Spanda – die Schwingung des Lebens

Spanda – die Schwingung des Lebens

Ein Schlüsselkonzept für die Erforschung der ultimativen Realität und für die Erweckung eines nicht-lokalen, integrativen Bewusstseins

Autor: Nicolae Catrina
Kategorie: Veden
Ausgabe Nr: 79

Spanda ist im Kashmir-Shivaismus die höchste Schwingung, die dort auch als das Herz Gottes bezeichnet wird. In der christlichen Tradition ist es der Heilige Geist, in der Physik der Quantenzustand. Diese Schwingung kann unser Bewusstsein in den erleuchteten und befreiten Zustand versetzen, in dem uns die Wirklichkeit und der Aufbau der Schöpfung offenbart werden. Das Universum entsteht aus Klang und wird als Tattvas erkannt.

Gemäß der esoterischen Weisheit des Tantra und der modernen Wissenschaft ist alles Schwingung. Die Realität, in der wir leben, ist ein vibrierendes Universum. Das antike Konzept von Spanda (die ursprüngliche kreative Schwingung) – das für die tantrische Schule des Kashmir-Shivaismus grundlegend ist – beschreibt das Universum als Erguss der spielerischen Natur des Bewusstseins Gottes durch Wellen, Schwingungen und Resonanzen.

In der Kashmir-Shivaismus-Tradition bezeichnet der Begriff Spanda die primäre schöpferische Bewegung im »Herzen Gottes«

– eine extrem subtile Schwingung, jenseits von Zeit und Raum, von der alle anderen möglichen Schwingungen (oder Resonanzfrequenzen) ausgehen und auf die sie reduziert werden können. Daher wird Spanda auch ›Die Höchste Macht‹, ›Das Absolute Herz‹, ›Die Essenz‹ usw. genannt, wobei all diese Namen ihren einzigartigen Charakter widerspiegeln, der in der spirituellen Praxis vollständig zugänglich wird.

Obwohl Spanda einzigartig ist und die Dynamik (das Leben) des Herzens Gottes ausmacht, kann es überall in jeder Schwingung – in allem, was ist – als Essenz jeder Lebensform gefunden werden, weil alles in Wirklichkeit vibriert. Daher ermöglicht uns das tiefe Verständnis von Spanda, die intime Struktur jeder Schwingung zu verstehen, da die gesamte endlose Reihe an Schwingungen (physisch, subtil, mental usw.) sowie die Dynamik unseres Bewusstseins die fundamentale, universelle Schwingung – Spanda – als Substrat haben, die so auf geheimnisvolle Weise in all unseren Emotionen, Gedanken, Wahrnehmungen, aber auch in unserem Körper, in der gesamten Außenwelt usw. vorhanden ist.

Ohne Spanda wäre das Universum völlig inert.

Das, was die gesamte Manifestation mit Leben und Bewusstsein belebt und erfüllt, ist der »Puls« des Herzens Gottes, der Spanda ist.

Aus diesem Grund bietet Spanda direkte und unmittelbare Wege zur Selbstoffenbarung und ist auf jeder Ebene, in jeder Erfahrung, Wahrnehmung, Bewegung usw. zugänglich. Wir müssen nur lernen, sie zu erkennen. Und dafür brauchen wir uns nicht aus unserem Alltagsleben zurückzuziehen: Wir können diese essenzielle kreative Schwingung (Spanda) mitten im »Lärm« unseres alltäglichen Lebens perfekt erkennen und integrieren (und das selbst mit einem modernen wissenschaftlichen Ansatz und Verständnis). Alles, was wir tun müssen, ist nur, unsere innewohnende, innere Vollkommenheit zu erkennen, die immer in uns gegenwärtig ist, weil dies letztlich das ist, was wir wirklich sind (und nicht das, was wir zu sein glauben).

Das kosmische Spiel

Was die Erschaffung des Universums anbelangt, so erwähnt ein wichtiger Text der Tradition des Kashmir-Shivaismus, Īśvarapratyabhijñā (I, 8): »Die höchste, vibrierende Energie [d. Spanda] des göttlichen Bewusstseins ist der innere schöpferische Blitz (ābhāsa), der die Quelle aller Manifestation und Transformation ist. Sie ist das Absolute Wesen (Mahāsattā), aber es steht auch ihr gleichermaßen frei, nichts zu sein. Sie ist die Quelle von allem, was gesagt werden kann, oder von allem, was irgendwie existieren kann. Sie ist jenseits der Begrenzung von Raum und Zeit. Im Wesentlichen kann gesagt werden, dass diese höchste Freiheit, dieser souveräne Wille das Herz Gottes ist.«

