Sri Aurobindo und C. G. Jung

Sri Aurobindo und C. G. Jung

Moderne Bewusstseinspioniere mit Wurzeln in west-östlichen Traditionen

Autor: Brigitte Halewitsch
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 75

Der Schweizer Psychiater C. G. Jung entwickelte ein psychologisches Modell der Individuation. Der aus Bengalen stammende Philosoph Sri Aurobindo hinterließ eine integrale Synthese des Yoga. In beiden Fällen handelt es sich um einen lebenslangen Prozess nach dem Prinzip »Werde, der Du bist«. Dieser Prozess beruht auf intensiver Selbsterfahrung, in der der Kreativität eine besondere Rolle zufällt. Das Ich soll sich der Führung einer inneren Leitinstanz überlassen. Diese Transformation wird als Teil der Evolution unserer Spezies begriffen. Die herausgearbeiteten Parallelen lassen sich als Hinweis auf eine entsprechende Matrix zur Selbstentwicklung in jedem Menschen deuten.

Eingangs möchte ich meinen Bezug zum Thema erläutern. Ich bin Psychoanalytikerin mit einer Lehranalyse nach C. G. Jung. Aus persönlichem Interesse habe ich später sowohl eine Yoga-Lehrerausbildung als auch eine solche in traditioneller indischer Medizin unternommen. In diesem Zusammenhang bin ich vor ca. 20 Jahren mit indischer Philosophie in Berührung gekommen.

Dabei konnte ich Parallelen zwischen Persönlichkeitsentwicklungen im Laufe psychotherapeutischer Prozesse und Positionen der Yoga-Philosophie feststellen, jedoch auch entscheidende Widersprüche hierzu.

Lediglich in der Philosophie von Sri Aurobindo entfielen letztere und es blieben auffallende Gemeinsamkeiten, selbst wenn dessen integrale Yoga-Synthese über von mir beobachtete Phänomene weit hinausreichen dürfte. Meine Motivation zu diesem Beitrag bezieht sich nicht auf Psychotherapie, sondern auf eine noch zu wenig verbreitete Möglichkeit, außerhalb der Therapie eigenverantwortlich an der Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten. Einen solchen Appell beinhaltet m. E. Sri Aurobindos Philosophie, wobei dieser selbst sich nicht als Philosoph, sondern als praktischen Bewusstseinsforscher begriffen hat.

Sri Aurobindo

Individuation

C. G. Jung hat den außergewöhnlichen Entwicklungsprozess, den er bei sich selbst im Verlauf seiner Persönlichkeitskrise eingehend studieren konnte, Individuation genannt.

Gemeint ist damit ein »Werde, der Du bist« als lebenslange ganzheitliche Selbstverwirklichung.

Ausdrücklich nicht beinhaltet dies irgendwelche Formen von Perfektionierung. Ein solcher Vorgang setzt meist erst ab der zweiten Lebenshälfte ein, nachdem sich in der ersten ein bestimmter Charakter einschließlich von Spezialisierungen und Stärken i. S. eines bestimmten Typs ausgebildet hat. Nach Jungs Aussage bedarf es zu diesem Entwicklungsprozess keiner Psychotherapie, wohl aber eines inneren Problem- und Konfliktbewusstseins.

