Die spirituelle Bedeutung von Mouches Volantes

Die spirituelle Bedeutung von Mouches Volantes

Perspektiven aus dem Judentum – Bibel, Merkaba, Kabbala

Autor: Floco Tausin
Kategorie: Judentum / Kabbala
Ausgabe Nr: 80

Mouches volantes – Glaskörpertrübung oder Bewusstseinslicht? Der Blick auf die Religionen lässt vermuten, dass Mouches volantes für eine Vielzahl von Menschen eine spirituelle Bedeutung hatten. In diesem Artikel werden Mouches-volantes-Motive in der jüdischen Religion vorgestellt.

Alle haben sie, fast alle sehen sie, und nur wenige schauen hin: die vereinzelten, transparenten und beweglichen Punkte und Fäden im Blickfeld. In der Augenheilkunde werden sie »Mouches volantes« genannt und als Glaskörpertrübung verstanden. Dieser Artikel basiert auf der seherischen Erfahrung, dass Mouches volantes keine Trübung, sondern eine leuchtende Struktur und ein Ausdruck unseres Bewusstseinszustandes sind. Deshalb nenne ich sie im Folgenden »Leuchtstruktur« oder »Leuchtkugeln« und »Leuchtfäden« (vgl. Tausin 2010a; 2008; 2006b).

Die spirituelle Bedeutung von Mouches Volantes

Mouches volantes. Quelle: Floco Tausin

In meiner weiteren Forschung fand ich zahlreiche Hinweise darauf, dass die Kugeln und Fäden der Leuchtstruktur – zusammen mit anderen entoptischen Erscheinungen – bereits von früheren Menschen vieler Kulturen wahrgenommen wurden.

Die Vermutung ist, dass frühe Ekstatiker oder Schamanen sie während Praktiken der rituellen Bewusstseinsveränderung gesehen, mythisch oder spirituell gedeutet, künstlerisch oder symbolisch ausgedrückt und so an spätere Generationen vermittelt haben.
(Tausin 2006a)

In dieser Artikelreihe entwickle ich diese Idee weiter: Als sich die Religionen als eigene Systeme herauszubilden begannen, wurden auch sie Träger der Leuchtstruktur-Symbolik. Mit dieser These widmet sich der vorliegende Artikel dem Judentum.

Die spirituelle Bedeutung von Mouches Volantes

Prozentualer Bevölkerungsanteil der Juden in diversen Ländern der Welt. Quelle (27.9.17).

»Jüdisch sein« bedeutet, die Geschichte, Kultur und Religion einer Gemeinschaft zu leben, die auf das Volk der Israeliten zurückgeht. Ursprünglich waren die Israeliten ein halbnomadisches Volk im bronzezeitlichen Nahen Osten. In der Überlieferung werden sie greifbar mit den Stammvätern Abraham, Isaak, Jakob (»Israel« genannt) sowie dessen zwölf Söhnen, auf die die zwölf Stämme Israels zurückgehen. Das Volk Israel wurde, so heißt es in der hebräischen Bibel, von dem einen Gott mit dem Eigennamen JHWH – »Jahwe« ausgesprochen – ausgewählt, um nach seinen Gesetzen zu leben und seinen Segen zu empfangen.

Dualität und Licht

Im Gegensatz zu den Lehren Zarathustras wird der Dualismus zwischen Licht und Dunkelheit bzw. Gut und Böse im Tanach nicht betont (vgl. Tausin i. E.). Er ist aber auch nicht abwesend: Im paradiesischen Eden befindet sich der Mensch in einem Zustand der Bewusstseinssingularität – erst durch das Essen vom Baum der Erkenntnis lernt er, Gut und Böse zu unterscheiden (vgl. Gen 3, 6–7). Bei Hiob wird diese Dualität unterstrichen: Gott bringt dem Menschen sowohl Gutes wie Übles, und Hiob bemüht sich, auch das Übel, das ihm widerfährt, als Werk Gottes anzunehmen und zu preisen. Doch er verzagt über seinem Empfinden der Ungerechtigkeit und kann seinen Frieden erst wieder durch die Offenbarung Gottes finden (Hiob). Der ethischen Dualität von Gut und Böse geht eine kosmologische Dualität voraus, nämlich die Trennung von Licht und Finsternis als erster Schöpfungsakt (vgl. Gen 1, 4) – eine Unterscheidung, die sich auch im Hell-Dunkel-Unterschied der Leuchtstruktur finden lässt.

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Gott trennt Licht und Dunkelheit. Detail eines Deckenfreskos von Michelangelo Buonarroti in der Sixtinischen Kapelle, Rom. Quelle (28.11.17).
Gott wird generell mit Licht assoziiert, doch nur selten ist dieses Licht direkt für den Menschen sichtbar.

Auf dem Berg Sinai sah Moses den Boden unter Gottes Füßen als »Klarheit des Himmels« (Ex 24, 10), den Israeliten erschien die Bergspitze, wo Gott sich in eine Wolke hüllte, als »verzehrendes Feuer« (Ex 24, 17). Nach dieser Gottesbegegnung leuchtete Moses‘ Gesicht (vgl. Ex 35, 29).

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf (10 Seiten), das unten bestellt werden kann.

