Die transpersonale Dimension des Sterbens

Die transpersonale Dimension des Sterbens

Die Sinnfrage im Leben

Autor: Dr. Sylvester Walch
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 81

Sterben ist ein unverzichtbarer Teil des menschlichen Lebens. Kein Weg führt daran vorbei und es trifft jeden, dennoch wird in unserer Gesellschaft wie kaum über ein anderes Thema so sehr geschwiegen wie über den Tod. Für die transpersonale Psychologie stellt der Tod einen wesentlichen Bezugspunkt für die Reifung und Entwicklung des Menschen in vielerlei Hinsicht dar. Vom sogenannten Egotod über Nahtoderfahrungen bis zum Tod des menschlichen Körpers.

Die Frage nach dem Sterben konfrontiert uns mit der Sinnfrage des Lebens, die sich durch die Tatsache der Endlichkeit unseres Daseins aufdrängt. Aus diesem Wissen um den Tod erwächst auch das Bedürfnis, herauszufinden, was den Wert des Lebens ausmacht.

Wer also den Tod in sein Bewusstsein einbezieht, erweitert und bereichert sein Leben.

Der Tod ist nicht der Feind des Lebens, sondern sein unverzichtbarer Bezugspunkt, um den herum sich Leben aufbauen und als sinngeleitetes Geschehen organisieren kann.
Zunächst werde ich erklären, was unter dem Begriff »transpersonal« zu verstehen ist und worum es in der transpersonalen Psychologie geht, auf die ich mich beziehe.
Danach werde ich auf die Eigentümlichkeit des Erlebens in Todesnähe eingehen. Dabei wird ein Aspekt in den Vordergrund rücken:

Sterben heißt, radikal loslassen lernen.

Das ist aber nur dann möglich, wenn wir uns auf etwas beziehen können, dem wir uns anvertrauen.

Transpersonale Psychologie

Der Begriff »transpersonal« wurde 1969 von Abraham Maslow, einem Mitbegründer der humanistischen Psychologie, in seinem berühmten Artikel »Die Reichweite der menschlichen Natur« eingeführt.
In seinen Forschungen über grundlegende Strebungen und Motivationen fand er heraus, wie wichtig für den Menschen das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung ist, denn

»der Mensch ist nicht nur das, was er ist, sondern auch das, was er sein könnte«.

Um dies zu erkunden, untersuchte er Personen, die er als selbstverwirklicht einstufte. Dabei entdeckte er, dass für sie nicht das persönliche Glück im Mittelpunkt steht, wie es häufig missverstanden wird, sondern vielmehr Werte wie Menschlichkeit, Lebendigkeit, Wahrhaftigkeit, Offenheit, Güte und ganzheitliche Verantwortung. Darüber hinaus berichteten die Probanden von peak experiences, sogenannten Gipfelerlebnissen als Zuständen spontan erweiterten Bewusstseins und Flowempfindens sowie dem Erleben transzendenter Verbundenheit ähnlich den von Mystikern beschriebenen Einheitserfahrungen. Um diese Phänomene, die die Grenzen der Persönlichkeit sprengen, einzuordnen und sie nicht zuletzt von psychopathologischen Deutungen zu befreien, verwendete Maslow zunächst den Begriff transhumanistisch, den er dann durch »transpersonal« ersetzte (Maslow, 1994).

Das Kernanliegen der transpersonalen Psychologie

Sich mithilfe erweiterter Bewusstseinszustände an verborgene Lebensprozesse und die großen Fragen des Seins wieder heranzutasten, denen die herkömmliche Psychologie gewöhnlich ausweicht, um nicht als unwissenschaftlich zu gelten: Woher kommen wir und wohin gehen wir? Existieren wir in irgendeiner Form weiter – über den Tod hinaus? Welchen Sinn haben Krisen, schwere Krankheiten oder Katastrophen? Wozu leben wir und was macht das Leben lebenswert?

In ihren Antworten bezieht die transpersonale Psychologie Erkenntnisse aus moderner Psychologie, abendländischer Bewusstseinsphilosophie, aber auch neue naturwissenschaftliche Denkansätze genauso mit ein wie Einsichten aus veränderten Bewusstseinszuständen, alten Weisheitslehren oder mystischen Erfahrungen.

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Phänomenologie der Todesnähe

Die erweiterte Sichtweise der transpersonalen Psychologie hilft uns sehr, mit den Herausforderungen und Prozessen des Älterwerdens, die wesentlich zum Phänomen der Sterblichkeit gehören, umzugehen.

