Der ayurvedische Weg in die Balance

Der ayurvedische Weg in die Balance

So lassen sich komplementäre Gunas nutzen, um physischen und psychischen Ausgleich zu schaffen

Der Weg in unser Herz führt durch die innere Ausgeglichenheit. Um Balance herzustellen und beizubehalten, hilft es, die Lehre des Ayurveda zu studieren. Diese Lehre zeigt auf, wie Harmonisierung und Heilungsprozesse durch das Ausgleichen der 20 Gunas oder Grundqualitäten des Wesens erreicht werden können.

Innere Ausgeglichenheit ist ein heikles Anliegen. Es klingt so einfach, und doch bleibt das Thema innere und äußere Balance in Medien und Selbsthilfe hochaktuell. Wir sind auf der Suche nach immer neuen Methoden, Sichtweisen und sogar Technologien, um das ersehnte innere und äußere Gleichgewicht zu finden und zu erhalten. Oft betrachten wir die innere und äußere Balance als einen Zustand, einen Status. Ist Balance hergestellt, versuchen wir, die momentanen Angewohnheiten aufrechtzuerhalten, in der Hoffnung, dass das Gleichgewicht bestehen bleibt. Doch nehmen in jedem Moment so viele verschiedene Faktoren Einfluss auf unser Wesen und Empfinden,

dass es Sinn macht, Balance vielmehr als einen Prozess zu verstehen statt als einen fixen Zustand – nämlich einen Prozess des kontinuierlichen Kalibrierens.

Um die sensible Balance in unserem Wesen in jedem Moment und im Laufe der Zeit dynamisch immer wieder herzustellen, können wir uns die Weisheit des Ayurveda und spezifisch der 20 Gurvadi Guna oder Grundqualitäten der Natur zunutze machen.

Was die 20 Gunas mit den drei Gunas Sattva, Rajas und Tamas zu tun haben, erfahren Sie im vollständigen Artikel. Jetzt unten downloaden!

Das Gesetz der Drei

Dem Konzept des Triguna liegt wiederum das »Gesetz der Drei« zugrunde, das unter anderem im Trika-System des Kaschmir-Shivaismus beschrieben ist und dem zufolge alles in der Manifestation (prakriti) die Existenz von drei fundamentalen Aspekten offenbart. Dabei werden zwei Elemente als manifest angesehen und stehen sich gegenüber, zum Beispiel plus und minus auf der Zahlenachse. Sie kehren durch ihre balancierte Vereinigung in das dritte Element zurück, das jenseits der manifesten Welt liegt, in unserem Beispiel in den neutralen Nullpunkt, dem kein Wert zugewiesen ist.

Das Ayurveda-System verwendet jedoch den Begriff Guna nicht nur im Kontext der Trigunas Sattva, Rajas und Tamas, sondern auch zur Beschreibung von sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften. Sie werden in Vagbhatas Ashtanga Hridayam als Gurvadi Guna oder »Eigenschaften der Natur« aufgeführt (siehe Tab. 1) und treten in zehn Paaren von je zwei sich gegenüberstehenden Qualitäten auf, die Yin- und Yang-Aspekt repräsentieren.

Gurvadi Guna in zehn Qualitätenpaaren
Tab. 1: Gurvadi Guna in zehn Qualitätenpaaren nach der Charaka Samhita, weiß Yang- und blau Yin-Qualität

Versteht man die Qualitäten, die der Umwelt, den Nahrungsmitteln, Heilpflanzen und Aktivitäten innewohnen, kann man auch ihre Auswirkungen auf die individuelle Konstitution besser verstehen. Hierbei wirkt das Prinzip der Ähnlichkeit. So erhöht beispielsweise die Qualität der Reibungslosigkeit Slakshna Guna in Umwelt, Heilpflanzen oder Nahrung die glatten, flexiblen Qualitäten im Wesen. Ein ausgewogenes Slakshna Guna findet sich zum Beispiel in Leinsamen, aber auch in flexiblen Gelenken und glatter Haut und ebenso in Gemütszuständen wie Mitgefühl, Fürsorge und Verständnis.

