Leben in ethnobotanischer Verbindung

Leben in ethnobotanischer Verbindung

Die Natur im Alltag spüren

Autor: Dr. rer. medic. Sarah Moritz
Kategorie: Ökologie
Ausgabe Nr: 80

Die Autorin führt mit Herz und Seele den Leser in die wissenschaftliche Disziplin der Ethnobotanik ein, die sich der Erforschung von Pflanzen innerhalb bestimmter Kulturräume widmet. Dabei lässt sie uns auch an ihren Reisen in das Amazonasbecken teilhaben, wo sie, angeleitet von einem Curandero, zu ihrem lebendigen und beseelten Verständnis und Umgang mit Pflanzen gelangt.

Als ich mich innerhalb meines Ingenieur-Studiums monatelang auf Forschungsreise in das Amazonastiefland begab, ahnte ich nicht, wie weit sich mein Weltbild ändern würde. Zu erleben, wie unmittelbar und eng die Menschen sich mit der Natur verwoben fühlten, sicher aufgehoben und behütet, reich versorgt mit Heilkraft – das war für mich sehr beeindruckend und legte einen der Grundsteine für mein Denken, Empfinden, Leben und Arbeiten bis heute. Mit der Absicht, die Menschen und ihre Ansichten besser zu verstehen, legte ich damals vor Ort im schwülwarmen Regenwald Schritt für Schritt mein wissenschaftliches Denken ab und erfasste, dass das Lebensgefühl der Menschen eine geistige Grundlage hatte: das Bewusstsein darüber, dass jede Pflanzenart ihre jeweilige Energie innehat.

Jedem Menschen steht es frei, den ›espíritu‹ einer Pflanze um Hilfe zu bitten, z. B. bei persönlichem Unwohlsein.

Im Folgenden erläutere ich das pflanzenbezogene und heilkundliche Weltbild, das ich während meines Forschungsaufenthalts im Jahr 2006 im peruanischen und kolumbianischen Amazonasgebiet vorfand. Eng verknüpft sind die medizinethnologischen Schilderungen mit der Ethnobotanik an sich: mit menschlicher Nutzung von Pflanzen oder anders ausgedrückt: dem Zusammenleben von Mensch und Natur. Das Lebensgefühl der Zusammengehörigkeit und des Vernetzt-Seins fängt in uns selbst an und ist daher überall auf der Erde möglich: am besten im Alltag, zu Hause, dort, wo wir gerade leben.

Leben in ethnobotanischer Verbindung

Das Forschungsgebiet der Ethnobotanik

Der Begriff Ethnobotanik steht für das interdisziplinäre Forschungsgebiet, das sich mit der Nutzung der Pflanzenwelt innerhalb kultureller Systeme befasst. Jenseits der konkreten »Nutzung« (z. B. als Baumaterial, Nahrungsmittel, Färbemittel, Ritualpflanze, Arznei oder Faserpflanze) geht es insbesondere um das Denken über Pflanzen, um Naturwahrnehmung, allgemein um die Bedeutung der Pflanzenwelt für die Soziokultur. Anders ausgedrückt könnte man sagen, es geht um das Zusammenleben von Mensch und Natur auf der persönlichen wie auch der kulturellen Ebene.

Leben in ethnobotanischer Verbindung

Das Spannende am Fach Ethnobotanik ist, dass es einen mehrschichtigen »Zugang« gibt. Man kann Ethnobotanik als lehrbuchgetreue, objektive Wissenschaft betreiben. Oder aber man bewegt sich aus der Objektivität und »teilnehmenden Beobachtung« heraus. Subjektive Erfahrungen, Erlebnisse und Empfindungen in Bezug auf Natur und die Pflanzenwelt können – so die Erfahrungen in unserer Tätigkeit am Ethnobotanischen Institut – sehr heilsam, erfüllend und sinnstiftend sein. Das gilt für den Kontakt zu einzelnen Pflanzen und vor allem auch für das Empfinden, selbst Teil der Natur zu sein und in das Netzwerk der Natur eingebettet zu leben. Die Natur wurde beispielsweise auf Kupferstichen aus der frühen Neuzeit gerne als die »Säugmutter« bezeichnet. In indigenen Kulturen ist häufig von »madre naturaleza« oder Mutter Natur/Mutter Erde die Rede. Die Frage ist, ob der eigene Kopf/die eigene Rationalität diesen gefühlsmäßigen Zugang erlaubt oder diesem im Wege steht.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf (10 Seiten), das unten bestellt werden kann.

