Zauberwort und Heilkraut

Zauberwort und Heilkraut

Wort und Wurz – die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde

Autor: Wolf-Dieter Storl
Kategorie: Ökologie
Ausgabe Nr: 80

Der bekannte Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl gibt eine fundierte Einleitung in die Volksheilkunde der Germanen und Kelten, die von zwei Säulen getragen wurde: vom Wissen über die Wirkung der Heilpflanzen einerseits sowie vom Wissen über den Zauber des Wortes andererseits. Anschließend wird die LeserIn in die Heilwirkung und Mythen des Holunders eingeführt, der die Gegensätze des Lebens in seinem Wesen vereint.

Wo kommt unsere Heilkunde, unsere Medizin her? Die Lehrer in der Schule erzählten, dass sie ursprünglich aus Ägypten und dem Nahen Osten stamme. Rezepturen und Heilmethoden wurden dann ins alte Griechenland weitergetragen, wo der helle Kopf, Hippokrates, sie von abergläubischen, magisch-religiösen Vorstellungen säuberte. Gelehrte hellenische Ärzte brachten sie zu den Römern, deren Heilkunde bis dahin recht primitiv war – Plinius behauptete zum Beispiel, dass die Römer sechs Jahrhunderte lang keine Ärzte brauchten; in alten Zeiten der Republik hätten sie sämtliche Beschwerden mit Kohl aus dem Garten geheilt. Erst als sie dekadent wurden und verweichlichten – schrieb er –, lieferten sie sich den verschlagenen griechischen Ärzten und ihren teuren Medikamenten aus.

Der Autor Wolf-Dieter Storl

Der Autor Wolf-Dieter Storl

Trotz Fortschrittsverweigerern wie Plinius gewann auch im Römischen Imperium die rationelle Heilkunde die Oberhand.

Aber dann, mit der Völkerwanderung, überrannten raufende, saufende Barbarenhorden, die wenig Verständnis für die Feinheiten der Zivilisation hatten, die römischen Provinzen. Völkerschaften waren das, noch ganz in irrationalen, magischen Vorstellungen befangen. Da sie des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren, hatten sie kein Verständnis für den Wert schriftlicher Überlieferungen. Bibliotheken gingen in Flammen auf. Das Wissen der Heiler und ihrer Rezepturen stand in Gefahr, für immer verloren zu gehen. Glücklicherweise hegten und pflegten die Mönche diesen Wissensschatz, kopierten die noch vorhandenen Manuskripte und retteten sie über das dunkle Frühmittelalter hinweg. In ihren Klöstern legten sie zudem Kräutergärten mit bewährten Heilpflanzen aus dem Mittelmeerraum an. Im Laufe der Zeit wurden die Erkenntnisse verfeinert und mündeten in unsere moderne Medizin.

So steht‘s geschrieben. Stimmt aber leider nicht ganz. Es ist lediglich ein ethnozentrischer Mythos.

Weder die Heilkunde noch die einzig wahre Religion stammen aus einer einzigen Region.

Die Tradition der Heilkunde

Heilen bedeutet heil machen, was gebrochen war. Es bedeutet, etwas in seinen ursprünglichen gesunden Zustand zurückzuversetzen. Als Ursprung aller Dinge galten bei diesen Waldvölkern Feuer und Wasser. Die Schale Kräutertee besteht aus der Heilpflanze, die mit kochendem Wasser übergossen wird. Das heißt, die Energie des Feuers vermittelt dem Wasser die Kräfte der Pflanze. Die Schale selber symbolisiert den Kessel, den gebärenden Schoß der Urgöttin, die wir noch als Frau Holle kennen.

Die Pflanzen (Wurze) selber wurden nicht als Wirkstoffakkumulatoren gedacht, wie wir es heute tun, sondern als mächtige, verkörperte Wesenheiten, die man ansprechen und um Hilfe bitten konnte. Das kommt ganz klar zum Ausdruck in dem alten »Angelsächsischen Kräutersegen« (Lacnunga). Man ruft sie beim Namen, erinnert sie an ihre innewohnende Kraft und bittet sie um Hilfe.

Diese Heilkunde ist uralt. Ihre Wurzeln liegen in der Altsteinzeit.

