Über das e in Delphi

Pyromanteia

Über ein außergewöhnliches Zeichen im Tempel des Apollon

Autor: Clemens Zerling
Kategorie: Griechische Antike
Ausgabe Nr: 60

 

Einen Nimbus von ungelösten Rätseln, spirituellen Geheimnissen und göttlichen Mysterien umgab das berühmteste Apollon-Orakel der klassischen Zeit im griechischen Delphi. Wer vermag schon allein die Inschrift »Erkenne dich selbst!« auf dem Tempel des Apollon gänzlich auszuloten. So manche Portale zu diesen Mysterien bleiben aber nicht mehr so dicht verschlossen, wenn Apollon sich als göttliches Selbst in unserer Seele offenbart.

 

Seit unvordenklichen Zeiten soll die Erdgöttin Gaia im griechischen Delphi verehrt worden sein, nahe einer raunenden Quelle und vielleicht schon mit einem Erdorakel verknüpft. Funde beweisen, dass im 8. Jahrhundert v. Chr. die Gottheit Apollon ihr Heiligtum vereinnahmt hatte. Gemäß örtlichen Mythen musste er dazu die unterweltliche Drachenschlange Python töten, die Gaias Hain hütete. In dieser Zeit begann auch bereits der Aufstieg von Delphi (= Mutterschoß) zur bedeutendsten Orakelstätte im Altertum. Eine Priesterin mit dem Titel Pythia vermittelte die Weissagungen, offensichtlich in ekstatischer Trance, vielleicht unter Zusatz psychoaktiver Substanzen. Oder sorgten etwa (ethylenhaltige) Gase, die laut antiken Berichterstattern von einem abgrundtiefen Erdspalt aufgestiegen seien, für ihre Rauschzustände?

Inwieweit die berühmten delphischen Weissagungen für die wichtigere Klientel aber tatsächlich von ihr selbst stammten, bleibt umstritten – bevorzugte Apollon doch wohl das strenge Hexameterversmaß. Eher deuteten über die jeweilige politische und gesellschaftliche Lage ungemein informierte Priester die oft vagen Antworten der Pythia auf ihre Weise, überarbeiteten oder entwarfen sie sogar selbst. Zu dieser Klientel gehörten neben zeitgenössischen Honoratioren Abordnungen der Hunderte von griechischen Stadtstaaten, Delegationen auswärtiger Reiche, ab dem 1. Jahrhundert selbst vom römischen Senat und in der Spätantike von römischen Kaisern. Jedenfalls nahm das Orakel von Delphi in seiner Blütezeit gewichtigen Einfluss, was Politik, Rechtsprechung, Religion, Erziehung, gesellschaftliche Normen und Ideen zu Reformen der griechischen Kultur anging; nicht selten auf Entscheidungen von großer Tragweite und Brisanz, selbst über Krieg und Frieden.

Das Licht (Nous) von Delphi …

»Achsenzeit« taufte der Philosoph Karl Jaspers die Zeitspanne vom 8. bis zum 3. Jahrhundert v. Chr., während der sich doch in voneinander unabhängigen Kulturräumen wahre Bewusstseinssprünge vollzogen. Im 8. Jahrhundert legten hinduistische Denker in den Schriften der UPANISHADEN ihre Erfahrungen mit dem Göttlichen im Menschen nieder, das sie bereits »das Selbst« nannten. In dieser Zeit könnte Zarathustra in Persien gelebt haben. Im 6. Jahrhundert lehrten Konfuzius und der eher nur legendäre Laotse in China. Gleichzeitig deuteten in Griechenland die Altpythagoreer das Selbst als »unsichtbare Zentralsonne« im All und in unserer Seele. Dessen höchsten Ausdruck fanden sie, und nachfolgend die Platoniker, im schöpferischen Geist, dessen hellstes Licht in der Vernunft. So verknüpften im Zuge früher Spekulationen über den solaren männlichen Geist und die lunare weibliche Seele die Apollon-Priester von Delphi offensichtlich das Intuitive der Pythia, welches die Priesterin aus der Jenseitswelt des Chtonischen und ihrem Unbewussten zog, mit analytischer Verstandestätigkeit. Aus dieser Achsenzeit des 6. Jahrhunderts v. Chr. stammten auch die Sieben Weisen, ranghohe und geachtete Philosophen der griechischen Antike. Sie verewigten sich im Vorhof des Apollon-Tempels von Delphi durch Inschriften kurzer Lebensregeln und Maximen – oder wurden dort verewigt. Erst ab dem 2., vor allem aber ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. erlebte das Heiligtum in Delphi seinen unaufhaltsamen Niedergang und glitt in die Bedeutungslosigkeit. Im Jahre 391 n. Chr. hob ein Edikt des christlichen Kaisers Theodosius I. alle Orakel in der von den Römern besetzten Welt auf. Bis dahin vermochte Delphi mit seinen eindrucksvollen Anlagen und Impulsen fast tausend Jahre lang das innerste Zentrum der hellenischen Welt zu bilden. Stolz zeigte man im Tempelbezirk den Omphalos: den Nabel der Welt.

