Tattva Viveka Magazin
 

Die Verteufelung der Natur

Die Verteufelung der Natur

Religiöse Wurzeln unserer ökologischen Krise

Autor: Thomas Höffgen
Kategorie: Heidentum
Ausgabe Nr: 93

Von der tiefen Naturverehrung der Heiden über die aufkeimende Verteufelung dieser im sich ausbreitenden Christentum bis hin zur ökologischen Krise der Gegenwart – es hat sich im Verhältnis des Menschen zur Natur im Laufe der Zeit vieles getan, und leider trägt diese Entwicklung keine schönen Früchte. Der Autor kontrastiert das Verhältnis zur Natur der Heiden und Christen miteinander und schenkt dem Lesenden dennoch einen positiven Ausblick, wie wir – begleitet von Goethe und Schiller – die Magie und die Seele der Natur und ihrer Wesen wiederentdecken können..

»Was Menschen für ihre Ökologie tun, hängt davon ab, was sie in Bezug auf die Dinge um sie herum über sich selbst denken. Die menschliche Ökologie ist zutiefst von Überzeugungen über unsere Natur und unser Schicksal bestimmt – das heißt, von der Religion.«
– Lynn White Jr.

Klimawandel, Waldsterben und Plastikmüll in unseren Weltmeeren – das sind nur wenige Beispiele für die große ökologische Katastrophe, in der wir uns im 21. Jahrhundert befinden. Etwa 150 Tier- und Pflanzenarten sterben täglich aus: Zwar gab es schon fünf Mal ein solches Artensterben auf dem Planeten, doch ist es diesmal anders, denn die aktuelle Krise ist ausdrücklich anthropogen, das heißt »menschengemacht«. Kaum zu glauben, aber wahr, der Mensch zerstört gerade seine eigene Lebensgrundlage. Grund genug, zu fragen, warum er das macht: Welche Geisteshaltung und Gesinnung – welche Weltanschauung und Naturauffassung – stecken hinter dem geradezu naturfeindlichen Verhalten, das der moderne Mensch gegenwärtig an den Tag legt?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, soll hier eine geistes- und religionsgeschichtliche These erörtert werden, die in der Vergangenheit zwar immer wieder vorgetragen wurde, gleichwohl nie ins breitere Bewusstsein gedrungen ist: Die Rede ist von der schwerwiegenden Behauptung, dass mit der Christianisierung ein paradigmatischer Weltbildwandel – gar ein Bruch im menschlichen Bewusstsein – stattgefunden habe, in dessen Zuge sich die Menschheit radikal von ihrer natürlichen Umwelt abwendete bis hin zur Naturverteufelung, was schließlich zur gegenwärtigen Krise führte.

»Schöne Welt, wo bist du?«

Schon Friedrich Schiller konstatiert in seinem geschichtsphilosophischen Gedicht Die Götter Griechenlandes (1788), dass mit dem Wechsel vom animistischen zum christlichen Glauben eine Naturentfremdung sondergleichen stattgefunden habe: Mit der Verdrängung der vorchristlichen Naturreligion < https://www.tattva.de/germanischer-schamanismus/> sei eine »schöne Welt verlorengegangen, in der die Wälder pantheistisch alldurchgöttert waren und ›eine Dryas lebt‹ in jedem Baum«. Im Zuge der monotheistischen Mission – »Einen zu bereichern, unter allen« – sei die lebendige Natur entgöttert und entzaubert worden: »durch die Wälder ruf ich, durch die Wogen, Ach! sie widerhallen leer!«

In jüngerer Vergangenheit hat der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Lynn White Jr. dieselbe These in seinem wirkungsmächtigen Aufsatz The historical roots of our ecological crisis (1967) wieder aufgegriffen: Seine Ausführungen, dass die moderne Umweltkrise in der christlichen Vorstellungswelt wurzelt, führten sogar innerhalb der Kirche zu ökologischen Reformen und sind in jeder ernst zu nehmenden ökosophischen Betrachtung der Thematik unumgänglich.

Verwunderlicherweise sind die Überlegungen zu den religiösen Wurzeln unserer ökologischen Krise seitdem jedoch wieder weitestgehend aus dem Diskurs verschwunden, verwunderlich, weil sich die Krise seitdem dramatisch zugespitzt hat und wir auf Probleme zusteuern, deren praktische Lösung theoretisches Verständnis ihrer Ursachen verlangt. Die religiös-spirituellen Hintergründe unseres ökologischen Notstandes an einem konkreten kulturhistorischen Beispiel aufzuzeigen, aber auch einen progressiven Lösungsansatz vorzustellen, ist das Anliegen der nachfolgenden Ausführungen.

