Die Islamdebatte braucht mehr Spiritualität

Die Islamdebatte braucht mehr Spiritualität

Warum wir den Islam kennenlernen sollten

Autor: Khola Maryam Hübsch
Kategorie: Islam
Ausgabe Nr: 85

In der Islamdebatte wird zumeist ein negatives Bild des Islams gezeichnet, obwohl der spirituelle Kern dieser Religion Friede im Innen und Außen anstrebt. Seit Jahren bemühen sich Muslime, dem mit Fakten zu begegnen. Hierzu gehört auch, über ihr eigenes Verhältnis zur Religion zu sprechen. Ein streitbarer, politisch-spiritueller und letztlich menschlicher Beitrag zur Schönheit des Islams von einer modernen Frau.

Ein Kurzinterview mit Khola Maryam Hübsch zum Artikel

Neulich habe ich mir auf YouTube ein Experiment angeschaut. Passanten in einer deutschen Fußgängerzone sollten Zitate einordnen, in denen es um Gerechtigkeit, Frieden und Feindesliebe ging. Die meisten waren überzeugt, die Weisheiten müssten aus dem Christentum oder dem Buddhismus stammen. Es waren allesamt Verse aus dem Koran. Eine ähnliche Befragung wurde in abgewandelter Form vor einigen Jahren schon einmal durchgeführt und ging viral. Verse, die zu Mord und Totschlag aufriefen und von Gewalt und Intoleranz zeugen, wurden damals mehrheitlich mit dem Islam assoziiert –doch es waren alles Zitate aus dem Alten und Neuen Testament.

Die Experimente zeigen: Viele Menschen wissen nicht nur verschwindend wenig über den Koran, sie wissen auch nicht mehr viel über das Christentum. Wahrscheinlich erscheint ihnen der Islam genau deswegen als Bedrohung. Bereits Sigmund Freud wusste: Das Unheimliche, das uns Angst macht, vor dem wir die Augen verschließen möchten, ist das verdrängte Eigene.

Oft habe ich das Gefühl, die aus der Aufklärung erwachsene Befangenheit bezüglich Religion wird auf den Islam übertragen.

Religion gilt seither als unvereinbar mit der Vernunft.

Mit welcher Geisteshaltung und durch welche Handlungen sich ein echter Wandel durchführen lassen, finden Sie im vollständigen Artikel. 😉 Unten können Sie bestellen!

Konstruktive Kritik ist lösungsorientiert, nicht verächtlich

Doch ist es wirklich so schlimm, wenn sich kaum noch jemand mit Religion auskennt? Schließlich leben wir in einer säkularen Welt, in der es eine Trennung von Politik und Kirche gibt. Der Glaube ist Privatsache, es muss ja auch nicht jeder Spezialist für vegane Ernährung sein. Was ist schon dabei, wenn das Allgemeinwissen über den Koran sich nicht selten auf die Kenntnis bestimmter Verse beschränkt, die vermeintlich zu Gewalt gegen »Ungläubige« aufrufen?

Muslime wie Nicht-Muslime haben den Koran oft nicht gelesen, sie kennen ihn vom Hörensagen.

Das Problem ist nur: Sie haben oft genug etwas darüber gelesen, wie der Islam zu verstehen sei. Und in Deutschland stammt dieses Wissen nicht selten aus den Händen populärwissenschaftlicher Beststeller. Meist sind sie geschrieben von vermeintlichen »Islamexperten«, die sich als »Islamkritiker« bezeichnen und im Islam wahlweise eine »faschistische Ideologie« (Abdel-Samad) oder die Ursache für einen erwarteten Untergang des Abendlandes sehen. Nun könne man einwenden, eine solche Kritik sei dringend notwendig angesichts des globalen Terrors, der von muslimischen Radikalen ausgeht. Das ist einerseits richtig. Doch konstruktive Kritik ist wohlwollend, sie ist lösungsorientiert, nicht verächtlich und ablehnend. Das kann sie dann sein, wenn es ein gemeinsames Fundament gibt, auf das man aufbauen kann. Deswegen ist das Gegengift für diese Art der Engführung: mehr spirituelle Substanz in der Islamdebatte!