Das wurde den Ethnobotanikern klar, als sie die Heiltraditionen der europäischen Waldvölker, der Sibirier und der nordamerikanischen Indianer verglichen. Die Indianer benutzen bevorzugt jene Heilpflanzen, die sie schon aus Sibirien kannten, ehe sie vor mehr als 15.000 Jahren über die Landbrücke nach Nordamerika wanderten. Und was noch bedeutsamer ist, sie benutzen diese im selben kulturellen Zusammenhang.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf (5 Seiten), das unten bestellt werden kann.

Die Magie des Holunders

Tatsächlich ist der Baum nach der Holle, der Herrin der Geister, Elfen und Elementarwesen, der archaischen Göttin des Lebens und des Todes, benannt. Die alteuropäischen Völker glaubten, dass sie die Seelen der toten Tiere und Menschen ebenso wie die Samen der Pflanzen in ihr unterirdisches Reich hinabnimmt und diese dann wieder in einen neuen Zyklus, in eine neue Verkörperung entlässt. Und genauso zweideutig wie die Göttin ist auch ihr Bäumchen:

Es blüht weiß, aber die Beeren reifen schwarz; es ist giftig, aber auch heilend; der Baum ist »schwer«, er zieht hinab in die Tiefe, aber sein Holz ist luftig und leicht. Wie die große Göttin, die alle Gegensätze in sich vereint, so verbindet der Holunder in seinem Wesen diese Gegensätze.

Holunder - Wort und Wurz

Die kulturelle Symbolik des Baumes umspannt diese Polarität: Die Geburt, das Ins-Leben-Kommen, und den Tod, das Aus-dem-Leben-Gehen. Auch die Liebe, die Erotik, die eine mittlere, Leben und Tod verbindende Stelle einnimmt, ist in der Symbolik des Baumes enthalten.

Frau Holle ist es, wie wir aus dem Märchen der Gebrüder Grimm erfahren, die die wiederkehrenden Seelen auf die Erde schickt. Die Geister der künftigen Kinder, so glaubte man lange, huschen durch die Zweige des Holunderbusches.

Lesen Sie im vollständigen Artikel mehr über die Mythologie des Holunders. 😉

Selbstverständlich ist der Baum der Göttin, die alle Gegensätze in sich vereint, ein heil machender Baum. Noch lange galt der Holunder als des »Bauern Apotheke«. Jeder Teil, Wurzel, Rinde, Beere, Blatt und Blüte, wurde heilkundlich verwendet.

Aus den zur Sommersonnenwende gesammelten Blüten brauten die Großmütter einen entgiftenden, schweiß- und harntreibenden Tee, der bei Grippe, Erkältung, Rheuma, Masern und Scharlach getrunken wurde. Der immunstärkende Blütentee – 1 Tl/Tasse – vermittelt die Kraft der Mittsommersonne. Die moderne Phytotherapie bestätigt diese Heilanzeigen und setzt die Infusion zudem erfolgreich bei Heuschnupfen und Stirnhöhlenentzündung ein.

Aus den purpurschwarzen Beeren kochten die Hausfrauen ein darmreinigendes und die Peristaltik anregendes Mus. Holundermus oder -saft kommt ebenfalls bei viralen Erkältungen, Gicht, Harnsteinen, Konzentrationsschwächen und Neuralgien infrage.

Holunderbeeren - Wort und Wurz

Ein renommierter Apotheker empfiehlt Menschen, die viele Stunden am Computerbildschirm sitzen müssen, jeden Tag eine Tasse nervenstärkenden Holunderbeerensaft. Die Beeren kommen sogar als Begleittherapie bei der Krebsbehandlung in Betracht, da der blaue Farbstoff die Zellatmung allgemein günstig beeinflusst. Die reifen Beeren enthalten sehr viel Vitamin C, das vor freien Radikalen schützt, Niacin, das gut für die Nerven ist, Kalium, das die Nieren fördert und den Wasserhaushalt harmonisiert, Karotinoide, die sich gut für die Schleimhäute und den Sehpurpur in den Augen erweisen.

Der Autor Wolf-Dieter Storl

Über den Autor

Dr. Wolf-Dieter Storl ist Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Zahlreiche Reisen und ethnobotanische Feldforschungen prägen sein Denken. Die Liebe zur ursprünglichen Natur und Wildpflanzen waren immer schon seine Inspiration. Der Autor und Referent lebt mit seiner Familie auf einem Hof im Allgäu.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die Ursprünge und Anfänge der europäischen Pflanzenheilkunde sowie über die Anwendungsmöglichkeiten des Holunders.

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