»Einstein der Bewusstseinsforschung«?

»Einstein der Bewusstseinsforschung«?

Ken Wilber - Einstein der Bewusstseinsforschung? Teil 3

Fragen an den »integralen« Denkansatz Ken Wilbers aus philosophischer Sicht. Teil 3

Autor: Prof. Dr. Johannes Heinrichs
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 64

Im 1. Teil des Aufsatzes beleuchtete Prof. Heinrichs einige spirituelle Grundannahmen Wilbers zur Personalität und Transpersonalität des Menschen, zu Körper-Geist-Seele und zur transpersonale Psychologie und stellte im 2. Teil sein reflexions-systemtheoretisch fundiertes Modell zur Gestaltung der Gesellschaft vor. Im folgenden Teil geht es um die grundsätzliche Unterscheidung von Wissenschaft und Spiritualität. Hier kritisiert Heinrichs bei Wilber eine unhaltbare Ausweitung des Wissenschaftsbegriffs. Wissenschaft und Spiritualität sind für Heinrichs allerdings kein Gegensatz, sondern je eigenständige Säulen des Wirklichkeitszugangs.

III. Die Frage nach Wissenschaft und Religion/Mystik:
Wilbers Kategorienfehler

Höhere »Wissenschaft der spirituellen Erfahrung«

»Der Konflikt zwischen den empirischen Wissenschaften und der Religion ist und war immer schon der Konflikt zwischen den pseudowissenschaftlichen Aspekten der Religion und den pseudoreligiösen Aspekten der Wissenschaft« (1988, 47). Es ist zweifellos ein löbliches Unterfangen, Religion bzw. Spiritualität und Wissenschaft nach ihrer neuzeitlichen Entfremdung wieder in ein positives Verhältnis zu setzen. Es fragt sich nur, wie dies geschieht.

Nach Wilbers dominierendem Konzept sind Religion und deren vorsoziale wie vordogmatische Substanz, die spirituelle Erfahrung und deren Intensivform, die Mystik, Gegenstand einer »höheren Wissenschaft«. Wilber unterscheidet (gleich ob mit Bonaventura oder sonst wem) drei Augen der Erkenntnis: das der Sinne, das des Verstandes und das der Kontemplation. Das kann man akzeptieren, wenn man »Verstand« in einem sehr weiten Sinne versteht, der sowohl denkende Verarbeitung von Sinnesdaten, Selbstreflexion, Vernehmen des Anderen als eigene Sinnquelle sowie die Vernunft als das Vermögen der Ideen (z.B. des Alles-Gedankens) einschließt. Wilber sieht denn auch, dass nicht die sinnliche Erkenntnis als solche zu Wissenschaft führt und auch nicht die »Kontemplation« als solche. Das ist Sinn und Inhalt seines folgenden Schemas (1988, 82):

Die »drei Augen«Grafik 8: Die »drei Augen«, bezogen auf Verstand/Wissenschaft
(aus Wilber, Die drei Augen der Erkenntnis, 82)

»Modus 5 ist die simple sensomotorische Erkenntnis, das Auge des Fleisches, das präsymbolische Erfassen der präsymbolischen Welt (Sensibilia). Modus 4 ist das empirisch-analytische Denken: der Verstand reflektiert über die Welt der Sinnesdinge und verankert sich in ihr. Modus 3 ist das geistig-phänomenologische Denken: Der Verstand reflektiert über die Dinge, die dem Verstehen zugänglich sind (Intelligibilia) und verankert sich in ihnen. Modus 2 kann man als mandalisches oder paradoxes Denken bezeichnen: der Verstand versucht, auf vernünftige Weise über den GEIST oder spirituelle Dinge (Transzendentalia) nachzudenken. Modus 1 schließlich ist Gnosis, das Auge der Kontemplation, das transsymbolische Erfassen der transsymbolischen Welt, die direkte Erkenntnis des GEISTES durch den GEIST, die unvermittelte Intuition der Transzendentalia« (Drei Augen, 82).

Soweit einverstanden, wenn man die Dreiheit von body, mind (statt soul), spirit trotz der in Teil I vorgebrachten Bedenken im Sinne von sinnlicher Erkenntnis, Verstand, Vernunft (Vermögen des Unbedingten oder Transpersonalen) versteht. Nun versucht Wilber jedoch anhand der drei Elemente wissenschaftlicher Erkenntnis Injunktion (Handlungsanweisung für eine Erkenntnis), Evidenz und Konfirmation durch eine wissenschaftliche Gemeinschaft den Beweis zu führen, dass auch die »gnostische« oder kontemplative Erkenntnis (Modus 1) eine Wissenschaft sei. Zwar weist er positivistisch-reduktionistische Maßstäbe (z.B. die Verifizierung einer transzendenten Wahrheit durch Gehirnphysiologie) zurück. Auch unterscheidet er nochmals den Modus 4 (dessen sich alle Metaphysik und Theologie, auch die sog. geistliche Theologie über mystische Erfahrungen, bedienen) vom Modus 1. Doch dann behauptet er dessen Wissenschaftlichkeit: Noumenologische oder gnostische Wissenschaften »sind die Methodologien und Injunktionen für unmittelbare Wesenserfassung transzendenter Dinge als solcher, die direkte und intuitive Erkenntnis des GEISTES, des dharmakaya, und sie beruhen auf Modus 1« (1988, 88). – »Viele Meditationslehrer sprechen selber mit Vorliebe vom Yoga als einer Wissenschaft, von der Wissenschaft des Seins, von der Wissenschaft der Meditation« (ebd., 78).

