Mouches volantes in den Religionen – Teil 2

Mouches volantes in den Religionen – Teil 2

Das Judentum – Bibel, Merkaba, Kabbala

Autor: Floco Tausin
Kategorie: Judentum/Kabbala
Ausgabe Nr: 81

Mouches volantes – Glaskörpertrübung oder Bewusstseinslicht? Im ersten Teil des Artikels ergründet der Autor, ob sich in der jüdischen Religion, speziell in der Bibel und in der Merkaba-Mystik, Hinweise auf Mouches volantes finden und wie diese spirituell gedeutet werden können. In der Fortsetzung erforscht er eine weitere mystische Traditionsrichtung des Judentums, die Kabbala, und stellt fest, dass auch hier das Sehen von Leuchtstrukturen eine wesentliche Rolle spielt.

Nach einer ruhigeren Phase in der Geschichte der jüdischen Mystik (7.–11. Jh.) entwickelten sich im Hochmittelalter neue Frömmigkeitsbewegungen. Sie waren Antworten auf Ereignisse wie die Judenverfolgungen während der Kreuzzüge, die christliche Mystik, die Laien- und Armutsbewegungen, aber auch auf innere Entwicklungen wie das Erstarken des Vernunftglaubens in der jüdischen Philosophie.

Viele Religiöse suchten ein intimeres, unmittelbareres Verhältnis zu Gott. Die Thora wurde nicht nur als äußerlich anwendbares Gesetz oder Gegenstand von Theologie und Philosophie empfunden, sondern als ein System aus mystischen Symbolen, die Gott und das Universum widerspiegeln.

Die diversen Ansätze, um diesen Symbolismus zu entschlüsseln und Gottesnähe zu erfahren, werden »Kabbala« (hebr. »Tradition«, »Überlieferung«) genannt.

Zwei esoterisch-mystische Lehren über das Universum, die in die frühe jüdische Mystik eingegangen sind, werden auch in der Kabbala aufgegriffen: das »Werk des Wagens« und das »Werk der Schöpfung«. Die kabbalistischen Spekulationen über die Schöpfung wurden insbesondere mit der Lehre (oder den Lehren) der zehn Sefirot bekannt: Aus dem ununterscheidbaren Unendlichen entstehen zehn göttliche Aspekte. Diese zehn Sefirot sind die ersten Stufen oder Welten der Schöpfung.

Die zehn Sefirot

Die zehn Sefirot, in drei Säulen geteilt, mit den 22 Verbindungen, von oben nach unten und von rechts nach links: 1) Kether (»Krone«); 2) Chochmah (»Weisheit«); 3) Binah (»Intelligenz«); 4) Chesed (»Liebe«); 5) Din/Gewurah (»Stärke«); 6) Tiphereth (»Schönheit«); 7) Nezach (»Beständigkeit«); 8) Hod (»Majestät«); 9) Jesod (»Fundament«); 10) Malchuth (»Königreich«). Darstellung in einem Werk von Athanasius Kircher. Quelle (17.11.17).

In kabbalistischen Werken wie dem Sefer ha-Bahir (12. Jh.) oder dem Sefer ha-Zohar (13. Jh.) werden die einzelnen Sefirot sowie die komplexen Beziehungen untereinander entwickelt. Ihnen werden die Aspekte der göttlichen und irdischen Welt zugeordnet: Engel, Gottes Gebote und Namen, biblische Figuren mit ihren ethischen Qualitäten, die Dreiteilung von Intellekt, Psyche und vieles mehr. Solche Strukturierungen der Welt mithilfe der Sefirot werden zur Meditation und Vertiefung in die göttliche Welt durchgeführt (theoretische Kabbala), oder sie werden für magische Handlungen genutzt (praktische Kabbala).

Kreisform der Sefirot

Diagramme bzw. »Bäume« (hebr. ilanot), die die Sefirot, ihre Anordnung und ihre Beziehung untereinander darstellen, wurden ab dem 15. Jh. vermehrt angefertigt. Diese Diagramme zeigen die Sefirot oft als Kreise oder Kugeln, teils mit Kern und Umkreis. Insofern die Sefirot mit dem Thron-Wagen gleichgesetzt oder als Kräfte im Wagen begriffen wurden, könnte die Form der Sefirot auch durch die Räder des Thron-Wagens – und somit durch Leuchtfäden oder Leuchtkugeln (siehe oben) – inspiriert sein. In einem frühen Werk der Kabbala beispielsweise, dem Sefer ha-Bahir, werden die Sefirot als »Übermittler« der Herrlichkeit Gottes definiert und mit Licht, mit den Rädern des Wagens sowie mit zehn »Redensarten«, d. h. göttlichen Aspekten, assoziiert (§ 126–127). Dabei wird auch die Kern-Umkreis-Struktur genannt […]

Wenn Sie mehr über die Kreisform des Sefirots erfahren möchten, können Sie den vollständigen Artikel als Pdf unten bestellen.

Darstellungen der zehn Sefirot als stets kleiner werdende konzentrische Kreise

Darstellungen der zehn Sefirot als stets kleiner werdende konzentrische Kreise (iggulim). Darstellung aus Histoire des Juifs von Jacques Basnage. Quelle (10.12.17).

