Pythagoras und die Harmonie des Kosmos

Pythagoras und die Harmonie des Kosmos

Harmonik als Lösung für unsere gespaltene Welt heute

Autor: Dr. Hans G. Weidinger
Kategorie: Harmonik / Heilige Geometrie
Ausgabe Nr: 77

Harmonie, Maß und Mäßigung, Leben im Einklang mit der Natur – dies waren schon immer die Grundgedanken philosophischer Strömungen. Töne und Frequenzen können uns hier zurück zu dieser Harmonie führen. Der Autor gibt uns einen Überblick über die Harmonik, die auf Pythagoras zurückgeht. Gerade in der gespaltenen Welt, in der wir heute leben, bedarf es einer Rückbesinnung auf diese Weisheiten eines ausbalancierten Lebens.

Harmonik ist leider ein unterschiedlich benutzter Begriff. Im Musikunterricht steht er für die Harmonielehre, d. h. die Beachtung von Regeln für das harmonische Zusammenklingen von Tönen in einer Komposition. Die Harmonik, von der hier die Rede ist, steht zwar nicht im Widerspruch zu einer solchen Harmonielehre, aber sie meint doch etwas anderes. Sie versteht sich als ein ganzheitliches Erlebnisprinzip, in dem rational-objektives Denken und subjektiv-emotionales Empfinden zu einer gesamtheitlichen Einordung der Außen- und Innenwelt des Menschen zusammenfinden.

Diese Harmonik geht auf Pythagoras (ca. 570–490 v. Chr.) zurück und wird deshalb auch »pythagoreische Harmonik« genannt. Er fand durch Experimente auf einem Monochord heraus, dass durch die ganzzahlige Teilung einer Saite Töne entstehen, die sich zu den Intervallen anordnen lassen, die die Grundlage jeder Musik bilden: Oktaven, Quinten, Terzen usw.

Harmonik als Lösung für unsere gespaltene Welt heute

Schwingungen durch ganzzahlige Teilung einer Saite

Daraus gewann er die Erkenntnis, dass die irdische Musik ein Abbild der Harmonie im Kosmos ist.

. Also folgerten die pythagoreische Lehre und danach die Schule von Platon, dass auch das rechte Leben des Menschen harmonischen Verhältnissen entsprechen müsse.

Insbesondere ergab sich für die Menschen dieser Zeit, dass deren Denken und Gestalten den so erkannten Regeln einer harmonisch geordneten Welt folgen. So prägte diese Idee in unserem Kulturraum über viele Jahrhunderte die Normen der künstlerischen Gestaltung, insbesondere der Musik und der darstellenden Kunst. Mit der Wiederbesinnung auf ein selbstständiges Denken und Fragen nach Sinn und Ordnung in der Natur begann auch die pythagoreische Lehre wieder Fuß zu fassen, bis mit Kopernikus und seinem Werk »harmonices mundi« der Durchbruch zu dem gelang, was wir bis heute »harmonikales Denken« nennen.

Mit ihm wurde die alte Vision wieder lebendig, dass hinter der Vielfalt der Erscheinungen dieser Welt elementare Strukturen wirken.

Über diese haben wir im Laufe der Entwicklung der Wissenschaften, vor allem der Naturwissenschaften, zwar viel Quantitatives gelernt, aber wir beginnen auch – wieder – zu begreifen, dass sie qualitativ empfunden werden muss, wenn daraus ein ganzheitliches Erlebnis der Welt und des Lebens entstehen soll. Um dieses ganzheitliche Erleben dessen, was »die Welt im Innersten zusammenhält«, geht es in der Harmonik.

Von der Entsprechung von Zahl und Ton

Die an einer Saite hervorgerufene Schwingung führt zu einer Schwingung in der sie umgebenden Luft. Sie ruft im Ohr Erregungen hervor, die über das Gehirn zum Hören eines Tones führen. Sowohl die Frequenz dieser Schwingungen als auch die dazugehörende Wellenlänge lassen sich, wie schon Hermann Helmholtz zeigte, mit geeigneten Geräten messen und dann in einer kausal-logischen Erklärung quantitativ beschreiben. Diese Beschreibung ist das Ergebnis von objektiven Beobachtungen. Sie ist – per definitionem – wissenschaftlich nur »wahr«, wenn sie unabhängig vom Beobachter und Beschreiber erfolgt.

