Porno – die geile Sackgasse

Porno – die geile Sackgasse

Porno – die geile Sackgasse

Kranke und gesunde Formen der Sexualität

Autor: Dr. med. Robert Fischer
Kategorie: Mann/Frau
Ausgabe Nr: 60

 

 

Sexualität und Pornografie sind trotz der sexuellen Befreiung ein Tabuthema. Ein Tabu deshalb, weil sie einerseits von religiösen Gruppen weiterhin unterdrückt werden, andererseits, weil die Gegenströmungen ein »anything goes« als Antwort auf die Unterdrückung liefern. Was aber fehlt ist eine differenzierte Sicht auf gesunde und kranke Formen von Sexualität.

 

»Meine Frau vermutet ein Geheimnis bei mir. Das stimmt, ich schaue nämlich Porno. Ich will ihr das nun sagen, obwohl ich mich schäme und Angst vor Schwierigkeiten in der Beziehung habe.« (John, 29 J.)

»Ich stelle mir vor, mit den Pornostars in einer gelebten sexuellen Beziehung zu sein. Oft mehrmals am Tag mache ich mir am Penis viel Lust, jeweils mehr als eine Stunde lang. Seit meinem 13. Lebensjahr ruft mein Penis mich häufig, häufiger noch, seit ich etwas später die Pornohefte meines Vaters entdeckt hatte. Die Einsamkeit vor dem PC schätze ich, ich kann so die emotionale Spannung entladen, der Frustration des Tages entfliehen und finde Halt, wenn ich gerade nicht weiß, was tun. Obwohl ursprünglich kein Thema, fand ich bald immer jüngere Darstellerinnen attraktiv.« (Karl-Heinz, 42 J.)

»Seit einem Jahr bin ich in eine russische Prostituierte verliebt und schaue viel Porno. Ich bin im Dilemma zwischen der eigenen sexuellen Lebendigkeit und meiner Ehe mit Familie.« (Maurice, 39 J.)

»Ich habe im Sex keine Probleme. Nur jetzt seit der Eskalation der Ehesituation ist mein Pornokonsum ein Problem geworden. Ich schaue normalen Sex, seltsamerweise erregen mich auch sich prügelnde Frauen.« (André, 59 J.)

»Vor der Ehe mit Kindern hat mein Sexleben vor allem aus Pornokonsum bestanden. Jetzt beklagt sich meine Frau, dass sie sich deshalb von mir im Bett nicht gesehen fühle. Ich hätte immer noch die Pornostars im Kopf. Daher haben wir kaum Sex.« (Lorenzo, 35 J.)

 

Ich habe diese Äußerungen in der Praxis oder in Seminaren gehört. Sie erscheinen mir typisch und geeignet, um sich diesem Thema aus der Sicht der Auswirkung auf die männliche Würde und auf die Qualität der sexuellen Liebesbeziehung zu nähern. Ihr Handeln und Erleben ist verständlich – und eine Sackgasse. Ich erläutere das in diesem Text.

Zu keinem Thema wurde in letzter Zeit kontroverser diskutiert und widersprüchlicher gehandelt. Der Pornografie wird jede Rolle zugedacht: der Grab-Schauflerin der letzten moralischen Werte, Liebeszerstörerin und Gift für die Volksgesundheit bis zur Befreierin, Spenderin von Lust und Liebeslehrerin. So wurden in der Geschichte manchmal Hexen, Huren oder die weibliche Sexualität überhaupt gesehen. Nicht wenige verurteilen die Pornografie in der Öffentlichkeit, während das private Verhältnis zu ihr von Innigkeit geprägt ist. Mit ihr werden Milliarden umgesetzt, Arbeitsplätze geschaffen, Zeitungsartikel gefüllt, Wissenschaftler, Polizisten und Juristen beschäftigt.

Kein Zweifel: Porno beschäftigt uns. Es geht um Sex.

Während mir scheint, dass die öffentliche Diskussion immer noch zwischen der historischen kultur- und kirchenmoralischen Ablehnung und der emanzipatorischen oder hedonistischen Befürwortung hin und her pendelt, schreibe ich in diesem Text jenseits dieser Sexualbefreiungsthematik.

Porno – was ist das?

Porno – die geile Sackgasse

Erotische Darstellungen hat es immer gegeben und es ist völlig menschlich, dass dieser wichtige Lebensbereich auch seinen Platz in Darstellungen hat.