Ein anderes Verständnis von Krankheit und Gesundheit

Schon in den ersten Tagen meines Aufenthaltes hatte ich die Erfahrung gemacht, dass der Begriff »Krankheit« (spanisch ›enfermedad‹) lediglich mit Malaria, Denguefieber u. ä. assoziiert wird, also mit Krankheiten, gegen die es vor Ort Impfkampagnen gibt. Ansonsten war immer die Rede von Befindlichkeiten. Meist wurde über die Heilpflanzen erzählt und währenddessen wurden Symptome, bei denen die pflanzlichen Mittel einzusetzen seien, gleich mit genannt bzw. qualitativ beschrieben. Dass es die Kategorisierungen von Krankheit nicht gab, war für mich sehr spannend. Das Gebiet der Medizinethnologie (auch Ethnomedizin oder Medizinanthropologie) befasst sich nicht nur mit Therapieformen und Heilbehandlungen, sondern auch mit Sichtweisen und allen »Aspekte(n), die zu Krankheit, Kranksein, Heilen, Gesundheit und Wohlbefinden dazugehören«. Die Ethnobotanik, die mich interessierte und die ich zu dokumentieren versuchte, ging also nahtlos in medizinethnologische Fragen über.

Jedem Menschen steht es frei, den ›espíritu‹ einer Pflanze um Hilfe zu bitten, z. B. bei persönlichem Unwohlsein.

Lesen Sie im vollständigen Artikel, inwiefern sich das Krankheitsverständnis der Bewohner des Amazonasbecken, von dem der Bewohner Europas unterscheidet und welche Rolle die Heilpflanzen dabei spielen.

Die Auseinandersetzung mit den Planetenprinzipien, die in unserer Kulturgeschichte etwa in der Frühen Neuzeit eine Rolle spielten, verhalf mir, Pflanzen-Eigenschaften eher qualitativ in ihrer Wirkung auf das eigene Empfinden und Erleben umschreiben zu können – mal ohne sich zu quantitativen Aussagen hinreißen zu lassen, wie sie in unserer heutigen Welt so geläufig sind. Aber natürlich lassen sich weder Pflanzen noch Menschen vollständig in Planeten-Prinzipien pressen.

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Ich verstehe das Pflanzen-Verständnis vielmehr als ein wachsendes, lebendes Mosaik im eigenen Bewusstsein: Wenn wir eine neue Pflanze kennenlernen oder ihr gewahr werden, geschieht dies in einer bestimmten Situation. Bereits dies ist ein Mosaikstein. Weitere Mosaiksteine kommen hinzu: der Name der Pflanze, Standort, Aussehen, Farben, Formen, Texturen, Erlebnisse mit der Pflanze, angelesenes Wissen, persönliche Erfahrungen in der Anwendung der Pflanze. Eventuell lernen wir weitere Volksnamen der Pflanzen kennen, die oft sehr aussagekräftig und bildhaft sind (Beispiel: ›Bettseicher‹ oder ›pissenlit‹ für den u. a. harntreibenden Löwenzahn). Manchmal tauchen bestimmte Pflanzen auch in Märchen, Sagen und Legenden auf oder sie haben eine bestimmte Rolle im Jahreskreis (z. B. die Gundelrebe in der Walpurgisnacht etc.). All dies sind für mich Mosaiksteine im individuellen Pflanzen-Mosaik, das ein Mensch gewissermaßen in sich trägt und das sich permanent um weitere Erlebnisse, Erfahrungen und Wissensaspekte erweitert. Ganz wichtig ist also, sich wertfrei dem Erleben und mehr den qualitativen Dingen zu öffnen, denn in Erwartung quantitativ messbarer Belange zu sein. Dies gilt ganz besonders für die Pflanzenmeditation.

Die Autorin Sarah Moritz

Über die Autorin

Dr. rer. medic. Sarah Moritz (geboren 1981, Medizinwissenschaftlerin, Dipl. Ing. (Univ.) für Landschaftsplanung) leitet seit 2010 zusammen mit ihrem Mann das Ethnobotanische Institut, das unter der Schirmherrschaft von Dr. Wolf-Dieter Storl steht. In den hier angebotenen Ausbildungen und Seminaren geht es um das Erleben des Netzwerkes der Natur, um Verwurzelung, Pflanzenkontakt, Selbstversorgung und Pflanzenheilkunde. www.ethnobotanisches-institut.de   Blog: www.erdenglück.de

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Lesen Sie mehr über die Erfahrungen der Autorin im Amazonasbecken und wie diese ihr Pflanzenverständnis nachhaltig geprägt haben.

Die vollständige Fassung finden Sie in der Tattva Viveka 80. Oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € als ePaper erhältlich (Pdf, 10 Seiten).

Dr. rer. medic. Sarah Moritz TV80 (PDF)

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