Die Hermetik als Bindungsglied zwischen Geist und Materie

Die Hermetik als Bindungsglied zwischen Geist und Materie

Ein lebensbejahendes Erkenntnismodell

Autor: Guido Nerger
Kategorie: Gnosis/Hermetik
Ausgabe Nr: 96

Die Hermetik kann als dritter Erkenntnismodus neben Religion und Wissenschaft betrachtet werden. Ihr Merkmal ist die Verbindung von Geist und Materie, ein spiritueller Blick auf das Irdische, in dem sich die göttliche Weisheit ebenso offenbart wie im rein Geistigen. Dies macht die Hermetik zum Potenzial einer spirituell integrierten Ökologie, in der die Erde und die Lebewesen in ihrer göttlichen Schönheit wertgeschätzt werden – ein positiver Blick auf das Diesseits, der unsere Seele aufatmen lässt.

»In den Tieren bin ich, in den Pflanzen; im Mutterleib,
vor der Empfängnis, nach der Geburt, überall«:
Hermetische Ökologie
Guido Nerger

Asclepius: »Die vollkommene Rede«

Irgendwann um das 3. Jahrhundert n. Chr., in einer von Katastrophen zerklüfteten Zeit, in der sich das Römische Reich massiven inneren und äußeren Spannungen ausgesetzt sah, von Kriegen und Aufständen über Pandemien bis hin zu den großen religiösen Ikonoklasmen, die letztlich zum langsamen Untergang des Imperiums und damit zum Niedergang der Antike führten, verfasste eine unbekannte Sympathisantin oder auch ein namenloser Anhänger des Hermes Trismegistos in Ägypten einen griechischen Text über eine Lebens- und Erkenntnisweise, die auch als sogenannter »Weg des Hermes« bekannt wurde. Dieser Originaltext ist uns nur durch eine im 11. Jahrhundert entstandene Abschrift einer wiederum um das 4. Jahrhundert entstandenen lateinischen Übersetzung des griechischen Originals überliefert. Zwischen diesem Original und der lateinischen […] Abschrift liegen also fast 1000 Jahre einer äußerst bewegten Geschichte des östlichen Mittelmeerraums. Das überlieferte Textmaterial ging durch viele Hände und es lässt sich nur schwer bestimmen, was darin Teil einer originären Hermetischen Lehre  war und was als Bearbeitung vor allem durch christliche Autoren betrachtet werden muss. Doch griechische Zitate, die sich sowohl bei römisch-christlichen Autoren finden als auch in einer koptischen Übersetzung, die man 1945 in der Nähe des ägyptischen Nag Hammadi fand, belegen, dass die irgendwo in Nordafrika entstandene lateinische Übersetzung mit dem Titel Asclepius auf einem griechischen, in Ägypten verfassten Original mit dem Titel logos teleios beruht: »Die vollkommene Rede«.

Der lateinische Asclepius nun ist eine der umfangreichsten Abfassungen der überlieferten Hermetica, jener spätantiken Sammlung von Texten, die auch unter der modernen Bezeichnung Corpus Hermeticum zusammengefasst wurden. Aufgrund seines Umfangs und seines poetischen Stils sticht der lateinische Asclepius unter den Hermetica besonders heraus und kann daher als ein Schlüsseltext der Hermetik, dieser äußerst geheimnisumwitterten Lehre, betrachtet werden, die über zweitausend Jahre lang mehr oder weniger untergründig eine der vitalsten Quellen abendländischer Diskurse zwischen Philosophie, Religion, Spiritualität, Esoterik, Okkultismus, Wissenschaft und Kunst bilden sollte. So erregt die Hermetik bis heute die Gemüter von Forscherinnen und Forschern, um gleichzeitig die Imagination vieler Leserinnen und Leser anzuregen.

Skulptur des griechischen Gottes Hermes
Skulptur des griechischen Gottes Hermes

Wer ist Hermes Trismegistos?

