Den ganzen Menschen im Blick

Den ganzen Menschen im Blick

Die Verbindung von Medizin und Schamanismus

Obwohl der Schamanismus und die Medizin sich denselben Ursprung teilen und beide Methoden die Heilung und das Wohlbefinden des Menschen anstreben, haben sie sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Die Neurochirurgin und Psychiaterin Dr. Iris Zachenhofer und die Schamanin Andrea Kalff wagen neue Wege der Therapie und schrieben darüber gemeinsam ein Buch.

Tattva Viveka: Heute begrüßen wir Dr. Iris Zachenhofer, Neurochirurgin und Psychiaterin, und Andrea Kalff, die als erste Europäerin in den koreanischen Schamanismus initiiert wurde. Gemeinsam verfassten sie das Buch »Schamanentherapie« und im folgenden Gespräch erfahrt ihr, wovon es handelt.

Wie seid ihr mit dem Schamanismus in Berührung gekommen?

Andrea Kalff: Im Jahr 2001 kam ich das erste Mal mit Schamanismus in Berührung. Damals war ich sehr krank, und keiner wusste, was ich hatte. Ich bin von einem Arzt zum anderen geirrt, weil ich unter allen möglichen Zuständen bis hin zu hohem Blutdruck, 250 zu 300, litt. Die Ärzte wussten nicht, wo die Ursache lag, und infolgedessen ging es mir psychisch ebenfalls nicht gut. Eines Tages kam ein mexikanischer Schamane ins Büro meines Vaters, der eine Baufirma hatte. Er schlug mir vor, eine Sitzung beim Schamanen auszuprobieren, ich dagegen hielt seinen Vorschlag für Unfug und wollte dies nicht machen.

Doch mein Papa war der Auffassung, dass es sonst niemand anderen mehr gebe, der mir helfen könne, und letztendlich probierte ich es aus. Danach ging es mir ein wenig besser, und ich wurde von dem Schamanen und seiner Begleitung gefragt, ob ich die Organisation von Workshops und Seminaren übernehmen könne, und dies tat ich. Irgendwann erkannte ich, dass ich mich mit der esoterischen Szene nicht anfreunden kann, und hörte daraufhin mit dem wieder auf.

Den ganzen Menschen im Blick

Im Jahr 2006 erhielt ich eine Einladung von einer katholischen Kirche, in der Mongolen, die aus dem Kehlkopf singen, ein Konzert gaben. Meine Eltern waren streng katholisch, und ich bin selbst sechs Jahre lang in eine Klosterschule gegangen. Das Konzert faszinierte mich, und danach luden sie mich noch ein, etwas mit ihnen zu trinken. Ein paar Wochen später wurde ich von ihnen zum Schamanenkongress am Mondsee in Österreich eingeladen. Zunächst lehnte ich ab, da für mich diese Phase vorbei war. Sie meinten aber zu mir, dass ich nur zum Konzert kommen könne und mir nichts weiter anschauen brauche. Ich rang etwa eine Woche lang mit mir, weil ich einfach nicht hingehen wollte. Letztendlich sagte ein Freund zu mir: »Andrea, wir fahren nur zur Eröffnungszeremonie hin und danach gehen wir wieder«, und so fuhren wir hin.
Nachts um halb elf auf dem Rückweg von der Toilette klopfte mir ein Koreaner auf die Schulter und sagte, dass er meine Telefonnummer möchte, woraufhin ich erwiderte: »Na, die gibt es nicht. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Ich gebe meine Telefonnummer nicht her.« Er ließ nicht locker und irgendwann sagte er folgenden Satz zu mir: »Wir wissen, was mit dir los ist.« Zu der Zeit fühlte ich mich immer noch nicht wohl, und ich hatte mich schon immer anders gefühlt. Ich spürte immer, dass ich überall nicht in die Gemeinschaften hineinpasse. Der Koreaner meinte, dass es eine Übersetzerin gebe, die Deutsch spreche und mir alles erklären könne, denn Frau Kim Keum Hwa möchte, dass ich wiederkomme und sie mich am nächsten Tag anrufen würde. So war es auch. Ich gab ihm meine Telefonnummer und kam spät nachts zu Hause an.
Am übernächsten Tag fuhr ich gemeinsam mit meinem Mann zu Frau Kim und erhielt eine drei Stunden lange Privataudienz bei ihr. Ich wusste zu der Zeit nicht, dass sie die ranghöchste Schamanin Koreas ist, die vom koreanischen Staat anerkannt ist. Das war für mich alles sehr fern, und ich machte es eher aus Interesse. Als wir Frau Kim wieder verließen, stand unser Leben auf dem Kopf.

Sie erklärte mir damals, dass ich an einer sogenannten Schamanenkrankheit erkrankt wäre und dass es sehr wichtig sei, dass ich initiiert werde.

