Göttinnen im Tantra

Göttinnen im Tantra

Die zehn göttlichen Erkenntniswege der Dasha Maha Vidyas (Teil 2)

Autorin: Stefanie Aue
Kategorie: Veden/Yoga
Ausgabe Nr: 95

Die Verehrung des Weiblichen hat im Tantra Tradition. Dies zeigt sich auch in den zehn Erkenntnispfaden der »Dasha Maha Vidyas«, die die spirituellen Wege mit dem Ziel der Evolution und Erleuchtung darstellen. Die Fortsetzung des Artikels aus Tattva Viveka 94 präsentiert die zweite Hälfte des Kanons der tantrischen Göttinnen mit ihren spezifischen Eigenschaften und Wirkungsbereichen.

Im ersten Teil des Artikels haben wir bereits gesehen, wie wir uns in unterschiedlichen Lebenssituationen an verschiedene Große Makrokosmische Kräfte wenden und so immer die passende Hilfe und Unterstützung erhalten können. Muss etwas transformiert werden, wenden wir uns an Kali. Haben wir uns verlaufen oder wissen wir nicht, welchen Weg wir in unserem Leben einschlagen sollen, wenden wir uns an Tara. Sehnen wir uns nach einer erfüllenden Liebesbeziehung, ist Tripura Sundari die Göttin, an die wir uns wenden können.

Letzten Endes führen jedoch alle zehn Maha Vidyas, alle zehn Erkenntniswege, zum selben Ziel: der Offenbarung des höchsten Selbst.

Sehen wir uns nun die restlichen fünf Großen Makrokosmischen Kräfte an: Chinnamasta, Dhumavati, Bagalamukhi, Matangi und Kamalatmika.

Die zehn Großen Makrokosmischen Kräfte – Dasha Maha Vidyas

6. Chinnamasta

Eine der wohl Furcht einflößendsten Göttinnen des Dasha-Maha-Vidya-Kanons ist die Große Makrokosmische Kraft des Mutes, Chinnamasta. Nicht nur, dass sie in ihren bildlichen Repräsentationen kopflos dargestellt wird (dazu weiter unten mehr), erstaunt, sondern auch die damit in Zusammenhang stehende Implikation, dass unser physischer Körper und unser Verstand endlich sind, unser Bewusstsein jedoch darüber hinaus existiert, kann für den Betrachter befremdlich anmuten. Diese Darstellung alleine deutet bereits darauf hin, dass der spirituelle Weg des Tantrikers darauf abzielt, einen Zugang zum universellen Bewusstsein jenseits des »verkopften« rationalen Denkens zu erhalten.

Chinnamasta, deren Symbol ein abgeschlagener Kopf ist, fordert von ihren Verehrern, den Verstand und das Ego zu transzendieren und sie in reines Bewusstsein aufzulösen. All das, was wir zu wissen glauben, alle logischen Schlussfolgerungen, unsere Identifizierung mit den verschiedenen Rollen, die wir in unserem Leben spielen, sind nichts weiter als Begrenzungen, die wir uns selbst auferlegen. Von den weltlichen Begrenzungen des einfachen Verstandes befreit, realisiert das Bewusstsein schließlich seine wahre Natur jenseits von Tod und Leid. Wir brauchen den Verlust unseres Körpers und unserer Gedanken nicht zu fürchten, denn sie sind lediglich die Begrenzungen unserer wahren Identität. Dabei ist der einzige Weg zu unserem höheren Bewusstsein das Opfern der Identifikation mit unserem Verstand und damit mit allen Gedankenprozessen rund um unser Selbstbild und die »Ich-bin-mein-Körper«- beziehungsweise »Ich-bin-meine-Gedanken«-Idee. Der abgeschlagene Kopf symbolisiert die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Körper und Geist, zwischen Körper und Bewusstsein, sowie die Befreiung aus den Fesseln der Identifizierung mit dem Körper und dem Mental. In diesem Prozess trennen wir uns von unserer gewöhnlichen Identität und opfern unser Ego für eine höhere Realität.

Die Loslösung von der Identifikation mit unserem Körper und unserem Mental ist die Kraftsphäre der Göttin Chinnamasta.
Die Loslösung von der Identifikation mit unserem Körper und unserem Mental ist die Kraftsphäre der Göttin Chinnamasta.

