Eine Reise zum Urton

Eine Reise zum Urton

Der tönende Mikrokosmos Mensch

Autor: Clemens Zerling
Kategorie: Spiritualität allgemein
Ausgabe Nr: 90

Klang steht mitunter am Anfang vieler Schöpfungsmythen und anhand von Text- und Klangbeispielen aus unterschiedlichen spirituellen Traditionen nähert sich der Autor der Rolle des Klangs – vom Beginn der Zeit an bis hin zum persönlichen Grundton, der in jedem Menschen auf einzigartige Weise schwingt, und dem Urton, der das Weltganze in ewige Bewegung versetzt.

Es war einmal – vor allem Anfang –, als ein ungewöhnlicher Ton die unendliche kosmische Stille durchbrach. Er zerriss das Gespinst undurchdringlicher Finsternis und rief die Schöpfung ins Sein. Seine Schwingung ließ den Tanz des Lebens starten. So oder ähnlich überliefern frühe Hochkulturen eine Vorstellung vom Ursprung allen Seins und Werdens. Nicht nur das, selbst das Fortbestehen der Schöpfung werde durch musikalisch-akustische Gesetze garantiert.

Bis heute versteht sich kultische Musik von Naturvölkern oft auch als magisch ritueller Nach- oder Mitvollzug einer Schöpfung aus Klangvibration.

Dazu lassen sie lange Schwirrhölzer rauschen, Sistren scheppern, dumpfe Trommeln oder Didgeridoos dröhnen. Mythologische Überlieferungen dieser Kulturen entwickelten dazu sogar bis ins Detail übereinstimmende enge Beziehungen zwischen Musik, Zahlen und geordnetem Weltbild. Unser Abendland kennt solche »Harmonie der Sphären« – ein geordnetes Universum, basierend auf Zeitintervallen von Tonstufen – aus pythagoreischen Lehren, beginnend im 6. Jahrhundert v. Chr. Handelt es sich dabei um ein gemeinschaftlich menschliches Kulturgut aus grauer Vorzeit?

Tatsächlich lassen Himmelskörper, vor allem Sonne, Mond, Planeten und Erde, Ursphärenklänge vernehmen, die der Musikjournalist Joachim-Ernst Berendt († 2000) durch Oktavieren hörbar machte. Schon der Philosoph Platon hatte in seinem Werk POLITEIA (616B–617C) eine diamantene Weltachsenspindel beschrieben, deren Umschwung acht Kreise erzeuge. Auf diesen Kreisen throne je eine Sirene (ursprünglich weiblich gedachte Todesdämonen in Gestalt von Vogelmenschen mit betörender Stimme), immer nur einen Ton von sich gebend.

Im Zusammenklang der acht entstehe dann ein gemeinsamer Wohllaut. Kannte Platon bereits das universale und elementare Gesetz der Resonanz?

Töne, selbst aus verschiedenen Quellen wie unterschiedlichen menschlichen Stimmen, streben nach Resonanz.

Dabei finden noch nicht zueinander passende Schwingungen nach einem verborgenen Harmoniegesetz so zueinander, dass sie schließlich Synchronisation offenbaren.

Brahmanische Schöpfungsmythen aus Indien wissen von einem dunklen »überweltlichen« Klang. Er tönte aus einem »mutterschoßartigen« kosmischen Mund und formte das Erste Wort (= vâc, vergleichbar dem griechischen logos).

In der vollkommenen Stille und Einheit des universalen Urgrunds setzte das erste vâc, zugleich Stimme einer Urweisheit, Sein in Bewegung und löste die Schöpfung aus.

Brahman, das kosmische Selbst, hatte nämlich einen leuchtenden Lobgesang auf sich selbst herausgeschrien.

Mit diesem klanglichen Lebensodem schuf er zunächst das Wasser, wobei er sich so erhitzte, dass seine Zeugungspotenz als reines Feuer züngelte (Brihadâranyaka Upanishad 383). Prajâpati, der vedische Schöpfergott, bestehend aus drei mystischen Silben, personalisierte selbst nur einen Hymnus. Aus seiner singenden Selbstopferung gingen Himmel, Meer und Erde hervor. Fast alle alten Kulturen verehrten Gottheiten, die sich selbst opferten, damit sich aus ihrem Sein die Einzelheiten der Welt manifestierten.

Was der Kampf zwischen Göttern und Dämonen mit dem Urklang zu tun hat, liest du im vollständigen Artikel, den du unten bestellen kannst!

Wie mag der erste Urlaut geklungen haben?

Huuhh tönen oder singen Kleinkinder, wenn sie auf dumpfe Laute antworten möchten. Huuuhhh jammern sie oft, wenn ihre Ängste überhandnehmen. Huuuuhhhh kreischen ältere Kinder, um anderen Gleichaltrigen Angst einzujagen.

