Think wild!

Think wild!

Liebendes Denken

Autor: Dr. Christina Kessler
Kategorie: Psychologie
Ausgabe Nr: 79

Bereits der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss entdeckte, dass es zwei verschiedene Denkarten gibt, die entweder als Gegensätze oder als Ergänzungen erkannt werden können. Einerseits das rationale Denken, das nach außen und auf die Unterschiede fixiert ist, und andererseits das wilde Denken, das in den Weltinnenraum führt und so in die Berührung der scheinbar getrennten Dinge. Claude Lévi-Strauss ordnete das wilde Denken der Magie. Für unsere Autorin gelangen wir in dieser Denkart zu der Einsicht, dass alles Liebe ist.

Hat die Art und Weise, wie wir denken, etwas mit der Fähigkeit des Liebens, mit Selbstfindung, Kreativität und Gesundheit zu tun?

»Was für eine Frage, klar!« werden Sie sagen – und auf Affirmationen, positives Denken, geführte Meditationen und alle möglichen Techniken der Gedankenhygiene verweisen, in denen man »falsche« Gedanken durch »richtige« ersetzt. Gedankenoptimierung als Selbstoptimierung ist der letzte Renner aus Neurowissenschaft und Hirnforschung. Klassische spirituelle Methoden können dadurch wissenschaftlich erklärt, bewiesen und noch effizienter gestaltet werden; was gut ist …

Dennoch will ich mit meiner Frage auf etwas anderes hinaus. Mir geht es nicht um Denk-Inhalte oder um den Austausch von Gedanken. Mir geht es darum, das Undenkbare zu denken, dort zu denken, wo normales Denken aufhört. Genau hier nämlich finden wir das Wesen echter Liebe. Lieben geht über das Denken, zumindest über das rationale, dualistische Denken, das wir im Westen noch immer für das einzig Wahre halten, weit hinaus. Echte Liebe ist eine non-duale Angelegenheit. Ich und Ego als Macher, Kreierer und Optimierer spielen hier keine Rolle und wirken allenfalls störend. Beim Lieben geht es um die Überwindung der isolierten Ich-Vorstellung. Im Lieben findet eine Verlagerung und Erweiterung unseres Bewusstseins statt.

Vom Ich auf das Du? Könnte man meinen … Dabei handelt es sich jedoch um eine typische Denk-Konditionierung der westlichen Welt.

Nein, im echten Lieben findet die Verlagerung des Bewusstseins auf die Beziehungsebene selbst statt, auf das Relationale, das unsichtbare Dazwischen.

Und umgekehrt: Indem wir auf die Beziehungsebene gehen, öffnen sich die Tore zur Liebe. Wir müssen nur wissen, wie wir diesen entscheidenden Dreh bewerkstelligen können.

Von anthropologischer Seite und meinen eigenen Forschungen ausgehend, kann ich dazu etwas Besonderes beitragen: wildes Denken und den Universellen Prozess.

Rationales Denken und Profitorientierung sind zwei Merkmale der gegenwärtig evolutionär erschlossenen Bewusstseinsstruktur. Doch die Evolution steht nicht still. Es zeichnen sich bereits eine zukünftige Ebene und neue Strukturen ab, die es zu erforschen gilt. Dabei ist die Auseinandersetzung mit den bisher im Verlauf der Evolution durchschrittenen Ebenen des Bewusstseins zur Orientierung hilfreich. Wir wollen diese knapp nachvollziehen und markante Phasenübergänge herausarbeiten, um eine Perspektive für das Kommende zu gewinnen. Dabei werden naturwissenschaftliche Befunde mit philosophischen Aussagen in Verbindung gebracht.

Allverbundenheit ist Liebe

Vor mehr als 40 Jahren startete ich ein Langzeitprojekt – die »Untamed-Wisdom-Journey« (»die Reise der ungezähmten Weisheit«). Meine Suche nach der gemeinsamen Essenz der Weisheitstraditionen und Medizinsysteme dieser Welt begann – ein ausgedehntes Unterfangen mit Feldforschungsetappen, die mich um den gesamten Globus führten. Die geistigen Lehren der Welt, insbesondere die ehemals geheim gehaltenen, ließen sich zum ersten Mal in ihrer Gesamtheit vergleichen; vorher waren sie der Forschung gar nicht zugänglich.

Liebendes Denken

Alles ist mit allem verbunden.