Das war an einem Freitag, und sie wollten, dass ich bereits am Sonntag die Initiation auf dem Schamanenkongress erhalte, weshalb ich mich schnell entscheiden müsse. Ich bin ein geborener Steinbock. Meine Einstellung ist vielmehr: »Weiß ich nicht, sehe ich nicht, glaube ich nicht.« Ich wollte dies einfach nicht, denn es ging alles zu schnell. Frau Kim sagte, es eile, teilte mir aber wiederum nicht konkret mit, warum und wieso, und ich lehnte es ab, weil mir das »too much« war.

Die Verbindung von Medizin und Schamanismus

Vier Wochen später erhielt ich eine Krebsdiagnose, die mein Leben komplett umkrempelte. Ich machte nichts von dem, was mir die Mediziner angeraten hatten, sondern nahm mir eine Auszeit und fuhr ans Meer. In Spanien saß ich zehn Tage lang am Meer und irgendwann ging mir diese koreanische Sache wieder durch den Kopf. So sprach ich zu mir: »Okay, wenn das die Lösung ist, dann gehe ich nach Korea.« Denn eine innere Stimme sagte, dass allein die Operation nicht die Lösung sei. Am 5. August 2006 schrieb ich nach Korea an Frau Kim, dass ich zwar nicht wisse, wie ich das finanzieren solle, ich aber kommen werde. Die Schwierigkeit war, dass ich diesen Tumor ein halbes Jahr lang in mir habe wachsen lassen müssen, weil ich keine OP vor der Initiation haben durfte. Das war, und das muss ich bis heute sagen, die größte Herausforderung auf dem Weg: die Auseinandersetzungen mit mir selbst. Anfang Dezember kam ich in Korea an und wurde als erste Europäerin in den koreanischen Schamanismus eingeweiht. Im Januar 2007 fand die Tumoroperation statt, und daraufhin veränderte ich mein Leben von Grund auf.

Das war nur der Anfang des Artikels.

Mehr darüber, wie die Schulmedizinerin Dr. Iris Zachenhofer zum Schamanismus fand und nun mit der Schamanin Andrea Kalff zusammenarbeitet, liest du iin der vollständigen Fassung in Tattva Viveka 91.

Tattva Viveka 91

Tattva Viveka Nr. 91

Inhalt der Ausgabe

Schwerpunkt: Leben in Gemeinschaft
Erschienen: Juni 2022

Jo Eckardt – Überleben in Gemeinschaft. Wie die Evolution Kooperation und Altruismus entstehen ließ • Johannes Heimrath und Lara Mallien
Im Vertrauensraum transparent sein. Wie Gemeinschaft gelingt • Stefanie Raysz – Leben, Lernen und Arbeiten an einem Ort. Das Leben einer Familie in der Gemeinschaft • Claus Reimers – Ein Leben für die Gemeinschaftsbewegung. Einblick in die Entstehung und Entwicklung der Gemeinschaft Schloss Tempelhof • Stefanie Aue
Die Community lebendig halten. Vor Ort in der Gemeinschaft Parimal Gut Hübenthal • Achim Ecker – Lieben ist eine politische Aufgabe. Langjährige Gemeinschaftserfahrung im ZEGG • Barbara Stützel – Gemeinschaft als Entwicklungsweg. Welche persönlichen Fähigkeiten zu mehr Verbundenheit beitragen • Dieter Halbach – »Beteiligung ist das Herz der Demokratie«. Wie die Prinzipien der Gemeinschaftsbewegung in der Gesellschaft angekommen sind • Dr. Thomas Steininger – Der Mut zu träumen. Commons, Blockchain, Peer-to-Peer-Beziehungen und die Vision einer neuen Netzwerkkultur • Ronald Engert – Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen. Plädoyer für Walter Benjamin • Dr. Annette Blühdorn – Das metaphorische Herz Teil 2. Zeuge des archaischen Bewusstseins • Dr. Iris Zachenhofer und Andraes Kalff – Die Annäherung von Medizin und Schamanismus. Ein Weg ganzheitlicher Heilung • u.v.m.

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Über die Autorinnen

Andrea Kalff sieht sich als Brücke zwischen Leben und Tod. Sie arbeitet weltweit mit verschiedensten Ärzten, Psychologen und Therapeuten zusammen. 2006 wurde sie von der weltbekannten Meister-Schamanin Kim Keum Hwa aus Südkorea als erste Europäerin in den koreanischen Schamanismus initiiert. Heute reist sie in aller Welt, vorwiegend in Europa, Korea, Mexiko und Hawaii, um Menschen in schwierigen Lebenssituationen, mit psychischen und physischen Problemen und vielem mehr zu helfen und zu unterstützen.

Unsere Autorin Andrea Kalff
Unsere Autorin Dr. Iris Zachenhofer

Dr. Iris Zachenhofer, *1963, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen, Absolventin und 2012 bis 2019 Lektorin der Universität für Bodenkultur, seit Ende der 1990er-Jahre Subsistenzperspektive und Matriarchatsforschung. Autorin von: Das Brot der Zuversicht (2003), Tiefenökologie. Eine liebevolle Sicht auf die Erde (2014).

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