Universelle Spiritualität und die Krise der Wissenschaft

Aufbruch zu einer Integration auf einer neuen Ebene

Autor: Prof. Dr. Fyodor N. Kozyrev
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 65

 

Universelle Spiritualität und die Krise der Wissenschaft

 

Der Religionsphilosoph Kozyrev zeigt die Gemeinsamkeiten von christlichem Glauben und moderner Wissenschaft auf. Beide grenzen sich von heidnischen und gnostischen Vorstellungen über die materielle Wirklichkeit als beseelte oder göttliche ab. Naturwissenschaft, die heute Religion als falsch ablehnt, wäre ohne die christlichen Theoreme nicht entstanden. Für beide konstitutiv sind ein Dualismus zwischen Ich und Welt sowie zwischen Geist und Materie, aber auch die Ideen von der Einzigartigkeit der Schöpfung und der Menschwerdung Gottes. Angesichts der Krise der Wissenschaften und ihrer Defizite in Fragen menschlicher spiritueller Bedürfnisse ist eine neue Stufe der Integration notwendig. Das Neue Paradigma orientiert sich zu einer holistischeren Sicht der Natur als etwas Lebendigem hin.

 

Als der große W. Dilthey seine nützliche Unterscheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften aufstellte, war er durch den Wunsch motiviert, die letzteren zu verteidigen, die oftmals von ihren »älteren Schwestern«, das heißt den Naturwissenschaften, angegriffen wurden. Er behauptete, dass die Geisteswissenschaften kein unentwickelter Sektor der Wissenschaften seien, sondern eine andere Art von Wissenschaft, ausgestattet mit ihren eigenen Methoden und erkenntnistheoretischen Voraussetzungen. Das Hauptkriterium, um zwischen den beiden zu unterscheiden, war gerade die Frage der Universalität.

 

Das Ideal vom umfassenden verifizierten und formalisierten Wissen über die Welt war nicht die Erfindung der Aufklärung.

 

Naturwissenschaften wenden sich an die universelle Erfahrung der Menschheit, begründet in der gemeinsamen Natur des Menschen, und erhalten dadurch ihre Allgemeingültigkeit. Im Gegensatz dazu können Theologie, Geisteswissenschaften, Kunst und andere Tätigkeiten, die sich mit spirituellen Themen beschäftigen, nicht im gleichen Sinne universell sein, da sie innerhalb hermeneutischer Bedeutungszirkel begrenzt sind. Erfahrungen, die sie untersuchen, können ebenso objektiviert werden, aber sie können nur im Bezugssystem oder Zusammenhang anderer Erscheinungen derselben Kultur korrekt interpretiert werden. Wahrheiten der Geisteswissenschaften existieren innerhalb eines »Sprachspiels«, wenn wir L. Wittgensteins Konzept heranziehen. Man kann diese Position auch mit der sogenannten intensiven Unendlichkeit vergleichen, die ein Gegenteil zur extensiven Unendlichkeit von beispielsweise der Sequenz natürlicher Zahlen darstellt. Intensive Unendlichkeit kann, wie eine Anzahl an Punkten innerhalb eines Kreises, im Raum begrenzt sein, sie kann also Einschränkungen im Anwendungsgebiet haben. Das hermeneutische Prinzip gemeinsamer Anreicherung des Ganzen und des Teils öffnet dennoch in dieser Art der Wissenschaft die Dimension von Tiefe und die Perspektive des unendlichen Wachstums von Wissen und Verständnis innerhalb einer und von einer bestimmten Kultur. Tatsächlich ist die Kapazität, die Kultur des anderen zu verstehen, in diesem Fall nicht ein Ergebnis von Ausdehnung in weit entfernte Gegenden des spirituellen Universums, sondern entsteht durch Vertiefung in seine eigene Kultur hinein.