C. G. Jung

Der Prozess, der eher unsystematisch und ganz unterschiedlich ablaufen kann, beginnt mit einer Bewegung der Lebensenergie Libido nach innen als Introversion. Jung versinnbildlicht dies in dem Symbol der Unterwelt. Ab diesem Zeitpunkt bedarf es zeitweise eines geeigneten Schutzraums. Bühne und Zentrum des Geschehens bildet der Bereich des Traumerlebens, das sich intensiviert und charakteristische Zeichen verschiedentlicher Begegnungen mit mehreren Archetypen nacheinander erkennen lässt. An der Schwelle zum Unbewussten geschieht eine Konfrontation mit dem Schatten als der negativen Seite der eigenen Persönlichkeit. Bei dessen Integration löst sich die bisher als Maske dienende äußere Persönlichkeit der Persona in einem Vorgang der Desidentifikation auf. Weiterhin hat sich der Individuierende mit dem jeweils gegen-geschlechtlichen Archetypen auseinanderzusetzen, den bei dem Mann seine Anima, bei der Frau ihr Animus repräsentiert. Auch diese Anteile sind bewusst zu machen und zu integrieren. Die Archetypen haben alle sowohl eine positive als auch eine negative Seite, ferner einen psychosomatischen und einen anorganischen Pol. Es gibt u. a. die gute und die böse große Mutter, den guten und bösen alten Mann, die Hexe und die Heilige, den Satan und den inneren Heiler. Hilfe wird gefunden durch einen archetypischen Trixter oder Mercurius, unter dessen Obhut sich eine transzendente (kreative) Funktion etabliert. Bei dem gesamten Geschehen werden vorherige Einseitigkeiten aufgehoben und minderwertige Funktionen ausgeglichen. Dies wird durch kreative Betätigung gefördert. Mandalazeichnungen können dabei der Stabilisierung dienen. Die Transformation der Gesamtpersönlichkeit als Einheit und Ganzheit ist mit starker innerer Bewegung verbunden, was Jung in dem Bild einer Nachtmeerfahrt ausdrückt. Hierbei wird das Bewusstsein – wie bei dem biblischen Jonas – von einem Wal verschluckt, doch letztlich wieder ausgespien, d. h. freigesetzt. Die wesentliche innere Arbeit besteht in einer Aussöhnung aller Gegensätze. Das zugehörige Bild nennt Jung eine Innere Hochzeit.

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Synthese des Yoga

Aurobindo postuliert aber als evolutionäre Weiterentwicklung des Menschen einen noch nicht existierenden, daher schwer vorstell- und beschreibbaren Bereich völlig anderer Art: das Supramental. Dessen Andersheit besteht darin, dass es durch das Mental nicht erfassbar ist, quasi eine andere Sprache spricht. Im Supramental herrscht eine Einheit von Sat-Chit-Ananda (Sein, Bewusstsein, reine Daseinsfreude – analog Brahman). Es steht über den Gesetzen von Zeit und Raum, an die das Mental funktionell gebunden ist.

Die Synthese des Yoga von Aurobindo zielt darauf ab, die Bereiche des Körpers, Vitals und Mentals soweit vorzubereiten, dass der Mensch die gewohnte Lenkung und Kontrolle durch sein Ich an das Supramental abgeben kann.

Dieser Prozess verläuft nicht geradlinig, sondern eher spiralförmig, sowohl aufsteigend von unten als auch absteigend von oben, wobei von der Ebene des Supramentals die dazu unentbehrliche Hilfe gewährt werden kann, sofern sie erbeten wird. Sobald Körper-Vital-Mental harmonisiert sind, woran auch die Chakren mitwirken, unterstützt das Supramental den Prozess der Integration von oben, wodurch die unteren Glieder eine notwendige Umwandlung erfahren. Der Mensch kann mit seinem Bewusstsein nur so weit nach »oben« dringen, wie er in »untere« Bereiche vorgedrungen ist.

Die individuelle Seele nennt Aurobindo das Psychische Wesen, siedelt es in der Mitte hinter dem Herzbereich an und sieht in ihm unseren unsterblichen individuellen Seelenteil (Atman).

Bei dem gesamten Prozess geht es darum, diesen seelischen Kernbereich mit allen Teilen des sich entwickelnden und differenzierenden Bewusstseins sämtlicher Schichten zu verbinden.

