Was ist ein Subjekt?

Was ist ein Subjekt?

Das Grundaxiom der Existenz

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 86

Ausgehend von der Definition des Subjekts, das als ewiges individuelles Selbst mit Göttin-Gott in einer liebevollen Beziehung steht, offenbaren sich auch die Beziehungen zwischen den Menschen, denn jedes Lebewesen ist immer ein Subjekt. Durch unsere Bedingtheit durch die Raumzeit lernen wir, den anderen als Subjekt zu respektieren, anstatt ihn als Objekt auszubeuten. Daraus entstehen erst wahre Menschlichkeit und die Qualifikation für Erleuchtung.

Dr. Andrea Gillert: Kann man sagen, dass wir als Menschen im Grunde ein Subjekt im Sinne einer nicht weiter reduzierbaren Wahrheit sind?

Ronald Engert: Eine sehr schöne Frage, die, glaube ich, sehr den Kern unserer Existenz trifft, die – du sagtest es – eine nicht weiter reduzierbare Größe ist. Wenn ich die Frage stelle ›Wer bin ich?‹ und alles entferne, was nur zeitweilige Identifikationen sind – die materiellen Identifizierungen, die Etiketten, die man sich aufklebt, die Konventionen, die Zuschreibungen, die man von außen bekommt, zum Beispiel ›ich bin Deutscher, ich bin Mann, ich bin weiß, ich bin soundso alt, ich bin ein Wissenschaftler‹ –, wenn man also dem auf den Grund geht und das immer weiter reduziert und fragt ›Wer bin ich wirklich?‹, bleibt dann am Ende noch ein individueller Kern übrig, ein Subjekt, ein Ich? Dies ist eine sehr tiefe Frage, die in den verschiedenen spirituellen Traditionen unterschiedlich beantwortet wird.

In der indischen Tradition des Veda, der alten Yoga-Tradition und der vedischen Schriften, wie der Bhagavad Gita, gibt es zwei grundsätzliche Schulen, den advaita vedanta und den bhakti vedanta. Der advaita vedanta ist im Westen sehr bekannt geworden. Er sagt, dass das individuelle Ich eine Illusion sei. Wir sind am Ende nur eine große Einheit, eine große Seele, das brahman. Die Identifizierungen, die wir haben – als Ich, Subjekt, abgegrenztes Individuum –, sind eine Illusion. Diese Trennung von der Einheit ist gemäß dem advaita vedanta die Hauptursache von Schmerz. Der Urschmerz unseres Wesens besteht darin, dass wir nicht mehr eins mit allem sind. Diese große Einheit wird auch als non-duales Bewusstsein beschrieben. Ich gehe davon aus, dass es diesen Zustand gibt. Es ist ein bestimmter Bewusstseinszustand, in dem dieses Gefühl von ›Ich bin jemand‹ aufhört.

Außer dem advaita vedanta gibt es auch den bhakti vedanta. Bhakti heißt Liebe. Vedanta kommt von veda anta, wobei veda das »Wissen« und anta das »Ende« bedeutet.

Vedanta ist »das Ende des Wissens«, also die letztendliche Schlussfolgerung.

Was ist die letztendliche Schlussfolgerung? Im advaita vedanta ist es das non-duale Einssein a-dvaita (nicht zwei), und im bhakti vedanta ist es bhakti – die Liebe zu Gott, wobei hier eine bestimmte Form der Liebe gemeint ist. Es gibt im Sanskrit ungefähr hundert Worte für Liebe, die alle bestimmte Formen von Liebe beschreiben: die Liebe zu bestimmten Wesenheiten, dann bestimmte Arten der Liebe und bestimmte Zustandsformen, Grade der Intensität usw. Für die Liebe zu Gott, allein schon für dieses Objekt der Liebe, gibt es etliche Begriffe. Gegenstand des bhakti vedanta ist die ewige liebevolle Beziehung der Seele zur höchsten Seele, zu Gott.

Im bhakti vedanta wird gesagt, dass wir individuelle Personen sind. Nityo nityanam cetanas cetananam heißt das in der Katha Upanishad:

»Wir sind alle ewige Personen, und Gott ist die höchste ewige Person.«

Warum wir Personen sind und was damit gemeint ist, erläutert Ronald Engert im vollständigen Artikel. Diesen können Sie unten downloaden!

Die Beziehung zu Göttin-Gott

ANDREA: Ich bin da komplett bei dir, ich sehe das genauso. Das, was du da beschriebst, existiert auch bereits oben, und es ist wie eine Widerspiegelung der kosmischen Ordnung in Miniaturform hier auf der Erde und in uns. Wer weiß, ob das nicht genauso auch gedacht ist, dass wir Göttin-Gott, wie du sagtest, die Chance geben, dass sich die beiden durch uns hier zum Ausdruck bringen, in dieser Form, diesem Namen, dieser Liebesfähigkeit, die wir hier auf der Erde verkörpern können.

