Gesund und entspannt atmen

Gesund und entspannt atmen

Die transformierende Kraft des Atems

Autor: Dr. Ralph Skuban
Kategorie: Gesundheit
Ausgabe Nr: 106

Im Gespräch mit dem Atem- und Körpertherapeuten Dr. Ralph Skuban erörtern wir die Merkmale einer gesunden Atmung und hinterfragen, weshalb diesernatürliche Vorgang vielfach dysfunktional ist. Da er uns ein Leben lang begleitet und am Leben hält, ist es ein treffender Grund, ihn genauer zu untersuchen und ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Tattva Viveka: Lieber Ralph, dein aktuelles Buch trägt den Titel »Richtig atmen. Das Praxisbuch für mehr Gesundheit«. Wie kann es sein, dass es bei einem so natürlichen und unbewussten Vorgang wie dem des Atmens Erklärungsbedarf gibt? Kann man überhaupt falsch atmen?

Dr. Ralph Skuban: Das ist eine berechtigte Frage. Warum sollte mir jemand das Atmen erklären? Es geschieht schließlich völlig automatisch. Tatsächlich muss man einem Neugeborenen nicht beibringen, wie es zu atmen hat. Wenn es gesund ist, atmet es von Natur aus richtig. Würden wir Erwachsenen noch immer wie Babys atmen, bräuchten wir weder Atemcoaches noch Bücher darüber. Das gilt für alle Vorgänge, die eigentlich natürlich ablaufen sollten. Doch die Realität sieht anders aus: Acht von zehn Erwerbstätigen schlafen schlecht und fühlen sich chronisch erschöpft. Das ist ein weltweites Phänomen. Mehr als die Hälfte der Menschen ist übergewichtig, ernährt sich falsch und bewegt sich zu wenig.

Die »großen Vier« für mich sind: Atmen, Essen, Bewegen und Schlafen. Das sind Vorgänge, für die kein Lebewesen eine Anleitung bräuchte, und dass sie richtig funktionieren, ist uns eigentlich angeboren. Doch aktuell laufen diese natürlichen Prozesse immer mehr aus dem Ruder. Das liegt vor allem daran, dass wir zwar Naturwesen sind, uns aber eine Lebensweise geschaffen haben, die unserer Biologie nicht gerecht wird. Unser Körper versucht zu kompensieren, bis er schließlich dysfunktional reagiert, und dies verursacht Probleme.

Besonders beim Atmen schleichen sich solche Fehlentwicklungen schnell ein. Die Hauptursache ist Stress, aber auch falsch ausgeführte Atempraktiken sind nicht zu unterschätzen. Ohne das nötige Wissen können sie oft mehr schaden als nützen. Diese schleichenden Muster prägen sich tief in unseren Körper ein und hinterlassen mit der Zeit ihre Spuren. Deshalb braucht es jemanden, der sagt: »Pass auf, versuch es mal so und so – und zwar über diesen Zeitraum.« Doch erklären allein genügt nicht: Man muss üben und trainieren, um die Atmung wieder zurück in ihre natürliche Balance zu lenken.

TV:  Welche sind die Merkmale einer natürlichen, gesunden Atmung?

Skuban: Eine gesunde Atmung lässt sich an fünf Merkmalen festmachen. Sie klingen simpel und sind leicht zu merken, obwohl die dahinterliegende Theorie sehr komplex ist.