Chinnamasta wird nicht nur mit einem abgeschlagenen Kopf dargestellt, sie hält ihn darüber hinaus in einer ihrer Hände und trinkt das aus der offenen Wunde fließende Blut. Allein dieser Anblick mag für den Betrachter abschreckend wirken, doch scheint die Göttin selbst glücklich, ja gar glückselig, was man an ihrem Gesichtsausdruck erkennen kann. Sie steht für die Freude der Transzendierung des eigenen Körpers und des Verstandes und nicht für den Schmerz über deren Verlust. Aus diesem Blickwinkel könnten wir sagen, dass der Kopf nicht tot ist, sondern sogar lebendiger als zuvor.

Das Bewusstsein ist nicht auf den Körper und das Mental begrenzt. Es kann sehr wohl ohne sie funktionieren.

Daher wurde das auf den Körper begrenzte Bewusstsein in verschiedenen spirituellen Traditionen unter anderem auch als Käfig oder Grab bezeichnet. Im Körper ist das Bewusstsein auf die Erfahrung der Sinne beschränkt. Losgelöst von Körper und Verstand erfährt das Bewusstsein die Freiheit der Unendlichkeit, die das gesamte Universum mit einschließt. Auch wenn die Vorstellung des Verlusts des Körperbewusstseins erschreckend zu sein scheint, sollte uns stattdessen die Vorstellung, lediglich auf den eigenen Körper und die Gedanken begrenzt – und damit Zeit und Tod unterworfen – zu sein, viel eher beängstigen. Die Große Makrokosmische Kraft Chinnamasta ist diejenige, die uns aus der Gefangenschaft unserer Sinne, unseres Körpers und unseres Mentals befreit und sich für den ihr ergebenen Tantra-Praktizierenden als die große Befreierin und Retterin manifestiert.

Dies war der zweite Teil des Artikels. Der erste erschien in Tattva Viveka Nr. 94.

Dies ist nur der Anfang des Artikels.

Willst du auch die anderen Göttinnen des Dasha-Maha-Vidya-Kanons kennenlernen? Dann lies den vollständigen Artikel, der in Tattva Viveka 95 erschienen ist.

Tattva Viveka 95

Tattva Viveka Nr. 95

Inhalt der Ausgabe

Schwerpunkt: Seele
Erschienen: Juni 2023

Maik Hosang – Ein metamoderner Begriff der Seele. Der zentrale Moment von zukunftsfähiger Psychologie und Philosophie, Kultur und Gesellschaft • Ronald Engert – Seele, Körper und Befreiung in der Bhagavad-gītā. Leben in der göttlichen Ordnung • Dr. Jens Heisterkamp – Die Seelen-Lehre Rudolf Steiners. Von den drei seelischen Dimensionen • Sebastian F. Seeber – Die Seele bei Platon. Über die Selbsterkenntnis des Menschen • Dieter Schnocks – C. G. Jungs Verständnis der Seele. Grundlagen des Modells der Analytischen Psychologie • Samuel Eckhart – Die Ogdoadische Tradition. Rückkehr im Lebendigen Licht des Glorreichen Sterns • Nora Philine Hansing – Die Revolution der Seele. Wegweiser in eine erwachte Kultur der Allverbundenheit • Stefanie Aue – Göttinnen im Tantra. Die zehn göttlichen Erkenntniswege der Dasha Maha Vidyas (Teil 2) • Akambi Oluwatoyin – Charakter ist Spiritualität. Warum die Charakterbildung in der Nago-Tradition die Grundlage für Spiritualität darstellt • Armin Denner – Der esoterische Tarot. Wahrsagerei oder »Die Wahrheit sagen«? • Christiane Krieg – Krafttiere. Spirits der Schamanen • Gerlinde Henriette Stärk – Wieder erinnern lassen. Von meiner erwach(s)enden Liebe zur Erde • u.v.m.

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Zur Autorin

Unser Autorin Stefanie Aue

Stefanie Aue ist Redakteurin der Tattva Viveka. Als Sozial- und Medienwissenschaftlerin sowie Yogalehrerin und Tantra-für-Frauen-Gruppenleiterin gilt ihr Interesse gesellschaftlichen und individuellen Transformationsprozessen.

Der Artikel ist unter Mitarbeit von Chloe Hünefeld entstanden.

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