Henri Corbin und der Mundus imaginalis

Henri Corbin und der Mundus imaginalis

Botschaften aus der Zwischenwelt

Autor: Florin Mihail
Kategorie: Spiritualität allgemein
Ausgabe Nr: 77

Ein faszinierender Erfahrungsbericht über eine Welt jenseits unserer empirischen Realität. Der Autor öffnet für uns die multidimensionale Tür zu einem übersensorialen Universum und lädt ein zu einer spirituellen Entdeckungsreise einer alles durchdringenden Welt fernab von Raum und Zeit, dem sog. Mundus imaginalis.

Es geschah während einer geführten Meditation und es kam wirklich wie aus heiterem Himmel. Die Stimme unserer Kursleiterin führte uns zuerst aus dem Zimmer durch einen wunderschönen Park, dann über eine Weide, die nach und nach zu einem Wald wurde. Wir sollten in Gedanken eine alte Steinbrücke überqueren und das Eingangstor einer mittelalterlichen Stadt erreichen. Plötzlich war ich inmitten einer unbekannten, kleinen Straße und

ich war nicht mehr der »Beobachter«, der sich seiner Lage bewusst ist, sondern ich war mit allen fünf Sinnen dort.

Die Bedeutung des Erlebten vermochte ich erst später und nach vielen Recherchen zu verstehen. Da ich inzwischen weiß, wo ich war, erlaube ich mir, Sie zu einer Reise auf die Existenzebene des Imaginals einzuladen.

Imaginal ist die Kurzform des Mundus imaginalis, die Welt des Bildes, die Welt der Imagination. Der Begriff wurde vom Philosophen und Religionswissenschaftler Henri Corbin in den 1960er-Jahren geprägt als Ergebnis seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Gnostik und Philosophie der Sufis (hier besonders mit Shahab al-Din Suhrawardi, 1155–1191), aber auch mit der Schia-Richtung des Islam und deren Legenden.

Manuskript des Sufi-Meisters Al Ghazali

Manuskript des Sufi-Meisters Al Ghazali

Corbin (wie vorher Jung) hat gewagt, das einzuordnen und zu artikulieren, was zwar seit vielen Jahrhunderten immer wieder als Erzählung, Legende oder Vision zur Oberfläche kam, aber ohne eine fundierte Erklärung blieb. Seine großartige Leistung ist die Darstellung des uns umgebenden Zwischenreichs nicht bloß als eine psychologische Größe, sondern in konkreter und interaktiver Form. Genauso wie wir aus jener Dimension Besuch bekommen, haben wir unter gewissen Voraussetzungen die Möglichkeit, dorthin zu reisen.

C. G. Jungs mutige Schlussfolgerungen

Nach den epochalen Studien von Freud über das Unbewusste übernahm sein ehemaliger Musterschüler Carl Gustav Jung den Stafettenstab und sorgte für die nächste große Umwälzung. Er unterteilte das Unbewusste in einen individuellen und einen kollektiven Bereich. Die entstandene Theorie als zwingende Schlussfolgerung vieler Beobachtungs- und Strukturierungsversuche erbrachte den Nachweis einer überpersönlichen und gleichzeitig geistig-mystisch-religiösen Dimension der Psyche. Jung stellte fest, dass jener überpersönliche Raum nicht leer sei, sondern von einer Unzahl nichtmaterieller »Gestalten« bevölkert, seien es Leitmotive des Verhaltens, Träume mit Symbolcharakter, Visionen, Urgedanken/Elementare, Helden aus Sagen/Märchen/Legenden oder wiederkehrende Muster und Symbole. Er bezeichnete die Erscheinungen als Archetypen, als bestimmte Formen im kollektiven Unbewussten, die allgegenwärtig seien.

C.G. Jung

C.G. Jung
Nach Jung haben hier nicht nur vorbewusste psychische Komponenten, sondern auch Feen, Kobolde, weitere Naturgeister oder Engel Platz, die in ihrer Welt vollkommen real sind.

Es war Jung auch bekannt, dass Archetypen sich über die Zeit durch die Interaktion mit der Erscheinungswelt verändern und dass sie im Prozess des Entstehens und Werdens die passenden Mittel finden, uns zu begegnen und mit uns zu kommunizieren.

Auf diesem Terrain wagt sich Corbin noch weiter als Jung, er beschreibt nicht nur Archetypen, sondern erläutert einige Gesetze der Existenzebene, Interaktionsmöglichkeiten mit uns Menschen und »Reise-Möglichkeiten«. Mundus imaginalis wird auf Arabisch »Alam al-mithal« genannt, was Corbin mit »der Raum« oder »das Land Nirgendwo« übersetzt und uns klar macht, dass dies die Welt der archetypischen Bilder und Formen ist. Mit der Bezeichnung »das Land Nirgendwo« wollten die alten Gelehrten klarstellen, dass wir dieses Land auf keiner Weltkarte finden werden. Eine weitere, gewöhnungsbedürftige Bezeichnung für diesen Bereich heißt »die achte Klimazone«. Das Land Nirgendwo, die achte Klimazone, ist nichts anderes als das übersensoriale Universum und genau so Teil des Zwischenreiches wie das kollektive Unbewusste des C. G. Jung.

