Meditationsansätzen?

Jason Siff: Als ich noch Mönch war, begann ich meinen eigenen Prozess im Verlernen der Meditation, was zu meiner gegenwärtigen Meditationslehre führte. Dieser entstand aus der Erkenntnis, dass die Hindernisse, denen Menschen in ihrer Meditationspraxis begegnen, oft paradoxerweise von den Lehren und Anweisungen hervorgerufen werden, die sie erhalten. Ich bin beispielsweise der Meinung, dass das ständige Reden und Streben nach Erleuchtung, Nirvana, Leere oder anderen optimalen oder höheren Bewusstseinszuständen lediglich Ideale erschafft. Diese Ideale erzeugen Vorstellungen darüber, wie die innere Erfahrung verlaufen sollte – was jedoch kaum hilfreich ist, um tatsächlich mit dem in Kontakt zu kommen, was wirklich in einem vorgeht.

Man praktiziert einzig, um sich selbst besser kennenzulernen und die verschiedenen Geisteszustände zu erleben, die während der Meditation entstehen.

Viele konventionelle Praktiken versuchen, die auftauchenden Emotionen, Gedanken, Fantasien und Erinnerungen zu umgehen. Mein Ansatz der Recollective Awareness Meditation (Meditation des erinnernden Gewahrseins) hingegen geht davon aus, dass all das, was in der Meditation auftaucht – deine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen – du selbst bist. Dies sind alles Teile von dir, und es geht nicht darum, irgendetwas davon auszuschließen. Um das zu erreichen, muss man in erster Linie die Vorstellung beiseiteschieben, dass es einen besonderen oder höheren Bewusstseinszustand gibt, mit dem man sich verbinden sollte. Die konventionelle Praxis richtet ihre Aufmerksamkeit zu sehr auf das Verlassen dieser Welt und den Übergang zu anderen Orten. Dabei wird vergessen, dass hier ein Mensch sitzt, der sich selbst und seiner eigenen inneren Welt gegenübersteht. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass viele Menschen eine Praxis benötigen, die sie dabei unterstützt, zu erkennen, wie sich das Bewusstsein während des Sitzens auf natürliche Weise entfaltet.

Gemälde von einem buddhistischen Mönch mit oranger Robe in Meditation

TV: Also das Zusammenspiel von äußeren Anleitungen und inneren Erwartungen hemmt den Prozess des Sich-Kennenlernens?

Jason Siff: Ja, genau. Die Menschen meditieren mit der Erwartung, dass sich ihr Geist in der Meditation anders verhalten sollte als außerhalb der Meditation. Aber die Realität ist, dass der Verstand so funktioniert und so denkt, wie er dies auch im Alltag tut. Man denkt darüber nach, was man später essen wird, erinnert sich an ein Gespräch oder schmiedet Pläne. Diese Gedanken sind völlig normal, denn so verhält sich unser Geist während des Tages, aber wir sind uns dessen in der Regel nicht bewusst.

In der Meditation kann man jedoch einen inneren Raum schaffen, um diese Gedanken bewusst zuzulassen und um zu beobachten, was sie bewirken. So kann man Freude, Sicherheit oder das Gefühl, dass man alles gut organisiert hat, noch einmal bewusst erleben. Anstatt diese Gefühle oder Gedanken als etwas Unerwünschtes zu betrachten, muss man begreifen, dass diese Vorgänge notwendig sind, um die Funktionsweisen des eigenen Geistes zu verstehen. Deshalb sage ich: Wie kann man Erkenntnisse über seine innere Welt gewinnen, wenn man nicht weiß, was in ihr vor sich geht? Man muss einen Weg finden, sich dessen, was in seinem Inneren vor sich geht, bewusster zu werden. Aus diesem Grund empfehle ich, die Meditationssitzung im Anschluss Revue passieren zu lassen – sei es durch Tagebuchführen, ein Gespräch mit dem Lehrer oder den Austausch mit Freunden. Ziel ist es, die gemachten Erfahrungen noch einmal bewusst zu durchleben. Wenn man dies regelmäßig tut, wird man feststellen, dass das Erinnerungsvermögen immer besser wird und man die Funktionsweise des Geistes zunehmend tiefer versteht. Mit der Zeit wird man mit allem, was in der Meditation auftaucht, immer vertrauter. Denn man lernt, wie man mit sich selbst umgehen muss und die Toleranz und Akzeptanz für seine Gedanken und Gefühle nehmen auf natürliche Weise zu. Viele Meditationspraktiken legen den Schwerpunkt darauf, uns beizubringen, im gegenwärtigen Moment oder achtsam zu sein. Ich halte es jedoch für wesentlich, den Fokus darauf zu legen, zu lernen, mit sich selbst umzugehen. Aufgrund der Praktik des sich Erinnerns wird man mit sich selbst immer vertrauter, und darauf aufbauend entwickeln sich Einsichten, die einem die Funktionsweise des eigenen Geistes offenbaren. Alles beginnt damit, stillzusitzen. Es gibt nichts anderes zu tun.