Laut Aurobindo soll die noch im Gang befindliche menschliche Evolution https://www.tattva.de/die-evolution-des-bewusstseins/ in einem nicht mehr ichhaften Übermenschen gipfeln, der völlige Souveränität des Geistes gegenüber den eigenen Werkzeugen erreicht hat. Der Integrale Yoga von Aurobindo ist absolut monistisch und vereinigt alle anderen Yogarichtungen einschließlich Tantra, allerdings ohne jegliche Abwertung von Körper-Leben-Welt-Materie, ohne Entwertung des Weiblichen, ohne weltflüchtige Tendenzen und ohne jeglichen Dogmatismus. Daher werden in ihm auch keinerlei Rezepte oder konkrete Anleitungen gegeben, weswegen uneingeschränkte Freiheit herrscht, bei der keine vorgefertigte Orientierung mitgeliefert wird. Meditation kann, muss aber nicht sein, wenn ja, dann u. U. mit offenen Augen wie bei Sri Aurobindo selbst. Ein Guru darf, muss aber nicht sein, und kann auch in einem Verstorbenen gefunden werden. Jeder muss seinen eigenen Yoga entwickeln.

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G. Jung und Sri Aurobindo waren Zeitgenossen, über die keine Hinweise dafür vorliegen, dass sie nähere Kenntnis von den Ideen des jeweils anderen hatten. Beide schöpften unabhängig voneinander aus west-östlichen Traditionen. Beide gestalteten ihre Systeme allein aufgrund intensiver Selbsterforschung weitestgehend ohne Leitung durch einen Guru. Beide waren künstlerisch kreativ. Beide verstanden ihre Systeme als individuellen Ausdruck einer umfassenden, noch unabgeschlossenen menschheitlichen Evolution. Beide hatten Visionen und verstummten mit zunehmendem Alter gegenüber der Öffentlichkeit.

Sri Aurobindo und C. G. Jung

Es wird hier nicht unterstellt, dass Jungs Individuationsweg und Sri Aurobindos integrale Yogasynthese identisch sind. Auch wenn Jungs Individuation unsystematischer dargestellt wird und dem physischen Körper geringere Bedeutung beimisst, legen nicht zu übersehende Parallelen doch sehr nahe, dass eine enge inhaltliche Verwandtschaft besteht. Man kann zumindest annehmen, dass die Individuation als Ausschnitt aus der Synthese des integralen Yoga aufzufassen ist. Aus den herausgearbeiteten Gemeinsamkeiten lässt sich eine Bestätigung für die potenzielle Existenz einer Matrix oder eines inneren Programms in jedem Menschen ableiten, betreffend eines Prozesses ganzheitlicher individueller Transformation.

Im Gegensatz zu dem ätiologisch fixierten westlichen Psychotherapie-Spektrum, das sich als Krankheitsbehandlung anbietet, beinhalten die aufgezeigten Parallelen fruchtbare Impulse für eine weitere Verbreitung und vermehrte Akzeptanz ganzheitlich individueller Entwicklungsprozesse. Diese wären als allgemeine, eigenverantwortliche Psychohygiene für jedermann zu verstehen, ausdrücklich unabhängig von krankheitswertiger Befindlichkeit. Dies entspräche dem Sinn eines Buchtitels des Gegenwartsphilosophen Peter Sloterdijk: »Du musst dein Leben ändern« (Rilke-Zitat). Der Autor untersucht darin einen ubiquitären menschlichen Antrieb zur eigenen Weiterentwicklung, der zwar perfektionistisch oder fundamentalistisch-dogmatisch entgleisen kann, aber dennoch als unverzichtbarer Faktor einer permanenten Evolution des Menschlichen anzusehen ist. Jung würde diesen Mechanismus vielleicht ebenfalls einen Archetypen nennen, der sich in dem Bild der Jakobsleiter fassen ließe.

Der Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift für Bewusstseinswissenschaften im Dezember 2017 (Verlag Via Nova)

Die Autorin Brigitte Halewitsch

Zur Autorin

Dr. med. Brigitte Halewitsch, geb. 1940. Psychotherapeutische Medizin, Yogalehrerin, Nervenärztin, Ärztin für psychotherapeutische Medizin (Jung‘sche Lehranalyse), Musiktherapeutin, Autorin. Mehrere Indienaufenthalte, lebt in Köln. Webseiten: www.kreapaedie.de & www.brhalewitsch.de

Fachveröffentlichungen:
Bedeutung nonverbaler Medien im psychoanalytischen Prozess
Balintarbeit und Salutogenese – Variante mit musikalischer Improvisation

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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