Lesen Sie im vollständigen Artikel mehr über die Voraussetzungen, die es für die spirituelle Entdeckungsreise zum Reich des Imaginals bedarf. Bestellbar am Ende dieses Beitrags.

Das Betreten des Imaginal-Raumes

Der Begriff »Jism i-mithali« bedeutet auf Arabisch der subtile, astrale oder Auferstehungskörper (gleichzusetzen mit dem »imaginalen Körper«). Mit diesem Körper bereist laut Corbin der Wahrheitssuchende das übersensoriale Zwischenreich. Die Wahrnehmung des Imaginals, des Zwischenreiches beginnt bei nicht Eingeweihten oft unter stressigen, extremen und manchmal auch unter lebensbedrohlichen Bedingungen.

Es ist, als ob unter diesen Umständen unsere Psyche oder das Schicksal eine geheime Tür aufmacht

und meist ist ein veränderter Bewusstseinszustand der Schlüssel, der die Imaginal-Tür aufsperrt. Für große Gnostiker des Islam andererseits war eine solche Reise kein Schock, sondern das Ergebnis der langen spirituellen Bemühungen (in der symbolischen Sprache des Orients: Man musste dafür den riesigen Berg Qaf durchwandern.). Und doch, wie Kenneth Ring schreibt, ist dieser Weg jedem zugänglich, der die Fähigkeit zu visionären Erfahrungen kultiviert (religiöse Orden, Mystiker, Schamanen, Magier, andere Eingeweihte) oder aus irgendwelchen Gründen schon von Natur aus mit ihr ausgestattet ist.

Erfahren Sie mehr über die Modalitäten, die veränderte Bewusstseinszustände induzieren und somit diese geheime Tür aufsperren.

Es ist die Welt der Archetypen, aber auch der Magie, der visionären Darstellungen, die Ereignisse wahrnimmt und diese in andere Sphären und in die Zukunft projiziert. Sie bestätigt die Validität von Träumen und symbolischen Ritualen, die Existenz von Räumen, die durch intensive Meditation entstehen können und auch die Realität der inspirierten imaginativen Visionen und der prophetischen Offenbarungen.

In diesem Reich ist der Fluss der Zeit umkehrbar, das Gesetz von Ursache und Wirkung nicht immer anwendbar, hier enthält der innere Raum den äußeren, weil hier der Raum nur der äußerliche Aspekt eines inneren Zustandes ist und die Substanz des physischen Körpers von der spirituellen Substanz umgeben ist.

Iskander unterwegs im Alam-al-Mithal

Iskander unterwegs im Alam-al-Mithal

Das Geschehen in Mundus imaginalis besitzt, obwohl echt, nicht die Realität des täglichen Lebens, sondern die visionäre Wahrheit der Seele. Aus den Reisen in das Zwischenreich bringen wir anscheinend moralische, philosophische, ja sogar prophetische Erfahrungen mit.

Visionen (nicht Halluzinationen), prophetische Eingebungen und das Auftreten von Archetypen sind Zeichen des Imaginals. Diese Welt, die weder absolut gut noch absolut böse ist, kommt auf uns zu und die aktive Imagination ist unser Werkzeug, um die Schwelle zum Zwischenreich zu überwinden. Machen wir uns auf den Weg!

Unser Autor Florin Mihail

Über den Autor

Florin Mihail, Biologe, Heilpraktiker und Absolvent eines mehrjährigen Kurses in »Geistiges Heilen«. Noch während der Hochschuljahre in Bukarest/Rumänien begann er eine Yoga-Schulung unter der Leitung seines verehrten Meisters Ion Vulcanescu. Weitere Yoga-Studien folgten bei der Deutschen Yoga Gesellschaft unter S. Feuerabendt. Seit einigen Jahrzehnten beschäftigt er mich mit verschiedenen Aspekten der Spiritualität und Esoterik, über einige der Ergebnisse konnte er in Form von Veröffentlichungen und Vorträgen berichten.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Der vollständige Artikel von Florin Mihail beschreibt detailliert den sog. Mundus imaginalis als eine alles durchdringende Welt fernab von Raum und Zeit.

Die vollständige Fassung des ersten Teils lesen Sie in der Tattva Viveka 77 Auch für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 7 Seiten).

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