Wo die Ströme münden

Wo die Ströme münden

Eine rosenkreuzerische Betrachtung

Autor: Gunter Friedrich
Kategorie: Gnosis / Hermetik
Ausgabe Nr: 74

Im Bereich seines unsterblichen Pols empfing Moses die »Tafeln« mit den zehn Geboten. Es ist diese andere Dimension der Mystik, aus der echte Kreativität entspringt, das reine Schauen, ohne Denken, ohne Kriterien, der Blick ins Unbestimmte, ins Weite. Gerade in der heutigen Zeit, wo viel Bekanntes ins Wanken gerät, brauchen wir diese verborgene Dimension. Der Text erhält eine besondere Brisanz durch den Vergleich von Christentum und Islam.

Stellen wir uns ein kleines Baby vor, das ein paar Tage alt ist. Es liegt in seiner Krippe und blickt ins Weite, als ob es in die Sternenwelt schaut. Es denkt nicht nach über das oder jenes, es ist einfach da, schutzlos, und doch geborgen. Ein Wunder berührt uns, wenn wir es betrachten. Eine andere Dimension zeigt sich.

Das ändert sich im Laufe des Lebens. Wir treten in die Welt hinein, die Welt ergreift uns – und die andere Dimension tritt in den Hintergrund. Aber sie verschwindet nicht ganz; man kann die Augen entwickeln, sodass man sie bei jedem Menschen sieht. In jedem ruht noch etwas vom Zauber des Ursprungs, gleichgültig, wie sein Leben verläuft.

Im Alter richtet sich der Blick wieder öfter ins Weite, ins Unbestimmte, wie es zu Beginn der Fall war. Dann tritt die andere Dimension wieder hervor. Erneut zeigt sich ein Zauber, der das normale Dasein übersteigt, nun allerdings in einem Gesicht, in dem das Leben seine Spuren hinterlassen hat.

In jedem ruht noch etwas vom Zauber des Ursprungs, gleichgültig, wie sein Leben verläuft.

Und nach dem Tod ist im Antlitz des Menschen oft ein tiefer Friede zu erkennen. Etwas Erhabenes scheint auf, der Blick verschmilzt mit dem »Anderen«.

Worum handelt es sich dabei? Was ist das, was uns begleitet? Es ist der andere Pol unseres Wesens. Wenn wir in großer Not sind, können wir ihn unmittelbar erfahren. In Grenzsituationen, in denen wir nicht mehr weiterwissen, in denen die Dinge aussichtslos erscheinen, können wir erleben, dass da noch etwas in uns ist, das ganz in Ruhe bleibt und uns trägt. Mitunter äußert es sich als innere Stimme, die uns die Richtung weist.

In unserer heutigen Zeit, in der alle Lebensformen ins Wanken geraten, benötigen wir diese verborgene Dimension. Alte Sicherheiten verschwinden, Neues bahnt sich an, das wir noch nicht verstehen. Nun brauchen wir das Potenzial, das noch unerweckt in uns ruht.

Wo die Ströme münden

Der Weg des Menschen

Religiöse Schriften berichten von Erfahrungen, die einmal gemacht wurden. Davon können wir lernen, ja, wir können entsprechende Erfahrungen machen. Ein Bewusstsein kann entstehen, das uns staunen lässt über das, was wir sind. Die höhere Dimension kann in uns aufleuchten. In den letzten Jahrtausenden wurden Menschen im Namen von Religionen gegeneinandergehetzt. Macht wurde akkumuliert im Namen religiöser Ideale. Die Menschen haben es geschehen lassen, haben sich unterwerfen lassen, wohl, weil sie gespürt haben: Etwas ist an der Religion, das uns betrifft.

Heute können wir eine Annäherung auf neue Weise versuchen. Wir können nach innen nehmen, was so lange Zeit ins Außen, ins Historische projiziert wurde. Jesus, Mohammed, Moses und viele andere haben etwas von dem Potenzial verwirklicht, das in jedem Menschen verborgen liegt. Sie sind den Weg zu ihrer eigenen Vollständigkeit gegangen, haben »den Weg des Menschen« vollendet, haben Einheit errungen – in ihnen selbst und mit allen lebendigen Wesen.

Wo die Ströme münden

Ein Bewusstsein kann entstehen, das uns staunen lässt über das, was wir sind.

Das ist ein innerer Weg, ein Weg der Transformation. Eine seiner Kernaussagen lautet: »Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.« (Matth. 16, 25)

Was werden wir finden? Wer ist das, um dessentwillen wir unser Leben verlieren sollen? Es ist die Dimension in uns, die hinter vielen Schleiern verborgen liegt. In der Sprache des Paulus ist es der »Christus in uns«. (Gal. 2, 20) Die Mystiker des Islam sprechen von Rabb, dem inneren Herrn.

Die Verheißung der Religionen bezieht sich auf das Unsterbliche im Menschen, das darauf wartet, sich zu entfalten.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf ( 8 Seiten), das unten bestellt werden kann.