Sex-Pornografie ist nur ein Teil des Ganzen, von dem die andere Hälfte die Herz-Pornografie ist. Diese wird häufiger bei Frauen angetroffen und ist die intensive Beschäftigung mit romantischen Liebesgeschichten. Üblicherweise ist dabei der Mann reich, mächtig, charmant und die Frau jung, hübsch und gesund. Die Frauen erleben beim Konsum intensive Gefühle, oft auch sexuelle. Die Herz-Pornografie kann, wie die übliche Pornografie, in jedem Ausmaß betrieben werden: vom Gelegenheitskonsum bis zur Sucht. Da die Öffentlichkeit auf Sex fixiert ist, wird diese Konsumform nicht als das erkannt, was sie ist: nämlich das Spiegelbild der Sex-Pornografie mit vergleichbaren Risiken. In der traditionellen moralischen Sichtweise ist die Sexpornografie schlecht, Herz- und Romantikbeschäftigung gut. Irrtum. Beides kann entgleiten und destruktiv auf sexuelle Liebesbeziehungen und die Selbstliebe wirken. Beiden Formen gemeinsam ist, dass es um Sehnsüchte, Idealpartner und wiederholten Konsum geht, der eine Weile ein gutes Gefühl hinterlässt, bald aber wiederholt werden muss und will. Die Lösung dieser Sex-Herz-Spaltung ist das Verständnis, dass die sexuelle Liebe nur vollständig ist, wenn Sex und Herz zu einem Organ werden und zwar bei Männern und bei Frauen.

Die Sex-Pornografie, hier im Folgenden wieder einfach Porno genannt, hat eine gigantische inhaltliche Bandbreite: Von der dominierenden Mainstreamform (für den heterosexuellen »Normalo«) über Schwulen- und Lesbenpornos, zu AltPorn (mit Darstellenden und Szenen aus alternativen Lebensweisen), FemPorn (nach dem Geschmack von Frauen) und zu jeder speziellen Vorliebe. Das Internet, teilweise auch noch die DVD-Gestelle, sind voll davon. Rand-Gruppierungen betrachten ihre Pornoform auch als ein Vehikel, um zu zeigen, wer sie sind und um darin gesehen und akzeptiert zu werden.

Der Definitionen sind viele: Juristische, umgangssprachliche, wertende, inhaltlich-funktionale. Juristisch wird unterschieden zwischen Softporno oder -core (sexuelle Handlungen angedeutet), einfacher Pornografie oder Hardcore (reale Darstellung von Sex und Genitalien, »nur für Erwachsene«) und der harten illegalen Pornografie (Gewalt, Kinder, Jugendliche, Tiere). Umgangssprachlich wird nicht so genau differenziert. Die wertende Beschreibung unterscheidet nach ästhetischen und ethischen Kriterien, ob Porno akzeptabel ist oder nicht. Die inhaltlich-funktionale Sichtweise beschreibt, was (Genitalien, GV, …) in welcher Art (direkt, angedeutet, Großaufnahmen) gezeigt wird.

 

In der traditionellen moralischen Sichtweise ist die Sexpornografie schlecht, Herz- und Romantikbeschäftigung gut. Irrtum.

 

In ihrer Untersuchung von Suchanfragen im Internet fanden zwei Neurowissenschaftler, was zum Thema Sex weltweit gesucht wird. Am meisten wird nach weiblichen Brüsten gesucht, dann nach jungen Frauen, MILF’s (»Mothers I’d Like to Fuck«, selbstsichere Frauen über 35, bei denen Mann ohne Beziehungserwartung vögeln kann), etwas füllige Frauen (ja, Männer suchen 3x so häufig füllige denn schlanke!), große Penisse (interessiert vor allem Männer, weniger Frauen), »Shemale« (hormonell zur Frau umgewandelte Männer, die Brüste und Penis haben). Männer suchen Bilder und ein Reiz reicht für die Erregung, Frauen suchen Geschichten und brauchen mehrere Informationen, um körperlich und psychisch erregt zu werden. Es gibt sehr unterschiedliche Nutzergruppen: vom sporadisch neugierigen über den regelmäßigen bis zum süchtigen Nutzer.

 

Kranke und gesunde Formen der Sexualität

 

Der Film

Die professionell erzeugten Filme sind wohl immer noch die häufigsten, allerdings nimmt der Konsum von authentischer Amateurpornografie (Videoaufnahmen der realen Sexualität, die Privatleute ins Internet stellen) zu, weil viele Männer nicht mehr bereit sind zu zahlen und weil immer mehr Leute sich subjektiv sexuell befreit fühlen, möglicherweise aber abgespaltene feinere Gefühle in sich mit der Zurschaustellung im Netz übergehen.

