Beginen – Mystikerinnen des Tuns

Beginen – Mystikerinnen des Tuns

Mystikerinnen des Tuns

Autor: Anette Grießer
Kategorie: Christentum
Ausgabe Nr: 81

Im Mittelalter existierten weibliche christliche Religionsgemeinschaften, die Beginen genannt wurden, in denen Frauen jenseits von Ehe, Mutterschaft und der Angehörigkeit zu einem Nonnenorden ein relativ selbstbestimmtes Leben führten. In diesen Gemeinschaften entstand eine eigene lebendige Mystik, in der die Begegnung und Vereinigung der Seele mit Gott im Vordergrund stand.

Wenn vom Menschen in der Schöpfung gesprochen wird, geht es primär nicht um Mann und Frau, auch wenn es heißt: »Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.« Es geht zunächst um den Menschen als Ganzes, um seine Seele oder das, was er mit der großen Seele Gottes gemein hat. Erst danach geht es in die Zweiheit der polaren Welt und es erscheinen Mann und Frau, als männlich und weiblich. Im Ursprung besteht also in der Schöpfung zuerst die Einheit, dann erst die Trennung in die Polarität oder die »gleichberechtigte Gegensätzlichkeit«. So wie der Nordpol nicht wichtiger als der Südpol, der Tag nicht besser als die Nacht und die Erde nicht wichtiger als der Himmel ist.

Wann immer also die Gottesliebe in ein Menschenleben einbricht und der Mensch antwortet, so ist das innere Erleben des Göttlichen geschlechtsneutral. Das Erleben aber ist seinem Ursprung nach eins, so wie auch das Wesen von Mann und Frau sich im Innersten gleicht. Im mystischen Sinn ist bei göttlichen Offenbarungen, die sich auf Mann und Frau berufen, schon immer das Wesen des Menschen gemeint und keine Zuweisung von Geschlechterrollen.

Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald: Ausschnitt vom Isenheimer Altar, 1512-1516

Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald: Ausschnitt vom Isenheimer Altar, 1512-1516

Veräußerlichte Religiosität | Männliche Dominanz und das Leid der Frauen

So prägte auch das 380 n. Chr. zur Staatsreligion im Römischen Reich ausgerufene Christentum das Fühlen, Denken und Handeln der Menschen, und weltliche und kirchliche Belange waren aufs Engste miteinander verwoben. Das Frauenbild dieser Zeit baute auf die Tradition der Antike. Für einige einflussreiche Männer wie Aristoteles waren Frauen um 300 v. Chr. »verstümmelte Männer ohne Seele« und wurden als Untergebene angesehen. In der äußeren jüdischen und christlichen Tradition hat die falsche Auslegung der Genesis dieses Bild weitergeführt. Die Frau entstammt der Rippe Adams und sie trägt mit der Verführung zum Genuss der Früchte des verbotenen Baumes gemeinsam mit der Schlange Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies. Über eine solche veräußerlichte und männerzentrierte christliche Theologie ist es zu erklären, dass Frauen in der Vergangenheit vor allem unter der Dominanz der Kirche schweres Leid widerfuhr. Auch aus der deutschen Mystik sind seit dem Mittelalter überwiegend männliche Namen bekannt geworden, Jakob Böhme, Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse gehören neben vielen anderen dazu. Wenige weibliche Mystikerinnen haben es in das öffentliche Bewusstsein geschafft. Wenn Frauen Aufsehen mit ihren spirituellen Ideen erregten, dann oft diejenigen, die innerhalb christlicher Orden wirkten, wie die Äbtissin Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert oder Teresa von Avila im 16. Jahrhundert, die beide durch die Institution Kirche und deren Heiligsprechungen besonders geehrt wurden.

Wir können überzeugt sein, die Genesis ist ein menschen- und damit auch ein frauenfreundliches Menschheitswerk mit tiefem Symbolgehalt, eine kryptische Allegorie im Sinne der Rosenkreuzer.

Beginen | Bewegung einer weiblichen Spiritualität

Weniger bekannt sind die sog. frommen Frauen des Mittelalters, die ab dem 12. Jahrhundert als Beginen bezeichnet werden. Es waren meist adlige, sozial engagierte Frauen, die sich sehr fortschrittlich und unabhängig gegen die vorgegebenen Möglichkeiten ihrer Zeit entschieden haben und ein spirituelles Leben führten. Sie hatten hohe Ideale, wollten weder verheiratet werden noch in einem Kloster leben. Daher entwickelten sie eine besondere Lebensform, eine Art emanzipatorische Bewegung, und wurden Begründerinnen einer spezifisch weiblichen Spiritualität, die sie unabhängig von den zugelassenen Institutionen lebten. Es ging dabei nicht um Männerfeindlichkeit, sondern den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben, nach selbst als Wahrheit erkannten Regeln. Die Beginen lebten in der Regel in einer christlich geprägten Gemeinschaft, in sogenannten Beginenhöfen oder -häusern. Sie legten keine Gelübde ab und lebten nicht in Klausur.