Das Licht in den Sefirot

Der Begriff selbst, insofern er auf hebr. sappir (»Saphir«), und insbesondere dessen Leuchten zurückgeführt wird, bezieht sich auf die Ausstrahlung Gottes in der Gottesbegegnung von Moses und in der Vision von Ezechiel. Die Sefirot werden mit den Rädern des Thron-Wagens gleichgesetzt und lassen sich als feurig leuchtende Kreise imaginieren. Insofern ihre Herkunft auf die Äonen zurückgeführt wird (Scholem 2007a) – göttliche Emanationen im antiken Gnostizismus –, handelt es sich ebenfalls um Wesen oder Welten des Lichts. Als Emanationen gehen sie auf Ein-Sof zurück, das Unendliche bzw. Gott jenseits aller Qualitäten. Ein-Sof, das im Sefirot-Baum üblicherweise nicht angezeigt wird, wird in kabbalistischen Werken als Urlicht charakterisiert. Aus diesem Licht entstehen die Sefirot. Durch sie strahlt das göttliche Licht in die unteren Welten, wenn auch nicht mehr in der ursprünglichen Reinheit und Intensität. Die Sefirot können dem Betrachter also nicht nur als Intelligenzen, Potenzen, Kräfte oder Namen erscheinen, sondern auch als Lichter (Scholem 2007a).

Im Werk Sha’are Ora oder lat. Portae Lucis von Josef Gikatilla (ca. 1248–1325) werden die Sefirot als »Pforten des Lichts« bezeichnet. Titelseite des Buches.

Im Werk Sha’are Ora oder lat. Portae Lucis von Josef Gikatilla (ca. 1248–1325) werden die Sefirot als »Pforten des Lichts« bezeichnet. Titelseite des Buches. Quelle (10.12.17).

Eine neue Richtung der Kabbala nach Isaak Luria (1534-1572)

In deren Lehren wird nun auch die Kern-Umkreis-Struktur der Lichter deutlich.

So heißt es, dass Gott sich am Anfang der Zeit aus seiner Mitte heraus auf einen Punkt zurückzog, um Raum für die Schöpfung zu schaffen.

Diese Kontraktion (hebr. tzimtzum) und damit der Zustand kurz vor der Schöpfung lässt sich durch das Bild eines punktierten Kreises ausdrücken.

In diesem Vakuum bildet das göttliche Licht nun die erste Welt, die Welt des Urmenschen Adam Kadmon. Aus den Augen dieses himmlischen und leuchtenden Adams strahlen Lichter, die eine Welt aus Lichtpunkten (olam ha-nekudot) bilden. Aus diesem unstrukturierten Licht entstehen die zehn Sefirot, die hier als zehn Gefäße (hebr. kelim) verstanden werden. Sie nehmen das göttliche Licht auf und erinnern damit an das Bild von konzentrierten Leuchtkugeln (vgl. Tausin 2008). Nach lurianisch-kabbalistischer Kosmogonie können die Schalen das Licht aber nicht halten, sie zerbrechen. Die Lichtfunken verbinden sich mit den Scherben (hebr. klippot, qliphoth), und aus den Scherben bildet sich die dämonische »andere Seite« (hebr. sitra ahra), die Grundlage für die materielle Welt. Der Mensch hat die Aufgabe, die in diesen Welten verteilten und gefangenen Lichtfunken zu finden, von den klippot zu trennen und »aufsteigen« zu lassen, um die Gefäße und damit die kosmische Ordnung wiederherzustellen (hebr. tikkun) (Zohar 135a–b; Scholem 2007a; Schwartz 2004). Dieses Einsammeln von Lichtfunken wird teilweise mit dem Einsammeln des Manna in der Wüste assoziiert (Schwartz 2004).

Es erinnert aber auch an die seherische Idee der Energie, die in Materie, Gefühlen und Gedanken gebunden ist und daraus gelöst werden muss, damit die Leuchtstruktur intensiver leuchten kann .

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Schamanisch-seherische Grundlage der jüdisch-mystischen Visionen?

In der hebräischen Bibel sind visionär-prophetische Erscheinungen – Himmelsleiter, Dornbusch, Feuersäule, Räder des Thron-Wagens, Engelheer und andere – Mittel, durch die sich Gott den Menschen offenbart.

Die jüdische Mystik greift diese Bilder und Thematiken auf und macht sie zu inneren, spirituellen Erscheinungen, durch die der Mensch sich mit Gott verbindet. Zu diesen Erscheinungen kommen himmlische Paläste, Flüsse und Brücken aus Feuer und Hagel sowie die Sefirot hinzu. In allen diesen visionären Bildern lassen sich zentrale Charakteristiken der Leuchtstruktur feststellen – könnten jüdisch-mystische Visionen also durch das Sehen der Leuchtstruktur inspiriert sein?

Der Autor Floco Tausin

Über den Autor

Der Name Floco Tausin ist ein Pseudonym. Der Autor promovierte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und befasst sich in Theorie und Praxis mit der Erforschung subjektiver visueller Phänomene im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen und Bewusstseinsentwicklung. 2004 veröffentlichte er die mystische Geschichte »Mouches Volantes« über die Lehre des im Schweizer Emmental lebenden Sehers Nestor und die spirituelle Bedeutung der Mouches volantes.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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