Im Zentrum der Hermetica steht die legendäre Figur des Hermês Trismégistos (»der dreimalgrößte Hermes«), die seit der Spätantike als ein Synonym für ein archaisches (oder gar vorsintflutliches) Wissen über die Mysterien des Universums verwendet wurde, insbesondere für die okkulten oder eben Hermetischen Künste wie Magie, Astrologie, Alchemie und Theurgie. Hermes Trismegistos wurde als eine synkretistische Verschmelzung aus Thoth – dem alten ägyptischen Mondgott, Gott der Gelehrsamkeit und der Schrift, der Wissenschaft und der Magie, der als Schreiber der Götter zum Totengericht in der Unterwelt gehört – und dem griechischen Hermes geboren, diesem so windigen Gott, der als listenreicher Trickster Schrift, Sprache und deren Deutung (hermēneía) und überhaupt alle Wissenschaften und Hermetischen Künste stiftet, der als psychopompós die Seelen (psychaí) der Verstorbenen genauso in die Unterwelt (hádēs) geleitet, wie er als Bote (angelos) der olympischen Götter Nachrichten und Träume (óneiroi) in die Welt der Menschen vermittelt und generell als ein menschenfreundlicher Gott die kosmische Verbindung zwischen den Welten der Götter, der Menschen und der Toten herstellt. Als eine synkretistische und quasi-göttliche Gestalt, die all diese Eigenschaften in einer schillernden überkulturellen Fülle verbindet, galt Hermes Trismegistos daher bis in die Renaissance als ein philanthropischer Kulturheld des hellenistischen Ägypten, der in der Zeit der römischen Besetzung die religiösen Überlieferungen des ägyptischen Altertums durch die Hermetica repräsentierte, in denen er als philosophischer Lehrer und Offenbarer auftritt.

Dies ist nur der Anfang des Artikels.

Wie Hermes Trismegistos seine Schüler unterrichtete und welches die Grund-lagen der Hermetik sind, erfährst du im vollständigen Artikel, der in Tattva Viveka 96 erschienen ist.

Tattva Viveka 96

Tattva Viveka Nr. 96

Inhalt der Ausgabe

Schwerpunkt: Bewusstsein
Erschienen: September 2023

Prof. Dr. Niko Kohls – Die gesellschaftliche Akzeptanz von Achtsamkeit und Spiritualität. Ein Abbild des Bewusstseinsstandes der gegenwärtigen Gesellschaft • Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Dürr – Das Geistige ist die treibende Kraft. Wie das Bewusstsein die Materie erzeugt • Saskia Baumgart – Von Märchen, Heiligen Büchern & anderen Narrativen. Auf dem Weg zum Bewusstsein des dritten Jahrtausends • Ronald Engert – Wie funktioniert die Wirklichkeit? Die Bedeutung der Quantenphysik für die Philosophie • Marcus Schmieke – Bewusstsein, Leben und Kohärenz. Den Verschränkungen des Lebens auf der Spur • Martin Bertsch – Holistische Bewusstseinsentfaltung • Preethaji – Jenseits des Verstandes das Göttliche erkennen. Der innere Weg als Lösung für die Probleme der Welt • Dr. Heide Göttner-Abendroth – Die Erstentstehung des Patriarchats – einmal oder mehrmals? • Saskia Baumgart – Waters Of Life: Exploring Mythos, Divinity, Beings, and Ecology • Bericht zur Konferenz der Association for the Study of Women and Mythology • Guido Nerger – Die Hermetik als Bindungsglied zwischen Geist und Materie. Ein lebensbejahendes Erkenntnismodell • Dandapani – Konzentration für ein Leben voller Sinn und Freude. Wie wir mit mehr Fokus unsere Ziele erfolgreich erreichen • u.v.m.

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Zum Autor

Unser Autor Guido Nerger

Guido Nerger studierte an der Freien Universität Berlin Altertumswissenschaften, Religionswissenschaft und Philosophie. Er promoviert gegenwärtig zu Hermetik und Hermetismus in der europäischen Moderne und lebt in Berlin.

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