TV: Es geht auch immer so viel in einem vor, sobald man sich nur hinsetzt und mit sich selbst Zeit verbringt. Innere Welten eröffnen sich auf unaufhaltsame Weise.

Jason: Richtig. Es passiert so viel. Warum sollte man versuchen, es zu unterbinden? Warum sollte man es nicht kennenlernen? Die Visionen, die verschiedenen Empfindungen, Emotionen und Erinnerungen – all die Gefühle, für die wir vielleicht keine Worte haben – sind ein wesentlicher Teil von uns. Indem man die Aufmerksamkeit auf das richtet, was man im Alltag gewöhnlich ignoriert, kann man erst damit beginnen, das zu erforschen, was sich bisher nur am Rande des eigenen Bewusstseins befand. Selbst Menschen, die Achtsamkeit praktizieren, sind sich häufig der zugrunde liegenden Prozesse ihrer Gedanken nicht bewusst. Sie wissen oft nicht, wohin ihre Gedanken wirklich führen, woraus diese bestehen oder wie diese in bestimmten Situationen überhaupt entstehen.

Doch Gedanken sind mehr als nur mentales Geschwätz, sie sind organisierende Muster. Sie sind ein wesentlicher Teil unserer Existenz und unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie sind nicht nur präsent, sie sind die Triebfedern unseres Lebens. Wenn man diese inneren Muster, Motivationen und Triebkräfte nicht beginnt wahrzunehmen, wird man sich in der Meditation nicht wirklich verändern. Wenn wir uns selbst nicht begegnen, werden wir einfach weiter zum Atem zurückkehren oder versuchen in einen friedlichen Zustand zu gelangen, obwohl dies nur eine andere Art ist, seine Gedanken und Gefühle zu umgehen. Das soll nicht heißen, dass Ruhe und Frieden auf diese Weise nicht eintreten können. Menschen, mit denen ich arbeite und die ihre Gedanken in der Meditation zulassen, sind häufig darüber überrascht, dass die Gedanken mit der Zeit nachlassen, und sie infolge Momente echter Ruhe und Klarheit erleben und sich nur noch ihres Atems gewahr sind. Sie haben die Beziehung zu ihrem Geist so weit verändert, dass er keine Konflikte mehr in den Gedanken und Emotionen erzeugt.  Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass man, wenn man eine bestimmte Haltung einnimmt und zu meditieren beginnt, etwas sehr Subtiles tut. Man verändert auf eine sehr subtile Weise die Art, in der man mit seiner inneren Welt in Beziehung tritt. Sie haben gelernt, dass man nicht immer wieder zum Atem zurückkehren muss, damit sich ihre Beziehung zu sich selbst oder ihrer Mitwelt verändert. Man muss keine Techniken anwenden. Man muss nicht versuchen, zum Beobachter oder Behälter zu werden, an starren Konzepten festhalten oder den Körper scannen. Ich glaube, vieles davon ist wirklich unnötig, denn es hält die Menschen beschäftigt. Es ist nur eine andere Form des Denkens.

Selbst Menschen, die Achtsamkeit praktizieren, sind sich häufig der zugrunde liegenden Prozesse ihrer Gedanken nicht bewusst.

