Weiterer Auszug aus:
Ronald Engert – Gut, dass es mich gibt

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Ronald Engert – Gut, dass es mich gibt

Ronald Engert - Gut, dass es mich gibt

Fortsetzung der Tagebuchaufzeichungen:

Big Step (feierliche Verabschiedung der Therapieabgänger, an der jeder eine Rede hält):

Eben war gerade Big Step. Klaus von Ploetz, der Chefarzt, brachte es auf den Punkt: Für viele ist der Big Step die Verführung, bei anderen gut anzukommen. Es geht jedoch darum, bei sich selbst gut anzukommen. Amusement ist ein kurzer Kick, der mit einem Fingerschnippen vorbei ist. Aber aus der eigenen Mitte zu sprechen, berührt tief und hinterlässt einen Eindruck.

Wenn wir nach der Klinik nach Hause kommen, hat sich da draußen nichts geändert. Wenn wir versuchen, das Außen zu ändern, indem wir versuchen, gut bei den Leuten anzukommen, sind wir bald wieder reif für die Klinik. Nur wenn wir uns selbst ändern, denn ändert sich auch das Außen und wir werden überrascht sein, was alles möglich ist.

 

Merksatz: Ich bleibe in meiner inneren Mitte.

 

Aus dem Vortrag von Dr. Dr. Klaus von Ploetz:

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich weg zu machen. Das tun wir, um den Mangel zu verwalten. Welchen Mangel habe ich denn? Viele in der Therapie wollen nicht durchsichtig sein. Sie verstecken sich. Man stelle sich einen Mann vor, der mit einer tiefen Angst- und Beziehungsstörung in die Therapie kommt. Keiner weiß, was genau mit ihm los ist. Aber jedes Mal, wenn jemand ein Wort sagt, dass mit »Na …« anfängt, zuckt der Mann zusammen und bekommt Panikanfälle, z.B. »Nadelbäume«, »nachher« usw. Irgendwann kommt heraus, dass der Mann denkt, seine Nase sei zu groß und zu hässlich, was ihn fürchterlich belastet. Der Therapeut bringt es in die Gruppe und fragt die anderen Teilnehmer. Diese finden seine Nase ganz normal. Der Mann mit der Nase hatte sich in eine Wahnvorstellung hinein gesteigert.

Es geht darum, unsere Wunden zu zeigen, Luft daran zu lassen. Wenn wir sie tarnen, passiert nichts. Dann kann keine Heilung geschehen. Jemand, der sich zeigt, hat Chancen, etwas zu verändern. Wer sich nicht zeigt, wird die anderen als Feinde und Kritiker erleben. Menschen, von denen ich glaube, das sind die letzten Idioten, haben was mit mir zu tun. Sie sind Therapiegeschenke.

(Anmerkung: Ich habe mir diese Aussagen des Chefarztes, Klaus von Ploetz, sehr zu Herzen genommen und bin ihnen gefolgt. Ich habe meine Schwächen und Mängel gezeigt, ich habe meine Wunden gezeigt, ich habe Menschen als Idioten verurteilt, habe überall nur noch Feinde und Kritiker gesehen und habe sie als Therapiegeschenke erkannt, das heißt, ich habe gelernt, was meine negative Bewertung dieser Personen mit mir zu tun hat. Dies alles hat zu einem Wandel in meinem Herzen geführt, der schmerzhaft, aber auch heilsam war. Ich bin dankbar, dass ich den Mut hatte, mich zu zeigen und mich durchsichtig zu machen. Ich habe mich nicht versteckt, und ich habe nicht versucht, ungeschoren durch diese Kur hindurch zu kommen. Ich wurde geschoren, geteert und gefedert – so dachte ich zunächst darüber und fühlte mich hundeelend. Aber im Nachhinein war es meine stärkste Läuterungserfahrung in dieser Zeit, doch dazu später mehr.)

Wir hören auf, urteilend über andere Menschen zu denken. Wir freuen uns über die menschliche Begegnung. Alles, was ich über andere Leute sage, sage ich über mich selbst. Es sind meine Kübel, die ich über andere ausgieße.

