Erkundungen im »inneren Ausland«

Erkundungen im »inneren Ausland«

Die Freud‘sche Konzeption des Unbewussten

Autor: Dr. Wolfgang Hegener
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 81

Sigmund Freud prägte wie kein anderer Psychoanalytiker unser Verständnis des Unbewussten. An diesem Nicht-Ort innerhalb jedes Menschen lokalisierte er das Triebhafte, das Verdrängte und Verdrängende sowie die verschiedenen Ich-Instanzen jenseits des bewussten Ich. Vor nunmehr fast 120 Jahren stellte Sigmund Freud (1856–1939) in der Traumdeutung (Freud, 1900a) seine erste ausgearbeitete psychoanalytische Konzeption des »Unbewussten« vor. In der Folgezeit entwickelte sich das Unbewusste zu dem Zentralbegriff der Psychoanalyse schlechthin.

Niederschläge der Philosophiegeschichte in Freuds Werk

In der Entstehungsphase der Psychoanalyse war Freuds Aufmerksamkeit auf die Aspekte der Wirksamkeit und der Erkennbarkeit des psychisch Unbewussten zentriert. In diesem Kontext war für ihn die Traditionslinie des kognitiven Unbewussten wichtig, sein Hauptaugenmerk galt aber – und das war seine genuine Entdeckung – dem dynamischen oder Verdrängungs-Unbewussten, das ganz andere motivationale Hintergründe hat (s. u.). Darum vertrat er in Abgrenzung von Leibniz die Auffassung, dass das Prinzip der Kontinuität nicht auf das eigentliche Unbewusste anwendbar sei. Bei einer bloß kognitiven Auffassung bleibt die Aufklärung auf der Stufe des Vorbewusstseins stehen und ist allzu sehr dem Modell des Bewusstseins verhaftet.

Sigmund Freud

Sigmund Freud, Foto von Max Halberstadt

Die zwei Formulierungen des psychischen Apparates

Nach diesen philosophiegeschichtlichen Erkundungen ist es angezeigt, dass wir uns genauer die Rolle des Unbewussten in Freuds beiden grundlegenden Ausformulierungen des psychischen Apparates vergegenwärtigen. Zusammengefasst werden die damit verbundenen Theoriestücke der Psychoanalyse unter dem Stichwort des strukturellen bzw., wie Freud bevorzugte zu sagen, um die Beweglichkeit der Instanzen mehr zu betonen, des topologisches Gesichtspunkts der Metapsychologie (so nannte Freud den allgemeinen theoretischen Rahmen seiner Lehre, der zusätzlich noch einen dynamischen und einen ökonomischen Gesichtspunkt enthält) abgehandelt. Er ging davon aus, dass bei der Erklärung aller psychologischen Phänomene auch Strukturen aufgeführt werden müssen, und seine These lautet ganz allgemein:

Die Psyche ist strukturiert und in Systeme differenziert.

Diese Systeme haben umschriebene Eigenschaften sowie Funktionen und sind in einer bestimmten Reihenfolge zueinander angeordnet, was es gestattet, sie metatheoretisch als psychische Orte zu betrachten, denen man eine räumliche Vorstellung geben kann. Diese Annahme wurzelt, was hier allerdings nur angedeutet werden kann, im naturwissenschaftlichen Kontext des 19. Jahrhunderts, speziell in den physiologisch-anatomischen Theorien der zerebralen Lokalisation. Freud hat allerdings in Kritik dieser Theorien – so erstmals in seiner kleinen und exquisiten Studie Zur Auffassung über Aphasien von 1891, in der er sich mit Carl Wernicke (1848–1905), Ludwig Lichtheim (1845–1928) und Theodor Meynert (1833–1892) auseinandergesetzt hat – betont, dass die Instanzen etwas Bewegliches sind und energetisch-dynamisch erklärt werden müssen. Später hat er hervorgehoben, was sehr modern anmutet, diese psychischen Orte seien eher »virtuell« (Freud, 1900a, S. 616) und somit keineswegs identisch mit umgrenzten Hirnregionen.

Erstes topologisches Modell

Es sind, wie bereits angedeutet, bei Freud zwei topologische Modelle bekannt. Der erste Konzeption geht von der Unterteilung in unbewusst, vorbewusst und bewusst aus. Jede dieser Instanzen hat ihre Funktion, ihre Abwehrform, ihre typische Besetzungsenergie und ist durch einen typischen Inhalt ausgezeichnet.

Das Unbewusste (das System Ubw): Dieses wird gebildet aus verdrängten Inhalten, denen der Zugang zum System Vorbewusst-Bewusst durch den Vorgang der Verdrängung verwehrt ist. Seine Inhalte sind vor allem Wünsche bzw., in einer späteren Terminologie, »Triebrepräsentanzen«, also Abkömmlinge triebhafter Vorgänge, die unverträglich sind und verdrängt werden müssen.

Es gilt überhaupt, dass in den meisten Schriften vor der zweiten Topik das Unbewusste eigentlich dem Verdrängten gleichgesetzt wird. Zudem geht Freud davon aus, dass das Unbewusste weitgehend das Infantile in uns ist.

Das Vorbewusste (System Vbw): wird vom Sekundärvorgang (gebundene Energie, logisches Denken) beherrscht. Es ist vom Unbewussten durch eine Zensur getrennt, die es den unbewussten Inhalten und Vorgängen nicht erlaubt, ohne vorherige Umwandlung bzw. Aufhebung der Verdrängung ins Vorbewusste zu gelangen. Eine andere, weitere Zensur trennt sie vom Bewusstsein.