 

Tempels von Apollon


Ruinen von Delphi, des Tempels von Apollon

 

Wie oft hatten sich die zahllosen Besucher, die aus der ganzen Alten Welt nach Delphi zogen, ge-wundert, wenn sie dem imposanten Apollon-Tempel ihre Aufwartung machten. Einige Delphische Münzen aus der Zeit Kaiser Hadrians (reg. 117-138 n. Chr.) präsentieren auf ihrer Rückseite noch die ehemalige Frontalansicht. Zwischen dem mittleren Säulenpaar hängt ein Gebilde in Form eines »E« vom Gebälk herab. Niemand aber vermochte den zeitgenössischen Touristen und Pilgern zum Orakel ausreichend Antwort zu geben, was es damit auf sich hatte. Überlieferungen erwähnten nur, dass es zweimal ersetzt wurde oder ersetzt werden musste. Plutarch (um 45-125 n. Chr.), ein gelehrter griechischer Schriftsteller, neuplatonischer Philosoph und einige Jahre Priester am Apollon-Tempel zu Delphi, wusste mehr darüber. Er verfasste in seinen MORALIA eine eigene Schrift »Über das E in Delphi«: die einzige antike Quelle dazu. Ursprünglich soll das E aus Holz gewesen sein und noch aus der Zeit der Sieben Weisen gestammt haben. Die Stadt Athen habe dann ein bronzenes E gestiftet, das Livia, Gattin des römischen Kaiser Augustus’ (58 v. Chr.-29 n. Chr.), schließlich durch ein goldenes ersetzen ließ.

… und seine Arkana, die sich allen einseitigen Enthüllungsversuchen verschließen

Interesse und Neugier diesbezüglich dürften enorm gewesen sein. Gehörte dieses E doch zu den »Drei Großen Rätseln von Delphi«: zusammen mit einer dunklen Weissagung, die das Orakel von Delphi dem Dichter Homer über dessen Herkunft und Tod geliefert haben soll, und der Bedeutung des Dreifuß im Adytum (innerstes Heiligtum), auf dem die Pythia ihre Botschaften empfing. Plutarchs Text erwähnt, dass in Delphi noch weitere Geheimnisse auf befriedigende oder endgültige Lösungen harrten: warum bei dem ewigen Feuer im Tempel einzig Tannenholz verheizt und zu Räucherungen lediglich Lorbeer benutzt werden durfte; warum der Tempelbezirk nur Bildsäulen von zwei der drei Parzen präsentierte; warum außer der Pythia keine Frau das Adytum als eigentliches Orakelheiligtum betreten durfte; vor allem aber die Bedeutungstiefe der beiden Inschriften am Eingang des Apollon-Tempels – »Erkenne dich selbst« (Thales von Milet zugeschrieben) und »Nichts zu viel« (Solon aus Athen zugeschrieben) –, die kaum auszuloten seien.

 

Plutarch


Plutarch war ein griechischer Schriftsteller.
Er verfasste zahlreiche biographische und philosophische Schriften,
die seine umfassende literarische und philosophische Bildung
und Gelehrsamkeit zeigen.

 

Einer »Weihegabe« ähnlich und »im Rang eines Heiligtums« hing das E deutlich sichtbar an der Frontfassade und stand im Ruf »eigentümlicher und außerordentlicher Kraft«. Jammerschade, dass niemand Genaueres zu wissen schien oder die Apollon-Priester sorgsam das Mysterium hüteten! Auch Plutarch entzog sich regelmäßig einer Antwort darauf, bis eines Tages seine eigenen Söhne ihn drängen. So setzt er sich nun mit ihnen, Priesterkollegen und honorigen Gästen, die eigentlich gerade wieder abreisen wollen, beim Tempel nieder. Und es startet eine ungewöhnlich vielseitige Disputation um das ungelöste Rätsel. Geschickt lässt der Autor dieses Gespräch in sieben Stufen auf das Wesentliche zusteuern.

Sieben Annäherungen an die Wahrheit

1. Nachdem der Philosoph Ammonios, Plutarchs verehrter alter Lehrer, jene zahlreichen ungelüfte-ten Mirakel von Delphi aufgezählt hat, ergreift Plutarchs Bruder Lamprias das Wort. Er betont, nur das kundzutun, was er vom Hörensagen kenne. Ursprünglich habe es nicht sieben, sondern nur fünf Weise in Griechenland gegeben. Diese fünf wollten weder Cleobulus, den Herrscher von Lindus, noch Periander, den Tyrann von Korinth, anerkennen, die üblicherweise mitgezählt werden. Hätten Letztere doch ihren Mangel an Weisheit und Tugend durch bezahlten Ruhm in Szene gesetzt und forciert. In einer Zusammenkunft wären die fünf nun übereingekommen, das griechische Epsilon (E), den fünften Buchstaben im Alphabet und zugleich Zahlzeichen 5, Apollon zu weihen. Damit wollten sie vor dem Gott bezeugen, es gebe tatsächlich nur fünf Große Weisen unter den Griechen.

2. Nachdem sich einige am Gespräch Beteiligte über solche Legenden mokieren, bemerkt ein unge-nannter Priesterkollege von Plutarch sogar, er halte das für »abgeschmackt« und genau so trivial wie eine andere Deutung: Im griechischen Alphabet sei E der zweite in Vokalfolge, die Sonne nach dem Mond der zweite Planet in der gängigen Planetenreihe. Da Apollon mit der Sonne gleichsetzt werden könne, symbolisiere das E den Gott von Delphi. Solche Annäherungen bleiben also wohl zu sehr an der Oberfläche. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 08-09: Dr. Claudius Kern – Macht und Ohnmacht der Philosophie.
Zur Ideologiegeschichte des Abendlandes

TV 10: Annemarie Maeger – Himmlische Hierarchie und Herzmonade.
Die Philosophin Hypatia

TV 32: Prof. Dr. Dr. Alfred Toth – Die Mathematik des Schicksals.
Oswald Spenglers organische Mathematik

TV 45: Clemens Zerling – Die Tetraktys als geheime Essenz göttlicher Schöpfung

TV 45-46: Prof. Dr. Peter Hubral – Logos und Mythos.
Ursprung und Untergang der Philosophía

TV 56: Prof. Dr. Peter Hubral – Genesis.
Die universelle Erfahrung der Schöpfung

 

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