Wir müssen viel mehr darüber sprechen, was die Religion des Islams ausmacht: über die konsequent gesellschaftskritische Botschaft von Gerechtigkeit und Solidarität, die der Koran formuliert. Über den Propheten, der von Muslimen als demütiger Visionär und weiser Revolutionär verstanden wird. Über die Weisheiten der islamischen Mystiker, die im Tod des Egoismus das neue Leben besingen. Und über die vom Koran geforderte radikale Verpflichtung zur Wahrheit, die mit der hoffnungsvollen Vision einhergeht, dass erst in einer besonderen Empfindsamkeit für das Leid der Schwächsten Frieden zu finden ist. Darüber, dass es dem Islam im Kern um eine lebendige Beziehung zum Schöpfer und dem Dienst an seiner Schöpfung geht und wie sich jedes einzelne Gebot darauf zurückführen lässt – darüber müssten wir etwas wissen, wenn die Debatte Tiefe bekommen soll! Doch solche Inhalte finden selten ihren Weg in die Leitartikel. Über Religion spricht man nicht.

Die Islamdebatte braucht mehr Spiritualität

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Der Islam als ganzheitliche Religion

Es gibt so viele Geschichten, die wir in den Moscheen und von den Alten hören, sie alle fußen auf diesem Grundprinzip: dem Dienst am Menschen, dem Empfinden wahrer Empathie für alle Geschöpfe. Ohne diese Grundlage, so heißt es, kann der Gläubige sich Allah nicht nähern und Seine Liebe nicht finden.

Erst in der Liebe zu den Mitmenschen in all seinen Formen lernt der Gläubige all jene Eigenschaften, die nötig sind, um Allahs Liebe zu erlangen.

Alle Gebote und Verbote im Islam drehen sich letztlich darum, Frieden mit sich und seiner Umwelt zu finden und durch die Erlangung moralischer Tugenden spirituell zu wachsen.

Wer diesen Wesenskern vernachlässigt, findet ein hohles, sinnentleertes Gerüst aus Dogmen vor, ohne zu verstehen, welche Weisheit dahinterliegt. »Trink, was in dem Glas ist«, sagte der islamische Mystiker Jalaluddin Rumi. Die Form ist nicht entscheidend, es geht um das Wasser – doch ohne das Glas geht es auch nicht, das Wasser zerrinnt. Es ist dieses Zusammenspiel von Form und Inhalt, das den Islam zu einer ganzheitlichen Religion macht, die versteht, wie wichtig die Einheit von Körper und Geist ist. Deswegen wird das Gebet im Islam beispielsweise nicht nur im Herzen, sondern auch mit körperlichen Bewegungen vollzogen. Wer sich mehrmals am Tag mit seinem Körper vor Gott niederwirft, sich kleinmacht, der wird demütig, dem fällt es leichter, sich von seinem Hochmut zu befreien, auch wenn er innerlich noch nicht so weit war. Denn er gibt sich Gott erst körperlich hin und dann verlässt er auch seelisch seinen Stolz. Er ist nicht gebrochen, denn er hat den Größten zum Freund und muss nichts mehr fürchten.

Wer sich nur abhängig vom einzig vollkommenen Unabhängigen macht, ist so frei, wie man frei sein kann.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf, das unten bestellt werden kann.

Es gibt keine gute Islamberichterstattung, solange der Frame in den Köpfen ausschließlich negativ ist

Gerade weil wir in einer zunehmend säkularen Welt leben, ist es wichtig, eine säkulare Sprache für Spiritualität zu finden. Um Brücken zu bauen zwischen religiös Unmusikalischen, die sich ihr religiöses Gegenüber nur als naiven Esoteriker oder radikalen Fundi vorstellen können, und Gläubigen, die ihrem atheistischen Kritiker vorschnell Rassismus oder Arroganz vorwerfen.

Wenn spirituelle Weisheiten des Korans, Überlieferungen des Propheten, sufistische Erzählungen, die unser Herz und unseren Verstand weiten können, nicht ebenso Bestandteil des Allgemeinwissens sind wie das Wissen über Terroranschläge, die von Radikalen religiös begründet werden, entsteht eine gefährliche Schieflage. In dieser können es sich Rechtspopulisten und aufmerksamkeitsverliebte »Islamkritiker« bequem machen – denn sie vertreten letztlich beide dasselbe Islambild, dessen Propagierung langfristig die Gesellschaft spaltet.