Propheten – biblische Seher und ihre Visionen

Propheten sind von Gott erwählte Individuen, denen in Träumen und Visionen der Wille Gottes offenbart wird. Meist ist dies die Kenntnis über vergangene oder zukünftige Ereignisse, die sie im Auftrag Gottes dem Volk Israel oder anderen Völkern verkündigen sollen. Es heißt: »[W]er heute ein Prophet genannt wird, [den] nannte man früher einen Seher [hebr. ra’ah].« (1 Sam 9, 9) Prophetie ist also immer auch eine visionäre Erfahrung, und hier lassen sich Elemente finden, die denen in der Leuchtstruktur ähnlich sind.

Ein Beispiel ist die Himmelsleiter oder Jakobsleiter. Als Jakob auf seiner Reise nach Haran rastete und schlief, träumte er von einer Leiter, »die auf der Erde stand und deren Spitze in den Himmel reichte; und siehe, Gottes Engel stiegen auf ihr hinauf und hinunter« (Gen 28, 12). Ähnlich wie die Säule könnte die Himmelsleiter durch die Vision von vertikalen Leuchtfäden inspiriert sein, nur dass hier ein dynamischer Aspekt dazukommt:

Die auf- und absteigenden Engel lassen sich als fließendes Licht der Leuchtkugeln in dem oder den Leuchtfäden verstehen.

Die spirituelle Bedeutung von Mouches Volantes

Die Jakobsleiter: Ikone der koptisch-orthodoxen Diözese Südkalifornien und Hawaii. Quelle (28.11.17).

Mehrere Propheten sahen in ihrer Vision den Thron Gottes, dessen Bestandteile sich zu eigenständigen Objekten der Verehrung entwickelt haben. Dazu gehören der Thron selbst, der Wagen, auf dem er steht, die Räder des Wagens sowie die himmlischen Wesen oder Engel – die Cherubim und Seraphim –, die den Thron tragen und den Wagen bewegen. Daniel beispielsweise beschreibt den Thron als »feurige Funken, und seine Räder waren brennendes Feuer« (Dan 7, 9).

Lesen Sie im vollständigen Artikel, welche weiteren biblischen Motive auf Mouches volantes hinweisen. Unten zu bestellen als Pdf (10 Seiten).

Zusammen mit dem Talmud ist der Tanach die Grundlage des jüdischen Handelns, Lernens und Hoffens im Alltag, bei Festen und im Gottesdienst (vgl. Stern 2001; Stemberger 1995). Der Tanach ist aber auch der Bezugspunkt für diverse Bemühungen, die göttlich-andersweltliche Realität über das übliche menschliche Vermögen hinaus unmittelbarer zu erfahren. Unter dem Einfluss antiker Strömungen wie den Mysterienreligionen, dem Gnostizismus und Neuplatonismus sowie asketischer, magischer und ekstatischer Praktiken entwickelte sich die jüdische Mystik. Bereits zur Zeit des zweiten Tempels existierten jüdische Gemeinschaften, deren Mitglieder abgeschieden, asketisch, zölibatär und besitzlos lebten. Dazu zählten die Essener, die möglicherweise auch die Verfasser der Schriftrollen von Qumran waren; die »Therapeuten« oder »Gottesverehrer«, die den Weg für die mystische Auslegung der Thora geebnet hatten; und die frühen Chassidim (»Fromme«), die die religiösen Gesetze besonders streng befolgten und die Gottesnähe als quasi-mystische Frömmigkeit lebten (vgl. Morrison/Brown 2009).

In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten kristallisierten sich solche Aktivitäten in der sogenannten Hekhalot- und Merkaba-Literatur (vgl. Gruenwald 2014; Scholem 2007b; Arbel 2003). Diese Sammlung von Schriften diverser unbekannter Autoren enthält Hymnen, Predigten, Spekulationen und Techniken, die mit dem Aufstieg in den Himmel und der Vision himmlischer Strukturen zusammenhängen.

Die spirituelle Bedeutung von Mouches Volantes

Die Räder in der Vision von Ezechiel. Fresko aus dem 19. Jh. in der St. John the Baptist Church in Kratovo, Mazedonien. Quelle (29.11.17)

Der Autor Floco Tausin

Floco Tausin

Der Name Floco Tausin ist ein Pseudonym. Der Autor promovierte an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern und befasst sich in Theorie und Praxis mit der Erforschung subjektiver visueller Phänomene im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen und Bewusstseinsentwicklung. 2004 veröffentlichte er die mystische Geschichte »Mouches Volantes« über die Lehre des im Schweizer Emmental lebenden Sehers Nestor und die spirituelle Bedeutung der Mouches volantes.

Angaben zum Buch

»Mouches Volantes – Die Leuchtstruktur des Bewusstseins«, Leuchtstruktur Verlag (Bern) 2010, Paperback, 376 Seiten, Genre: Belletristik/mystische Erzählung.

Bereits den alten Griechen bekannt, von heutigen Augenärzten als harmlose Glaskörpertrübung betrachtet und für viele Betroffene ärgerlich: Mouches volantes, Punkte und Fäden, die in unserem Blickfeld schwimmen und bei hellen Lichtverhältnissen sichtbar werden.

Die Erkenntnis eines im schweizerischen Emmental lebenden Sehers stellt die heutige Ansicht radikal infrage: Mouches volantes sind erste Teile einer durch unser Bewusstsein gebildeten Leuchtstruktur. Das Eingehen in diese erlaubt uns Menschen, mit dem Bilde eins zu werden.

Mouches volantes: Glaskörpertrübung oder Bewusstseinsstruktur? Eine mystische Geschichte über die nahe (f)liegendste Sache der Welt.

Mouches Volantes

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über wichtige Etappen der jüdischen Ideengeschichte und in welchem Zusammenhang sie mit den Leuchtstrukturen stehen könnte..

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