Das Hören eines Tones ist jedoch das Ergebnis individuell persönlicher Reaktionen im Menschen und führt so zu einer subjektiven Empfindung, die nicht von anderen Menschen objektiv nachvollziehbar ist. Diese Empfindung ist abhängig von der durch Veranlagung, Erziehung und immer wieder neue Erlebnisse geprägten Eigenart jedes einzelnen Menschen.

Und kein natürlicher Sinn ist so ursprünglich und tief mit den elementaren Bedingtheiten jedes einzelnen Menschen, seiner persönlichen Bewertung jedes Erlebnisses verankert wie der Hörsinn.

Dieser Unterschied war Hans Kayser, dem Stammvater der Harmonik in unserer Zeit, zutiefst bewusst. Deshalb prägte er den Begriff der Entsprechung zur Beschreibung der Beziehung zwischen Zahl und Ton. Dieser »Entsprechung« ordnet er, zur Unterscheidung von der wissenschaftlichen (kausal-)logischen Denkweise, das analogische Denken zu. Um zu verstehen, worum es Hans Kayser mit seiner Einführung des Begriffes »Entsprechung« geht, sei er hierzu, in Ausschnitten, zitiert:

Das kausale Denken verführt allzu sehr zu einer falschen Gewissheit, zu einer Selbstverständlichkeitsattitüde (»Denn was man schwarz auf weiß besitzt …«!), zu einem Erlebnisschwund gegenüber den festgestellten Tatsachen und Gesetzen.

Die Entsprechungslehre hingegen – wovon die harmonikale eine von mehreren ist – geht von einem Erlebnisinhalt aus – in den obigen Beispielen von der Dynamik der Kadenz und dem psychischen Gehalt der Terz – und sieht nun zu, wo und in welchen Gebieten ausreichende Analoga zu diesem ursprünglichen Erlebnis-Inhalt – in der Harmonik sprechen wir von Prototypus oder harmonikaler Wertform – zu finden sind.

Das Denken wird hier nicht kausal in Richtung Grund und Folge (Begründung) vorangetrieben auf ein »prinzipiell unerreichbares Ziel«, sondern der Erlebnisgehalt der Ausgangsposition wird weitergetragen und übertragen auf die entsprechenden Analoga.

Hiermit entsteht innerhalb unseres Erkenntnisvermögens eine grundsätzlich andere Haltung.

Dort, im wissenschaftlichen Denken, eine Unruhe des Wissenwollens auf die Divergenz eines nie erreichbaren Ziels hin, verbunden mit vermeintlich »endgültigen« Ergebnissen und der immer schärferen Zentrierung auf die reine Logik als Handwerkszeug dieses Denkens. Hier, in den Entsprechungslehren, eine Ruhe der inneren Anschauung, Anhörung auf die Konvergenz von urbildlichen Prototypen und Wertformen hin, verbunden mit Ideen im platonischen Sinne und der Zentrierung auf den »intellectus archetypus« (Kant) unserer Seele.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf ( 8 Seiten), das unten bestellt werden kann.

Die Geschichte der Harmonik

Die Geschichte der Harmonik reicht so weit zurück, wie wir zurückblicken können in die Geschichte der menschlichen Kultur, und damit in die Geschichte der erhaltenen Denkmäler dieser Kultur. – Auch wenn wir die Baumeister dieser Denkmäler, je weiter wir zurückblicken können, nicht mehr kennen, und damit ihre Gedanken und Motive nur noch erahnen können. Für unser heutiges Verständnis der Entwicklung der Harmonik bis in unsere Tage ist es aber wichtig, vor allem die Stationen kennenzulernen, bei denen wir auch nachvollziehen können, welche Gründe und Überlegungen die Denker dieser Zeiten zur bewussten Entwicklung und Anwendung von harmonikalen Theorien und Prinzipen veranlasst haben.

Deshalb ist die hier versuchte Zeitreise primär ein sich Zurückerinnern an die Menschen, deren nachdenkliches Hineinfragen in die sie umgebende Welt sie zu den Aussagen und Darstellungen brachte, die wir heute als Meilensteine der Geschichte der Harmonik verstehen.

