Visionärer Farbgesang

Visionärer Farbgesang

Eine Reise zum schöpferischen Urgrund des Seins

Autor: Nana Nauwald
Kategorie: Kunst / Musik / Literatur
Ausgabe Nr: 74

Die Künstlerin beschreibt das Innere ihres kreativen Prozesses. Im Prozess des Malens holt sie den Geist in die Materie. Es ist ein Hören und Fühlen der Farben, lebendiges Pulsieren, Farbenfeuer. Nicht-sichtbare Welten »sieht« sie mit den geistigen Sinnen. Kunst soll die Seele berühren, und so wird erkennbar: Alles, was ist, ist Geist. Auf diese Weise entsteht ihre Kunst und wird zugleich zu ihrem spirituellen Weg.

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Ich versinke in der Tiefe der Schwärze der äußeren Nacht, versinke in meine innere Nacht. Gesang durchdringt meine Schwärze, die Töne zupfen Farbblitze aus dem Schwarz heraus.

Hinter meinen geschlossenen Augen entstehen feine, rote Linien, die sich ineinander verweben. Blau fließt in das Rot hinein, aus dem Rot entspringen orange-gelbe Fäden, aus denen sich ein Grün in allen Schattierungen entfaltet.

Die Farben tanzen, verbinden sich, lösen sich auf in neue Farben und Formen. Nun sehe ich mich, meinen Körper. Sehe, wie er sich in ein leuchtendes Farb-Universum auflöst, ohne ein Festhalten an Form, ohne ein Stillstehen der pulsierenden Farben. Das bin ich: Mein Körper ist materialisierter Geist.

Ich bin ein lebendiges Universum, jede meiner Zellen birgt in sich eine mir unergründbare Fülle an Informationen aus den Bewusstseinsfeldern des Lebensurgrundes.

Dieser in Farbe, Form und Schwingung erscheinende Lebens-Geist ist in jeder meiner Zellen, ist ein kommunizierendes intelligentes Lebensgeflecht. Ich bin ein sich bewegendes, wandelndes, schwingendes, intelligentes Lebensgeflecht in kommunikativem Austausch mit anderen Lebensgeflechten.

Eine Erinnerung flammt mit dieser Erkenntnis aus dem Farbenfeuer heraus in mir auf: Genauso war es, als ich ein Kind war und mehr in meinen inneren Welten lebte als in den äußeren – und die nicht-sichtbaren Wirklichkeiten »sah«, die Weltenvielfalt in mir.

»Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht,
sondern auch, was er in sich sieht.
Sieht er aber nichts in sich,
so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.«
– Caspar David Friedrich

Sicherlich ist mein Weg als malende Künstlerin geprägt von diesen frühen Erfahrungen, dass es Welten gibt, die Teile einer Weltenvielfalt sind, die ich mit geschlossenen Augen schauen kann. Welten, die in mir sind – und nicht nur, weil jeder ein eigenes Bild der Welt in sich trägt, sondern auch, weil wir Menschen in der Lage sind, Wirklichkeiten mit anderen Augen als den biologischen bewusst wahrzunehmen.

»Unsere ganze innere Welt ist Wirklichkeit, mehr vielleicht
als die sichtbare Welt.«
– Marc Chagall

Untrennbar ist mein künstlerischer Lebensweg von meinem spirituellen Lebensweg. Dieser vielfarbige Weg wurde und wird immer wieder neu angeregt, herausgefordert, genährt und gestärkt durch dieses »Schauen« mit allen Sinnen, von dem der weise Albert Hofmann sagte:

»Alle Erkenntnis und damit unser ganzes Menschsein beruht auf Schauen. Durch Schauen erweitert sich unser Bewusstsein.« Ich möchte hinzufügen, dass es für mich um bewusstes Schauen geht, um bewusste Wahrnehmung mit allen Sinnen. Unter »Wahrnehmung« verstehe ich ein nicht an Form oder Ausdruck gebundenes Erkennen der Information dessen, was durch Form, Klang, Farbe, Geruch erscheint.

Vor dem Studium absolvierte ich eine Lehre als Kirchenmalerin – mein Vater, auch Künstler, fand es wichtig, dass ich lerne, was Farbe ist, wie sie wirkt, wie ich es über Farbe erreichen kann, meine Wahrnehmung für andere sichtbar werden zu lassen. An der Kunsthochschule Braunschweig konnte ich vor einigen Jahren im Rahmen einer Gastprofessur die Studenten mit dem Thema »Wahrnehmung« herausfordern, denn ein Künstler ist nicht nur Wahrnehmer, sondern durch sein sichtbares Werk auch ein »Wahrgeber«.

