Hochsensibilität. Was ist das?

Hochsensibilität. Was ist das?

Von Menschen, die empfindsamer sind als andere

Autor: Jutta Nebel
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 54

 

 

Hochsensibilität ist ein Phänomen, das sich erst seit einigen Jahren eines weiteren Bekanntheitsgrades erfreuen kann. Die Aufklärung hilft »Betroffenen« und nicht »Betroffenen« einen besseren Umgang mit diesem Konstitutionsmerkmal zu finden. Das vegetative Nervensystem von Hochsensiblen hat nicht die Filter wie bei Normal-Sensiblen und ist folglich schneller überreizt. Die Autorin führt in die Vor- und Nachteile der Hochsensibilität ein.

 

Der Begriff Hochsensible ist die Übersetzung des von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron geprägten Begriffs: Highly Sensitive Person. Eigentlich bedeutet es wörtlich übersetzt: In hohem Maße wahrnehmende Person. Und das trifft es auch. Hochsensible nehmen wahr, auf allen Ebenen, mit allen Sinnen, im Außen die Gefühle und Empfindungen ihrer Mitmenschen und innerlich die eigenen. Sie erleben diese Wahrnehmungen sehr stark, sehr intensiv. Alle diese Wahrnehmungen sind mit ihren Gefühls- und Persönlichkeitszentren im Gehirn gekoppelt und lösen dort starke Kaskaden von Neurotransmittern aus. Das ermöglicht höchst intensive Erfahrungen, die weit über das hinausgehen, was weniger sensible, oder besser, weniger empfindsame Menschen erleben können. Da wird entspannende klassische Musik zu einer inneren Reise in geheimnisvoll fließende Gefilde, rauschende Wälder, man kann den Duft der Blätter riechen, die man im Vorbeiträumen streift, das Rauschen des Wassers nicht nur hören, sondern auch als kühles Strömen fühlen und man spürt den Flügelschlag der Vögel als Luftzug am Ohr usw.

 

Hochsensible nehmen wahr, auf allen Ebenen, mit allen Sinnen, im Außen die Gefühle und Empfindungen ihrer Mitmenschen und innerlich die eigenen.

 

Nicht jeder Mensch ist Klassik Fan und dasselbe gilt auch für Hochsensible. Ich persönlich genieße von Zeit zu Zeit besonders die rhythmisch hämmernden Töne der Gruppe STOMP als Video Aufnahme. Das Schlagen der verschiedenen Alltagsgegenstände und die eingebauten Tanz- und Spielszenen lassen mich einsteigen, ich bin dann dabei, mache mit und mein Herz klopft in den wechselnden Rhythmen, Gänsehaut fährt über meinen Körper, Glücksgefühle überrollen mich und ich fühle mich ungemein lebendig.
Wie der Leser ja jetzt schon sehen kann, sprechen nicht bei jedem Hochsensiblen stets die gleichen Sinne gleich stark an. Manche Hochsensiblen haben das absolute Gehör! Das heißt, sie hören ein Musikstück zum ersten Mal und merken sofort, wo ein Ton daneben liegt. Andere wiederum haben den Schwerpunkt in der visuellen Wahrnehmung. Sie können beim Sehen, Betrachten eines Bildes ähnlich bewusstseinsveränderte Zustände erleben, wie oben beim Hören von Musik beschrieben. Sie können absolute Stimmungsschwankungen erfahren, beim abwechselnden Betrachten von Bildern.
Es hat nichts mit Pingeligkeit zu tun, wenn ein Mensch mit einem überreizten Tastsinn auf ein Etikett in seinem Kleidungsstück reagiert, oder bei bestimmten Materialien mit einer Gänsehaut reagiert. Es ist diese erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit, die auch sehr anstrengend werden kann. Da werden zum Beispiel im Zusammenhang mit Kleiderstoffen die Informationen: Etikett kratzt im Nacken, oder der Hosenstoff fühlt sich unangenehm kühl an, oder der Pulli kratzt ständig, fast schon im Stakkato an das Gehirn übermittelt. Eine normal-sensible Person, oder deren Unterbewusstsein nimmt das nach einiger Zeit gar nicht mehr wahr. Man sagt, sie gewöhnt sich daran, was bedeutet, dass der Reiz vom Nervensystem ausgefiltert wird. Bei Hochsensiblen funktioniert dieses Ausfiltern weniger gut und die Reize addieren sich.

