Ins and Outs

Differenz weiblicher und männlicher Erkenntnis

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 52

Der Unterschied zwischen Mann und Frau wird in der Gesellschaft diskutiert und auf unterschiedlichsten Ebenen verortet. Diese Abhandlung setzt den körperlichen Unterschied der Geschlechtsorgane mit unterschiedlichen Erkenntnismodi in Bezug, die grundsätzlich eine Komplementarität aufweisen, aber auch so fundamental verschieden sind, dass sie zu unterschiedlichen Welterfahrungen führen.

 

Ronald Engert - Ins and Outs

 

Gibt es eine Geschlechterdifferenz?

Stellt man sich die Frage der Geschlechterdifferenz, also die Frage, worin sich Mann und Frau unterscheiden, wird von vielen Menschen eine grundsätzlichere Frage aufgeworfen, nämlich die, ob es nicht besser wäre, uns generell nur als Menschen zu betrachten. Sind die Unterschiede vielleicht alle nur sozial konditionierter Natur?

Ein nüchterner Blick auf die Tatsache zeigt, dass beides stimmt. Menschliche Lebewesen liegen in zwei unterschiedlichen Formen vor: als Männer und als Frauen. Dennoch sind sie alle Menschen. Vielleicht ist es angemessen, von einer proportionalen Verteilung zu sprechen. Nehmen wir an, 80 % unseres Wesens sind menschlich, und 20 % sind geschlechtsspezifisch. Diesen 20 % unseres geschlechtsspezifischen Anteils können möglicherweise zu gleichen Teilen auf einerseits biologische und andererseits soziokulturelle Ursachen zurückgeführt werden.
Ein Teil der geschlechtlichen Rollen ist sicherlich kulturell geprägt. Wir lernen, wie wir uns als Frau oder Mann in der Gesellschaft zu verhalten haben. Diese Geschlechterrollen unterscheiden sich je nach Kultur und Zeitgeschichte.

Ein anderer Teil von uns ist definitiv biologisch verschieden. Insbesondere im Bereich der Geschlechtsorgane gibt es eindeutige Unterschiede. Männer haben einen Penis, Frauen haben eine Vagina. Männer haben Hoden und Frauen haben Gebärmütter. Dieser Unterschied in den Sexualorganen ist enorm wichtig, wird jedoch in der Regel nur wenig thematisiert, da das Gebiet mit sehr viel Scham besetzt ist. Die Sexualenergie ist im philosophischen Sinn immer noch eine delikate Angelegenheit, denn gerade in den eher geistig ausgerichteten Kreisen kann eine latente Tabuisierung auch heute noch beobachtet werden. Gleichwohl ist eine phänomenologische und systemische Deutung der komplementären Beschaffenheit der Sexualorgane und Körper von Frauen und Männern sogar erkenntnistheoretisch relevant. Der geschlechtsspezifische Unterschied bezieht sich logischerweise zunächst auf den geschlechtlich relevanten Anteil des Menschen, also auf seine Paarbeziehungen und sein Beziehungsverhalten. Es ist jedoch auch eine tiefere Bedeutung in diesen Unterschieden zu erkennen, die bis in philosophische, spirituelle und erkenntnistheoretische Bereiche geht. Logischerweise wird sich ein geschlechtsspezifischer Unterschied am ehesten an den geschlechtsspezifischen Organen des Körpers festmachen lassen, sprich an den Geschlechtsorganen.

 

Vagina und Penis

Hier zeigt sich evident eine unterschiedliche Funktionsweise von Vagina und Penis: Frauen haben einen Eingang, wo die Männer einen Ausgang haben. »Where we have ins, men have outs«, schrieb einmal eine Frau in einem Erwachsenenmagazin über gleichgeschlechtliche Liebe. Sie hatte Sex mit einer Frau gehabt, kam jedoch zu der Ansicht, dass ein Mann besser zu ihr passt, aufgrund der komplementären Form der Geschlechtsteile. Der folgende Artikel möchte sich der Frage nach diesem »kleinen Unterschied« zuwenden.

Die unterschiedlichen Formen von Vagina und Penis, von der die oben zitierte Frau bezüglich ihrer sexuellen Erfahrungen spricht, sind von weitreichender Bedeutung. Sie begründen einen völlig unterschiedlichen Zugang zu sich selbst und zur Welt. Hier kommen wir zur Unterscheidung von zwei grundsätzlichen Prinzipien: der weiblichen und der männlichen Essenz.
Das, was sich auf der somatischen Ebene als »in« und »out« ausdrückt, lässt sich auf der emotionalen, kognitiven und spirituellen Ebene wiederfinden. Diese Formen begründen oder repräsentieren unterschiedliche Erkenntnismodi.