HU personalisierte im Alten Ägypten den Begriff ḥw (= Ausspruch, Befehl). Nach der ältesten und einflussreichsten Priesterlehre, der von On (griech.: Heliopolis), war er Mund, Lippen und Zunge des Sonnengottes Rē oder Ra, in dessen Eigenschaft oberste Schöpfungsgottheit und Weltenlenker. So repräsentierte HU den zu Sprache gewordenen göttlichen Beschluss.

HU war das schöpferische Wort selbst und dessen Macht – später von der Priesterschaft von Memphis als eine Art Übergeist oder Logos vorgestellt.

Darüber hinaus besaß er alle Fähigkeiten, die wir heute unserem Verstand und seinen vielfältigen Potenzen zuschreiben.

So vertrat HU ebenso das Ergebnis eines Denkprozesses und blieb gewöhnlich stets mit der Gottheit Sia (= Verstand, Erkenntnis, planende Einsicht) verbunden. Mit Sia können das Werk der Schöpfung ausgeführt und göttliche Ideen umgesetzt werden. Beide gehörten auch zur unverzichtbaren Begleitmannschaft der Sonnenbarke, mit der der Sonnengott Ra oder Rē (= Sonne) zur Tagesfahrt aufbrach oder zur Nachtreise. Während der Fahrt beobachteten sie die Welt und berieten Rē. Doch genossen sie keinerlei besonderen Kult.

Allah HU akbar, Alpha und Omega

Allāh-hū (hu = »Er«) singen sufische Derwische, offensichtlich als Einstimmung auf den Urklang- und Lebensstrom. Die Silbe hu, oft als Anrufung genutzt (»o Hū!«), beginnt mit dem Buchstaben »h«, dem letzten Laut von Allah. So lautet auch das verkürzte Credo im Islam lā ilāha illā Hu (= Allah): »Es gibt keinen anderen Gott als Allah!«

Ibn al-Arabī, der große andalusische Philosoph und Mystiker (1165–1240), erschaute die göttliche Ipsität (huwiya) in der Gestalt des Buchstaben »h« in strahlendem Lichte auf einem roten Teppich: eines »h«, zwischen dessen beiden Armen die Silbe HU aufleuchtete und Strahlen nach allen Seiten aussandte.

Hopi- und Pueblo-Indianer verehren Katchinas. Zu diesen Ahnengeistern oder Verkörperungen des Geistes von Naturerscheinungen gehört HU oder Huhuwa. Dieser Katchina erscheint gewöhnlich in Kolibri-Gestalt, zuständig für Regen, vor allem für den, der neues Wachstum im Frühjahr gedeihen lässt. Dazu tanzen unruhig wippende und Vogelzwitschern imitierende HU-Darsteller in grünen Masken und grünen Mokassins zumeist in unterirdischen Zeremonienräumen.

Solche Räume bleiben ausschließlich dem traditionellen Frühlingsritual des HU-Tanzes vorbehalten und werden nur dazu geöffnet. Eine Verehrung des wunderbaren Frühlings beruht aber stets auf der religiösen Grunderfahrung von Welterneuerung oder Neuschöpfung.

Das heißt, das Erscheinen des neuen Wachstums spiegelt nur ein kosmisches Grundmysterium.

Welche Rolle das HU in der walisisch-keltischen Tradition und in der ägyptischen Tradition spielt, verrät unser Autor im vollständigen Artikel. Jetzt unten herunterladen!

Aufgrund intensiver Studien in den Weisheitsbüchern der hinduistischen Tradition über die spirituelle Heilkraft von Tönen lehrte der indische Brahmane, Nuklearwissenschaftler und Konzertmusiker Vemu Mukunda (1929–2000), dass in jedem Menschen ein persönlicher Urton verharre. Diesen bringe man bei seiner Geburt schon mit. Daher bleibe dieser Ton unabhängig von Kultur, Umfeld und Erziehung stets derselbe, präsentiere gewisse Anlagen und präge damit (unbewusst) Teile des Lebensprogramms.

Doch sei es schwierig, diesen Grundton aus zwölf Tönen, mit denen sich jeder als »klingender Mikrokosmos« erfassen lasse, herauszuhören und zu bestimmen. Dazu bedürfe es ausgebildeter »Sonologen/innen«. Diese Spezialisten für die Entdeckung tonaler Strukturen helfen in einem langwierigen Prozess, den individuellen Grundton zu finden. Nur beharrliches Singen https://www.tattva.de/singen-fur-die-seele/ verleihe ihm die notwendige Kraft. Jeder der anderen elf Töne müsse seinen Platz exakt zugewiesen bekommen.