Mohammed

Mohammed sprach die Worte: »Wer sich selbst erkennt, erkennt seinen Herrn.«

Damit deutete er auf die andere Dimension unseres Wesens hin. Unser »Herr«, das ist der innere Gott, Rabb, die Wahrheit, die wir in uns tragen, der Grund, warum wir überhaupt von Wahrheit sprechen können.

Der Koran sagt: »Gott lässt diejenigen von euch in die Höhe steigen, die glauben und denen das Wissen gegeben ist.« (Sura 58: 11) Den Glauben brauchen wir wegen der Schleier, die zwischen uns und der Wahrheit aufgespannt sind; er wird geweckt durch das Licht, das manchmal durch die Schleier hindurchscheint. Tritt es deutlicher ins Bewusstsein, so wandelt sich Glauben zu Wissen. Wir empfangen die Möglichkeit, »in die Höhe« zu steigen.

Mohammed bestieg »den Berg«; er empfing die Essenz des Korans in der »Nacht der Macht«, lailat al-qadr. (Sura 97) Zeit und Raum und das mit ihnen verbundene Bewusstsein ließ er hinter sich. Verschiedene Suren weisen auf die Himmelfahrt, die mi’raj, des Propheten hin. (Sura 53: 1–18 und 81, 19–25)

Eine solche »Nacht der Macht« muss ausgehalten werden. Das bedarf der Vorbereitung. Eine seelische Gestalt muss zur Entwicklung kommen, mit der der göttliche Geist bewussten Kontakt aufnehmen kann.

Wo die Ströme münden

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Ein wichtiger Punkt, bei dem Bibel und Koran einander zu widersprechen scheinen, ist die Frage, ob Gott einen Sohn hat. Der Koran betont an vielen Stellen, dass das nicht möglich ist. Wie kann der universelle Gott mit einer sterblichen Frau, mit Maria, einen Sohn haben? In Sura 19: 88–93 heißt es hierzu:

Doch sagen sie: Der Allerbarmer hat einen Sohn!
O ungeheure Mähre,
davon die Himmel springen möchten und sich spalten die Erde,
und die Berge einstürzen trümmernd;
dass sie dem Allerbarmer geben einen Sohn!
Nicht kommt es zu dem Allerbarmer zu haben einen Sohn;
denn niemand ist im Himmel und auf Erden,
er komme denn dem Allerbarmer als ein Knecht.

(Übersetzung von Friedrich Rückert)

Doch es ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Man kann den Begriff Sohn in der Bibel anders verstehen, als der Koran es tut. Er wendet sich gegen eine Sichtweise, die damals verbreitet war und es vielleicht heute noch ist. Aus verschiedenen Stellen der Bibel ergibt sich jedoch, dass Sohn der schöpferische Aspekt Gottes ist, das von ihm ausgehende Licht, das schöpferische Wort, der Logos, durch den alle Dinge entstehen. (Joh. 1, 1–4; Hebr. 1, 1–2) Wenn eine Seele Teil des göttlichen Lichtes wird, bekommt sie Anteil an dieser schöpferischen Wirksamkeit, wird sie ebenfalls zum »Sohn« und arbeitet mit an der fortwährenden Neuerschaffung der Welten.

Die islamische Mystik sagt, dass die Welt durch die Namen Gottes entsteht, die sich fortwährend manifestieren. Man spricht von 99 Namen. Aber zugleich ist deutlich, dass Gott unzählige Namen besitzt. In ihrer Gesamtheit entfalten sie die schöpferische Wirksamkeit, die in der Bibel mit dem Begriff Sohn gekennzeichnet wird.

Der Mensch ist dazu gerufen, alle Namen Gottes zu verkörpern.

Von beiden Religionsstiftern heißt es übereinstimmend, dass sie im göttlichen Geist schon vor der Erschaffung der Welt vorhanden waren. Jesus erklärte: »Ehe Abraham ward, bin ich.« (Joh. 8, 58) Und im hohepriesterlichen Gebet spricht er: »Du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet ward.« (Joh. 17, 24). Von seinen Jüngern sagte Jesus: »Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich auch nicht von der Welt bin.« (Joh. 17, 16)

Der arabische Mystiker Hallaj lässt in einer Hymne Mohammed sagen: »Das erste, was Gott schuf, war mein Geist.« »Ich war ein Prophet, als Adam noch zwischen Lehm und Wasser war.«

Der Aufsatz beruht auf einem Vortrag, der im Rahmen des Symposiums »Die Tiefe des Gemeinsamen. Mystik – Wo sich Islam und Christentum die Hand reichen« gehalten wurde.

Unser Autor Dr. Gunter Friedrich

Über den Autor

Geb. 1942, längere Aufenthalte in den USA, Jurastudium, Richter am Verwaltungsgericht, seit 1976 Mitglied im Lectorium Rosicrucianum, in diesem Rahmen sieben Jahre aktiv in osteuropäischen Ländern, Mitarbeit bei der Gründung der Stiftung Rosenkreuz, von 2007 bis heute Mitgestaltung der Stiftungsarbeit, bis 2015 Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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