»Die Erscheinung ist vom Beobachter nicht losgelöst, vielmehr in die Individualität desselben verschlungen und verwickelt«, sagte der Farben-Meister Johann Wolfgang von Goethe. Diese Erkenntnis habe auch ich erfahren und erfahre sie staunend immer wieder, besonders wenn sich ein Bild in mir zur Verwirklichung auf der Leinwand drängt.

Kunst von Nana Nauwald: Three is One

Der erste Schritt, die in mir aufgewachte »Vision« sichtbar werden zu lassen, ist die Grundierung der weißen Leinwand mit Schwarz. Schwarz ist für mich die Qualität des schöpferischen Urgrunds, alle Seinsmöglichkeiten von »Leben«, alle Erscheinungsformen von »Geist« in sich bergend. Es ist die Tiefe der Schwärze, aus der heraus sich die Farbigkeit des Lichts entfaltet.

Ist nicht auch unser Universum »schwarz«?

Schwarz ist für mich die Pforte, die mir den Zugang zu den Welten des Bewusstseins öffnet, in denen dieses sich ständig neu schöpfende Netz der Information alles Lebendigen gespeichert ist. Es wartet nur darauf, erkannt und in die Welt gebracht zu werden.

Dieses Erkennen ist nicht möglich ohne den Zustand der Freiheit des Geistes.

Nur in diesem Zustand ist es möglich, das Feld der subjektiven Befindlichkeit zu verlassen. So entfaltet sich das Bild über allen Gestaltungswillen hinaus zu einer kraftvollen Energiequelle, die ihren Klang durch die pulsierenden Farben und ihren Rhythmus durch die verwobenen Muster erhält.

Meiner so gewonnenen Erfahrung und Einsicht entsprechend entstehen meine Gemälde aus der schwarz grundierten Leinwand heraus in der Vielfarbigkeit der Grundfarben Rot, Gelb, Blau. Die Farbe Weiß fehlt in meinem Pigmentsortiment, ich verwende kein Weiß.

»Schließe dein leibliches Auge,
damit du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild.
Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen,
dass es zurückwirke auf andere von außen nach innen.«
– Caspar David Friedrich

Es ist diese Qualität des »Zurückwirkens« auf die Betrachter, der inneren Berührung, die ein Bild bewirken kann, und die meinen Blick auf alle Spielformen der Kunst bestimmt. Es ist für mich so, wie Picasso sagte: »Kunst sollte die Seele berühren«.

In meinen Bildern spüre ich der wundersamen Intelligenz des Lebens nach, suche, dem Geist des Lebens einen Ausdruck zu geben, der den Betrachtern ein Berührungsfeld öffnet. Berührung mit sich selbst, dem inneren Kosmos.

Vielleicht ist es ja auch so, wie es die alten Weisen sagten: Unser Herz ist ein Mikrokosmos, eine Entsprechung des Makrokosmos, und wir vereinigen in uns die Vielfalt aller Erscheinungen und Qualitäten des Universums. Im »Außen« ist nichts, was nicht auch in unserem »Innen« eine Entsprechung hat.

Geduldige, allwissende Lehrmeisterin ist mir auf dem Weg meines Lebens die Natur in ihren sichtbaren und nicht-sichtbaren Erscheinungen.

Meine künstlerische Arbeit wurzelt in dieser Art der schamanischen Welt-Sicht: Vielfältig verwobene Welten des Bewusstseins, sich bewegend, miteinander verbunden, mit mir verbunden. Ein Bild ist »Materie«, die von »Geist« erfüllt sein kann. Materie und Bewusstsein sehe ich als verwobene Einheit, ein lebendiges Resonanzfeld, aus dem heraus sich Lebens-Vielfalt immer wieder neu entfaltet.

»Kunst ist das Mikroskop,
das der Künstler auf die Geheimnisse seiner Seele einstellt,
um diese allen Menschen gemeinsamen Geheimnisse allen zu zeigen.«
– Leo N. Tolstoi

Meine lebenslangen Wanderungen in den inneren und äußeren, von Schamanismus geprägten Bewusstseinswelten indigener Ethnien – von Südamerika bis nach Sibirien – haben mich sinnenhaft erfahren lassen, dass es so ist, auch in den europäischen Kulturen: Alles, was ist, hat einen Geist.