RONALD: Jein. Hier gibt es auch zwei Varianten. Im bhakti vedanta gibt es die Vaishnava-Tradition und die Shiva-Tradition. Shiva und Vishnu sind die zwei wichtigsten Hauptgottheiten in der indischen Spiritualität. Davon kommen die Worte Vaishnavas und Shaivaites. Letztere sind die Anhänger von Shiva, und die Vaishnavas sind die Anhänger von Vishnu. Beides sind bhakti-Traditionen, in denen die Persönlichkeit Gottes angerufen und verehrt wird. Shiva und Vishnu sind im Sinne von bhakti Personen, also Wesen mit einer Form, Namen, Eigenschaften, Handlungen und Gefühlen. Shiva hat zum Beispiel einen Lendenschurz an, einen Halbmond im Haar, eine gräuliche Hautfarbe. Außerdem hat er immer seinen Dreizack dabei. Das wird normalerweise als mythologisches Bild verstanden, als ein Mythos oder ein Märchen. Wissenschaftler nehmen das nicht ernst. Diese Form hat aber eine tiefe Bedeutung, nämlich jedes dieser Insignien, die gunas, die lilas, die Paraphernalien – Dinge wie der Dreizack, die Kleidungsstücke oder der Schmuck –, sagt etwas aus.

Was Vishnu betrifft, ist die wichtigste Form dieses Gottes Krishna. Krishna ist blau und trägt eine Flöte. Er hat eine Pfauenfeder im Haar und ein gelbes Gewand. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass es im ganzen indischen Götterhimmel nur eine männliche Gottheit gibt, die keine Waffe trägt, und das ist Krishna. Es sagt sehr viel aus, wenn jemand keine Waffe trägt. Krishna hat eine Flöte, mit der er spielt, und er bezirzt damit die gopis, die Kuhhirten-Mädchen in der spirituellen Welt, Goloka Vrindavan, um dort den rasa-Tanz aufzuführen oder das rasa-lila, wie es offiziell im Sanskrit heißt. Rasa ist wie gesagt das Gefühl oder auch der Geschmack. Der rasa-Tanz ist der Tanz der erotischen Gefühlsstimmungen von Göttin-Gott. Rasa bedeutet wörtlich ›Saft‹. In der theologischen Bedeutung beschreibt es eine intensive Emotionalität oder Gemütsstimmung.

Eine Sache ist sehr ungewöhnlich: Ich kenne keine andere spirituelle Tradition, in der Gott und Göttin so explizit gemeinsam auftreten. Zu Krishna gehört nämlich Radha, die Göttin. Sie ist im Westen noch sehr unbekannt. Man nennt sie auch Radharani oder Radhika. Sie ist eigentlich noch wichtiger als Krishna, weil sie der Inbegriff der Liebe ist.

Mehr über den Unterschied zwischen Shiva- und Vishnu-Tradition und warum wir als Individuen keine Illusion sind erfahren sie im vollständigen Artikel. Jetzt unten downloaden!

Das Subjekt

RONALD: Die Subjektivität ist das Grundaxiom. Wenn ich jetzt davon ausgehe, ich bin ein Subjekt – diese Möglichkeit haben wir gerade ein wenig diskutiert –, dann ergeben sich bestimmte Erkenntnisse darüber, wie ein Subjekt funktioniert – mit den erwähnten Strukturmerkmalen Eigenschaften, Gefühlen, Handlungen, Namen und Formen. Bisher haben die Menschen dieses Wissen nicht so gut integriert und können sich selbst nicht wirklich als Subjekte wahrnehmen und vor allen Dingen können sie auch die anderen nicht als Subjekte wahrnehmen.

Die Objektivierung der Welt ist eigentlich der Versuch, sie zu beherrschen.

Wir Menschen sind wie Raubtiere, die durch die Gegend rennen und den anderen als Opfer oder als Objekt betrachten (und sei es das Objekt der Begierde), das man sich einverleiben kann oder das man benutzen kann. Das ist die Grundstruktur, dass man den anderen nicht als Subjekt, als fühlendes Wesen mit einer Würde und Lebendigkeit, mit dem Wunsch nach Liebe und Schutz, mit dem Wunsch nach Frieden, nach sad cit ananda wahrnimmt und erkennt. Das sind aber die Wünsche des Lebewesens, denn Leben will leben, niemand will freiwillig sterben und niemand will das Objekt von jemand anderem sein. Keiner möchte, dass der andere ihn einverleibt, aufisst, plattmacht, ausbeutet, ausnutzt, missbraucht, misshandelt. Diese schlimmen Verhaltensweisen sehen wir dennoch so oft in der Welt.