Odo Marquard rät uns in dem Büchlein »Endlichkeitsphilosophisches«, nicht das Rad der Zeit durch senilen Ehrgeiz zurückdrehen zu wollen, sondern allmählich dem »das ist so« gegenüber dem »so sollte es sein« einen Vorrang einzuräumen. Wenn wir diesen Einschränkungen mit einer Portion Humor und Selbstironie begegnen, können wir uns getrost der Wirklichkeit stellen und uns gleichzeitig erlauben, uns selbst unterbieten zu dürfen.

. Dies bewahrt uns auch vor Überforderungsstress, der aus der Fehleinschätzung des eigenen Leistungsvermögens und illusionären Zukunftserwartungen resultiert.

Der enger werdende Zeithorizont im Alter lässt es ratsam erscheinen, den eigenen Lebensrhythmus entsprechend anzupassen. Einerseits ist es notwendig, einen Gang zurückzuschalten. Das bedeutet, nicht mehr alles erreichen zu wollen, was ich mir vielleicht noch vorgenommen habe. Andererseits aber auch gezielt und möglichst unverzüglich das noch anzupacken, was mir wirklich wichtig oder notwendig erscheint, und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Nahtodforschung

In den späten 80er-Jahren hat die Nahtodforschung, auch ein bedeutender Zweig der transpersonalen Psychologie, mit eindrucksvollen Aussagen Aufsehen erregt. Aufgrund von Interviews mit Personen, die klinisch tot waren und wieder ins Leben zurückgekehrt sind, haben u. a. Raimond Moody, Kenneth Ring und Elisabeth Kübler-Ross (vgl. u. a. Ring, 1986, Moody, 1977 u. Kübler-Ross, 1990) herausgefunden, dass deren Erfahrungsinhalte eine ähnliche Struktur aufwiesen. Von der seriösen Wissenschaft wurden die Ergebnisse der Nahtodforschung oft kritisch beäugt, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie oft als Beweis für ein Weiterleben nach dem Tode angeführt wurden.

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Andererseits ist die aus der Hirnforschung bekannte Tatsache, dass sich derartige Zustände, wie auch mystische Einheitserlebnisse in tiefer Meditation, jederzeit durch Reizung bestimmter Gehirnareale evozieren lassen, noch kein Beleg dafür, dass es sich um wahnhafte Vorstellungen handelt. Es beweist nur, dass intensive psychische und spirituelle Erscheinungen auch durch körperliche Interventionen ausgelöst werden können, wie natürlich auch umgekehrt.

Das räumt auch der renommierte Neurobiologe Gerhard Roth ein:

»Letztlich bedeuten die genannten Befunde nur, dass es offenbar zur psychischen Ausstattung des Menschen gehört, unter bestimmten Bedingungen religiöse, spirituelle oder mystische Erlebnisse zu haben. Daraus folgt weder zwingend, dass solche Erlebnisse irgendeinen realen Bezug haben, noch folgt daraus zwingend, dass der Glaube an Gott oder an ein Jenseits reine Illusion ist.« (Roth, Gerhard, 2003, S. 191)

Schon Seneca brachte es auf den Punkt:

»Zu leben lernen, muss man über das ganze Leben hin, indes worüber du dich noch mehr wundern magst, das ganze Leben musst Du sterben lernen.«

Nur wenn wir uns mehr und mehr auf das Wagnis des »Stirb und Werde« einlassen, sind wir imstande, uns von der Fixierung auf unser Ego zu lösen und in unserem höheren Selbst zu verankern, das uns auch durch schwierigste Phasen des Lebens zu tragen vermag.

Über den Autor

Der Autor Dr. Sylvester Walch

Sylvester Walch, Dr., geb. 1950. Studium der Psychologie, Psychiatrie und Philosophie. Lehrtherapeut für Integrative Therapie und Integrative Gestalttherapie. Gesamtleiter der Curricula für Transpersonale Psychotherapie und Holotropes Atmen sowie körperbezogene Psychotherapie. Er leitete über viele Jahre eine stationäre psychotherapeutische Einrichtung und hat Lehraufträge an verschiedenen Universitäten. Er verfasste zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und Bücher, u. a. Die ganze Fülle deines Lebens, Vom Ego zum Selbst, Dimensionen der menschlichen Seele sowie Subjekt und Realität. Sylvester Walch verfügt über eine langjährige Meditationspraxis und entwickelte einen kulturübergreifenden psychospirituellen Weg, in dem seelische Heilung und geistige Praxis verbunden werden. Ehrenvorsitzender des IHTP.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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