Der Weg der Liebe führt nach innen

Der Weg der Liebe führt nach innen

Der taoistische Blick auf Partnerschaft und Sexualität

Autor: Carsten Dohnke
Kategorie: Taoismus
Ausgabe Nr: Sonderheft Sexualität

Die taoistische Tradition ist ein ganzheitlicher spiritueller Weg, der Partnerschaft und Sexualität ebenfalls in den Blick nimmt. Dabei legen die Praktiken ein besonderes Augenmerk auf das Bei-sich-Ankommen und die eigene innere Stabilität, denn diese Qualitäten sind den Taoisten zufolge die Grundlage für ein erfüllendes Liebes- und Sexleben.

Alter Taoist

Alter Taoist

Tattva Viveka: Wir sprechen heute über das Thema Beziehung und Sexualität im Taoismus. Die Sexualkraft wird im Taoismus als die Essenz des menschlichen Wesens angesehen. Aus ihr entspringen Kreativität, Vitalität und Spiritualität. Doch beginnen wir bei den Beziehungen: Wenn ich mich umsehe, stelle ich schnell fest, dass vor allem in der westlichen Welt, auf die ich mich jetzt beziehe, Beziehungen häufig von Konflikten und einer gewissen Oberflächlichkeit geprägt und tendenziell weniger langlebig sind. Was machen wir falsch?

Carsten Dohnke: Manchmal funktionieren die Beziehungen tatsächlich, das ist positiv, aber wenn wir etwas falsch machen, dann womöglich, dass wir zu wenig nach innen schauen, uns selbst kennenlernen, sondern vielmehr aus unserer Einsamkeit, aus unserem Alleinsein heraus gerne Zeit mit jemand anderem verbringen möchten. Daraufhin treffen häufig zwei Menschen mit ihren jeweiligen Traumata oder Lebensgewohnheiten aufeinander und das, was daraus folgt, ist, aus asiatischer Sicht, die Aufarbeitung des Karmas. Es ist kein Geheimnis, dass man aus der unbewussten Ebene heraus bereits vor der Beziehung weiß, welchen Partner man anziehen wird, denn man resoniert mit der Person, die eine ähnliche Resonanz wie man selbst hat.

TV: Wie lassen sich glückliche und langlebige Beziehungen aus taoistischer Sicht aufbauen und erhalten?

Carsten:

Ein wichtiger Punkt für tiefe Beziehungen ist: das Ankommen bei sich selbst.

Die taoistische Tradition ist unter anderem auch berühmt für ihre Sexualpraktiken. Es wird viel darüber gesprochen und viele Bücher wurden darüber geschrieben, aber die Sexualpraktiken machen keine zehn Prozent des Taoismus aus, sondern die Praktiken wie Tai-Chi und Chikung und auch die Traditionelle Chinesische Medizin, die integriert ist in den Taoismus, bilden gemeinsam mit Praktiken aus der Mystik, der Heilung und der Meditation ein größeres Feld. Die Sexualpraktiken sind ein Teil davon.

Stabilität und Ruhe als Anker für glückliche Beziehungen

Im Taoismus besteht ein tiefer Fokus auf den eigenen Ruhepol und die eigene Stabilität. Das gibt uns die Möglichkeit, harmonisch mit anderen in Kontakt zu treten. Es gibt Praktiken, in denen wir nur in der Stille sind. Andere Bereiche wie Tai-Chi betonen die Bewegung. Der Taoismus hat viele Facetten und ist keine kongruente Lehre, die sich nur um einen Aspekt dreht. Es ist ein komplexes System mit drei Kernelementen: zum einen die Selbstheilung und Vitalität, also Gesundheit. Das ist besonders für uns heutzutage wichtig, denn viele Menschen sind erschöpft oder gesundheitlich schon an ihrer Grenze angelangt.  Zum anderen emotionale Heilung, also der Umgang mit Stress, aber auch mit inneren Verletzungen. Und der dritte Punkt: Spiritualität. Diese drei Punkte machen den Taoismus aus.

Man nimmt dazu den eigenen Geist, bewegt seinen Körper und lernt, seinen Atem zu schulen und zu beruhigen.

All das kann man zusätzlich durch gesunde Ernährung oder Kräuter unterstützen. Generell ist der Taoismus aber ein Weg, der über den Körper zum Geist führt.