 

Die unterschiedlichen Formen von Vagina und Penis sind von weitreichender Bedeutung.

 

Vorweg wäre zu sagen, dass der männliche Erkenntnismodus nahezu die Totalität unserer Welterkenntnis konstituiert, während der weibliche Erkenntnismodus nahezu verloren gegangen ist. Zum Glück nur nahezu, denn er ist sehr wohl noch existent und rekonstruierbar, wenn auch schwierig zu vermitteln. Vermutlich ist diese Verschiedenheit der Herangehensweise so groß und gleichzeitig so unbewusst, dass sich ein Mann niemals vollständig in die weibliche Sichtweise hineinversetzen kann. Umgekehrt kann eine Frau niemals die männliche Perspektive vollständig nachvollziehen. Dies schließt nicht aus, dass beide Essenzen in jedem Menschen vorhanden sind. Es wird sich aber jedes Individuum irgendwo zwischen diesen beiden Polen verorten, und eine der beiden Essenzen wird die dominante sein. An dieser Stelle sei ergänzt, dass es immer auch Sonderformen, z.B. eines völlig ausgeglichenen Gleichgewichts zwischen männlich und weiblich in einer Person geben mag. Auch ist die männliche Essenz nicht zwingend in einem männlichen Körper dominant, oder die weibliche in einem weiblichen Körper. Auch das Third-Gender-Phänomen oder die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Schwulen und Lesben ändern nicht grundsätzlich etwas an dem großen Bild. Diese Sonderformen werden nicht ausgeschlossen, sondern stellen mögliche Spielarten im Orchester der Natur dar. Ausnahmen bestätigen die Regel und können ebenfalls zum Verständnis der komplementären Modi beitragen.

 

Die weibliche Essenz und die Form der Vagina

Die Vagina ist ein Innenraum oder Hohlraum, ein Gefäß, ein Umschließendes und Aufnehmendes. Sie ist ein »in«, ein Eingang, eine Einstülpung im Körper. Sie empfängt und passt sich an. Sie ist rezeptiv und passiv. Sie ist Passion. Es kommt etwas hinein, ein Penis. Dieser Penis ist ein Etwas, aber die Vagina selbst ist kein Etwas, kein Ding. Sie ist das komplementäre Gegenstück zum Ding, ein Nicht-Ding. Dieses Nichts ist ein negativer Erkenntnismodus, nicht im Sinne von »schlecht«, sondern im Sinne von anziehend und aufnehmend, von einem Unterdruck, der Zug erzeugt. Es will gefüllt werden, denn die Natur kennt kein Vakuum. Es ist eine ziehende Kraft. Ein Modus, der keine Position einnimmt. Die Bewegung geht von außen nach innen.

 

Ohne richtige Abgrenzung gibt es auch keine richtige Verbindung, sondern nur kranke Vermischung und Konturlosigkeit.

 

Um es hier gleich vorwegzunehmen, ich bin der Meinung, dass dieser Erkenntnismodus der Negation im Gegensatz zur Position die höhere, weil reinere Erkenntnis ist. Es ist jedoch in dieser Betrachtung notwendig, sich von der Konnotation des Begriffs »Negation« als schlecht oder als Ablehnung zu verabschieden. Es geht in diesem Fall um eine energetische Struktur, die wertfrei ist.

 

Die männliche Essenz und die Form des Penis

Der Penis ist ein Ding, ein Etwas, eine Position. Er dringt ein, er penetriert und nimmt. Er hat eine steife Form und nimmt den Raum ein, den die Vagina darstellt. Er drückt und stößt. Er gibt und macht, er ist ein aktives Prinzip. Er ist Aktion. Der Penis ist das komplementäre Gegenstück zum Nicht-Ding, zur Vagina. Der Penis ist ein »out«, ein Ausgang, eine Ausstülpung am Körper. Der Penis repräsentiert den positiven Erkenntnismodus, denn er ist eine Position. Weil er Raum einnimmt, macht er Druck. Und er drückt etwas heraus, in die Vagina hinein, den Samen. Die Bewegung geht von innen nach außen.