In diesen Kulturen gibt es oft kein Wort für Kunst. Für die Menschen vieler indigener Völker ist Kunst nur eine von vielen möglichen Ausdrucksformen des Erkennens der Verbindung zu den Welten kreativer Gestaltungskraft.

Betrachte ich ein Bild, dann versuche ich, herauszufinden, welchen »Geist« dieses Werk hat, ob ich etwas vom Geist des Künstlers/der Künstlerin erspüre. Es verändert die Wahrnehmung eines Bildes, nicht auf die Signatur, die Nennung des Künstlers, zu achten.

Ohne Urteil »schön« oder »nicht schön«, ohne Zuordnung zu einer Stilrichtung ein Bild wahrzunehmen, nicht »anzusehen«, verändert den bewussten Empfindungsblick.

Bewusste Wahrnehmung ist ein kreativer Prozess, ein Zusammenspiel von Empfindung, Gefühl, Reflexion und Interpretation. Aus dieser Vielfalt entspringt »Ein-Sicht« in das Wesen dessen, was durch Form und Ausdruck erscheint – die In-Formation, der Geist. Bewusste Ein-Sicht wird zur Viel-Sicht, wenn ich mich von einem Werk berühren lasse.

Kunst von Nana Nauwald: Song of Green

Einsicht ist Erkenntnis. Sie öffnet den inneren Blick für eine vielfältige Sichtweise auf die dem einfältigen Blick verborgenen Seins-Zusammenhänge.

So wachse ich durch vielfältige Einsicht aus der Einfalt heraus zu einer »Sicht-Weisen.«

Im Moment der Ein-Sicht, der Berührung kann sich die Pforte zur Erkenntnis von Seins-Zusammenhängen öffnen – nicht über einen Denkprozess, sondern über die bewusste Wahrnehmung.

Verstehen eines Kunstwerks geschieht nicht über den Intellekt. Verstehen ist ein ganzheitlicher Akt bewusster Wahrnehmung.

Geist kann nicht durch »sehen« erkannt werden, nur durch Empfindung.

Geist ist Schwingung. Schwingung ist Klang. Klang ist Farbe.

So sind meine Gemälde sichtbare Klänge, so tauche ich mit meinen »gemalten Klängen« in die Harmonie und Kakofonie des Universums ein.

»Die Farbe ist der Ort, wo unser Gehirn und das Weltall sich begegnen.«
– Paul Cézanne

Wenn ich im Prozess des Malens bin, bin ich »Schwingung«, bin Teil der Farben, Formen, Informationen, die sichtbar werden wollen, bin das Gemälde, das bereits in meinem Geist ist. Das ist für mich der tiefste Zustand von »Sein«. In diesem Zustand spüre ich meinen »Geist«, bin es.

Wenn ich male, bin ich im Einklang mit meiner inneren Zeit.

Visionäre Kunst macht auf die Vernetzung der geistigen Wirklichkeiten mit unserem Leben aufmerksam, hebt die Trennungslinie zwischen dem Sichtbaren und dem Nicht-Sichtbaren auf, kann zur Berührung und Verbindung mit dem Welt-Innenraum führen.

Wir brauchen »sichtbare« Visionen, um uns an unsere Fähigkeit zu erinnern, die vielfältigen Felder des Bewusstseins zu betreten, um unsere eigene Wirklichkeit immer neu zu erschaffen. Visionäre Kunst kann einen »Ton« der Klang-Vielfalt und Vielfarbigkeit von möglichen Seins-Wirklichkeiten erlauschen lassen, den eigenen »Seins-Klang« entfalten und ihn bewusst in das Leben einweben und den Geist weiten.

Zu malen ist meine Lebens-Kunst, mein Weg, um mich in dieses sich ständig neu schöpfende, zeit- und raumlose Netz der Information alles Lebendigen einzuweben.

Lebens-Kunst:
Die bewusste Entfaltung der Einmaligkeit meines Seins in Vielfalt.
Dem Leben lauschen.
Aus dem Lauschen heraus entfaltet und gestaltet
sich der Farbklang meines Lebens.
In diesem Farbklang bin ich vollkommenes Sein.
Lebens-Kunst:
Im Leben leben.

Unsre Autorin Nana Nauwald

Über die Autorin

Nana Nauwald, geb. 1947. Künstlerin, Buchautorin, Dozentin für Rituale der Wahrnehmung. 30 Jahre Erfahrungen in schamanisch geprägten Gesellschaften mit den Schwerpunkten Südamerika und Sibirien sowie den rituellen Trance-Haltungen von Dr. Felicitas Goodman. (www.visionary-art.de, www.ekstatische-trance.de)

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