  1. Die Nase ist zum Atmen da, der Mund zum Essen und zum Sprechen. In der Tierwelt atmen Lebewesen fast ausschließlich durch die Nase – der Mund wird nur in Ausnahmefällen genutzt. Das Allerwichtigste ist: Atme rund um die Uhr durch die Nase, auch nachts und beim Sport. Die Nase erfüllt lebenswichtige Funktionen: Sie reinigt, wärmt und befeuchtet die Atemluft. Zudem wird in der Nase Stickstoffmonoxid (NO) gebildet. Dieses Gas wirkt entkeimend und bereitet die Luft so vor, dass Lunge und Körper sie verarbeiten kö
  2. Die Nasenatmung ist eng mit der Zwerchfellfunktion gekoppelt. Wer durch die Nase atmet, nutzt in der Regel auch sein Zwerchfell. In Ruhe sollte die Atmung unangestrengt ablaufen, da das Zwerchfell fast die gesamte mechanische Arbeit leistet. Viele Menschen strengen sich jedoch an, bewegen viele Muskeln beim Atmen und »schnaufen wie ein Walross«, obwohl die Atmung mühelos verlaufen sollte.
  3. Eine gesunde Atmung zeichnet sich durch eine langsame Atemfrequenz aus. Im Ruhezustand sind 20 bis 25 Atemzüge pro Minute definitiv dysfunktional und viel zu schnell. Als gesund und natürlich gelten 10 bis 14 Atemzüge pro Minute.
  4. Die Ausatmung ist im Ruhezustand und bei moderater Belastung primär Entspannung, da die Muskeln, die die Einatmung bewirkt haben, für die Ausatmung loslassen. Somit ist die Ausatmung ein entspannter passiver Vorgang.
  5. Jemanden, der gesund atmet, hört man nicht. Meist hört er sich nicht einmal selbst. Deutlich wahrnehmbare Atemgeräusche deuten darauf hin, dass eine zu große Menge Luft durch die Atemwege gezwungen wird.

Dies führt uns zum Hauptproblem: der Überatmung. Menschen mit dysfunktionalen Atemmustern atmen zu viel. Die Überatmung hat drastische biochemische Konsequenzen, aus denen viele gesundheitliche Probleme resultieren.

Die großen Vier für mich sind: Atmen, Essen, Bewegen und Schlafen.

TV: Man kann zu viel atmen? Ich dachte immer, dass, wenn man unter Atemproblemen leidet, nicht ausreichend Sauerstoff in die Lungen gelangt. Denn viel Luft, also Sauerstoff, in sich aufzunehmen, ist doch gut, oder nicht?

Skuban: Intuitiv würden wir sagen: Ja, je mehr, desto besser. Auch beim Essen, um es als Analogie zu verwenden, war man lange davon überzeugt, dass mehr besser ist. Denn immerhin hält es uns am Leben. Doch im Kosmos ist es so, dass alle Dinge ein richtiges Maß haben, und es gibt nichts, bei dem das Maximum gleich dem Optimum wäre. Nur die Liebe ist eine Ausnahme. Denn würde sie überall im Überfluss existieren, hätten wir gemeinsam den idealen Zustand erreicht. Doch bei den physischen und physiologischen Vorgängen existiert ein vernünftiges Maß. Auch beim Atmen ist es so.

Es gibt eine vernünftige, deinem Metabolismus entsprechende Menge an Luft, die du ein- und ausatmen solltest, damit das Gleichgewicht zwischen Sauerstoff und Kohlendioxid gewahrt ist. Darüber wird sichergestellt, dass das Säure-Basen-Gleichgewicht des Blutes so ist, wie es sein sollte. Denn über – und jetzt folgt eine vereinfachte biochemische Ausführung – die Atmung wird der pH-Wert des Blutes und anderer Körperflüssigkeiten reguliert. Deshalb ist es elementar, weder zu viel noch zu wenig zu atmen. Zu wenig atmet niemand. Denn wenn dies eintritt, spürt man sofort den Reflex, mehr Luft einatmen zu wollen. Aber zu viel atmen geht überaus schnell: Zum Beispiel wenn man viel spricht, viel durch den Mund atmet, viel seufzt, viel gähnt, und besonders im spirituellen Kontext viele Atemübungen praktiziert, bei denen man zusätzlich noch mehr atmet, als es für einen gut wäre. Wenn man größere Atemzüge macht, gelangt zwar mehr Luft in die Lunge, aber nicht mehr Sauerstoff ins Blut, da dieses bereits bei sanfter, entspannter Atmung zu fast 100 Prozent mit Sauerstoff gesättigt ist. Wenn man also größere Atemzüge macht, als es der Moment verlangt, atmet man zwar mehr Luft ein und aus, doch es gelangt nicht mehr Sauerstoff ins Blut. Was aber passiert, ist, dass im Zuge dieser vergrößerten Atmung mehr Kohlenstoffdioxid (CO2) ausgeatmet wird, als es dem Körper guttut. CO2 ist keineswegs nur ein Gift, sondern interessanterweise brauchen wir den größten Teil davon in unserem Körper selbst. CO2 ist elementar, um überhaupt atmen zu können.

