Advaita – Da ist niemand

Advaita – Da ist niemand

Begegnungen mit der non-dualen Erleuchtung

 

Begegnungen mit der non-dualen Erleuchtung

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Veden/Yoga
Ausgabe Nr: 61

 

Der spirituelle Weg des Advaita ist ein non-dualer Bewusstseinszustand, demzufolge Erwachen bedeutet, alle Dualitäten zu überwinden, das Ich aufzugeben und in die Große Einheit einzugehen. Dass die Sache nicht ganz so einfach ist, zeigte sich auf dem Kongress »Forum Erleuchtung«. Der folgende Beitrag setzt sich kritisch mit dieser Philosophie auseinander, ist aber zugleich auch eine Würdigung.

 

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Vom 22. bis zum 24. August fand in Berlin der dritte Kongress vom »Forum Erleuchtung« statt. Hier trifft sich die Satsang-Szene, die auf die indische Tradition des Advaita Vedanta zurückgeht und im Wesentlichen von den indischen spirituellen Meistern Ramana Maharshi und seinem Schüler Poonjaji sowie deren westlichen Schülern, wie etwa Gangaji, inspiriert ist.

Die Philosophie des Advaita Vedanta ist eine spirituelle Lehre der Unpersönlichkeit, der zufolge das individuelle Ich eine Illusion ist, eine künstliche Trennung von der Außenwelt, die Leiden erzeugt. Alle Arten von Leiden beruhen dem Advaita zufolge auf der Illusion der Dualität. In Wirklichkeit gibt es diese Dualität nicht, weswegen auch von einer non-dualen Bewusstseinslage gesprochen wird, die im Moment des Erwachens bzw. der Erleuchtung erreicht wird. Dann fallen alle Gegensätze und Widersprüche, wie zum Beispiel zwischen Ich und Außenwelt, zwischen Innen und Außen, ja sogar zwischen Sein und Nichtsein weg. Es ist ein transzendentaler Ort der Leerheit, der Formlosigkeit, des Nichts. Gleichzeitig ist es alles, und das menschliche Lebewesen, mit seiner kleinen personalen Ich-Identifikation, verschmilzt mit dem Ozean des großen Göttlichen. Dann sind wir alle eins. Deshalb auch die herausfordernde und pointierte Aussage auf die Frage hin, wer ich bin: Da ist niemand.

 

Advaita Kongress

 

Für mich als Kind des Westens, das vom Christentum und von der westlichen Philosophie geprägt ist und die Errungenschaften des autonomen Subjekts, wie wir es in der Aufklärung entwickelt haben, zu schätzen weiß, ist die Behauptung, dass es kein Ich gibt, durchaus suspekt. Hinzu kommt meine tiefe Beziehung zur indischen Bhakti-Spiritualität, wie sie sich im Krishna-Bewusstsein ausdrückt, wo definitiv von einem individuellen Ich in der Transzendenz gesprochen wird, das in seiner ewigen spirituellen Identität in der spirituellen Welt – also jenseits dieser materiellen Manifestation und jenseits des formlosen Nullpunkts des Brahman – in einer individuellen spirituellen Form mit Name, Eigenschaften, Gefühlen und Handlungen am göttlichen Spiel teilhat.

Ich ging dieses Jahr zu dem Kongress, um mich meinen Vorbehalten gegenüber dem philosophischen Überbau des Advaita zu stellen, denn ich bin mir in meiner langjährigen Auseinandersetzung und kontroversen Haltung zum Advaita mehr und mehr bewusst geworden, dass hier offenbar auch Missverständnisse und begriffliche Probleme auf meiner Seite vorliegen, die ich ausräumen möchte, um zu einer klaren Unterscheidung zu kommen, oder auch zum Wegfallen jedes Unterschiedes. Zudem beobachtete ich in einigen Gesprächen im Vorfeld des Kongresses eine interessante Entwicklung innerhalb der Szene selbst, nämlich eine zunehmende Differenzierung dieses apodiktischen Satzes »Es gibt kein Ich«, da auch die sogenannten Erwachten nach dem Erwachen weiterhin mit ihren emotionalen Schmerzmustern konfrontiert sind und die Transzendierung des Ich in der Meditation unser Leiden in der Welt keineswegs beendet. In der Diskussion auf dem Kongress wurde mir allerdings klar, dass in dieser Erfahrung des non-dualen Erwachens eine tiefe Wahrheit liegt, die nicht von der Hand zu weisen ist und ihren Platz in der spirituellen Entwicklung und Verwirklichung des Lebewesens hat.

