Co-Abhängigkeit und Hochsensibilität

Co-Abhängigkeit und Hochsensibilität

Zur Unterscheidung zweier menschlicher Phänomene

Autor: Ronald Engert
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 75

Co-Abhängigkeit bedeutet u. a., dass ein Mensch von Außenwirkungen bestimmt wird. Der Co-Abhängige versucht, seine innere Leere durch andere Menschen zu füllen. Dieses Unterfangen muss jedoch misslingen und führt zu Leiden. Co-Abhängigkeit geht wie jede Sucht auf traumatische Erlebnisse zurück. Abhängigkeit von anderen und Überempfindlichkeit durch erlittene Verletzungen ähneln sehr dem Phänomen der Hochsensibilität. Um die eigene Hochsensibilität richtig einschätzen zu können, ist es deshalb notwendig, auch über Co-Abhängigkeit informiert zu sein.

Kannst du dich in der Gegenwart von Menschen entspannen? Kannst du im Zusammensein mit anderen Menschen genau fühlen, wie es dir geht, und das tun, was das Richtige für dich in dem Moment ist?

Oder lenken dich andere Menschen von dir selbst ab? Wirst du eventuell unsicher? Bekommst du manchmal Angst? Verlierst du vielleicht den Zugang zu dir und kannst nicht mehr klar fühlen, was für dich stimmig und richtig in der Situation ist? Bist du unter Umständen sogar verwirrt und kannst nicht mehr entscheiden, was du möchtest?

Dann solltest du dir vielleicht einmal Gedanken über das Phänomen der Co-Abhängigkeit machen.

Als Co-Abhängiger ist es schwer, in der Gemeinschaft mit anderen bei sich zu bleiben.

Wenn du es als Kind gelernt hast, auf andere Rücksicht zu nehmen und ihre Bedürfnisse über deine eigenen zu stellen, dann hast du es vielleicht nicht gelernt, deine eigenen Bedürfnisse klar zu fühlen und zu erkennen und sie vor allem zu kommunizieren und von anderen den Dienst anzunehmen, den sie dir erweisen, wenn sie deine Bedürfnisse erfüllen. Vielleicht fühlst du dich unwohl, wenn du andere um einen Gefallen bitten musst und möchtest alles, so gut es geht, lieber selbst machen. Vielleicht bist du sehr schnell von einer Sache begeistert, weil eine andere Person diese Sache vertritt. Vielleicht kannst du dich sehr gut in andere einfühlen und dich mit ihnen identifizieren.

Wie reagierst du, wenn du mit jemandem die Straße entlangläufst und die Person bittet dich, langsamer zu gehen? Reagierst du sofort wie auf Befehl? Oder gehst du erstmal einen Augenblick weiter, spürst dein Gehen und deine Geschwindigkeit und ob du mit einem langsameren Gehen bei deiner Stimmigkeit bleiben kannst? Natürlich macht man das intuitiv und nicht kognitiv und wie eine bewusste Kalkulation, wie ich es hier ausfalte. Aber beobachte einmal bei dir oder bei einer anderen Person, was genau in so einem Moment passiert. Wie reagierst du in der ersten halben Sekunde? Das ist dein Muster. Und dieses Muster führst du in jeder Situation aus. Dieses Muster ist unbewusst.

Sucht und Co-Abhängigkeit

Unter allen aktiven Süchten liegt die Co-Abhängigkeit wie die Sucht hinter der Sucht. Je mehr man die Substanz- und Prozesssüchte zum Stillstand bringt, umso mehr kommt die Co-Abhängigkeit zum Vorschein. Sie ist sehr stark mit der Beziehungssucht verknüpft und ich glaube, dass Beziehungssucht – auch in ihrer negativen Form als Beziehungsmagersucht – nicht nur bei mir, sondern bei vielen Menschen am Anfang ihrer Suchtpersönlichkeit steht. Zugleich sind die Beziehungssucht ebenso wie die Co-Abhängigkeit in unserer Gesellschaft verschleiert, denn diese Suchtformen sind gesellschaftlich akzeptiert.

Co-Abhängigkeit und Hochsensibilität

Wenn man jedoch mit dem aufgeklärten Blick des über die Krankheit Sucht informierten Menschen unsere Kultur betrachtet, muss man erkennen, dass fast jeder Songtext und jede Kinoschnulze von Beziehungssucht und Co-Abhängigkeit durchdrungen sind, ebenso wie die gängigen moralischen Vorstellungen über Beziehungen.

Vom normalen Bürger bis hin zu den therapeutischen Experten sind die meisten über die Idee der Sucht in Unkenntnis und erklären allerlei pathologische Symptome und Phänomene im Bereich der Psyche und der sozialen Beziehungen auf andere Weise. Hat man jedoch die Idee der Sucht einmal verstanden, stellt sich die Wirklichkeit sehr klar dar.

