Die Magie der Krankheit

Die Magie der Krankheit

oder: der Kampf gegen den Mythos des digitalen Minotaurus (1.Teil)
dargestellt anhand von Christa Wolf

Die Magie der Krankheit

 
Autor: Dr. Alfred Messmann
Kategorie: Naturwissenschaft / Medizin
Ausgabe Nr.: 46

 

 

Ihre lebensbedrohliche Krankheit führt Christa Wolf an den Ort des Sehens und aus der Spaltung zwischen Körper und Seele heraus. Die Wiederverbindung wird zur Heilung. Der Tod wird zum Fürsprecher des Lebens, indem er uns als Drohender in der Krankheit zur Besinnung bringt und sehend macht. Das Göttliche ist das Heilende, in dem die Seele und das Leben wieder mit dem Körper verbunden werden und sich über das Entseelte erheben.

 

Für Christa Wolf

Die Zukunft decket
Schmerzen und Glücke. Schrittweise dem Blicke
Doch ungeschrecket dringen wir vorwärts
 
Versäumt nicht zu üben. Die Kräfte des Guten
Hier winden sich Kronen In ewiger Stille
Die sollen mit Fülle. Die Tätigen lohnen.
 
(Goethe – nach Wolf, 33, 117)

 

»Die Helden aller Zeiten sind uns vorausgegangen. Das Labyrinth ist bestens bekannt. Wir müssen nur dem Faden des Heldenpfades folgen, und wo wir gemeint hatten, einen Gräuel zu finden, werden wir einen Gott finden. Und wo wir gemeint hatten, einen andern zu erschlagen, werden wir uns selbst erschlagen. Wo wir gemeint hatten, nach außen zu fahren, werden wir in das Zentrum unseres eigenen Daseins gelangen. Und wo wir gemeint hatten, allein zu sein, werden wir die ganze Welt sein«. (J. Campbell)

I. Die Transformation der Krankheit: Vom Störfall zur Heldenreise

»Gesundwerden bedeutet, Kranksein nicht mehr für den einzig möglichen Zustand zu halten.« (Wolf, 137)

»Es ist mir gelungen, kurz vor dem Alter, in dem, wie ich mir vorstelle, die Wirklichkeit verblasst, noch einmal etwas Wirkliches zu erleben. Etwas allerdings, was sehr unwahrscheinlich ist. Was ich nicht glauben darf, was zu glauben hundsgefährlich wäre. So ist es aber(…) mit der Wirklichkeit überhaupt: Sie ist dann am dichtesten, wenn wir sie ganz und gar nicht glauben können.« ( Wolf, 97/98)

 
Nun liegt sie hier. Schwerkrank. Todeskrank.
Sie kämpft um ihr Leben. Es ist ungewiss, ob sie es schaffen wird. Die »bösartigen Erreger« haben ihr Immunsystem übernommen; noch ist unklar, ob der Kampf gegen diese Erreger erfolgreich sein wird. Es wird ein Kampf um Messers Schneide.

»Leibhaftig« – so heißt der authentische Erfahrungsbericht von Christa Wolf, in dem sie ihre Krankheitsgeschichte dokumentiert – unverhüllt, klar, kompromisslos. Ihre Krankheit, ausgelöst durch Herzattacken und Schwächeanfälle, hat sie aus dem Leben genommen. Raus aus ihrem gewohnten Leben, eingebrochen in eine ganz andere Welt. In den Riss der Zeit. In eine Welt jenseits ihrer Biographie, jenseits ihres Lebens als Schriftstellerin in der ehemaligen DDR. Zeitgleich mit dem Zusammenbruch der DDR. »Kraftlos, entschluss- und verantwortungslos bin ich aus dem Zeitnetz gefallen. Alle meine Zeitlichkeit ist in Zeitlosigkeit versunken, meine Zeit verstreicht mir als Unzeit.« (Wolf, 68)

 

»Das Bewusstsein zieht sich zurück, es geht zum Grund« (Wolf, 32)

 

Christa Wolf notiert: »Das Gehirn (stellt) seinen Betrieb ein, (schaltet) sich ab und (wendet) sich ganz den Körpersignalen zu, bis auf eine Ausnahme; das Erinnern. Oder jedenfalls seine rudimentären Formen. Nicht dass ich beliebig mein Gedächtnis anzapfen könnte. Doch an der festen Scholle in dem Meer von Unbewusstem, auf der ich mich halte, treiben Erinnerungsbrocken vorbei, ungerufen und unregulierbar.« (Wolf, 69)

Hier geschieht, was wir als Leser uns nicht vorstellen können. Ausgelöst durch die Krankheit wird Christa Wolf zum Grund des kollektiven Unbewussten gespült, damit einer Welt ausgesetzt, die eine eigene Realität darstellt, die sich unseren Vorstellungen entzieht und die wir nicht in der uns zugänglichen Sprache bezeichnen können. Christa Wolf wird in den »Bereich des kaum noch Körperhaften (versetzt); in einen Bereich der »schemenhaften, einsehbaren Vorgänge, die sich der Beschreibung entziehen« und ihr, wie sie notiert, »die erschütternde Einsicht vermitteln, es gibt einen Bereich (…), in dem die Unterschiede zwischen Geistigem und Körperlichem schwinden, in dem Eines auf das Andere wirkt, Eines aus dem Anderen hervorgeht. Eines das Andere ist. Also nur Eins ist. So wäre dies der Ort des Eigentlichen, und es würde sich lohnen, das zu erfahren?« (Wolf, 95)