Der Taoismus ist aus dieser Perspektive überaus wichtig für die heutige Zeit, weil wir gerade unsere Körperlichkeit verlieren,

insbesondere in den letzten 20 Jahren durch das vermehrte Aufkommen von Internet und Handy. Ihr fragt auch nach Sexualität und Begegnung mit anderen Menschen; das ist natürlich auch körperlich. Wenn ich mich wirklich lebendig in mir fühle, dann gehe ich auch lebendig in eine Beziehung hinein. Und Sexualität basiert darauf, dass beide lebendig sind, denn ansonsten kommt es zu keiner Partnerschaft. Ausgehend davon, dass wir diese Lebendigkeit und Lebenskraft suchen, haben die Taoisten sehr schöne Meditationen entwickelt, wie wir unser Herz öffnen und uns die Herzenskraft für innere Heilungsprozesse zunutze machen können und wie wir unsere Libido aktivieren können, damit sie uns von innen nährt und trägt. Auf der einen Seite ist das einfach, auf der anderen komplex. Wir können das so zusammenfassen: Es gibt nur wenige Menschen in der heutigen Zeit, die über ein Übermaß an Lebenskraft bzw. »Chi« verfügen.

Lebendigkeit und Sexualität

TV: Würdest du sagen, dass das Ziel von Sexualität im Taoismus ist, diese Lebendigkeit durch Sexualität zu erreichen?

Carsten: Warum zieht es Menschen überhaupt zur Sexualität? Es ist die Lebendigkeit. Niemand wünscht sich Sexualität, um ganz ruhig zu sein, sondern wir spüren eine totale Lebendigkeit in uns, und es heißt nicht ohne Grund, dass ein Orgasmus mit das tiefste Gefühl ist, das ein Mensch in der Vereinigung erleben kann. Deshalb sagten die Taoisten, dass wir diese Energie in uns recyceln sollten, wir nehmen sie auf und wandeln sie in der Meditation um, denn dann erlebt man eine tiefe Lebendigkeit wie in der Sexualität, aber verbunden mit Stille und Stabilität, insbesondere mit der Herzenskraft.

Das ist das, was den meisten Menschen heutzutage fehlt. Ich unterrichte seit mehr als 30 Jahren und höre immer wieder TeilnehmerInnen sagen, dass ihr Leben anders verlaufen wäre, wenn sie eher gelernt hätten, bei sich anzukommen, Liebe auch ohne PartnerIn zu fühlen, Lebendigkeit in Präsenz und Ruhe wahrzunehmen. Dies ist ein sehr gutes Fundament für alle Partnerschaften. Viele Partnerschaften kommen und gehen schnell heutzutage, wie Freundschaften, denn

wenn der Partner nicht mehr anwesend oder erschöpft oder überarbeitet ist, kommt es schnell vor, dass man sich nicht gesehen fühlt und so auch nicht mehr verbunden ist.

Dies führt dazu, dass der Herzkontakt verloren geht, und dann endet die Partnerschaft meist relativ schnell.

Die Evolution hat etwas Besonderes für uns kreiert, was den meisten Menschen nicht bewusst ist: Wenn wir verliebt sind, spüren wir immer eine direkte Verbindung mit dem Partner und befinden uns in einem Herz-zu-Herz-Kontakt. In diesem Zustand ist die Kommunikation nicht mehr mental, sondern geht über die Herzebene oder über feine Gesten.

TV: Eine letzte Frage: Wie kann Sexualität heilend wirken?

Carsten: Sie kann heilend wirken, wenn wir das Herz in der Sexualität mit dem/der PartnerIn öffnen und die Energien innerlich zu fließen beginnen. Die taoistischen Praktiken unterstützen das innere Fließen, weil die Energien in alle Organe aufperlen. Es kann aber auch ohne diese Praktiken heilend wirken, wenn man innerlich zu schmelzen und zu fließen beginnt und loslässt. Forschungen ergaben, dass Menschen, die regelmäßig Sex haben, gesünder oder heiler sind in einem ganzheitlichen Sinne als die, die keine Sexualität haben. Das wäre der eine Punkt, der andere ist die innere Heilung, über die wir bereits sprachen. Das Hinaufführen der Sexualkraft ist eine Spezialität der Taoisten. Viele alte Abbildungen, die tausend bis zweitausend Jahre alt sind, zeigen Menschen, die einen Pfirsich halten. Sie drücken symbolisch aus, dass die Sexualkraft in all ihre Zellen aufgestiegen ist, und der Pfirsich symbolisiert Langlebigkeit, Gesundheit und innere Heilung.