In der Aufbruchswelle religiöser Bewegungen des Mittelalters schlossen sich zahlreiche Frauen in Beginengemeinschaften zusammen. Sie lebten entweder alleine oder in kleinen und größeren Konventen von zwei bis zwölf oder 50 Frauen. Beschlüsse wurden innerhalb der Gruppen bei regelmäßig stattfindenden Versammlungen gemeinsam getroffen. Allein in Köln, einem Zentrum der deutschen Beginen, waren es um das Jahr 1400 etwa 1.150 Beginen, die in solchen Gemeinschaften lebten, andere blieben weiterhin in ihren Wohnungen oder bei ihren Familien. Zum Teil haben sich die Konvente dadurch erhalten, dass sie von einer Stiftung oder durch Spenden lebten. Andere finanzierten ihren Lebensunterhalt durch handwerkliche Tätigkeiten. Sie arbeiteten u. a. als Hebammen, Lehrerinnen, Seidenweberinnen, Spinnerinnen, Wäscherinnen. Die Erlöse flossen in die Gemeinschaft, in die Armenversorgung und Krankenpflege oder wurden in neue Wohn- und Werkstätten investiert. Die vermögenden Konvente verliehen sogar Geld an die Stadträte und sicherten sich damit die Unterstützung der Kommunen. Ein wichtiges Anliegen war den Beginen die Mädchenbildung, wobei sie sich ganz bewusst für die Mädchen aus verarmten Familien einsetzten. Ihnen brachten sie den Umgang mit religiösen Werten nahe und unterstützten sie ganz praktisch in deren Lebensbewältigung und -planung.

Ein Leben als Begine ermöglichte Frauen, die sozial auferlegten Rollen von Ehe und Mutterschaft zu umgehen.

Es war vielleicht die einzige Möglichkeit, ein alternatives Leben in Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu führen. Zumindest drei solcherart bedeutende Frauen wollen wir näher betrachten und würdigen.

Fließendes Licht der Gottheit | Mechthild von Magdeburg

Mechthild von Magdeburg

Geboren als Adlige hat sie im 13. Jahrhundert etwa 40 Jahre lang als Begine in Magdeburg gelebt und gewirkt. Ihre erste Gotteserfahrung hatte sie mit zwölf Jahren, mit ungefähr 20 Jahren schloss sie sich der Armutsbewegung an. Bis heute bekannt ist sie durch ihr Buch »Das fließende Licht der Gottheit«, das sie in Niederdeutsch verfasst hat. Das war die Sprache des Volkes und der Armen, was sehr zu ihrer Popularität beigetragen hat.

Auch heute noch kann man sich sehr gut vorstellen, welchen Aufruhr die Texte hervorgerufen haben müssen.

Hier schrieb eine Frau ohne Ordensweisung als Begine Literatur mit theologischem Inhalt in der Volkssprache statt in Latein und noch dazu in Bildern der sexuellen Liebe.

Solche Texte sind es wohl, die die Autorin Ulrike Voigt zu der Spekulation bringen, dass mystische Visionen und Schauen die einzige Möglichkeit für die Frauen des Mittelalters waren, zu theologischen und politischen Themen Stellung zu nehmen, da ihnen Studium, Priesteramt und Lehrstühle nicht offenstanden.

Mechthild greift auch die Kirchenobrigkeit direkt an. »Dieses Buch sende ich nun als Boten allen geistlichen Leuten, die die Säulen der Kirche sind, den Guten wie den Schlechten; denn wenn die Säulen fallen, dann kann das Gebäude nicht überdauern.« Solcherart Kritik und die spirituelle Eigenständigkeit der Beginen hat zu zahlreichen Konflikten mit der kirchlichen Obrigkeit geführt.

Infos zu den zwei weiteren Beginen findest Du im vollständigen Artikel, den Du unten bestellen kannst.

Untergang | Ende der Beginengemeinschaften

Während Anfang des 13. Jahrhunderts durch Papst Honorius III. die Beginengemeinschaften zunächst geschützt wurden, durften diese nach dem von Papst Clemens V. einberufenen Konzil von Vienne Anfang des 14. Jahrhunderts keine theologischen Inhalte mehr lehren oder diskutieren. Die Gemeinschaften wurden verboten und ihr Vermögen wurde beschlagnahmt.

In der Folge war die Zahl der Konvente und der Beginen erheblich zurückgegangen. Nachdem dann die Inquisition Ruhe gab, meldeten sich die Zünfte als schwere Gegner, da die verbliebenen Beginen mit ihren Gemeinschaften noch immer ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor waren, besonders in den Städten. So kam es zu Krisen und die Beginen wurden weiter zurückgedrängt. Nach der Reformation führten deren Folgen im 16. Jahrhundert zur endgültigen Auflösung der Beginenkultur.

Die Ansichten Luthers, dass Frauen ausschließlich zu Hausfrauen und Müttern geschaffen seien, griffen immer weiter um sich.

Wenn Du mehr über Untergang der Beginen erfahren möchtest, kannst Du den vollständigen Artikel als Pdf unten bestellen.

Neuanfang | Beginen heute

Im Rahmen der Frauenbewegung kam es zu einigen Gründungen moderner Beginenhöfe, sodass es heute wieder Beginengemeinschaften gibt. Diese knüpfen in gemäßigter Form an das soziale Modell der historischen Beginen an. Betont wird hier insbesondere der Aspekt des selbstbestimmten Zusammenlebens in Frauengemeinschaften. Die Zeiten sind vorbei, in denen klosterähnliche Formen der Gemeinschaft für Frauen notwendig waren. Die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben besteht jedoch nach wie vor.

Die Autorin Anette Griesser

Über die Autorin

Anette Grießer, geb. 1970. Sie ist Landschaftsarchitektin und interessiert sich seit ihrer Jugend für Religion und Spiritualität mit deren Schnittstellen, historischen Figuren und deren Bedeutung für die Gegenwart. Seit über 15 Jahren ist sie Mitglied bei dem Rosenkreuzerorden AMORC.

Weitere Info/Kontakt:
www.amorc.de
www.facebook.com/AMORC.de

www.YouTube.com: AMORC Die Rosenkreuzer

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

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