Professionelle Pornofilme werden üblicherweise so gedreht, dass sie für viele Zuschauer attraktiv sind. D.h. sie bringen die Art Schauspieler, Handlungen, Einstellungen, die dem Zweck dienen, dass sich der Film gut verkauft oder häufig aufgerufen wird. Es geht nicht um Wirklichkeit im Sex, sondern um Wunschbilder, Idealabläufe und hohe Erregung. Die darstellenden Frauen und Männer spielen das, was es für diesen Zweck braucht, nicht das, was sie echt fühlen. Innen drin ist ein anderer Mensch. Dieses Aufspalten oder Abspalten dessen, was wirklich ist, gehört zum ganzen Spiel um die Pornografie. Was in diesen Darstellungen fehlt, ist die Scham, die Verletzlichkeit und andere menschliche Regungen. So meint die Pornodarstellerin Aviva Rocks im Interview, dass sie es persönlich lieber zärtlicher habe, vor der Kamera sei es extremer. Sie ergänzt, dass Porno ein verzerrtes Bild vermittle. Jugendliche sollten sich das nicht zum Vorbild nehmen.

 

Männer suchen Bilder und ein Reiz reicht für die Erregung, Frauen suchen Geschichten und brauchen mehr Informationen.

 

In den meisten Darstellungen sind die Frauen immer geil und wollen nur eins: Sex, Sex und nochmals Sex. Und sie finden den Mann im Film, mit dem sich der Zuschauer identifiziert, attraktiv, lieben seine Geilheit, fordern diese heraus, wollen genommen werden oder sich auf ihn stürzen. Es ist kaum ein Halten. Das heißt, sie bestätigen die Geilheit, das sexuelle Wollen des Pornoaktiven, fördern und befürworten sie, bewundern ihn dafür. Sie gibt ihm das Gefühl, dass er ihr Beglücker ist. Das tut gut, wenn Mann wie sehr viele Männer eine Geschichte hat, in der sein Sexuell-Sein in der Kindheit ignoriert, übergangen oder abgelehnt wurde.

Der Konsum

Der häufigste Mainstream-Konsument sitzt alleine vor dem PC und möchte weder ertappt noch gestört werden, weil er sich schämt. Hier eine Geschichte: Ein Mann soll von Schulkameraden seiner Kinder durchs Fenster beim Onanieren am PC gesehen worden sein. Das verbreitete sich wie ein Lauffeuer, Kinder und Eltern fanden das peinlich, schämten sich für ihn mit oder entwerteten ihn. Das dürfte für seine eigenen Kinder alles andere als angenehm gewesen sein. Ihnen nützte nichts, dass statistisch gesehen etwa ein Drittel der Väter aller Kinder dasselbe tun, diskreter natürlich. Das wiederum ist eine Abspaltung, diesmal der pornografischen Tätigkeit vor dem Auge der Öffentlichkeit. Verstecken, Scham und Peinlichkeit regieren hier. »Man tut das einfach nicht.« Scham ist die tiefe Überzeugung, dass Mann so nicht liebenswert ist. »Wenn ich sexuell bin, bin ich nicht liebenswert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Frau mein sexuelles Begehren wirklich will. Nur die Porno-Frau gibt mir das deutlich zu verstehen, die richtigen Frauen nicht.«

Hier hat die Porno-Queen ein Angebot, das scheinbar Männer an einer tiefen Wunde heilen kann. Leider macht sie Männer mehr abhängig, da es selten heilt, sondern nur vorübergehend Erleichterung verschafft. […]

 

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 60

 

Dieser Artikel ist auch als PDF erhältlich:

Dr. med. Robert Fischer TV60 (PDF)

Kompletter Artikel im PDF-Format (6 Seiten)
 
Preis: 2,00 EUR
(inkl. 19,00% MwSt.)
 
 

Die Männerseite bei Tattva Viveka


Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 13: Dr. Ingeborg Heldmann-Deutinger – Die Schlange.
Symbol weiblicher Gottheiten

TV 17: Prof. Berhard Lietaer – Schwarze Madonnen. Ein Archetypus

TV 47: Ronald Engert – Entwirrung der Gefühle. Warum Schmerz gut tut

TV 52: Prof. Dr. Walter Hollstein – Der entwertete Mann.
Die männliche Sicht der Emanzipation

TV 52: Jack Silver – Raum für’s Mannsein. Männer unter sich

TV 52: Ronald Engert – Ins and Outs.
Differenz weiblicher und männlicher Erkenntnis

TV 59: Gabriele Sigg – Die dunkle Seite der Liebe.
Der weibliche Schatten als ein nachlässig diskutiertes Problem

Link zu einer aktuellen Porno-Statistik: http://www.roadtograce.net/current-porn-statistics/ (Stand: August 2016)

Bildnachweis: © Rudall30, Eugenp / Dreamstime.com, Mirror

 


 

 

6 Euro Gutschein zu verschenken!