Die heilende Kraft des Nicht-Tun

Die heilende Kraft des Nicht-Tun

Yin-Yang im Erkennen und Heilen

Autor: Prof. Dr. Peter Hubral
Kategorie: Taoismus
Ausgabe Nr: 50

Im Huangdi Neijing, dem ältesten Medizinkanon der Welt, der dem Gelben Kaiser (Huangdi, 2698-2598 v.u.Z.) zugeschrieben wird, werden die Qi-Meridiane angesprochen. Hubral beleuchtet die Dialektik zwischen Yin und Yang in der Lebenspflege und Wahrheitssuche. Dies sollte besonders für diejenigen von Interesse sein, die Meditationen und Bewegungsübungen jeglicher Art als Wege zur Förderung von Erkenntnis und Selbsterkenntnis wie auch zur Gesundheitsvorsorge und Heilung betrachten.

 

 

Im Huangdi Neijing, dem ältesten Medizinkanon der Welt, der dem Gelben Kaiser (Huangdi, 2698-2598 v.u.Z.) zugeschrieben wird, werden die Qi-Meridiane angesprochen, die in Yin- und Yang- Meridiane unterteilt werden. Sie wurden und werden immer noch mit der Dao- Praxis (Daoxing) entdeckt (Hubral, Tattva Viveka 44, 2010). Dabei handelt es sich um eine formlose Taiji-Stehübung, mit der ich seit 1997 vertraut bin. Sie ist die Essenz der altchi- nesischen Lebenspflege und Wahrheitssuche (Yangsheng-Xiuzhen). Sie bietet ein umfangreiches Vokabular an, auf das sich Dao-Lehre, TCM und Taiji-Schulen beziehen. Dazu gehören Wu,Wuyou = Taiji = Dadao, You, Wuwei, Youwei, Yin und Yang, die in diesem Artikel angesprochen werden.

Die Übersetzung von Wuwei ist: Wirken (Wei) aus dem Unbekannten (Wu). Es wird durch Nicht-Tun bzw. Nicht-Handeln verursacht.

 

Ich werde insbesondere die Dialektik zwischen Yin und Yang in der Lebenspflege und Wahrheitssuche beleuchten. Was ich darüber berichte, sollte besonders für diejenigen von Interesse sein, die Meditationen und Bewegungsübungen jeglicher Art als Wege zur Förderung von Erkenntnis und Selbsterkenntnis wie auch zur Gesundheitsvorsorge und Heilung betrachten. Wir lesen im Huangdi Neijing: »Ich habe gehört, dass in alten Zeiten es ›geistige Wesen‹ gegeben hat; (…) sie verstanden das Yin und Yang.« Ich werde erklären, was es heißt: »Sie verstanden das Yin und Yang.« Dahinter steckt laut Tao-Meister Fangfu die Dao-Praxis, die Erkennen und Heilen fördert. Ich werde begründen, warum Yin mit verzehrendem Nehmen der Kultur und Yang mit schöpferischem Geben der Natur zu tun hat. Beides ist fürs Erkennen und Heilung von Bedeutung.

 

Die Schöpfung wirkt dort, wo das Denken nicht hinkommt.

 

Wuwei und Youwei im Erkennen und Heilen 

Meine Erklärung des Zitats basiert auf meinem Wissen über die Dao-Lehre, das ich in meiner Erfahrung mit Daoxing bestätigt sehe. Beides veranlasst mich, die erkennend kognitive und heilend physio- logische Funktion der Yin- und Yang-Meridiane anzusprechen, denn sie trägt zum Verständnis des vegetativen Nervensystems bei, das ebenfalls in zwei Teilsysteme, Sympathikus und Parasympathikus, aufgeteilt ist. Man braucht, wie ich zeige, weder eine konkrete Vorstellung von den Yin- und Yang-Meridianen noch vom dualen vegetativen Nervensystem zu haben, um deren dialektische Funktionsweise zu würdigen und den eigenen Lebensrhythmus in mehr Harmonie mit der Natur zu bringen. Dazu ist in erster Linie ein Verständnis von Wuwei und Youwei gefragt. Die Übersetzung von Wuwei ist: Wirken (Wei) aus dem Unbekannten (Wu). Es wird durch Nicht-Tun bzw. Nicht-Handeln verursacht, was ebenfalls Wuwei genannt wird. Ich nenne Wuwei den schöpferischen Trieb. Wuwei gilt in der Dao-Lehre als das höchste Prinzip.