Kritik an Religionen ist dennoch wichtig. Doch sie fruchtet nur dort, wo es ein grundsätzliches Gefühl des Angenommenseins und Wohlwollens auf beiden Seiten gibt. Wo respektvoll und unvoreingenommen diskutiert wird. Derzeit gibt es jedoch hartnäckige, dominante Frames, die die Debatte bestimmen. Eine sich als differenziert verstehende Berichterstattung sieht nicht selten so aus, dass drei islamkritische Stimmen einer muslimischen Stimme gegenübergestellt werden. Der Muslim verkommt dann zum Quotenverteidiger, der dem Setting hilft, den Anschein von Ausgewogenheit zu wahren. Doch so eine Situation kann niemals ausgewogen sein, weil das prägende Narrativ von einem bösen Islam ausgeht.

Der dominante Frame bestimmt die Wahrnehmung. Das ist auch der Grund, warum Buddhisten weiterhin als friedfertig gelten – auch ein Völkermord seitens radikaler Buddhisten in Myanmar vermag diesen Frame nicht zu brechen, und so dürfen Buddha-Statuen in deutschen Wellness-Oasen weiterhin für einen exotisch-spirituellen Hauch sorgen. Der dominante Frame bestimmt letztlich, welches Ereignis als »Ausnahme« und welches als »Norm« abgespeichert wird. Der »gute« Muslim ist im Zweifel ein Einzelfall, eine Ausnahmeerscheinung.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr darüber wie die Islamdebatte an Tiefe gewinnen kann.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 85 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 10 Seiten).

Die Islamdebatte braucht mehr Spiritualität

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Khola Maryam Hübsch
Die Islamdebatte braucht mehr Spiritualität

In der Islamdebatte wird zumeist ein negatives Bild des Islams gezeichnet, obwohl der spirituelle Kern dieser Religion Friede im Innen und Außen anstrebt. Seit Jahren bemühen sich Muslime, dem mit Fakten zu begegnen. Hierzu gehört auch, über ihr eigenes Verhältnis zur Religion zu sprechen. Ein streitbarer, politisch-spiritueller und letztlich menschlicher Beitrag zur Schönheit des Islams von einer modernen Frau.
 


 

Artikelnummer: TV085e_01 Kategorie: Schlagwörter: , , , , , , , , ,

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Über die Autorin

Unsere Autorin

Khola Maryam Hübsch: Jahrgang 1980, geboren in Frankfurt am Main. Journalistin und Publizistin, Spoken Word Künstlerin, hält Fach- und Publikumsvorträge zum Thema Islam. Studium der Publizistik, Psychologie und Germanistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, M.A.

Lesehinweis: Khola Maryam Hübsch: »Rebellion der Sehnsucht – Warum ich mir den Glauben nicht nehmen lasse«. Herder, 2019.

Bildnachweis: © Adobe Photostock

2 Kommentare
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    Frank Roth
    Posted at 01:26h, 25 Januar Antworten

    Der mystische Islam ist wie eine schmeichelnde Katze.
    Der Scharia Islam ist wie Allah, der alles ist, nur keine Liebe..
    Christentum und Islam sind wie Tag und Nacht
    Dies ist meine kürzeste Zusammenfassung,
    nach jahrelangem Studium und Gegenüberstellung der beiden
    in 95 Thesen.

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    Martin Frischknecht
    Posted at 10:16h, 24 Januar Antworten

    Eure Beiträge zur Mystik des Islams sind eine Bereicherung und bei mir gut angekommen. Danke! Allerdings fände ich es doch sehr hilfreich, wenn wenigstens in einem der Beiträge der Frage nachgegangen würde, warum in den vielen, vielen Gesellschaften der Welt, in denen der Islam als Staatsreligion gelebt wird, diese wichtigen Inhalte verpönt und unterdrückt sind. Eure Autorinnen und Autoren leben ja sämtlich in der angeblich so ignoranten Gesellschaft des Westens. Vor diesem Hintergrund halte ich es nachgerade für eine weltfremde Blindheit, wenn wir im Westen uns an die mystischen Züge dieser Religion halten sollen, während diese in den Stammlanden des Islam niedergehalten werden.

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