Pythagoras (ca. 570–490 v. Chr.)

Der Philosoph und Wissenschaftler Pythagoras sowie der Bund der Pythagoreer können als die Gründungsväter der harmonikalen Philosophie des Abendlandes betrachtet werden. Von Pythagoras selbst wissen wir nur sehr wenig, denn er hat keinerlei Schriften hinterlassen. Was wir über ihn wissen, geht vor allem auf vereinzelte Nachrichten bei Herodot (ca. 490–420 v. Chr.) und Platon (427–347 v. Chr.) zurück. Dazu kommen einige Überlieferungen bei Aristoteles (384 v. Chr.) und Schülern von ihm, die den letzten Augenzeugen des Pythagoras Philolaos noch kannten.

Harmonik als Lösung für unsere gespaltene Welt heute

Pythagoras

Lesen Sie im vollständigen Artikel mehr über Persönlichkeiten, die die Entwicklung der Harmonik maßgeblich geprägt haben 😉

»Neues Bewusstsein« ist inzwischen zu einem Schlagwort von Wellness-Werbung über vielfältige Ansätze zur Erlangung einer »neuen Spiritualität« bis hin zu Ideen und Vorschlägen zu einer grundlegenden Weltverbesserung geworden. Der Hintergrund dazu ist eine tiefgreifende Verunsicherung nicht nur hinsichtlich geistig-kultureller Orientierung, sondern heute auch insbesondere wegen der Sorge um die Auflösung des gesellschaftlichen Grundkonsenses bis hin zu politisch und wirtschaftlich motivierten Existenzängsten.

Vieles davon wird heute von Medien aller Art überzeichnet. Dabei gibt es jedoch auch Gegenbeispiele, wie etwa diese Zeitschrift (Tattva Viveka) mit ihrer Bemühung um Begegnungen von Verfechtern vordergründig oft kontrovers erscheinender Vorstellungen aus Wissenschaft und Spiritualität. Deshalb ist dieser hier erscheinende Artikel zwar nicht nur, aber auch ein Versuch aufzuzeigen, wie die hier beschriebene Harmonik einen Beitrag dazu leisten kann, auseinanderdriftende geistige Anstrengungen wieder einander zuzuführen.

Der Autor dieses Artikels, selbst Naturwissenschaftler mit Ausbildungshintergrund Physik und physikalische Chemie, registriert seit Langem, wie die »exakten« Naturwissenschaften und die sich daran teils orientierenden, teils daran reibenden philosophischen Strömungen unserer Zeit die Anerkennung und die Akzeptanz ernsthaft suchender Menschen verlieren. Ihre Vertreter bemerken dies größtenteils noch nicht einmal bzw. nehmen es nicht ernst. Für sie spielen nur die »objektiv gesicherten« Erkenntnisse der Wissenschaft eine Rolle. Subjektive Beteiligungen an diesen Erkenntnissen sind, wegen der Gefährdung ihrer »Allgemeingültigkeit«, nicht erwünscht. Schon Hans Kayser hat sich gegen dieses einseitige Selbstverständnis verwehrt, denn dadurch entsteht eine Position des Menschen, die R. M. Rilke vor nunmehr rund 100 Jahren so charakterisiert hat:

Der Schöpfung immer zugewendet, sehen
wir nur auf ihr die Spiegelung des Frein,
von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier,
ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch.
Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein
und nichts als das und immer gegenüber.
– R.M. Rilke, 8. Duineser Elegie

 

Pythagoras und die Harmonie des Kosmos

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die Bedeutung der Harmonik und des analogen Denkens als geistig-kulturelle Orientierung für unsere Zeit.

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Dr. Hans G. Weidinger - Der komplette Artikel als PDF

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Der Autor Dr. Hans G. Weidinger

Über den Autor

Dr. Hans G. Weidinger (Dipl. Phys.), geboren 1932 in Bamberg. Studierte Physik und physikalische Chemie und nebenbei Kunst- und Kulturgeschichte. Zunächst in der Industrie und später als freiberuflicher technischer Berater international tätig. Sein Interesse gilt der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft sowie der (pythagoreischen) Harmonik wie sie von Hans Kayser weiterentwickelt wurde.

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