Das Herz im Qi Gong

Das Herz im Qi Gong

Mitgefühl und Güte als Qualitäten des spirituellen Herzens

Autor: Michael Raab
Kategorie: Taoismus
Ausgabe Nr: 75

Viele spirituelle Lehren stellen das Herz ins Zentrum, so auch im DAO. Das Qi, das ins Herz fließt, beruhigt den Geist und erfüllt somit das harmonische Zusammenspiel der Organe. Auch die moderne Wissenschaft bringt uns heute neue Erkenntnisse über die Intelligenz des Herzens. So befruchten sich alte Weisheitslehren mit modernen Wissenschaften.

»Das Herz wird vom DAO erleuchtet. Ist das Herz erleuchtet, steigt das DAO zu ihm herab.« Dieser Spruch ist aus dem chinesischen Klassiker »Neiguan Jing« aus dem 8. Jahrhundert, zu Deutsch »die Schrift der Innenschau«. Er zeigt, dass das Herz in der alten chinesischen Philosophie eine besondere Rolle spielt. Im Buch »Neiye«, dem Buch »innere Übungen« aus dem 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, heißt es weiter:

»Das DAO hat keinen festen Platz, aber in einem edlen Herzen lässt es sich nieder.«

Das DAO steht für den höchsten Seinszustand, für ein immerwährendes geistiges Sein, aus dem heraus die Polaritäten Yin und Yang entstehen, aus denen sich dann die Welt an sich ergibt. Das DAO ist immanent, also in allem Seienden dieser Welt enthalten, aber auch transzendent und somit der höchste Seinszustand. Es ist das, was man zuweilen unter dem Begriff »Gott« versteht, wenn man das Verständnis der Amtskirchen einmal ausklammert.
Das Schriftzeichen für DAO setzt sich aus »Kopf« und »Gehen« zusammen und bedeutet zunächst einmal einfach nur »Weg«. Im Daoismus, als dessen Gründungsvater Laotse gilt, steht das DAO für das höchste Wirkprinzip, bei Konfuzius hingegen bedeutet es eher »Methode« oder »rechter Weg«. Wenn im Daoismus von »das DAO erlangen« oder »Einswerden mit dem DAO« die Rede ist, so ist damit in etwa das gemeint, was man heute als »Erleuchtung« oder als »Erwachen« bezeichnet.

Das Herz im Qi Gong

Die alten chinesischen Meister und Weisen waren also bestrebt, mit dem DAO eins zu werden. In diesem Zusammenhang kommt dem Herzen des Menschen eine besondere Bedeutung zu. In den alten chinesischen Künsten Qi Gong und Taiji Quan, die dem Daoismus sehr nahestehen, führt das Herz als Energiezentrum allerdings eher ein Schattendasein. Dort hat das Untere Dantian oder Xia Dantian, ein Energiezentrum im Unterbauch, die zentrale Bedeutung.

Die Dreiheit

Eine dieser Zuordnungen ist besonders in Qi-Gong- und Tai-Chi-Kreisen sehr bekannt. Man teilt dort den Körper in drei Energiebereiche ein. Das Untere Dantian, das Xia Dantian im Unterbauch, das Mittlere Dantian, das Zhong Dantian im Brustbereich mit dem Herz als Zentrum, und das Obere Dantian, das Shang Dantian im Kopf mit dem Punkt zwischen den Augenbrauen als Zentrum. In der chinesischen Medizin gibt es nun auch die »Drei Schätze«.

Das Herz im Qi Gong

Neben der Lebensenergie »Qi« kennt man zwei weitere immaterielle Konzepte, nämlich die Essenz Jing und den Geist Shen.

Die Essenz gilt als eine Art Urenergie, die teilweise angeboren ist und weniger feinstofflich als das eigentliche Qi ist. Man kann die Essenz als eine Art energetisches Rohöl verstehen, das an den Nieren seinen Sitz hat.

Der Geist Shen ist feinstofflicher als das eigentliche Qi.

Der chinesische Begriff »Shen« ist mit »Geist« nicht wirklich treffend übersetzt. In der modernen chinesischen Medizin https://www.tattva.de/neue-wege-in-der-medizin/ wird er aber meist mit den mentalen, intellektuellen Fähigkeiten assoziiert. Da liegt es nahe, Shen im Gehirn zu lokalisieren.

Im Unteren Dantian ist die Essenz lokalisiert und im Oberen Dantian verortet das moderne China den Geist. Dann bleiben nur noch das Mittlere Dantian und das Qi übrig und schon hat man eine Zuordnung geschaffen:

Unteres Dantian – Essenz (Jing)
Mittleres Dantian – Qi
Oberes Dantian – Geist (Shen).

 

Das klingt erst einmal schlüssig und so hat sich dieses System verbreitet. Ich habe allerdings Zweifel an dieser Zuordnung, denn aus der gängigen Literatur ist das nicht ersichtlich. Interessant finde ich hier die Kritik von Ulli Olvedi, der Autorin des Buches »Das Stille Qi Gong nach Meister Zhi-Chang Li«. Dort schreibt sie: »Manche Autoren versuchen, das System von Jing, Qi und Shen plakativ einfach darzustellen. ›Shen wirkt im Gehirn, Qi wirkt in der Brust und im Bauch, Jing wirkt im Unterbauch, in den Nieren und in den Genitalorganen.‹ Solch eine Darstellung ist eine allzu große Vereinfachung, die zwar unserer westlichen schablonisierenden Denkweise entgegenkommt, aber ein falsches Bild ergibt.«

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf (5 Seiten), das unten bestellt werden kann.!