 

Die Magie der Krankheit


 

Christa Wolf wird dieser Welt ausgesetzt, dem Ort des Eigentlichen. Ihr, der Seherin, die in ihren Werken immer schon kundig war über Vorahnungen des Kommenden, wird zugemutet, dass sie bis zur tieferen Wahrheit vordringt und dass sie uns Menschen davon Kunde gibt.
Uns teilhaben lässt an ihrer Exkursion, damit benennbar und ausgesprochen wird, was ist, damit wir sehend werden.

»Ich will mir merken, dass sie nicht auf der gleichen Erde leben wie ich. Dass sie mich liegen sehen, aber nicht wissen, nicht einmal ahnen können, wo ich in Wirklichkeit bin. Dass sie am anderen Ufer jenes Flusses stehen, der keinen Namen hat, und ihre Stimmen kaum zu mir herüber dringen, meine Stimme sie gewiss nicht erreicht. Dass ich dem Augenblick, in dem jede Maske, jede Vorstellung abfällt und nichts bleibt als die nackte Wahrheit, die allerdings Leiden heißt, einen Hauch von Genugtuung abgewinne: So ist es also.

Dass mir flüchtig der Gedanke durch den Kopf geht, ob es mich vielleicht deshalb an diese Grenze getrieben hat damit ich gerade das habe erfahren sollen. (…) Nun bewege ich mich im Wurzelbereich. Was ich jetzt sehe, gilt.« Wolf, 71)

Und was sieht sie, die Seherin, was uns sehend machen soll?

Die Magie der Krankheit

Christa Wolfs Erfahrungsbericht »Leibhaftig« ist ein Bericht über die Archäologie von Tiefenzusammenhängen. Hier sieht sie in die Welt unserer Seelen und Leiber in den tieferen Schichten unserer Existenz. Wirklichkeitsansichten, die nicht an der Oberfläche zu entdecken sind, eher unsichtbar und doch greifbar werden, wenn die Grenze aufgebrochen wird zu den Innenräumen unseres Körpers. Sie bewegt sich im Bereich des kollektiven Unbewussten, im »mythischen Körper unserer Existenz«, wo sie Zeuge wird von unermesslichem Leid und wo sie erfahren muss, dass ihre Seele, selbst Teil dieses Martyriums, sich schon an der Pforte des Hades bewegt und bereit ist, die Schwelle in das Reich der Toten zu überschreiten.

Dieses Hiersein am »Ort des Eigentlichen« eröffnet Christa zugleich einen Perspektivenwechsel ihrer Wahrnehmung. Von hier aus, aus der Tiefenperspektive unserer Seelen, hat sie eine vollkommen neue Schau auf das Leben in der uns bekannten Dimension.

Sie sieht! Ein neuer Blick entsteht. Ein neuer Bewusstseinsraum eröffnet sich.

»Wenn aber die hundert Jahre endlich vorbei sind, legt jede Dornenhecke sich nieder« (Wolf, 17) notiert Christa Wolf mit Verweis auf das Märchen von »Dornröschen«. Damit meint sie, dass wir erst dann, wenn wir zum »Ort des Eigentlichen« voranschreiten, wirklich bewusst werden und zunehmend die Wahrheit unserer Wirklichkeit erfassen, jenseits jeder Maske, jeder Vorstellung. Es ist so, als wenn wir erwachen, wie aus einem Traum, aus einem Schlaf. Als wenn wir, zunächst blind, sehend werden. »Sie aber, scheint mir«, resümiert der Pathologe auf der Krankenstation sein Bild über seine prominente Patientin, »wollen die Blinden sehend machen. Kein Wunder, dass es Ihnen manchmal die Beine weg haut.« (Wolf, 169)

Als Seherin spricht sie aus, was ist. Unverblümt. Leibhaftig, wahrhaftig, ernsthaftig. Das ist ihre Aufgabe. Dieses Vordringen in die Tiefe des kollektiven Unbewussten sowie das Bemühen, die hier erlebten Seh- und Erfahrungsdaten in Sprache zu bringen, um sie dann ihrem Bewusstsein sowie dann unserem Bewusstsein zugänglich zu machen. »Wochenlang befindet sie sich in einem Zwischenreich von Leben und Tod und erst die Erkenntnis, dass sie der »Spur des Schmerzes« nachgehen muss, lässt sie ins Leben zurückfinden« (Klappentext der Erstausgabe).
[…]

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 24: Verona Gerasch – Wie heilt der Geist?
Selbstheilungskräfte aktivieren, Heilen mit der Energie der göttlichen Liebe

TV 26: Dr. med. Raimar Banis – Macht Glaube gesund? Praktische Erfahrungen mit geistigem Heilen

TV 32: Detlev Ihlenfeldt – Zeit für Depression. Das Menschliche an der Melancholie

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