Die Verteufelung der Natur

»In jedem Baume atmete eine Gottheit«

Um dem Einfluss des Christentums auf das Naturbewusstsein gewahr zu werden, gilt es zunächst, diejenige Weltanschauung in Erinnerung zu rufen, die vor der Christianisierung vorherrschte. In Schillers klassizistischem Gedicht wird dies am Beispiel der antiken Götterwelt der Griechen getan. Aber auch alle anderen vorchristlichen Kulturen in Europa ließen sich exemplarisch anführen, etwa die Kelten, Slawen oder Balten. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands ist die vorchristliche Kosmologie vor allem in Mythen und Märchen überliefert, die von den Germanen herrühren.

Die Christen nannten diese Völker später Heiden, und obwohl es sich um eine nachträgliche Fremdbezeichnung handelt, die von der Kirche – als religiöser Abgrenzungsbegriff – pejorativ auf alle »Nichtchristen« angewendet wurde, ist die Bezeichnung gar nicht unpassend: Es handelt sich um ein germanisches Wort, *haiþana-, mit der Bedeutung »zur Heide gehörig« oder »die Waldgegend bewohnend«, und bezieht sich offenkundig auf die Siedlungsweise der Germanen, ihre Gehöfte inmitten unberührter Wälder zu errichten. Schon Caesar überliefert, dass die Germanen in Ur-Wäldern lebten (De bello gallico), und Tacitus beschreibt, dass ihnen bestimmte Haine sogar heilig waren (Germania).

Die Germanen waren also fürwahr Heiden, nicht nur weil sie in den Wäldern lebten, sondern auch weil Wälder und Bäume im Zentrum ihrer Religion standen.

Tatsächlich war die germanische Religion eine dezidierte Naturreligion: Vereinfacht gesagt, waren die Götter der Germanen mit den Phänomenen der Natur sogar identisch; man denke nur an den Gewittergott Donar, dessen bloßer Name bereits mit dem althochdeutschen Wort für Donner übereinstimmt, oder an die Zwerge Austri, Suðri, Vestri und Norðri, die offenkundig auf die Himmelsrichtungen verweisen. Eine Sonderstellung nimmt in dem Zusammenhang der Göttervater Odin-Wotan ein, jener »Allvater« (Edda), der laut Jacob Grimm »die alldurchdringende schaffende und bildende Kraft« darstellt, die »Menschen und allen Dingen Gestalt und Schönheit verleiht« (deutsche Mythologie).

Offenbar verehrten die Germanen nicht die materielle Oberfläche all dieser Phänomene, sondern die immateriellen Geisteskräfte, die sich in denselben physisch offenbaren.

In diesem Sinne waren die Germanen also Pantheisten, weil in ihrem Weltbild »Gott und die lebendige, schöpferische Natur zusammenfallen« (Wörterbuch der philosophischen Begriffe).

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Über weitere Unterschiede zwischen heidnischer und christlicher Kultur berichtet der Autor im vollständigen Artikel, der in Tattva Viveka 93 erschienen ist. Auch einzeln zum downloaden als ePaper für 2,00 € (Pdf, 6 Seiten).

Die Verteufelung der Natur (PDF)

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Dr. phil. Thomas Höffgen
Die Verteufelung der Natur

Von der tiefen Naturverehrung der Heiden über die aufkeimende Verteufelung dieser im sich ausbreitenden Christentum bis hin zur ökologischen Krise der Gegenwart – es hat sich im Verhältnis des Menschen zur Natur im Laufe der Zeit vieles getan, und leider trägt diese Entwicklung keine schönen Früchte.
 

 

Artikelnummer: TV093e_10 Kategorie: Schlagwort:

 
 

Über den Autor

Unser Autor Dr. phil. Thomas Höffgen

Dr. phil. Thomas Höffgen, Autor und Referent, ist unter anderem als Verfasser des Buches »Schamanismus bei den Germanen« bekannt. Sein neustes Werk trägt den Titel »Der verteufelte Waldgott. Die Christianisierung der Germanen« (2022). Er betrachtet die Welt aus der Perspektive pantheistischer Naturphilosophie und plädiert für eine spirituelle Ökologie.

Webseite: thomashoeffgen.de

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