Inspiration – wie fördere ich neue Einsichten?

Inspiration – wie fördere ich neue Einsichten?

Das gemeinsame Erbe östlicher und westlicher Lehren

Autor: Prof. Dr. Peter Hubral
Kategorie: Taoismus
Ausgabe Nr: 74

Echte Inspiration und Kreativität kommen aus dem Raum des Unbekannten. Lösungen tauchen spontan und unerwartet auf. Der Autor beschreibt, wie man sich diesem Raum in einer besonderen Stehübung nähert und wie die Daoisten und die alten Griechen diese Methode nutzten, um zu ihren Einsichten zu gelangen.

Neue Einsichten resultieren NICHT aus willentlicher Anstrengung. Sie werden uns vielmehr aus der jenseitigen Welt im willentlichen Kontrollverlust eingegeben.

Sie werden uns offenbart. Dann geht uns »spontan ein Licht auf«. So soll z. B. Archimedes (285–212 v. u. Z.) sein bekanntes Prinzip im entspannten Zustand in der Badewanne und Isaac Newton (1642–1727) das Gravitationsgesetz unter einem Apfelbaum entdeckt haben. Gewiss werden mir einige Leser dieser Zeilen bestätigen, dass auch sie neue Einsichten in geistiger Abwesenheit an »stillen Örtchen« usw. erlangten und nicht dann, wenn sie ein Problem konzentriert und bewusst zu lösen versuchten.

Die Lösung taucht vielmehr spontan und unerwartet auf. Dazu habe ich in Das Dao des Denkens (Tattva Viveka 51) und Der Sokrates Code (Matrix3000 Band 74) bereits eine Einführung gegeben. Doch ich habe das Thema nun in Denken, Wissen, Weisheit vertieft. Dazu hier ein kurzer Einblick. Dabei beziehe ich mich auf das, was ich in der Taiji-Lehre (www.taijixue.de) darüber gelernt habe. Dieser altchinesischen Weisheitslehre zufolge gilt: Eine neue artikulierbare Einsicht nimmt ihren Ursprung in einer nicht artikulierbaren, konfusen Eingebung, d. h. dort, wo mein diskursives – zwischen Gegensätzen abwägendes – Denken, das auf dem mir Bekannten beruht, nicht hingelangt. Die neue Einsicht ist folglich nicht mein Eigen, zumal ich mich mit dem mir Bekannten identifiziere und Bekanntes nichts Neues hervorbringen kann.

Die Eingebung (Inspiration, Offenbarung), die der Einsicht vorausgeht, wird nicht im Bekannten, sondern in der ewig »schöpferischen Mischung aus dem mir Bekannten und Unbekannten« geboren.

Diese ist die Welt jenseits des mir Bekannten, worauf mein intuitives Denken zurückgreift, das dem diskursiven Denken vorangeht.

Wiederentdeckung der altgriechischen Schöpfungslehre

Bild 1: Szene auf einer altgriechischen Vase aus dem 6. Jhd. v. Chr.

Das Denken im Diesseits

Das diskursive Denken greift auf Gegensätze wie richtig–falsch, gut–böse, ja–nein usw. zurück. Diese sind nicht von Natur aus gegeben, sondern von der Gesellschaft (Kultur) festgelegt. Sie werden relativ bewertet, so wie es Shakespeare andeutet: An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu. Damit drückt auch er – im Einklang mit der Taiji-Lehre – aus, dass jede Einsicht (Idee) immer nur eine Meinung und keine absolute Wahrheit darstellt.

An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu.
– Shakspeare

Das Diesseits, die Welt der Sprache und des diskursiven Denkens, das auf Gegensätze zurückgreift, ist die Welt der Meinung (dóxa). In ihr gibt es keine von Natur aus gegebene Wahrheit. Diese findet man jedoch in der Mischwelt, der man sich dadurch nähert, dass man – in rigoroser Weltabgewandtheit (Stille) – der Seele (psyché) die Möglichkeit gibt, das »interne Gespräch mit sich selbst zu führen«. Dies ist möglich in versunkener, meditativer Innenschau, die mir die Dao-Praxis, die auch Wuwei-Praxis genannt wird, ermöglicht (Bild 1). Platon spricht diesbezüglich von der Betrachtung mit den Augen der Seele!

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf (4 Seiten), das unten bestellt werden kann.

Der Fluss des Seins

Einsichten entwickeln sich im zyklischen Wechselspiel zwischen intuitivem und diskursivem Denken. Beide Denkweisen wirken zwar gegeneinander, aber sie brauchen auch einander. Sie liegen im ständigen »dialektischen Streit«, den Heraklit (ca. 535–475 v. u. Z.) den »Vater aller Dinge« nennt. Der »Streit« bringt die Entwicklung des Gedanken voran, indem das schöpferische intuitive Denken das diskursive und umgekehrt erzeugt und sich beide gegeneinander befruchten.

Wandel ist das einzig Beständige.

So kommt es zum sich stetig weiterentwickelnden Gedankenfluss im Einklang mit Heraklit: Alles ist im Fluss (Panta rhei)! Dazu auch Platon  (Cratylus, 402a): Heraklit sagt irgendwo, dass alle Dinge in ständiger Entwicklung sind und nichts stillsteht: Indem er die Dinge mit dem Strom eines Flusses vergleicht, sagt er, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Man kann zwei- oder mehrmals in den Fluss steigen. Es ist jedoch jedes Mal ein anderer, weil er sich ständig weiterentwickelt. Wandel ist das einzig Beständige. Und wer möchte sich nicht dem Fluss anvertrauen, um sich zum Besseren zu wandeln?

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Im lógos wird die noch formlose Eingebung (Intuition, Inspiration) geboren. Er übersetzt das nicht ausdrückbare Unbekannte ins ausdrückbare Bekannte! Dies tut er umso mehr, je intensiver man sich in rigoroser Stille (Bild 1) dem Unbekannten im regelmäßigen Üben hingibt. Dann gelangen Eingebungen nicht nur unbewusst durch die Hintertür, wie es im Alltag der Fall ist. Dann legt man ihnen bewusst den roten Teppich aus und sie kommen als Wiedererinnerung durch die Vordertür!

Das Neue ist dem Unbekannten in der Mischung zu verdanken. Wäre dies nicht der Fall, so könnten wir nichts Neues gebären und auch nicht fördern. Es tritt zutage, indem man sich dem Unbekannten (Nichts oder Nichtsein) innig anvertraut (zuwendet), was im stillen Entspannen (Loslassen) – im tiefen willentlichen Kontrollverlust – geschieht (Bild 1).

Prof. Dr. Peter Hubral

Über den Autor

Dr. Peter Hubral ist Professor i. R. für Geophysik und Taiji-Praktizierender. Er verfolgt seit Langem die Spuren und Parallelen großer Naturphilosophen zwischen West und Ost. Er sieht in den Lehrern der pythagoreischen/platonischen Schule Vertreter der uralten und im Westen ausgestorbenen Wuwei-Tradition, die dank chinesischer Taiji-Meister wiederbelebt wird.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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