Quadrat der Werte
Abb. 1: Das »Quadrat der Werte«-Modell nach Nicolai Hartmann zeigt, wie Laster in Tugenden umgewandelt werden können.

Um Dysbalancen von Energien auszugleichen, hilft es, innerhalb der Qualitätspaare die sattvische oder harmonische Manifestation der komplementären Qualität zu kultivieren. Dieser Prozess lässt sich wunderbar mit Nicolai Hartmanns »Quadrat der Werte«-Modell illustrieren (siehe Abbildung).

Zwei antagonistisch gegenübergestellte negative Tendenzen finden ihren Ausgleich in der ihnen komplementären Tugend.

Wird beispielsweise aus übertriebener Sparsamkeit Geiz, kann dieser Zustand leichter wieder ausgeglichen werden, indem wir uns bewusst mit Großzügigkeit auseinandersetzen und so nicht nur diese Qualität im Wesen kultivieren (»anhäufen«), sondern gleichzeitig das uns entglittene Übermaß (Geiz) wieder in seine harmonische Ausprägung (Sparsamkeit) sublimieren. Ebenso kann Großzügigkeit in Verschwendung abfallen und entsprechend durch Sparsamkeit – nicht aber durch Geiz – ausbalanciert werden.

Im Folgenden besprechen wir die Effekte aller Gurvadi Gunas in ihren harmonischen und verzerrten Ausformungen. Ein jedes Yin-Yang-Qualitätenpaar kann sowohl mit seinen physiologischen als auch psychomentalen Qualitäten auf das Wertequadrat übertragen werden, wobei die harmonischen Aspekte eines Gunas die Disharmonien des anderen Gunas ausgleichen.

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Guru Guna (yang) und Laghu Guna (yin): Balance zwischen schwer und leicht

Guru Guna oder die allgemeine Eigenschaft »schwer« zeigt sich physisch im harmonischen Zustand (sattva) in einem gesunden Körper, der wohlgenährt und tonisiert ist und über ein großes vitales Potenzial verfügt. Psychomental manifestiert sich Guru Guna sattvisch als natürliche Stabilität und Zentrierung, felsenfeste Gewissheit, enormes Selbstvertrauen und eine klar strukturierte charismatische Persönlichkeit.
Seine balancierende Yin-Kraft heißt Laghu Guna und beschreibt die allgemeine Eigenschaft »leicht«. Sattvisch zeigt es sich im physischen Körper als Fähigkeit, toxische Ansammlungen (ama) und Überschuss abzubauen. Es bringt Reinheit und sorgt für ein funktionstüchtiges Verdauungsfeuer. Innere Zustände des sattvischen Laghu Guna sind zum Beispiel ein intensives Freiheitsgefühl, Losgelöstheit und Unvoreingenommenheit. Diese begünstigen eine kontinuierliche Erhebung des Gemütes und führen zu Originalität, Spontaneität und innerer Leichtigkeit.

Sind beide Qualitäten in ihrer sattvischen Ausprägung und in gleichem Maß im Wesen vorhanden, entspringt eine natürliche Balance, die spontan zu erhabenen inneren Zuständen wie Freiheit, Glück und Frieden führen kann. Unausgeglichenheit entsteht durch ein mehr (tamas) oder weniger (rajas) starkes Übermaß einer der beiden Qualitäten in unserem Wesen. Im Übermaß führt Guru Guna zu Übergewicht und Fettansammlung, die das physische System überladen, sowie zu vermehrten Ablagerungen in Gefäßen, Hohlorganen und anderen Geweben, die schwer oder gar nicht abgebaut werden können. Psychomental zeigt sich Guru Guna in Zuständen wie Faulheit, Trägheit und Lethargie, Gier und sogar zwanghaftem Horten. Der Geist wird rigide, das Verstehen begrenzt und festgefahren. Es fällt schwer, die Perspektive zu ändern oder feinstoffliche Aspekte wahrzunehmen.