 

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Traditionelle Darstellung von Lingam und Yoni

 

Das Wechselspiel

Im indischen Tantra wird dem Mann, Shiva, der Lingam zugeordnet. Im Westen wird der Lingam meistens als Phallus interpretiert. Dies ist jedoch eine sehr verkürzte Auslegung. Schaut man sich eine traditionelle Lingam-Skulptur in indischen Shiva-Tempeln an, so ist der Lingam maximal formlose Form, eine Form der minimalsten Informationsdichte und Komplexität. Er ist einfach ein abgerundeter länglicher Stein, der symmetrisch und gleichseitig wie eine räumliche Elipse geformt ist. Selbst ein Ei wäre eine komplexere Form, da die beiden Längsenden unterschiedlich dick sind. Der Lingam ist somit die maximal abstrakte Repräsentation eines Formhaften überhaupt, ein reines »Ding«, ein »Was«, eine Position. Der Lingam repräsentiert das Ding an sich.

 

Sie nimmt keinen Raum ein, sie ist der Raum. Alle bisherige positive, maskuline Erkenntnis des Menschen ist auf das Feststellen, Festlegen und Festsetzen ausgelegt.

 

Ihn umschließt die Yoni, die Repräsentation der Shakti, der weiblichen Energie, eine komplex geformte Struktur. Sie lässt mit etwas Phantasie die Form der Vagina erkennen. In den traditionellen religiösen Darstellungen umschließt die Yoni den Lingam, umfließt ihn und ist in diesem Sinne das Gegenstück, die Negation. Sie nimmt den Lingam auf, repräsentiert die Shakti, die Göttin, die Frau Shivas. Sie ist die Schöpfung, die materielle Welt. Sie ist das, in das sich Etwas eindrückt, einformt. Die Materie wird in-formiert.

Position und Negation sind hier nicht wertend zu verstehen, sondern als gleichwertige und gleichberechtigte polare Elemente der Wirklichkeit. Die Abwertung des Negativen im männlich-positiven Erkenntnismodus ist eines der größten Missverständnisse der menschlichen Erkenntnisarbeit. Das Negative ist das Nicht-Formende, die Nicht-Position, somit das Offene und Flusshafte, das Nicht-Entschiedene. Der negative Pol ist druckempfindlich und verletzbar. Das Positive ist die Position, der Standpunkt, das Geschlossene und Feststehende, die Entscheidung. Der positive Pol ist drückend und kann verletzen. Er ist aber auch empfindlich gegenüber Entzug.

[…]

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben
TV 03: Ronald Engert – Zur Kritik der Gewalt. Walter Benjamin
TV 05: Ronald Engert – Die Lebenskurve. Viktor Schauberger
TV 09: Frank Julian Gelli – Schauberger, Schlangenbewegung und metaphysische Erkenntnis
TV 28: Brigitte Harnoss – Wer ist Gott. Einheit und Vielheit
TV 34: Ronald Engert – Über das Sehen. Nicht-Wertung und Gottesurteil
TV 48: Armin Risi – Spirituelles Unterscheidungsvermögen
TV 50: Alexandra Schwarz-Schilling – Die Polarität der Geschlechter
TV 51: Prof. Dr. Peter Hubral – Das Dao des Denkens
TV 52: Robert Gansler – Empraxis. Das aus sich rollende Rad
TV 52: Prof. Dr. Walter Hollstein – Der entwertete Mann
TV 52: Jack Silver – Männerarbeit

 

Bildnachweis: © photocase

 

2 Kommentare
  • alex
    Veröffentlicht um 09:56h, 24 August Antworten

    Der entscheidende Unterschied zwischen Mann und Frau ist der, dass Frauen gebären können, sie haben eine Gebärmutter, und Männer eben nicht. Der Mann ist sozusagen das unvollständigere Wesen (hat nur 9 statt 10 Tore).

  • Saleem Matthias Riek
    Veröffentlicht um 09:21h, 16 Januar Antworten

    Lieber Ronald ,
    ich finde deine Ausführungen durchaus inspirierend, aber doch viel eher ideologisch, d.h. von Ideen geleitet, als phänomenologisch.
    So ist die sexuelle Anatomie und Physiologie von Frauen und Männern viel ähnlicher als du beschreibst. Sie entwickelt sich embryonal aus dem genau gleichen Gewebe.
    Hier habe ich mal meine Sicht auf die Hypothese männlicher und weiblicher Essenz zusammengefasst, in der ich mich u.a. auch auf den obigen Text beziehe:
    https://www.sein.de/weiblickeit-und-maennlichkeit-von-archetypen-und-stereotypen/
    Herzliche Grüße Saleem

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