 

Forum Erleuchtung

 

Ich meldete mich auf dem Kongress einige Male zu Wort, um die These von der Nichtexistenz eines personalen Ich infrage zu stellen, woraufhin mich einer der anwesenden Advaita-Lehrer fragte, wo ich in der Transzendenz denn verschwinden würde, so ich denn den Zustand der Transzendenz – durch Meditation – erreiche. Er fragte mich auch, ob ich diesen Zustand der Transzendenz kennen würde, was ich erst einmal bejahte. Ich kenne sehr wohl diesen Zustand der Transzendenz, mir scheint jedoch, dass es sich um einen anderen Bewusstseinszustand als den des Advaita handelt. Es gibt viele verschiedene Formen der Erleuchtung oder des spirituellen Erwachens. Es wäre deshalb sicherlich von Vorteil, hier eine ausführliche Ontologie des Erwachens zu erstellen bzw. zurate zu ziehen.1# Die Frage, wo ich denn verschwinden würde, ist symptomatisch für eine Erfahrung oder einen Bewusstseinszustand, indem das Ich verschwindet. In meiner Transzendenzerfahrung verschwinde ich jedoch nicht, sondern erlebe mich in meiner spirituellen Identität als Liebende und Geliebte im göttlichen Lila. Lila wird gemeinhin als »Spiel« übersetzt, aber was gemeint ist, ist das bedingungslose, völlig freie und freudvolle, göttliche Tun. Es ist kein Spiel im Gegensatz zu Ernst, Realität oder Arbeit. Es ist ernst und real. Meines Erachtens ist es das Realste, was es gibt. Für mich ist es die letztgültige, ultimative Wahrheit, in der alle Kategorien in ihrer Wahrheit und Realität ein sinnvolles Ganzes bilden und in der sich Leichtigkeit, Frieden, Glückseligkeit und göttliche Liebe manifestieren.

Die Erfahrung des non-dualen Erwachens, die – wie die anwesenden Lehrer verschiedentlich auch sagten – keine Erfahrung ist, weil sie jenseits aller Konzepte und Raum-Zeit-Wahrnehmungen stattfindet, scheint mir im Kern auf eine tiefe Suche nach der wahren Existenz meiner selbst hinzudeuten. Interessant ist, dass diese vom Advaita beeinflusste Satsang-Szene in den letzten Jahren auch deutlich weiter gegangen ist und mittlerweile das Thema der Gefühle sehr stark in den Fokus nimmt, was sich in einer »Prozessarbeit« ausdrückt, in der psychologisch-therapeutisch der Schatten bearbeitet wird. So gibt es mittlerweile zwei Lager in der Szene, und eine durchaus kontroverse Diskussion konnte auf dem Kongress beobachtet werden. Es wurde in verschiedenen Begriffen zu formulieren versucht. Eine sehr griffige Formulierung ist die Unterscheidung zwischen der absoluten und der relativen Ebene. Einerseits sind da die strengen Advaitins, die außer der absoluten Ebene nichts gelten lassen und jede Form von persönlicher Geschichte als illusionäres Drama und somit als überflüssig betrachten. Auf der anderen Seite finden wir diejenigen, die die relative menschliche Ebene nicht ignorieren und sich den personalen Themen stellen, wie sie in Traumata und Schmerzmustern zum Ausdruck kommen. Diese Schmerzmuster müssen in einem gesonderten Prozess wahrgenommen und geheilt werden. Dafür ist eine sehr tiefe emotionale Arbeit vonnöten, um die abgespaltenen oder in den Schatten verdrängten Anteile zu integrieren und zu einer geheilten Person zu werden.

 

Advaita Vedanta

 