 


 

Das Resultat ist eine Überreizung, die sich auf Dauer zeigt in nervösen Reaktionen, Kopfschmerzen, Ermüdungserscheinungen, alles wird zu viel. Solche Situationen führen meist erst einmal zum Rückzug. Man versucht, sich zu erholen und hofft, dass das nicht wieder vorkommt. Als hochsensibler Mensch hat man solche Situationen ja schon oft erlebt. Weiß man von seiner Besonderheit, kann man lernen, damit umzugehen. Weiß man es nicht und hat sich schon immer als weniger belastbar empfunden, als es andere sind, gerät man wieder in das alte Gedankenkarussell: Warum nur? Warum kann ich nicht mehr leisten? Andere können so viel mehr als ich erledigen und sind danach noch fit und gehen ins Kino oder zum Kegeln. Ich bin für andere doch nur lästig, bin der Spielverderber.
Solche Gedanken sind der beste Garant, dass sich die Übererregung noch verstärkt, denn das vegetative Nervensystem ist gekoppelt mit den Bereichen Thalamus, Hypothalamus und dem limbischen System im Gehirn, die die Reize und Gefühle aufnehmen und akkumulieren, weil sie nicht ausgefiltert werden. Das vegetative Nervensystem versorgt und steuert alle Organe und damit die unbewussten Tätigkeiten im Körper, wie die Verdauung, den Herzschlag, die Atmung. Wird also das vegetative Nervensystem zu oft gereizt und damit überstimuliert, gibt es Impulse an diese Organsysteme ab, was dazu führen kann, dass sie aus dem Takt geraten und dass dadurch psychosomatische Störungen entstehen.

 

Bei Hochsensiblen funktioniert dieses Ausfiltern weniger gut und die Reize addieren sich.

 

Hochsensible sind Spezialisten für solche meist selbstkritischen Gedanken, weil sie sich oft als weniger funktionsfähig als andere erleben. Sie bedenken dabei leider nicht, dass sie aber auch eine wunderbare Begabung, ein Geschenk haben, mit ihrem intensiven Erleben, um das sie mancher weniger sensible Mensch beneiden würde, könnte man ihm das fühl- und sichtbar machen, was er normalerweise so nicht wahrnehmen kann.
Hochsensible haben für gewöhnlich einen ausgeprägten Sinn für Zusammenhänge, je nach bevorzugtem Lebens- und Arbeitsbereich. Techniker sehen und erkennen Möglichkeiten, die sich andere noch lange nicht vorstellen können, weil ihr Gehirn ihnen alle wahrgenommenen Einzelfaktoren und Komponenten zusammenrechnet zu einem unvorhersehbaren Ganzen mit völlig neuen Möglichkeiten. Wer sich als Therapeut betätigt, der nimmt Bewegung wahr, Aussehen, Geruch, Ausdruck, hört die Stimme, den Atem und erspürt die Aussage hinter der Aussage. Er bekommt von seinem Gehirn ziemlich schnell eine Idee darüber geliefert, man kann es auch Intuition nennen, welches Problem den Menschen ihm gegenüber zu ihm geführt hat.
Der Verkäufer spürt mit allen seinen Sinnen, was sein Kunde will und wie er diesen zufrieden stellen kann – und sich damit auch. […]

Lesen Sie den kompletten Artikel in der TATTVA VIVEKA 54

 

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Artikel zum Thema in früheren Ausgaben:

TV 19: Utz Schulze – Was ist Schuld? Überraschende Antworten eines Psychologen

TV 32: Detlev Ihlenfeldt – Zeit für Depression.
Das Menschliche an der Melancholie

TV 39: Dr. Anne Wilson Schaef – Leben im Prozess. Im Zeitalter der Sucht

TV 41: Daniel Stacy Barron – Es gibt keine negativen Emotionen.
Die Heilung emotionaler Stauungen

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Gewaltfreie Kommunikation

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