Waldlandschaft zum Thema Atmen

Denken wir wieder an das Baby: Sobald die Nabelschnur durchtrennt wird, endet die Versorgung durch die Mutter. Das Baby muss zum ersten Mal selbst atmen. Der Auslöser für die erste Atmung ist das CO2. Da der Gasaustausch über die Mutter gekappt ist, baut sich im Organismus des Neugeborenen CO2 auf, bis der Atemreiz getriggert wird – das Baby atmet ein. Dieses Prinzip begleitet uns ein Leben lang. Ohne CO2 würden wir nicht atmen, wir würden ersticken, ohne es überhaupt zu merken. Das Bedürfnis einzuatmen, entsteht primär aus dem natürlichen Drang heraus, CO2 auszuatmen. Es ist nicht etwa ein Sauerstoffmangel, der das Gefühl, einatmen zu wollen, triggert. Nur bei extremen Sauerstoff-Mangelzuständen wäre das der Fall, nicht aber im normalen Atemprozess. Wenn man ein Leben führt, in dem man häufig gestresst ist, und man sich angewöhnt hat, viel durch den Mund zu atmen, vergrößert sich die Atemmenge. Diese vergrößerte Atemmenge führt dazu, dass man dauernd mehr CO2 ausatmet, als physiologisch sinnvoll ist.

Die Folgen sind gravierend: In der Medizin nennt man diesen Zustand Hypokapnie. Unsere Blutgefäße – genauer die Arterien – reagieren darauf, indem sie sich verengen, und infolgedessen verschlechtert sich die Durchblutung. Wenn ein CO2-Defizit vorliegt, wirkt zudem der sogenannte Bohr-Effekt, der von Christian Bohr (dem Vater von Niels Bohr) schon 1905 beschrieben wurde: Wie viel Sauerstoff an Zellen, Gewebe und Organe abgegeben wird, hängt entscheidend vom CO2 in der Umgebung ab, denn CO2 fungiert als Signalmolekül.

Arbeitet ein Muskel (oder das Gehirn) intensiv, entsteht mehr CO2. Das vorbeifließende Blut registriert das Signal: »Hier wird gearbeitet, hier wird Sauerstoff benötigt!«, und entsprechend wird dort mehr Sauerstoff freigesetzt. Wer chronisch überatmet, leidet unter einem systemischen CO2-Defizit, da in dem Fall der notwendige Sauerstoff nicht in ausreichender Menge im Gewebe und in den Zellen ankommt. Die Folge ist eine Hypoxie: ein Sauerstoffmangel im Gewebe trotz ausreichendem Sauerstoff im Blut. Die Zellen müssen, je nachdem, wie gravierend die Hypoxie ist, zunehmend anaerob, also ohne Beteiligung von Sauerstoff, Energie erzeugen. Dieser Mechanismus ist ursprünglich für kurzfristige, starke Belastungen vorgesehen, nicht jedoch als Dauerzustand, was eine Kettenreaktion an weiteren Problemen erzeugt.

Tattva Viveka Nr. 106

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Erschienen: März 2026

Dirk Grosser – Wandernde Weisheit • Prof. Dr. Johannes Michalak – Spiritualität ist keine reine Kopfsache • Friederike Reumann – Die Bewegung der Organe • Dirk Grosser – Alles fließt aus dem Einen • Christian Busemann – In Bewegung geraten • Christian Holzknecht – Die transformative Kraft der Berge • Simone Käfer – Der japanische Bogenweg • Maren Brand – Vom Tun zum Sein • Dr. Ralph Skuban – Gesund und entspannt atmen • Nana Nauwald – Heilsames Bewusstseins-Abenteuer Trance • Chan Park – Tango Zen • Bruno Martin – Gurdjieffs Heilige Tänze • Buchbesprechungen • u.v.m.

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Portrait von Ralph Skuban

Dr. Ralph Skuban ist promovierter Politikwissenschaftler. Nach langjähriger Berufstätigkeit im sozialen Bereich widmete er sich dem Schreiben und der Forschung, mit Schwerpunkten im Bereich östlicher Weisheit und Atempraxis. Er zählt heute zu den profiliertesten deutschen Sachbuchautoren. In seinen erfolgreichen Atemcoach-Ausbildungen und Atemtrainings gibt er sein vielfältiges und praxiserprobtes Wissen zur Atem-Arbeit an ein internationales Publikum weiter. Zusammen mit seiner Frau Nella leitet er die Skuban-Akademie.

Webseite: skuban-akademie.de

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