Zwei spannende Implikationen hat das für die Advaita-Szene: Erstens ist die non-duale Erleuchtung dadurch gekennzeichnet, dass sie den »mentalen Affen«, also den ganzen Bereich des Denkens und der mentalen Konzeptualisierung und Rationalisierung als Brutstätte von Ego-Konstrukten, Dualismen und Illusionen über die Realität der Welt dekonstruiert, wonach im Idealfall eine direkte Verbindung zwischen dem Herz und der Handlung entsteht, was ein Fühlen ist. Zweitens in dem – wie mir scheint – noch nicht gelösten Widerspruch zwischen der Lebendigkeit als subjektives Erleben und der absoluten Ebene, die in der Non-Dualität jede Form von Individualität bestreitet (»Da ist niemand.«). Gerade was diesen Widerspruch betrifft, so scheint mir eine Vermischung der Ebenen vorzuliegen. Einerseits wird da von »tiefen Begegnungen« gesprochen oder davon, dass jeder einzigartig ist. Andererseits sollen es gar kein Du und keine Individualität geben. Im Advaita ist alle Form und jede Erscheinung Illusion. Mir scheint, dass jede Art von Form und von Ich negativ bewertet werden, woraufhin eine Verbundenheit und Liebe als eine Art Auflösen oder Aufgeben meiner Ich-Struktur verstanden wird. Ich persönlich kann das in meinem Sprachcode nicht ganz verstehen, denn ich weiß nicht, was am Ich schlecht sein soll, oder daran, dass sich ein Ich und ein Du treffen und verbinden. Gerade weil ich Ich bin, kann ich dem Du begegnen. Und ich glaube persönlich, je mehr ich bei mir bin, umso mehr kann ich beim anderen sein. Also genau die Ich-Werdung ist die Erlösung, allerdings nicht im egoistischen Sinne. Natürlich gibt es ein Ego, das es zu transzendieren gilt. Dahinter halte ich jedoch ein wahres Ich für gegeben. So wurde zum Beispiel über die Einsamkeit gesprochen und einer der Lehrer erklärte, dass es wichtig ist, diese Einsamkeit zu fühlen und hindurchzugehen, um dahinter auf diese tiefe geistige Struktur der Leerheit treffen zu können, also das non-duale Erwachen, wo niemand ist, der sich einsam fühlt. Er erklärte dies sehr schön und in getragenen Worten. Einige pflichteten ihm bei oder fanden das Gesagte sehr schön. Ich indes konnte gar nichts fühlen und nicht mit seinen Worten mitgehen. Ich habe mich viel mit Einsamkeit beschäftigt und damit zu tun oder zu tun gehabt. Was ich hinter der Einsamkeit finde, bin ich selbst, und ich erkenne, dass es mein Selbsthass und meine Selbstablehnung sind, die mich einsam machen und das Alleinsein unerträglich erscheinen lassen. Es geht für mich somit um Ich-Werdung im Sinne von Selbstannahme, Zu-sich-Kommen, Bei-sich-Sein. Man könnte böse behaupten, für den Advaitin ist der Eintritt in den Brahman-Zustand der Leerheit ein Lösungsversuch, der Angst vor der Einsamkeit beizukommen, indem er sich als nicht-existent erklärt. Wenn da niemand ist, dann kann die Angst nicht real sein.

 

Advaita Kongress

 

Meine These ist, dass die Abspaltung von mir selbst das Erwachen verhindert, das tatsächlich unser natürlicher Zustand ist. Mit dem Ende der pathologischen Abspaltungen, also wenn ich heil und wieder ganz bei mir bin, ergibt sich das Erwachen von selbst. Vielleicht sind die intensive Meditation und die Gemeinschaft mit anderen Meditierenden, der Satsang, Verstärker, die die Erfahrung des Zustandes ermöglichen, bevor die Heilung der Abspaltungen real erfolgt ist. Dann kann man zwar den Zustand erfahren und genießen, aber nicht dauerhaft halten. Wohingegen der Weg der Integration der abgespaltenen Anteile in meine Gesamtpersönlichkeit langsamer geht, dafür aber bleibende Ergebnisse bringt. Am Ende steht dann ein integriertes Ich, dass sein niederes Selbst (kleines Ich, Ego) überwunden hat. Dieses integrierte, geheilte Ich ist das höhere Selbst, das dann auf ganz natürliche Weise spirituell erwacht ist. Die Individualität bleibt erhalten. […]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 27: Ronald Engert – Bleep. Kritik des Monismus

TV 29: Ken Wilber – Das zweite Gesicht Gottes. Ein revolutionärer Gedanke

TV 44: Dr. Thomas Wachter – Jenseits von Satsang. Ein Erfahrungsbericht

TV 45-46: Thomas Hübl – Hier, Jetzt und Gott. Auf der Spur des spirituellen Lebens

TV 48: Ronald Engert – Wir sind alles ewige Personen. Zur Existenz eines individuellen Selbst

TV 51: Gangaji – Natürlich nackt. Über die Frische des Offenen Geistes

TV 57: Lothar Pirc et al. – Die Wissenschaft der Transzendentalen Meditation

TV 56-57: Ronald Engert – Blick in die Ewigkeit. Gleichzeitig eins und verschieden?
Die Gotteserfahrung eines Neurowissenschaftlers

 

Bildnachweis: © Hartwig Kopp-Delaney, Subash

 


 

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