Das Bewusstsein (System W-Bw): Das Bewusstsein, das Freud, anders als die ganze Psychologie (und weite Teile der Philosophie) vor und nach ihm, stark relativiert hat, befindet sich gewissermaßen an der Oberfläche des psychischen Apparates und nimmt nur dessen kleinsten Teil ein. Es steht den Systemen des Unbewussten und des Vorbewussten insofern gegenüber, als es in ihm keine Erinnerungsspuren gibt, es ist bestimmt durch seine augenblickshafte Wahrnehmungsqualität: Es dient der Wahrnehmung äußerer und innerer Reize; die Gedächtnisbildung hingegen findet vornehmlich im System Unbewusst statt.

Zweites topologisches Modell (Strukturtheorie)

Bis weit in die 1910er-Jahre hinein hatte Freud die Begriffe unbewusst, vorbewusst und bewusst eher im substantivischen respektive im Sinne von Systemen gebraucht. Später verwendete er die Termini hingegen eher adjektivisch, was unmittelbar mit der Entwicklung der zweiten Topik zusammenhängt. Ab 1923, mit der Schrift Das Ich und das Es unterschied Freud nun zwischen dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Eine wesentliche Veranlassung für seine Neukonzeption lag darin, dass sich die Psychoanalyse im Laufe der Theorieentwicklung vom Verdrängten aus mehr und mehr dem Verdrängenden zugewendet hatte, und es unabweisbar wurde, dass auch im Ich unbewusste Funktionen, nämlich die Abwehrmechanismen wirksam sind.

Das Es

Das Es bildet den Triebpol der Persönlichkeit. Seine Inhalte, psychischer Ausdruck der Triebe, sind unbewusst, einesteils erblich und angeboren, andernteils erworben und verdrängt. Ökonomisch gesehen ist das Es für Freud das Hauptreservoir der psychischen Energie; dynamisch gesehen liegt es im Konflikt mit dem Ich und dem Über-Ich; genetisch gesehen sind beide Abkömmlinge des Es.

Lesen Sie im vollständigen Artikel über das Ich und Über-Ich. Bestellbar am Ende des Artikels.

Paradoxale Verfassung – das Unbewusste als »inneres Ausland«

In der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (Freud, 1933a, S. 62) hat Freud das Unbewusste mit einer schillernden Formulierung ein »inneres Ausland« genannt. Die Freud‘sche Formel ist wahrhaft paradox, da deren Aussage ihre eigene Unmöglichkeit bezeichnet. Wie kann ein Ausland, das per definitionem im Außen, jenseits der eigenen Grenzen liegt, sich zugleich im Inneren befinden? Noch anders gesagt: Wie kann ein Ausland im Inland ein Ausland sein? Doch genau diese Formulierung trifft das Wesentliche des psychoanalytischen Verständnisses des gleichsam atopischen Unbewussten, das weder eindeutig innen noch eindeutig außen und damit ohne festen Ort ist. Es ist weder einfach etwas Implizites oder Latentes noch eine zweite Person oder ein zweites Bewusstsein; es ist auch kein Unterbewusstsein (ein Term, den Freud mit Bedacht immer vermieden hat), also keine psychische Hinter- oder Unterwelt.

Es lässt sich eher als die Artikulation und Arbeitsweise einer Differenz verstehen,

nämlich etwa der zwischen dem Latenten und dem Manifesten. Und weiter: Das Unbewusste entsendet zwar (Vorstellungs- und Affekt-)Repräsentanten, doch es ist nirgendwo als solches präsent. Das Unbewusste existiert nicht an sich, sondern nur in der und durch die Arbeit seiner Entstellung und seinen Entzug im Zwischenbereich von Innen und Außen.

Es ist nur in seinem Entzug und in der Negation anwesend und positiv nicht dingfest zu machen.

Beziehen wir diese Einsichten auf die zu Beginn erwähnten vorgängigen philosophischen Einflusslinien, so können wir vielleicht sagen, dass Freud das Unbewusste weder ontologisiert, wie es in der romantischen Tradition geschieht, noch es als etwas (kognitiv) bloß Ungewusstes rationalisiert. Zwischen Rationalisierung und Ontologisierung findet er eine dritte Möglichkeit, die das Unbewusste als eine grundlegende dynamische Arbeitsweise des Seelischen fasst und zugleich jeglichem bewussten Erkennen eine unaufhebbare Grenze setzt (vgl. dazu auch Hegener, 2014, Kap. 1).

Sigmund Freud, Stanley Hall, Carl Gustav Jung, Abraham Arden Wellcome

Sigmund Freud, Stanley Hall, Carl Gustav Jung, Abraham Arden Wellcome

Zum Autor:

PD Dr. Wolfgang Hegener. Psychoanalytiker und Lehranalytiker sowie Privatdozent für Psychoanalytische Kulturwissenschaften an der HU Berlin. Letzte Buchveröffentlichungen: »Unzustellbar. Psychoanalytische Studien zu Philosophie, Trieb und Kultur«, »Heilige Texte. Psychoanalyse und talmudisches Judentum« und »Schuld-Abwehr. Psychoanalytische und kulturwissenschaftliche Studien zum Antisemitismus«.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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