 

Aufbruch zu einer Integration auf einer neuen Ebene

 

In der Geschichte der russischen Philosophie kann man viele interessante und inspirierende Gedanken über universelle Spiritualität finden. Namen wie Nikolaus Röhrich oder Leo Tolstoi reichen aus, um uns an eine der stärksten Bewegungen des religiösen Synkretismus zu erinnern, die unter russischen Intellektuellen des frühen 20. Jahrhunderts existierte und das Phänomen des russischen Kosmismus inspirierte. Eine vorsichtigere Annäherung an dieses Problem wurde vom Gründer russischer religiöser Philosophie und Sophiologie#1 , Vladimir Solovyov, vorgeschlagen. Er wies auf die beiden grundverschiedenen Strategien der Annäherung an das Ziel spiritueller Einheit hin. Eine Strategie ist der Weg der Minimierung der Unterschiede. Doch diese Strategie bedeutet ebenfalls die Reduzierung von bestimmtem Inhalt der Lehren, zumindest in dem Teil, in welchem sich Lehren unterschiedlicher Glaubensrichtungen widersprechen. Viele religiöse Menschen, ihn und mich eingeschlossen, werden darin übereinstimmen, dass das Ziel, in diesem Fall der Verlust der konkreten Inhalte, es nicht wert ist. Die entgegengesetzte Strategie kommt aus der positiven Evaluierung von Unterschieden und aus der Anerkennung der Vielfalt von spirituellen Welten, die aufmerksame und umfassende Berücksichtigung verdienen. Die Existenz universeller Spiritualität ist in diesem Fall kein Axiom, aber sie könnte sehr gut ein überraschender Ausgang einer spirituellen Reise sein.
Da ich ein Anhänger der zweiten Strategie bin, möchte ich von der Universalität menschlicher spiritueller Erfahrungen zu einem enger gefassten historischen Phänomen umlenken und auf einige meiner Reflexionen über die Beziehungen zwischen christlicher Religion und moderner Wissenschaft eingehen.

 

Diese zeitweise Ratlosigkeit bedeutet ganz und gar nicht, dass das ethische und soziale Potential der christlichen Offenbarung erschöpft ist.

 

Beziehungen zwischen Kirche und Wissenschaft sind von äußerster Wichtigkeit für ein Verständnis der neuen Bedingungen unserer Zivilisation. Die Neuzeit wird manchmal postmodern genannt oder post-christlich oder post-positivistisch und alle diese Namen beziehen sich auf dasselbe Problem. Als erstes sei erwähnt, dass diese Probleme in der Religion und Wissenschaft oft als Krise beschrieben werden. In der Religion ist diese Tendenz schon länger zu beobachten. Wir erinnern uns daran, dass Hegel und seine materialistischen Anhänger vor beinahe 200 Jahren das Aussterben der Religion vorausgesagt haben. Ja, die institutionalisierte Christenheit verliert weiterhin ihre Macht, aber zahlreiche soziologische Studien zeigen auf, dass verwaiste Kirchen nicht das Ergebnis eines wachsenden Fehlens von Religiosität sind, sondern eher des fortschreitenden Prozesses der Privatisierung des religiösen Lebens. Ich möchte hinzufügen, dass meiner Ansicht nach der Hauptgrund dafür, der Kirche zu misstrauen, in ihrer Unfähigkeit besteht, relevante Antworten auf die neuen Herausforderungen zu geben. Diese zeitweise Ratlosigkeit bedeutet ganz und gar nicht, dass das ethische und soziale Potential der christlichen Offenbarung erschöpft ist.

 

Krise der Wissenschaft

 

Die Krise der Wissenschaft ist ein jüngeres Thema. Das Wort »Postpositivismus« zeugt davon, dass die Hoffnung, Religion und Philosophie durch positive Wissenschaft zu ersetzen, selbst der Vergangenheit angehört. Positivistische Wissenschaft wurde das Opfer einer tiefen Krise. Das Wort Postmodernismus wird manchmal einfach als die Enttäuschung in die Macht wissenschaftlichen Wissens definiert. Selbst offizielle Philosophen der späten Sowjetunion mussten den Anbruch einer »neuen erkenntnistheoretischen Situation« zugeben. Rehabilitation der Metaphysik und Irrationalität, Berücksichtigung der persönlichen Dimension in der Erkenntnisfunktion, Eingeständnis des Mankos der Wissenschaften angesichts menschlicher spiritueller Bedürfnisse gehörten zu den essentiellen Aspekten dieser neuen Lage.