 

 

Die Übersetzung von Youwei ist: Wirken (Wei) aus dem Bekannten (You). Er wird durch Tun, d.h. Kontrolle, Wille, Denken und Handeln verursacht, was ebenfalls Youwei genannt wird. Ich nenne Youwei den gesellschaftlichen Trieb. Wie ich inTattva Viveka 46 angedeutet habe, bezeichnet Platon (427-347 v.u.Z.) Wuwei mit Philía (Liebe) und Youwei mit Neíkos (Streben). Der griechische Philosoph Empedokles (ca. 495-435 v.u.Z.) nennt Philía eine Königin. Das hängt damit zusammen, dass Philia das Erkennen und Heilen fördert und Neíkos es verhindert. Das Wort Philía wird mit Weisheit (Sophía) in Zusammenhang gebracht, worauf das altgriechische Wort Philosophía = mit Philía zur Sophía hinweist (Hubral, Tattva Viveka 44, 45, 46). Bei der Philosophía, der Mutter der heutige Philosophie, geht es offenbar um das gleiche Geschäft wie das, was ich hier anspreche (Hubral, 2011). Youwei (Neíkos) ist kulturell geprägtes Handeln und Wuwei (Philía) is natürliches Nicht-Handeln. Beide wirken gegeneinander. Eins erzeugt das andere. Eins braucht das andere. Am Höhepunkt von Wuwei entsteht Youwei und umgekehrt. Was durch Wuwei aus sich heraus schöpferisch zustande kommt, wird durch Youwei gehemmt. Wer am Erkennen und Heilen interessiert ist, kommt nicht umhin, sich mit Wuwei und Youwei, die im dialektischen Yin-Yang-Wechselspiel sind, auseinanderzusetzen.

 

Qi-Meridiane und vegetatives Nervensystem

Es spricht vieles dafür, den beiden Yin und Yang-Meridianen und den beiden Teilsystemen des vegetativen Nervensystems dieselbe kognitive und physiologische Funktion zuzuweisen. Dazu zählt, dass Wuwei die Yang-Meridiane und You- wei die Yin-Meridiane aktiviert. In der westlichen Medizin entsprechen diesen Parasympatikus bzw. Sympathikus. Sind die fünf Sinne und das sie koordinierende Bewusstsein aktiv, also im Zustand von Youwei, dann sind die Yin-Meridiane auch aktiv. Sind sie inaktiv, also im Zustand von Wuwei, sind die Yang-Meridiane aktiv.

 

Dieser Fluss kann nicht willentlich verursacht werden, sondern erfolgt unwillentlich.

 

Die Funktionen der Yin- und Yang-Meridiane werden in der Dao-Lehre umfassender, als Sympathikus und Parasympathikus in der westlichen Schulmedizin, verstanden. Folglich tragen sie dazu bei, das vegetative Nervensystem besser als bisher zu verstehen. Dazu ist es wichtig, den beiden fundamentalen Begriffen Yin und Yang wie auch Wuwei und Youwei die Bedeutung zuzuweisen, die ich im Folgenden erkläre. Was ich darüber berichte, trägt in Anbetracht der uralten Dao-Erkenntnisse über die Q-Meridiane insbesondere dazu bei, den Parasympathikus besser als bisher zu verstehen. Er wird in der westlichen Medizin meist stiefmütterlich behandelt, während den Yang-Meridianen in der Dao-Lehre eine sehr hohe Bedeutung zugemessen wird. Dies haben ohne Zweifel der Gelbe Kaiser, Laozi (ca. 604–531 v.u.Z), Platon und Empedokles erkannt, worauf moderne Dao-Lehrer wie Fangfu verweisen. […]

 

Den kompletten Artikel finden Sie in der Tattva Viveka 50

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 03: Ronald Engert – Plato und die Bhagavad-gita.
Erstaunliche Übereinstimmungen

TV 25: Dr. phil. Georg Zimmermann – I Ging, das Buch der Wandlungen

TV 43: Lothar Diehl – Pythagoras und die Pythagoreer.
Spurensuche an der Wiege der abendländischen Kultur

TV 44: Prof. Dr. Peter Hubral – Das Dao des Sokrates.
Erkenntnis durch Nicht-Tun

TV 45-46: Prof. Dr. Peter Hubral – Mythos und Lógos.
Ursprung und Untergang der Philosophie

 

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