Stell dir vor, du beginnst mit der Meditation und erinnerst dich an ein Gespräch. Du gehst es gedanklich noch einmal durch. Auf diese Weise lässt du die äußere Welt in deine innere Welt hinein; es gibt keine Barriere. Du gibst dir somit die Möglichkeit, dein Leben und deinen Umgang mit der äußeren Welt während der Meditation zu reflektieren. Viele Meditationspraktiken hingegen schaffen genau diese Barriere zwischen dem, was man zuvor getan hat, und der Meditation. Sie veranlassen einen dazu, ein Ritual oder eine Intention auszuführen, um bewusst zu unterbrechen, was zuvor geschah, und etwas Neues zu beginnen, das sie dann »Meditation« nennen.

Ich unterrichte mittlerweile seit drei Jahrzehnten auf diese Weise und immer wieder kontaktieren mich Menschen, die meine Bücher gelesen haben. Sie erzählen mir, dass sie meinen Meditationsansatz bereits für sich selbst praktizieren. Sie hatten jedoch keine Worte dafür und niemanden, der es für sie in diese Form gebracht hat. Es handelt sich um eine Meditationspraxis, die Menschen vielfach für sich selbst entdecken, die jedoch von den Gemeinschaften nicht anerkannt wird. Viele denken, dass sie in ihrer Meditationsgemeinschaft diejenigen sind, die nicht meditieren können, weil sie nicht konsequent beim Atem bleiben können. Auf der Suche nach Unterstützung kommen sie zu mir und in vielen Fällen stellt sich heraus, dass genau diese Menschen diejenigen sind, die tiefer in ihre innere Welt blicken können. Dies erfahren sie als deutlich befriedigender, interessanter und bereichernder, als nur bei ihrem Atem zu bleiben.

Asiatisches Gemälde von einem Baum und einer Sonne

TV: Was wäre denn deiner Meinung nach eine effektive Meditationspraxis? Oder was kann einen beim Meditieren und Sich-seiner-selbst-gewahr-werden unterstützen?

Jason: Das ist eine sehr interessante Frage. Wenn man eine Praxis wie die Achtsamkeitsmeditation aufnimmt, übt man, konstant zum Atem zurückzukehren und ihn auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen. Nach einer gewissen Zeit entwickelt man so ein geschärftes Atem-Bewusstsein. Doch das bedeutet keineswegs, dass man sich dadurch automatisch seiner Gedanken und Emotionen bewusster ist. Damit man stärker mit seiner Innenwelt in Kontakt kommt, muss in der Praxis noch etwas zusätzlich geschehen. Die Achtsamkeitsmeditation hat dafür ihre eigene Herangehensweise, die oft an eine bestimmte Übung oder Strategie geknüpft wird. Der Effekt ist dabei paradox: Man beginnt mit der Absicht, eine Veränderung herbeizuführen, und im Laufe der Zeit tritt dann tatsächlich eine Veränderung ein.

Tattva Viveka Nr. 105

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Schwerpunkt: Meditation
Erschienen: Dezember 2025

Dirk Grosser – Den Augenblick so lassen, wie er ist • Dr. Thilo Hinterberger – Befreiung des Geistes durch Meditation • Dr. Ulrich Ott – Achtsamkeit ist keine Pille, sondern Übungssache • Dr. Holger C. Bringmann – Rückverbindung zur unsterblichen Seele • Sebastian F. Seeber – Platon und Meditation • Dr. Cynthia Bourgeault – Thomas Keating • Bischof Anba Damien – Das Vertrauen in die Stille • Jason Siff – Beobachten wie der Geist von selbst wächst • Kevin Johann – Räuchern: Die Zeit der inneren Einkehr • Buchbesprechungen • u.v.m.

Zum Autor

Portrait von Jason Siff

Jason Siff war zwischen 1987 und 1990 buddhistischer Mönch in Sri Lanka und entwickelte dort seine eigene Form der Vipassana-Meditation, die später als »Recollective Awareness Meditation« bezeichnet wurde. 1992 erwarb er einen Master-Abschluss in Counseling Psychology. 1996 gründete er das Skillful Meditation Project, schrieb sein erstes Meditationshandbuch und begann, Meditation in größerem Umfang zu unterrichten. 2010 veröffentlichte Shambhala Publications sein erstes Sachbuch über Meditation, „Unlearning Meditation“, gefolgt von „Thoughts Are Not the Enemy“ (2014).

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