So erscheint aus einer göttlichen Perspektive alles (in Zeit und Raum) als eine Folge von aufblitzenden Projektionen des höchsten, transzendenten Lichts. Obwohl alles im Bewusstsein Gottes undifferenziert erscheint, ist alles in der Manifestation diskontinuierlich. Der große kashmirische Weise Abhinavagupta sagt dazu: »So wie sich die verschiedenen Bilder eines Dorfes oder einer Stadt in einem sehr klaren Spiegel voneinander unterscheiden, sind sie in der spiegelnden Reflexion doch gar nicht von diesem Spiegel getrennt, die Welt, obwohl sie im reinen und transzendenten Bewusstsein von Paramaśiva undifferenziert ist, erscheint in verschiedene Objekte differenziert zu sein, ebenso wie in der manifestierten Form des universellen Bewusstseins.« (Abhinavagupta, Parāmārthasāra)

Spanda – die Schwingung des Lebens

Wenn wir andererseits dieses freie und spontane kosmische Spiel der Schöpfung von unserem gegenwärtigen Standpunkt aus betrachten, wird es uns aufgrund der extrem schnellen Aufeinanderfolge dieser »Einzelbilder« (ābhāsas) als kontinuierlich erscheinen. Es ist, als würde man einen zellularen Film sehen, der eigentlich aus statischen Einzelbildern besteht. Allerdings gibt es auch einen schwarzen Zwischenraum zwischen ihnen. Wird dieser Film in einer Geschwindigkeit abgespielt, die hoch genug ist, erscheinen uns die Bilder als etwas vollkommen Kohärentes und Kontinuierliches, mit einer »offensichtlichen« Verbindung zwischen den eigentlichen Wechseln. Das ist das Wunder (oder, sollte man sagen, die Illusion), durch das die äußere Realität in unserem persönlichen Bewusstsein erscheint. Tatsächlich gibt es, wie die moderne Physik behauptet, keine Kontinuität in der Schöpfung, alles ist quantifiziert und fragmentiert. Auch das persönliche, menschliche Bewusstsein ist durch die zahlreichen Momente der Selbstvergessenheit oder durch große Abwesenheitsintervalle (z. B. den Tiefschlaf) fragmentiert – auch wenn – aus der Perspektive dieses persönlichen, begrenzten Bewusstseins die äußere Manifestation (Raum und Zeit) »kontinuierlich« erscheint.

Lesen Sie im vollständigen Artikel, wie es möglich wird diese filmähnlichen Projektionen zu transzendieren und uns der höchsten Schwingung weiter anzunähern, um unsere wahre Natur und die des Universums zu erkennen.

Die Tradition des Kashmir-Shivaismus bestätigt, genau wie im modernen holografischen Modell des Universums, dass alles in allem anderen genauestens reflektiert wird. Jeder Aspekt der Schöpfung, selbst der unbedeutendste, wird eng und direkt in jeden anderen Aspekt reflektiert. In dieser Vision ist das gesamte Universum tatsächlich ein gigantisches Netz virtueller Resonanzfelder zwischen jedem »Atom« (āṇu, im Sanskrit) des Universums (jedes persönliche oder individuelle Bewusstsein kann auch als ein »Atom« des kosmischen Bewusstseins betrachtet werden) und allen anderen »Atomen«.

So haben in der Vision der gesamten tantrischen Tradition wie auch in der modernen Quantenphysik Raum als auch Zeit eine holografische Struktur, und das bedeutet, dass jedes Teilchen des Weltraums virtuell alle anderen Teilchen, aufgrund von spezifischen Resonanzen, »enthält«. Das Teil wird im Ganzen reflektiert und das Ganze spiegelt sich in jedem Teil wider. Auf dieselbe Weise enthält jedes Zeitteilchen (jeder »Moment«) in ihm die Ewigkeit. Wenn wir einen einzelnen Moment genau kennen, kennen wir die Gesamtheit aller Momente und wenn wir ein einzelnes Atom genau kennen, kennen wir das gesamte Universum, denn jede einzelne Form der Schwingung ist im Wesentlichen Spanda.

Kashmir-Shivaismus, wie auch die christliche Tradition, gehen von der Idee aus, dass das gesamte Universum das Ergebnis einer prägenden Entwicklung zur Differenzierung ausgehend von einer undifferenzierten, transzendenten höchsten Schwingung (Spanda im Sinne des Kashmir-Shivaismus) oder dem »Absteigen« des göttlichen kreativen »Wortes« (Logos) ist. Auch in der christlichen Tradition wird der göttliche Logos als die Grundlage und das ultimative Prinzip von allem, was existiert, gesehen.

Unser Autor

Über den Autor

Nicolae Catrina (Adinathananda) unterrichtet Spiritualität seit über 35 Jahren. Er gründete den einzigen Kaschmir Shivaismus Kurs außerhalb Indiens mit mehreren hundert Lektionen und unterrichtet unter anderem die Lehren des I-Ching, Enneagramms, tantrischen Alchemie und tibetisch-tantrischen Yoga.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie, welche weiteren Gemeinsamkeiten zwischen christlicher Tradition und Kashmir-Shivaismus bestehen und was sie uns über die Beschaffenheit des Lebens und des Universums verraten.

Die vollständige Fassung lesen Sie in der Tattva Viveka 79. Auch für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 10 Seiten).

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