Die Herausforderungen dieser gemeinsamen Krise rufen nach einer Betrachtung der Verhältnisse zwischen den zwei dominantesten Kräften der Neuzeit: zwischen Christentum und positiver Wissenschaft. Ich nähere mich diesem Thema mit der Absicht, die weit verbreitete Auffassung eines jahrhundertelangen Kampfes zwischen den beiden zu hinterfragen und stattdessen den komplementären Charakter ihrer Beziehung zu unterstreichen. Es gab nur zwei bedeutende Gipfel in der Entwicklung der Wissenschaften: im alten Griechenland und im Post-Reformations-Europa. Es wäre oberflächlich zu denken, dass der spirituelle, politische und kulturelle Hintergrund keine Rolle in diesen beiden Ereignissen spielte. Heute sehen wir eine schnelle und dramatische Veränderung schon in den Grundlagen wissenschaftlicher Aktivitäten, die ihre Zukunft bedroht. Es geht nicht nur um wachsende Kommerzialisierung der Wissenschaften, ihre kurzfristige Planung und die Abhängigkeit vom unmittelbaren technischen Effekt. Es geht auch um die verstörende Gleichgültigkeit wissenschaftlicher Schulen gegenüber erkenntnistheoretisch bedeutsamer Grundannahmen. Wissenschaften sind nicht mehr so vereint, wie sie es noch vor zwei oder drei Jahrhunderten waren. Sie sind verstreuter und esoterischer. Weiter fortgeschrittene und aktivere Wissenschaftsteams zeigen keinerlei Interesse darin, ihre Erkenntnisse mit den Erkenntnissen anderer Gruppen abzugleichen. Debatten über die prinzipiellen theoretischen Voraussetzungen und Schlussfolgerungen, wie sie für die Zeit der Scholastik üblich waren, kommen heute nur noch gelegentlich vor. Und selbst die Verifizierung der empirischen Daten zwischen den Laboren wird zu einer extrem seltenen Praxis. Aus einer sozialen Perspektive kehren unsere Wissenschaften zu mittelalterlichen Zeiten zurück, und das fordert das Überdenken der traditionell negativen Beurteilung der Rolle der Kirche während der bedeutenden wissenschaftlichen Revolution des 16. – 17. Jahrhunderts. Möglicherweise brauchen die Wissenschaften einen meta-wissenschaftlichen Referenzpunkt, um universal zu sein. Und falls dem so ist, werden sich die Eigenschaften dieses Dreh- und Angelpunkts in den Wissenschaften wiederfinden. Es wurden beispielsweise viele wertvolle Beobachtungen der inneren Kopplung zwischen dem religiösen Theismus und dem mechanistischen Paradigma europäischer Wissenschaften gemacht. Es könnte hilfreich sein, über den möglichen oder erstrebenswerten zukünftigen Referenzpunkt nachzudenken, der eine weitergehende Verschiebung hin zum holistischen Trend in den Naturwissenschaften stimulieren könnte.

 

Universelle Spiritualität

 