Irgendwann erklinge der tönende Mikrokosmos Mensch in seiner ganzen Vielfalt – ganzheitliche Selbstheilung und Selbstverwirklichung mit eingeschlossen – und verströme seinen persönlichen »Zusammenklang« in die Welt.
Sollen gotische Monster an Gotteshäusern nur vor dem Bösen warnen? Ihre weit geöffneten Rachen könnten ebenso schöpferische Urlaute ausstoßen: verborgene Laute aus dem scheinbaren Chaos eines noch formlosen Urgrunds? Wasserspeier an der Basilika St. Nazaire und St. Celse in Carcasson, Okzitanien.

Was einen tiefen schöpferischen Urton angeht oder den der wahren zeitlosen Wirklichkeit, kommt buddhistischen Mönchen und Weisen der geheimnisvolle Klang des heiligen Wortes OṂ am nächsten. Laut Chândogya Upanishad (68, 98) sei das ganze Universum aus dieser Keimsilbe entstanden, aus einem ewigen »Ich werde«. Andere Textquellen unterscheiden da zwischen OṂ, Quelle aller Offenbarung, und dem Grund-Mantra HÛṂ.

Für den buddhistischen Gelehrten und Ordensgründer Lama Govinda (eigentlich: Ernst Lothar Hoffmann, † 1985) schließt OṂ auch das Prinzip der Aufwärtsentwicklung zur Universalität ein, wenn der Mensch die enge Hülle der Alltags-Ichheit durchbricht.

HÛṂ bringt den universalen Abstieg in die Tiefe des menschlichen Herzens zum Ausdruck.

OM ist das Unendliche – aber HÛṂ ist mehr: nämlich das Unendliche im Endlichen, das Zeitlose im Zeitlichen, das Ewige im Augenblick, das Formlose im Formenhaften, das Überweltliche im Weltlichen, so Lama Govinda. Die Sanskrit-Silbe »hu« (= opfern) umfasse jede Opferhandlung, auch die eines Selbstopfers. Ihr Vokal »U«, ein Laut der Tiefe, bildet die untere Grenze in der Skala menschlicher Stimmlaute. Er führt über die Schwelle des Schweigens hinein ins Unhörbare.

Zuletzt wartet also der überweltliche Urton, und man hat das Gefühl uralter Vertrautheit mit ihm. Mitunter schwillt dieser stark schwingende Schallkomplex tatsächlich gleich einem dräuenden Donner an, der Entfaltung verheißt. Menschliches Singen stößt hier an seine Grenzen.

Wie gebannt lauschen wir in uns, in unseren Körper hinein. Hören wir dabei nicht auch ein tiefes, dumpfes HUUUHHH…(M) heraus?

Setzt seine Vibration nicht ebenfalls ein unfassbares Spiel schöpferischer Lust in Bewegung?

Und sucht dieser Ton nicht die Vereinigung mit allen Tönen? Offenbart sich darin nicht eine verborgene Schönheit und Harmonie, die letztlich von innen heraus sich auch nach außen verbreitet? Dann wäre dieser Ton Ausdruck eines »Urwillens des Guten«, die Stimme einer höchsten Vernunft, die bereits Platon verherrlichte.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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Clemens Zerling
Eine Reise zum Urton

Klang steht mitunter am Anfang vieler Schöpfungsmythen und anhand von Text- und Klangbeispielen aus unterschiedlichen spirituellen Traditionen nähert sich der Autor der Rolle des Klangs und des Urtons, der das Weltganze in ewige Bewegung versetzt.
 


 

Artikelnummer: TV090e_04 Kategorie: Schlagwort:

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Über den Autor

Clemens Zerling, geb. 1951 in Berlin, nach dem Studium der Politologie 1979 Gründung eines eigenen Verlages mit Schwerpunkt Kultur- und Religionsgeschichte, Völkerkunde und hermetische Philosophie; seit 2000 als Autor und freier Journalist tätig; zahlreiche Veröffentlichungen in den Bereichen Kult- und Kulturgeschichte, Brauchtum und Lexika zur Symbolik.

Ausgewählte Literatur

  • Berendt, Joachim-Ernst 1985: Nada Brahma. Die Welt ist Klang, Reinbek
  • Bonnet, Hans 2000: Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, 3. Aufl., Berlin – New York
  • Eliade, Mircea 1954: Die Religionen und das Heilige. Elemente der Religionsgeschichte, Salzburg
  • Lama Anagarika Govinda 1957: Grundlagen tibetischer Mystik.
    Nach den esoterischen Lehren des Großen Mantra OṂ MAṆI PADME HÛṂ, Zürich und Stuttgart
  • Schneider, Marius 1955: Singende Steine.
    Rhythmus-Studien an drei katalanischen Kreuzgängen romanischen Stils, Kassel und Basel
  • Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda 2007: In der Übersetzung von Paul Deussen, 2. Aufl., Wiesbaden
  • Zerling, Clemens 2016: Orpheus oder die Macht des Urtons.
    Ein Sänger zwischen den Kultwelten von Dionysos und Apollon, Basel – Zürich – Roßdorf
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