(Anmerkung: Ich schrieb alle diese Worte auf, sie machten und machen Sinn in meinem Denken. Sie sind stimmig. Und doch weiß ich jetzt, zwei Monate später, dass ich nicht aufgehört habe, urteilend über andere Menschen zu denken. Ich habe diese Worte gehört und sie niedergeschrieben, weil ich sie für gut und richtig halte. Doch ich bin ihnen nicht gefolgt. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen Denken und Handeln, und auch wenn das Denken sich noch so richtig und gut anhört, nützt es dennoch nichts, wenn die Handlung eine andere ist, wenn ich z.B. bewerte, obwohl ich vom Denken her weiß, dass die Bewertung kontraproduktiv ist. Damit ich aufhörte, zu bewerten, reichte eine abstrakte mentale Einsicht nicht, es bedurfte einer massiven emotionalen Erschütterung, um das strategische Schutzsystem meines Verstandes aufzubrechen. Dieses Schutzsystem verhindert, dass wir die schönen mentalen Einsichten auf der Ebene der Handlung und des Seins ausführen können. Tatsächlich denken wir, mit dem Denken sei bereits alles getan. Wir brauchen nur richtig zu denken, dann sind wir ok. Dies ist eine Leugnung und Selbsttäuschung, die dafür sorgt, dass wir unser Verhalten nicht ändern müssen. Tatsächlich sind wir völlig von der Wirklichkeit abgekoppelt, da sich unsere Betrachtung nur noch im Denken abspielt. Es gibt keinen Kontakt zum Gefühl in mir, zu meiner physischen Wirklichkeit und zu meiner Umwelt, im Besonderen zu meiner menschlichen Umwelt. Bestünde dieser Kontakt, könnte ich wahrnehmen, was ich tatsächlich tue, wie ich tatsächlich über die Menschen denke, wie ich bewerte und mich damit isoliere; oder wie ich in Liebe bin und jeden so annehmen kann, wie er ist. Ich könnte auch wahrnehmen, welches Gefühl ich habe, wenn ich mit Menschen in Kontakt bin, und wie diese Menschen sich fühlen.

Was mich jedoch versöhnlich mit dem Denken stimmt, ist, dass diese Gedanken mich wohl doch auf einen bestimmten Weg gebracht haben. Und letzten Endes kam ich doch dort an, wohin ich mit dem Denken schon vorausgeeilt war. Das Denken erscheint mir somit wie eine Art Vorprogrammierung oder Ausrichtung auf ein Ziel. Das Denken spürt schon mal die möglichen Flussbetten auf, gleich einem Seismograph. Es bedarf jedoch des Gefühls, denn das Gefühl ist das Wasser, das die Flussbetten gräbt. Denken ist in Wirklichkeit Nachdenken, das heißt erst leben wir und danach denken wir über das Erlebte nach, um Muster zu entdecken. Mit Hilfe dieser Muster, das heißt Gesetzmäßigkeiten, können wir zukünftige Ereignisse extrapolieren, gleichsam vorausberechnen. Ob sie eintreffen, bleibt dahingestellt. Wir können nur Wahrscheinlichkeiten konstatieren und Vermutungen anstellen. Weil jedoch das Denken und seine Logik sich aus diesem Befund des Wirklichen speist, und das Wirkliche abbildet, ist es nicht beliebig und grundsätzlich falsch. Es kann vielmehr von seinem Wesen her nicht anders, als Wirkliches zu erdenken. Der Fehler besteht nicht im Denken selbst, sondern wie wir damit umgehen. Denken dient dem Empfangen, nicht dem Bestimmen.)

Ich vergebe Dir für das, was du mir nicht angetan hast. Ich zeige mich, und es ist der Kammerton A, wenn es stimmt. Ich mache mich nicht extra runter, damit der andere mich aufwertet. Ist es stimmig, wie ich über mich rede? Die Seele hat das absolute Gehör. Sie weiß, ob es stimmt, oder ob es eine Show ist.

Vortrag über das Bonding:

Wir brauchen emotionale Offenheit und körperliche Nähe. Bindung bedeutet, ich kann mich auf jemanden verlassen. In Japan, in Okinawa, gibt es den Begriff »agi-kai«, der bedeutet, miteinander etwas unternehmen. Es gibt dort sehr viel Hundertjährige, was zeigt, dass die emotionale Bindung, die durch das »agi-kai« entsteht, heilsam und lebensförderlich ist.

Bonding wurde von Dan Casriel begründet und in seinem Buch »Die Wiederentdeckung des Gefühls« (englisch: A Scream for Happiness) dargestellt.

Wenn Gefühle da sind und sie ausgesprochen werden, ändern sie sich. Die wichtigsten primären Gefühle sind Wut, Schmerz, Angst, Freude und Liebe. Männer zeigen ihre Angst am wenigsten. Frauen vermeiden am meisten ihre Wut. Aggression kommt von dem lateinischen »aggredi«: an etwas herangehen, sich annähern. Einstellungen sind Sätze, die unser Leben regieren. »Ich gehöre nicht dazu.« »Sei nicht.« Das sind Skripte, Einstellungssätze. Die gilt es umzudrehen. »Ich gehöre dazu.« »Gut, dass es mich gibt.« Dann kommt das Gefühl, wie schön das wäre, und wir spüren, was wir bräuchten.

Bei alten Paaren erleben wir oft, dass sie sich auf Abstand beißen: »Wenn du nicht wärest …« Das sind die Ablehner, sie fürchten Enttäuschung. Andere entscheiden sich, alles zu schlucken, bloß damit niemand sie verlässt. Was für eine Einsamkeit, zu allem Ja zu sagen, ohne sich gewünscht zu fühlen. Das sind die Schlucker.

Es reicht nicht, nur die Einstellung zu ändern, es muss sich auch das Handeln ändern.

Lesen Sie weiter im Buch!

 

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