Als Religionswissenschaftler und -pädagoge beziehe ich mich häufig auf ein Schema, das Veränderungen von Paradigmen geschichtlich darstellt, um zu betonen, dass die Anwendung eines humanitären Religionsunterrichts bedeutet, nicht nur die scholastische Tradition des Katechismus abzulehnen, sondern auch die Tradition des wissenschaftlichen Objektivismus, da in beiden Religion in Form von objektiven Wahrheiten präsentiert wird.#2 Während die Aufklärung Persönlichkeit hoch schätzt, hat sie menschliche Subjektivität gleichzeitig zum Geächteten der Erkenntnis gemacht. Ferner hat die liberale Erziehung des 17.-19. Jahrhunderts, während sie versuchte Metaphysik, Dogmatismus und Indoktrination zu überwinden, unbewusst weiterhin an Eigenschaften der Scholastik wie der ›katechetischen Instruktion‹ festgehalten, bei der Studenten mit geschlossenem und fertigem Wissen versorgt werden, frei von Zweifeln und weiterführenden Fragen oder auch der Idee, den Studenten umfassendes (enzyklopädisches) Wissen zu geben. Ein russischer Theoretiker aus vor-revolutionären Zeiten, V. Rozanov, hat sogar die offiziellen katechetischen Einführungen für die »Atrophie religiöser Gefühle« verantwortlich gemacht, die bei Schulkindern zu beobachten ist. Den Grund dafür fand er in der speziellen Tendenz religiöser Lehrer (zur damaligen Zeit überwiegend Priester) »ihren Gegenstand als Wissenschaft wahrzunehmen« und ihn in wissenschaftlicher Manier zu unterrichten.

 

Aus einer sozialen Perspektive kehren unsere Wissenschaften zu mittelalterlichen Zeiten zurück.

 

Auf unser Thema übertragen bedeutet dies, dass wir bei einer Gegenüberstellung von Religion und Wissenschaft im europäischen Kontext nicht die Folgen übersehen sollten, die sogar die äußersten anti-klerikalen wissenschaftlichen Bewegungen mit dem klerikalen scholastischen Projekt verbinden. Das Ideal vom umfassenden verifizierten und formalisierten Wissen über die Welt war nicht die Erfindung der Aufklärung. Es wurde von den Universitäten des Spätmittelalters geerbt, in denen Wissenschaft das Dienstmädchen der Theologie war. Und hier kommen wir zum Punkt des notorischen Dogmatismus und Autoritätsgebarens christlicher Religion. Auch hier war es lange Zeit normal, Wissenschaft und Religion in diesem Punkt entgegenzusetzen. Aber aufgrund der Voraussetzungen der postpositivistischen Erkenntnistheorie ist diese Gegensätzlichkeit nicht mehr tragbar. Ich werde nicht die Argumente von M. Polanyi oder T. Kuhn über den allgegenwärtigen Dogmatismus der Wissenschaften anbringen. All diese sind nur zu gut bekannt. Ich will daran erinnern, dass David Hume Mitte des 18. Jahrhunderts bereits Wissenschaftler für ihren Glauben an die Regularität verspottet hat. Wenn die Sonne jeden Tag aufgeht, bedeutet dies nicht, dass sie morgen aufgehen wird. Wenn Sie das denken und die Wissenschaft auf dieser Meinung aufbauen, dann sind Sie ein Dogmatiker, der die Tatsache der Wiederholung eines Naturphänomens unkritisch hinnimmt und dieses in ein Dogma der Regularität verwandelt. Die Kehrseite dieses Fehlers ist die Arroganz der Naturwissenschaftler gegenüber den Theologen und mehr noch gegenüber allen, die spirituelle Gegenstände erforschen. Vom positivistischen Standpunkt her gesehen untersuchen Erstere objektive Fakten und gelangen zu verlässlichen Wahrheiten, während Letztere das Spiel der Illusionen studieren und im Sumpf subjektiver Meinung versinken. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 32: Dr. Wolfram Frietsch – Wissenschaft und Esoterik. Zwei Seiten einer Medaille

TV 33: Ronald Engert – Der Kreuzzug der Gottlosen und die dialektische Synthese von Glaube und Vernunft

TV 38: Prof. Dr. Martin Lockeley – Evolution oder Gottes Werk? Das intelligente Universum

TV 53: Sonderausgabe: Die spirituelle Dimension der Wissenschaft. Eine Spurensuche

TV 53: Prof. Dr. Dr. Harald Walach/ Dr. Nikolaus von Stillfried – Erkenntnistheorie der ersten Person

TV 53: Prof. Dr. Dr. Robert Hettlage – Die Soziologie in der Wissensgesellschaft

TV 61: Prof. Dr. Dr. Harald Walach – Hugo da Balma. Spirituelle Erfahrung als Grundlage

 

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