Die Herzlehre in den unterschiedlichen spirituellen Traditionen

Die Lehre Jesu Christi ist sehr stark herzbetont. Die starke Betonung von Liebe und Vergebung zielt direkt auf das Herz als Energiezentrum.

Oft sieht man Darstellungen von Jesus mit einem »flammenden Herzen« in der Brustmitte. Das ist der Sitz des Herzchakras und gleichzeitig der Akupunktur-Punkt »Ren Mai 17«, der mit dem Herzen und mit dem Mittleren Dantian in Verbindung steht. In diesen Abbildungen steht das Herz in Flammen oder es leuchtet und strahlt golden. Leider ist das »flammende Herz« fast immer mit einem Dornenkranz versehen. Aber das ist eine Spezialität unserer Kirchen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.

Im Sufismus, der spirituellen und mystischen Seite des Islam, ist das Herz ebenso ein wichtiges Zentrum. Auf Wikipedia steht über Sufismus:

»Die Sufis glauben, dass Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist.«

Über den Sufi Al-Ghazali (1058–1111) ist auf Wikipedia zu lesen: »Er lehnte eine starre Dogmatik ab und lehrte den Weg zu einem Gottesbewusstsein, das aus dem Herzen entspringt. Ein zentraler Punkt bei al-Ghazali ist die Arbeit am ›feinstofflichen Herzen‹. Der Lehre al-Ghazalis gemäß besitzen die Menschen in ihrer Brust ein ›feinstoffliches Herz‹, das in der Welt der Engel beheimatet ist. Dieses Organ ist in der grobstofflichen Welt im Asyl und weist den Menschen den Weg ins Paradies zurück

Auch in manchen buddhistischen Strömungen spielt die »Liebende-Güte-Meditation« eine zentrale Rolle.

Auch in der alten ägyptischen Religion gilt das Herz als der Sitz des Göttlichen. Das Herz war sehr eng mit der Seele verbunden. In der nachtodlichen Vorstellung wurde das Herz des Verstorbenen gewogen. Deshalb entwickelten die Ägypter einen Herzenskult, um sich einen Einlass in das Jenseits zu sichern. (Siehe: »Kulturgeschichte des Herzens« von Ole Martin Hoystad)

Zu allen Zeiten konnten Menschen die gleiche Beobachtung machen, dass nämlich das Herz sehr stark und sehr direkt auf die seelische Befindlichkeit reagiert.

Lesen Sie im vollständigen Artikel mehr über die Bedeutung des Herzens für unser Seelenleben – bestellbar am Ende des Beitrags.

Trotzdem kommt bei vielen Übenden das Mittlere Dantian deutlich zu kurz. Die Fokussierung auf das Untere Dantian ist wohl darauf zurückzuführen, dass Qi Gong und Taiji Quan ihre Wurzeln mehr oder weniger in den Kampfkünsten haben. Dort sind »Erdung« und »Stabiler Stand« essenziell. In der Medizin machen sich Störungen des Unteren Dantians auch stärker bemerkbar.

Es spricht aber nichts dagegen, das Mittlere Dantian direkt anzusprechen. Bei diesem Thema denkt man zuerst an den Buddhismus. In manchen Traditionen werden die Herzensqualitäten stark betont. Meditationen der »liebenden Güte« oder des »Mitgefühls« sind relativ bekannt. Auch im Qi Gong kann man Übungen und Meditationen so gestalten, dass sie verstärkt das Herz ansprechen. Zwischen der buddhistischen Tradition und dem Qi Gong gibt es hier einen Unterschied: Im Qi Gong wird die Erdung betont. Das bedeutet, dass vor und mindestens nach der Aktivierung des Mittleren Dantians noch unbedingt das Qi im Unteren Dantian gespeichert und damit geerdet werden muss. In den buddhistisch geprägten Übungen kommt eine solche Erdung, soweit ich das beurteilen kann, nicht vor. Dort macht man sich um Erdung und rebellierendes Qi wohl wenig Sorgen. Allerdings sind diese Meditationen in einen komplexen »Weg« eingebunden, der gewöhnlich unter Anleitung eines Lehrers gegangen wird. Das geht wohl auch mit einer gewissen Erdung einher.

In den Figuren des bewegten Qi Gong und in den Meditationen des »Stillen Qi Gong« gibt es zahlreiche Möglichkeiten, stärker auf das Herz einzuwirken. Das sprengt leider den Umfang dieses Artikels. Zum Abschluss möchte ich nochmals Xunzi (ca. 200 v. Chr.) zitieren:

»Wie kann jemand das Dao kennen? Durch das Herz. Wie kann das Herz es kennen? Durch die Leere, die reine Aufmerksamkeit, die das Wesen und die Stille eint.«

Der Autor Michael Raab

Über den Autor

Michael Raab, geb. 1963, ist Qi-Gong-Lehrer in Karlsruhe. Er ist ausgebildeter Heilpraktiker, Entspannungspädagoge und Autor von Sachbüchern. Er begann seine spirituelle Suche mit westlichen Wegen wie der Kabbalah und dem Rosenkreuzertum, wechselte dann zum Zen-Buddhismus und letztlich vor 15 Jahren zum Qi Gong.
Webseite: www.raab-qigong.de

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die Stellung des Herzens in der Tradition de Qi Gong.

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