Mit gleichem Recht könnte Wilber den Modus 5, die rein sinnliche Erkenntnis, unter bestimmten Bedingungen der besonderen Aufmerksamkeit usw., also z.B. die Wetter- oder Tierbeobachtung eines Bauern, zur »Wissenschaft« erklären. Aus »spirituellem« Vorurteil, vermutlich von seiner vorgeblich wissenschaftlichen Schule des Zen-Buddhismus verleitet, gleitet er in einen unhaltbar weiten Wissenschaftsbegriff ab: Als sei die mehr oder weniger methodische Selbstbeobachtung spiritueller Erfahrungen Wissenschaft. Zur Wissenschaft im abendländischen und inzwischen weltweit akzeptierten Sinn gehört jedoch die sprachliche, schlussfolgernde Verarbeitung von Erfahrungserkenntnis zu neuer Zusammenhangs-Erkenntnis, die über eine vorwissenschaftliche, noch so wertvolle Erfahrungserkenntnis weit hinausgeht. Wilber selbst hat sie im obigen Schema mit »Verstand« bezeichnet. Es ist inkonsequent und verwirrend, das »Auge der Kontemplation« als solches, ohne die verstandesmäßige Verarbeitung zur Erschließung neuer Zusammenhänge, nunmehr selbst zur Wissenschaft zu erklären.

Mit »Erschließung neuer Zusammenhänge« wurde hier ein Element von Wissenschaftlichkeit benannt, das unter den von Wilber genannten (Injunktion, Evidenz, Anerkennung) mindestens noch fehlt. Sonst müsste jede Kennerschaft (z.B. die von Kunstkennern und Oldie-Sammlern) Wissenschaft genannt werden, und das ließe den Wissenschaftsbegriff völlig verschwimmen. Mystiker sind als solche keine Wissenschaftler, selbst wenn sie große Wissende sein mögen. Wissenschaft ist ein begrenztes, methodisches Geschäft – nicht der ausschließliche Anspruch auf jegliche Erkenntnis.

»Klare Gedanken sind der beste Weg zur Mystik.« – Theresa von Avila

Diese Unterscheidung wirft Licht auf das, was »transpersonale Psychologie« sein kann: eine empirische Wissenschaft von spirituellen, transpersonalen Erfahrungen (und solchen, die es zu sein beanspruchen) und deren theoretische, möglicherweise philosophisch-ganzheitliche Verarbeitung – nicht aber ein »Bauchreden« aus dem beanspruchten Innersten des Seins heraus, denn das ist ein Kategorienfehler, gegen den schon Hegel in der zitierten Vorrede zur »Phänomenologie des Geistes« (1807) polemisierte und der heute mit dem Anspruch auf »integralen« Horizont wieder gemacht wird, wenn »supramentale Erkenntnis«, gar »supramentale Wissenschaft« in Anspruch genommen wird, wo Argumente versagen. Doch niemals wird »Wissenschaft«, die diesen Namen verdient, ohne methodisches und argumentatives Zusammenhangs-Denken betrieben. Anderseits kann das Denken niemals Erfahrung ersetzen, sondern nur verarbeiten, ob vordergründig sinnliche, zwischenmenschliche, künstlerische oder gar mystische. Auf den »Kategorienfehler« hinzuweisen, dass Mystik nicht durch Denken eingeholt, gar ersetzt werden kann, wie Wilber es tut, ist müßig, eben weil alles Denken auf eine Erfahrung außerhalb seiner selbst als rationales Verbindungsvermögen angewiesen ist. Der Vorwurf lässt seinerseits einen schweren Kategorienfehler vermuten: als könne Mystik die höhere Verlängerung des Denkens auf derselben semiotischen Ebene, d.h. auf dieselbe Weise des Sinntransportes, sein.

Wilber hat diesen Fehler aus »Drei Augen der Erkenntnis« auch in seiner jüngsten einschlägigen Buch-Veröffentlichung »Naturwissenschaft und Religion« nicht korrigiert. Wir finden dort folgende Aussagen: »Die große, beständige und einzigartige Stärke der Religion liegt also darin, dass sie in ihrem Kern eine Wissenschaft der spirituellen Erfahrung ist (wobei ›Wissenschaft‹ im weiteren Sinn als unmittelbare Erfahrung in jedem beliebigen Bereich verstanden werden soll, die sich den drei Strängen Injunktion, Daten und Falifizierbarkeit unterwirft)« (NuR, 219). Es folgt ein Abschnitt »Schulung in spiritueller Wissenschaft« (NuR, 221 f). Mit dieser vorurteilsvoll »spirituellen« Ausweitung des Wissenschaftsbegriffs ist jeder Novizenmeister oder Guru, jeder Erkennende und Kenner von etwas ein »Wissenschaftler«! Tut man der Religion und der spirituellen Schulung einen Gefallen mit solcher Verunklarung des Wissenschaftsverständnisses? Auch hohes spirituelles Wissen ist noch keine Wissenschaft, die – im abendländischen Sinne – ein durchaus begrenztes Unternehmen zur Erlangung von Wissen ist! […]

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Prof. Dr. Johannes Heinrichs
Einstein der Bewusstseinsforschung?

Ken Wilber wird in der spirituell-intellektuellen Szene wie der neue Einstein gehandelt, der Wissenschaft und Spiritualität zu einer letztgültigen philosophischen Einheit zusammenführt. Heinrichs, als gut ausgebildeter Philosoph, entlarvt die philosophischen Schwachstellen in Wilbers Konzepten.
 

 

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