Aber wenn ich mich selbst endlich als Subjekt erfahre, dann kann ich auch den anderen als Subjekt erfahren, und

diese Subjekt-Erfahrung mache ich ursprünglich mit Gott, in der Anbetung und Beziehung zu Göttin-Gott.

Das ist die Urbeziehung. Wir Menschen haben viele Beziehungen untereinander, mit dem Partner/der Partnerin, mit den Kindern, vielleicht mit einem Hund, manche sogar mit ihrem Auto. Aber

ich kann auch eine Beziehung mit Gott haben, und das ist die Urbeziehung, die Matrix, die Urentsprechung, wo ich lerne, wer ich eigentlich bin,

was meine Subjektivität ist, was das für Gefühle sind, die ich in dieser Beziehung fühle.

Welche Rolle die Wissenschaft bei der Entsubjektivierung spielt, erklärt Ronald Engert im vollständigen Artikel. Diesen können Sie jetzt unten herunterladen!

Der Sinn der 3-D-Welt

Die ganze Gesellschaft befindet sich durch diese Entsubjektivierung in einem negativen, destruktiven Modus. Das Thema ist uralt. Immer wenn die Leute Krieg führen, muss der Gegner entsubjektiviert werden, er wird vernichtet oder zumindest unterjocht. Aber wir entwickeln uns immer mehr hin zu ethischen Prinzipien, und ich glaube, das ist unsere Aufgabe in dieser 3-D-Welt, in Raum und Zeit: zu lernen, miteinander auszukommen.

Es kann eben nicht jeder zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein.

Wir müssen um den anderen herum. Wenn du mir jetzt im Weg stehst und ich will geradeaus, dann muss ich um dich herumgehen. Das geht schon räumlich nicht, dass ich durch dich hindurchgehen kann. Das ist alles sinnvoll, denn dadurch lerne ich »Oh, da ist jemand, auf den ich Rücksicht nehmen und mit dem ich mich irgendwie ins Benehmen setzen muss«. Ich muss irgendwie mit dem Gegenüber auskommen. Dieses Gegenüber ist ein Subjekt, das selbst Bedürfnisse und Wünsche hat, womöglich sogar andere als ich. Ich muss es fragen: »Hey, wer bist du überhaupt und was willst du hier? Was brauchst du, was sind deine Bedürfnisse?« So müssen wir uns durcharbeiten, bis wir zu befreiten Wesen werden, denn

eigentlich ist es unsere Befreiung, wenn wir auf die anderen Menschen auch Rücksicht nehmen und sie als Subjekte würdigen,

wertschätzen und erkennen: »Ich erkenne dich!«

Das ist die Urgeschichte mit Adam und Eva: »Und sie erkannten sich.« Durch den Sündenfall müssen wir durch, um am anderen Ende wieder rauszukommen, wo wir dann nicht mehr die Kinder im Paradies, im Reich Gottes sind, sondern Erwachsene. Dann sind wir auf einer Höhe mit Göttin-Gott, denn das ist es, was sie von uns wollen. Dann haben wir ein geläutertes Urteilsvermögen. Sie wollen keine kleinen Kinder, die immer nur quengeln oder Dummheiten machen. Jeder wird irgendwann mal geboren und muss durch diese Entwicklungsprozesse hindurchgehen. Irgendwann sollten wir aber vernünftig werden und unsere Verantwortung anerkennen. Dann sind wir vielleicht irgendwann einmal so ähnlich wie Göttin-Gott – wenn wir das alles erledigt haben.

Im Moment sind wir wie ungezogene Kinder, oder Schlimmeres.

Das Interview führte Dr. Andrea Gillert.

Der Text basiert auf einem Interview, das Dr. Andrea Gillert für ihre Online-Akademie »Be humane« führte. Ein weiteres Interview mit Ronald Engert erschien im Online-Kongress von Andrea Gillert: »Stunde der Menschheit«.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die Subjektivierung und Objektivierung aus vedantischer Sicht.

Lesen Sie die vollständige Fassung in Tattva Viveka 86 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 12 Seiten).

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Über den Autor

Ronald Engert, geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M. 1994 Mitgründung der Zeitschrift Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur. 2017 Bachelorabschluss in Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Jetzt im Master-Studium. Autor von »Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung« und »Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts«.

Blog: www.ronaldengert.com
Zeitschrift: www.tattva.de

Bildnachweis: © Adobe Photostock

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