Lange Zeit wusste ich nicht, ob ich fündig werden würde, doch heute kann ich mit tiefer Überzeugung sagen: Das Herz aller Kulturen ist eins. Die Philosophien aller Epochen treffen sich in einer Maha-Erkenntnis (sanskrit: Maha – groß), die ebenso einfach wie fundamental ist: Alles ist mit allem verbunden. Verbunden durch die Teilhabe an einer den gesamten Kosmos durchdringenden Ordnungsdimension. Die Achtung dieser inneren Ordnung entscheidet über Wohl und Wehe des Menschen. Gott, Brahman, Dao wurde sie genannt. Ihre Prinzipien wurden von Göttern und mythischen Wesen personifiziert: universale Prinzipien der Selbstorganisation. Prinzipien des Lebendigen . Lebensintelligenz. Gesetze von Wandel, Transformation und Selbsttranszendenz. Prinzipien der Interconnectivität oder, einfach gesagt: der Liebe.

Denn Liebe ist ein Synonym für Allverbundenheit.

Lesen Sie im vollständigen Artikel, wie auch die Naturwissenschaften, speziell die Quantenphysik, zu der Erkenntnis der Interconnectivität gelangten. Für 2,00 € gibt es die Vollversion (am Ende des Beitrags bestellbar)!

Der Universelle Prozess (UP) ermöglicht die Rekonfiguration des Analogen und bricht auf diese Weise die Macht des einseitig Rationalen und seiner spaltenden Auswirkungen. Er verbindet die Kulturleistungen des Menschen mit den natürlichen Gesetzen, von deren Einhaltung unser aller Überleben abhängt. Auf diese Weise ist der UP der ethische Imperativ per se. Aus dem Blickwinkel des neuen Menschenverständnisses gesehen jedoch keiner, der dem Menschen von Gesellschaft und Religion unfreiwillig oktroyiert wird, sondern umgekehrt: das Geschenk eines inneren und daher trotz seiner Universalität höchst individuellen Kompasses, der selbst durch stürmische Zeiten wie unsere navigiert und in allen Lebenslagen Orientierung bietet.

Dem Menschen der Postmoderne kann der UP daher nicht nur zu einem achtsamen Weltbezug verhelfen; er kann auch dazu beitragen, unser Denken und seine Funktionen, Bewusstsein an sich, völlig neu zu verstehen.

Wo immer wir wild zu denken beginnen, lenken wir unser Bewusstsein nach innen und erlösen es aus der Totenstarre der Fixierung. Wir lernen, unsere kognitiven Fähigkeiten wie einen Zoom zu benutzen, mit dessen Hilfe wir uns bald mühelos zwischen Außenansicht und Innenansicht, männlichen und weiblichen Perspektiven hin- und herbewegen.

Schon aus diesem Grund darf es bei der Frage nach rational oder wild kein Entweder-oder geben. Beide gehören zusammen – wie die Gehirnhälften, in denen sie sich ganz offensichtlich widerspiegeln.

Wildes Denken ist ein fluides Denken und bringt eine fluide, kreative, luzide Intelligenz hervor. Seine Struktur überträgt den Universellen Prozess auf den Alltag, wodurch unser Entscheiden und Handeln eine tiefe Lebensintelligenz und Lebenskompetenz erhält.

Unsere Autorin Christina Kessler

Über die Autorin:

Dr. Christina Kessler ist Ethnologin und Leiterin des KINA (Kessler Institute for New Anthropology). Für ihr schriftstellerisches Werk erhielt sie 2008 den Internationalen Otto-Mainzer-Preis, New York.

www.christinakessler.com
www.kina-berlin.com

Ihre Bücher zum Thema:

  • Wilder Geist – Wildes Herz: Kompass in stürmischen Zeiten. 2011. jkamphausen Verlag, Bielefeld.
  • 33 Herzensqualitäten, Die Intelligenz der Liebe. 2005. Integral Verlag, München. Heute edition amo ergo sum, Berlin.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie mehr über die Unterschiede zwischen dem wilden und rationalen Denken und wie die Wiederentdeckung des wilden Denkens zu dem Erkennen des Universellen Prozesses beiträgt.

Die vollständige Fassung lesen Sie in der Tattva Viveka 79. Auch für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 7 Seiten).

Christina Kessler TV79 - Kompletter Artikel zum Download

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