Ein übermäßiges Laghu Guna hingegen macht sich körperlich durch Schwächung, Mangel an Stabilität (zum Beispiel Schwankungen des Blutdrucks), Gewichts- und Vitalitätsverlust und Verminderung der Abwehrkräfte im Organismus bemerkbar. Im Inneren führt ein Übermaß an Laghu Guna zu einem Mangel an Zusammenhang, Nachlässigkeit und sogar Fahrlässigkeit.

Die physischen Bedürfnisse des Organismus werden ignoriert, es mangelt an Ausdauer und der Fähigkeit, sich zu verwirklichen, gepaart mit Gefühlen von Unsicherheit und Bedeutungslosigkeit.

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So lassen sich komplementäre Gunas nutzen, um physischen und psychischen Ausgleich zu schaffen.

Für die systematische Arbeit mit den 20 Gunas wird empfohlen, zunächst zu untersuchen, welche Qualitäten sich in unserem Wesen harmonisch und welche sich unausgeglichen manifestieren. Mithilfe des Wertequadrats kann dann ermittelt werden, welche inneren Werte und Qualitäten mittels Fokus und spiritueller Praxis im Wesen angehäuft werden sollten, um gänzlich in die Balance zurückzukehren.

Unterstützend zur bewussten Auseinandersetzung mit der gegenüberliegenden Tugend nutzt der Ayurveda in seinem Zweig des Dravyaguna Vijnana, aber auch des Yoga, getrocknete Heilpflanzen zur Transformation der inneren Resonanzen.

Der Ayurveda kennt dabei eine klare Klassifizierung der Heilpflanzen nach den »Eigenschaften der Natur« (Gurvadi Guna), um diese dann durch die systematische Einnahme in Sharira Guna (Qualitäten im inneren unseres Wesens) umzuwandeln. Die getrockneten Heilpflanzen werden nicht wie in der abendländischen Phytotherapie als Tee eingenommen, sondern als Pulver (Curna) im Mund eingespeichelt und mit Achtsamkeit für einige Minuten unter der Zunge belassen, um dann mit Wasser geschluckt zu werden.

Mithilfe dieser Technik kann der psychologische Prozess auf einfache Weise auch auf physischer Ebene unterstützt werden, um den Ausgleich von mehreren Seiten aus gleichzeitig anzugehen. Empfohlen wird, die entsprechende Pflanze, wie Eiche (cort.) für die Anhäufung von Sthira Gunas (stabil) oder Gemeine Schafgarbe (herb.) für Khara Guna (rau), drei Mal am Tag in Achtsamkeit einzunehmen. Die genauere Bestimmung der Heilpflanze oder einer umfangreicheren Heilpflanzenmischung erfolgt unter Einbeziehung der jeweiligen speziellen Konstitution des »Patienten« und des Schweregrades (Rajas- oder bereits Tamas-Überschuss) der verzerrten Qualität.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr darüber, wie Sie mithilfe der 20 Gunas zu physischem und psychischem Gleichgewicht finden können.

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Zu den Autorinnen

Unsere Autorin Chloe Hünefeld

Chloe Hünefeld ist Mitbegründerin der Deutschen Akademie für traditionelles Yoga und der Stiftung zur Förderung des traditionellen Yoga. Als Heilpraktikerin von Beruf unterrichtet sie seit 1998 fast täglich präventive Gesundheitsmethoden des traditionellen Yoga und Ayurveda in Theorie und Praxis. Ihr Interesse gilt seit jeher dem persönlichen Weg jedes Einzelnen zur Erweckung der Seele und damit zu mehr Harmonie und Freiheit. http://traditionelles-yoga.de/yoga-in-berlin/

Maria Blandine Wegener ist seit 2006 Lehrerin des Yoga, Ayurveda und Tantra. Sie ist Mitbegründerin sowohl der Mahasiddha Yoga Schule in Chiang Mai/Thailand als auch des Ashram Resorts »AMRITA Integral Yoga Centre« im ländlichen Norden des Landes, das zu monatlichen Retreats rund um die Themen Spiritualität und Gesundheit einlädt. Weitere Informationen unter: tantrayogathailand.com.

Unsere Autorin Maria Blandine Wegener
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