Sucht ist eine Krankheit und keine moralische Schwäche! Der innere moralische Kern und der persönliche Wille des Menschen sind durch die Sucht angegriffen. Obwohl man weiß, dass man ungesund handelt, tut man es. Man lügt, stiehlt und betrügt, um seine Sucht zu befriedigen oder zu verschleiern. Man misshandelt sich selbst und meistens auch andere, man belastet die Beziehungen und quält seine Liebsten damit, ohne es zu wollen. Der stärkste und beste Vorsatz hält vielleicht ein oder zwei Monate, bis der nächste Rückfall in die alte »Gewohnheit« passiert. Man verharmlost das eigene Verhalten und rationalisiert oder beschönigt es.

Im spirituellen Kern der Sucht befinden sich Selbstsucht und Leugnung. In der Selbstsucht dreht sich alles um den Süchtigen und um die Befriedigung seiner Sucht, sogar bei dem scheinbar so »selbstlosen« Co-Abhängigen, der über seine Hilfe die anderen zu kontrollieren und zu manipulieren versucht. In der Leugnung verschleiert der Betroffene seine Sucht vor sich und anderen und stellt sie als harmloses oder geradewegs richtiges Verhalten dar.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf (9 Seiten), das unten bestellt werden kann.

Unterdrückung der Gefühle als Nährboden für Co-Abhängigkeit

Die Sozialarbeiterin und Suchtforscherin Sharon Wegscheider-Cruse geht davon aus, dass 96 % der Bevölkerung Co-Abhängige sind.
(zitiert nach Schaef 1986, 25)

Einen interessanten Ansatz vertritt der Psychologe Robert Subby. Für ihn ist Co-Abhängigkeit ein »emotionaler und psychischer verhaltensmäßiger Zustand, der dann entsteht, wenn ein Mensch über längere Zeit starren Regeln ausgesetzt ist und sie befolgt, – Regeln, die seine Gefühle unterdrücken und eine offene Kommunikation verhindern.« (Subby 1984, 26) Wie viele Menschen folgen unausgesprochenen oder auch ausgesprochenen Regeln aus Angst vor sozialer Ächtung oder dem Verlust der Anerkennung?

Fast alle Menschen sind ständig daran orientiert, was sie tun dürfen oder nicht oder was sie tun müssen, um Liebe und Zuwendung zu bekommen.

Alle diese Verhaltensweisen und inneren Haltungen sind co-abhängig. Wenn ich mir ängstlich oder mit Sorge darüber Gedanken mache, was andere von mir denken oder ob sie mich mögen, bin ich von ihnen abhängig.

Lesen Sie im vollständigen Artikel mehr über soziale und institutionelle Strukturen, die eine co-abhängige Haltung begünstigen. Unten bestellbar.

In gleicher Weise ist auch der Süchtige oder Co-Abhängige, sobald er in den Heilungsprozess eintritt, ein besonders wertvolles Mitglied der Gesellschaft und von unvergleichlichem therapeutischem Wert, weil er auch sein Umfeld systemisch dazu bringt, in die Heilung zu gehen. Oft sind gerade von Sucht Betroffene sehr feinfühlige, sensible Menschen. Ein gestörtes Familiensystem oder institutionelles System, in dem genesende Süchtige wirken, kann heilen. Aktiv Süchtige oder Co-Abhängige kommen dann mit ihrem süchtigen Verhalten nicht mehr durch. Sie erhalten subtile emotionale und spirituelle Anregungen, weil der genesende Süchtige die alten Muster nicht mehr bedient und anders handelt. Da der Suchtprozess eine spirituelle Erkrankung ist, ist die Heilung davon eine spirituelle Gesundung. Wir finden zurück zu unserer wahren spirituellen Identität, zur Wahrheit über unser Menschsein.

Eine letzte Botschaft an diejenigen, die sich jetzt als Co-Abhängige erkannt haben: Du brauchst Dich nicht länger auf andere als eine Macht größer als Du selbst zu verlassen. Sie haben keine Macht über Dich. Aber Du bist auch nicht für die anderen verantwortlich, denn Du hast auch keine Macht über sie. Der erste Schritt im Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Co-Abhängigen ist die Kapitulation: »Wir gaben zu, dass wir keine Macht über andere Menschen hatten und unser eigenes Leben nicht mehr meistern konnten.« Mit dieser Kapitulation beginnt die Heilung.

Ronald Engert

Über den Autor

Ronald Engert, geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M. 1994 Mitgründung der Zeitschrift Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur. 2017 Bachelorabschluss in Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Autor von »Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Genesung« und »Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts«. Blog: www.ronaldengert.com / Zeitschrift: www.tattva.de

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über den Genesungsweg von Sucht und Co-Abhängigkeit.

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