Heart Perineum

Heart Perineum

Die Forschungen in dem Bereich sind relativ neu, doch manche besagen, dass wenn man regelmäßig meditiert, ein innerer Heilungsprozess entsteht und sich in den Telomeren der Chromosomen, also im Bereich der Zellen, eine Art Verjüngungsprozess ereignen kann. Dies kann geschehen, wenn man regelmäßig meditiert und/oder regelmäßig fastet. Aus meiner Erfahrung heraus insbesondere, wenn Herz- und Libidoenergie im Körper vorhanden sind und neue Impulse in die Zellen geben. Das als eigene sexuelle Praxis für sich allein, aber auch beim Geschlechtsverkehr, wenn die Liebes- und Libidoenergien in uns wirken. Ich glaube aus meiner Erfahrung heraus, dass die tiefen Praktiken der taoistischen Meditationen zur Zellverjüngung führen. Das heißt nicht, dass man immer jünger wird, sondern dass die Zellen eine Chance haben, zu regenerieren – in dieser tiefen Stille der Meditation durch die neuen Ressourcen, die frei werden. Denn es ist nicht so, dass man nur still wird, sondern es kommt eine neue Energie hinein, wodurch die Zellen in eine Zellautophagie, eine Zellselbstheilung, eintreten können. So kann der gesamte Körper gesünder werden. Eine tolle Sache, oder?

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die taoistischen Lehren und ihre Erkenntnisse für ein lebendiges und gesundes Leben, auch in Bezug auf Sexualität und Partnerschaft.

Lesen Sie die vollständige Fassung im Tattva Viveka Sonderheft Sexualität oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (Pdf, 8 Seiten).

Der Weg der Liebe führt nach innen

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Carsten Dohnke
Der Weg der Liebe führt nach innen
Der taoistische Blick auf Partnerschaft und Sexualität

Die taoistische Tradition ist ein ganzheitlicher spiritueller Weg, der Partnerschaft und Sexualität ebenfalls in den Blick nimmt. Dabei legen die Praktiken ein besonderes Augenmerk auf das Bei-sich-Ankommen und die eigene innere Stabilität, denn diese Qualitäten sind den Taoisten zufolge die Grundlage für ein erfüllendes Liebes- und Sexleben.
 


 

Artikelnummer: TVS02_13e Kategorie: Schlagwörter: ,

Kompletter Artikel im PDF-Format (8 Seiten)

 
 

Über den Autor

Unser Autor Carsten Dohnke

Der Sinologe Carsten Dohnke ist heute ein international anerkannter Lehrer für Taoismus und Chikung. Er lehrt den mystischen Weg des Tao und gibt Ausbildungen und Seminare. Er wurde 1963 in Hamburg geboren und begann dort bereits mit 14 Jahren, intensiv Kampfkünste und Meditation zu studieren.

Webseite: Tao-Hamburg.com

Bildnachweis: © Adobe Photostock, Carsten Dohnke

2 Kommentare
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    Tattva-Archiv
    Posted at 20:03h, 18 November Antworten

    Hallo Vrndavanachandra,
    ja, natürlich gibt es im Taoismus auch eine Form von Lebensenergie, genannt Qi oder Chi. Das ist dann jedoch eher das Äquivalent zu Prana im Yoga und nicht unbedingt zu Kundalini. Mehr Informationen gibt auch Carsten Dohnke im vollständigen Artikel. (Der Volltext ist in der Tattva-Sonderausgabe »Heilige Sexualität« erschienen.)
    Viele Grüße
    Stefanie aus der Tattva-Redaktion

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    Vrndavanachandra
    Posted at 23:05h, 04 November Antworten

    Bewusstes Verhalten: Hallo (kommt von Hall) das hört sich schon seriös an was ich hier gelesen habe. Ist im Taoismus auch von Kundalini yoga die Rede, unter einen anderen Begriff? Würde gerne mehr über diese Dinge wissen, um sie vielleicht später in die Praxis umzusetzen. Ein freundliches haribol: Vrndavanachandra

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