Sexualität im Tantra

Sexualität im Tantra

Wie die Erotische Kontinenz das Liebesspiel spiritualisiert

Autor: Stefanie Aue
Kategorie: Veden/Yoga
Ausgabe Nr: Sonderheft Sexualität

Unter dem Begriff Brahmacharya, der »Erotischen Kontinenz«, lehrt Tantra die Kontrolle der Sexualenergie und das Erleben spiritueller Höhenflüge während des Liebesspiels. Wer sich auf diesen tantrischen Weg begibt, kann nicht nur sein Liebesleben verbessern und bis dahin unbekannte Ekstasezustände erleben, sondern auch Gott näherkommen.

Sechseinhalb Minuten dauert Sex im internationalen Durchschnitt. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Universität von Queensland. Und das im sexuell tendenziell eher aktiven Alter der 18- bis 30-Jährigen. Bei den über 50-Jährigen liegt die Dauer eines durchschnittlichen Liebesspiels bei etwas über vier Minuten. Der sexuelle Akt ist zu Ende, wenn der Mann ejakuliert. Bedenkt man, dass viele Frauen mindestens 20 Minuten brauchen, um zum Orgasmus zu kommen, sind Konflikt und Frustration vorprogrammiert.

Doch warum kommt es zu diesem »kurzen« Erleben, wenn wir als Menschen doch auch dazu in der Lage sind, »die schönste Nebensache der Welt« bewusst länger zu genießen? Orientieren wir uns heute an falschen Rollenbildern? Zeigen uns Internet und Filmindustrie unrealistische Szenen, denen wir traurigerweise nachzueifern versuchen? Genau das sagen die Autoren des Buches »The multi-orgasmic man«, Mantak Chia und Douglas Abrams, über die gegenwärtige Situation: »Hollywood-Sex ist kein guter Sex; es ist nur schneller Sex. Die leidenschaftliche, eilige Umarmung, welche in den meisten Filmen porträtiert wird, in denen die Frau sofort feucht und augenblicklich von ein paar Minuten koitalem Beben befriedigt ist, wäre zum Lachen, würde sie nicht so viele Zuschauer hinterlassen, die versuchen, dieses unrealistische Modell eines Liebesspiels nachzuahmen.«

Sexualität im Tantra

Immer mehr Menschen suchen jedoch nach einer glücklichen Liebesbeziehung und einer erfüllenden Sexualität. Nicht wenige von ihnen geraten dabei in fragwürdige Extreme, die ihnen weder guttun noch tiefere Erfüllung bereiten. Im Gegenteil, sie erschaffen Leid und Abhängigkeiten durch eine Sache, die Glück und Freude bringen sollte. Eine Lösung bietet hingegen das Tantra-Yoga-System. Bereits vor Jahrtausenden beschäftigten sich die Tantriker mit Praktiken einer erfüllenden Sexualität. »Guter Sex« und gesteigertes Vergnügen waren jedoch nicht die Hauptintention der damaligen Tantriker.

Wie in allen Yoga-Stilen wird auch im Tantra Yoga primär die spirituelle Evolution, also die persönliche Weiterentwicklung des Menschen, verfolgt. Letztendliches Ziel des Tantra Yoga ist die Erleuchtung und damit die Verschmelzung mit dem allerhöchsten Absoluten, mit Gott.

Interessieren sie sich mehr dafür, wie sich das Liebesspiel mit Hilfe der tantrischen Lehre der erotischen Kontinenz verbessern lässt? Scrollen Sie nach unten und klicken Sie auf den Link zur vollständigen Textfassung!

Brahmacharya

In dem klassischen Leitfaden des Yoga, dem Yoga Sutra, dem achtstufigen Pfad zur spirituellen Erleuchtung, wird die Erotische Kontinenz (Sanskrit: Brahmacharya) von dem Weisen und Gelehrten Patanjali als eine der ersten Verhaltensregeln (Yamas) beschrieben. Brahmacharya bedeutet dabei so viel wie Kontinenz, Kontrolle oder Zurückhaltung und kann sich – muss sich aber nicht – auf ein Leben in Enthaltsamkeit und Abstinenz beziehen. Gleichzeitig weist das Wort Brahmacharya zum einen auf eine Orientierung zu Brahman, das höchste Göttliche in der hinduistischen Tradition, hin und zum anderen auf Brahma, den Schöpfergott aus der Dreifaltigkeit Brahma, Vishnu und Shiva. Dies verdeutlicht die spirituelle Orientierung dieser Praxis, die hauptsächlich durch Transmutation (energetische Umwandlung) und Sublimierung (energetische Anhebung) verwirklicht wird. Brahmacharya zielt folglich auf die perfekte Kontrolle der sexuellen Energie ab. Um dies zu erreichen, kann

der Yogi aus zwei Möglichkeiten wählen: Entweder er verzichtet auf jegliche sexuelle Tätigkeit oder er behält seine sexuelle Aktivität bei.

Wählt er den Pfad des Verzichts, so unterlässt er alle erotischen und sexuellen Handlungen, strebt jedoch durch die Anwendung geeigneter Yoga-Übungen und -Techniken danach, sein sexuelles Potenzial in höhere Energieformen umzuwandeln. Dies wird aktive Abstinenz genannt, da mit der sexuellen Energie dennoch aktiv gearbeitet wird, wohingegen der reine Verzicht auf sexuelle Handlungen (passive Abstinenz) nicht als Brahmacharya angesehen wird. Swami Sivananda ging beispielsweise davon aus, dass der Mangel an spiritueller Sadhana (spiritueller Yoga-Praxis) die Hauptursache für alle sexuellen Anziehungen ist.

Möchten Sie erfahren, was hingegen passiert, wenn ein Yogi sich für die Ausübung seiner sexuellen Tätigkeit entscheidet? Downloaden Sie den vollständigen Artikel am Ende des Beitrags!

Eros: eine sehr wichtige Voraussetzung

Eine äußerst wichtige Voraussetzung für die Spiritualisierung des Liebesspiels ist es, zwischen den vom Ego (Sanskrit: Ahamkara) getriebenen, instinktiven, vornehmlich von sexuellen, der Reproduktion dienlichen Energien und den erhabeneren Energien des reinen Eros unterscheiden zu lernen und sich immer wieder auf letztere auszurichten.

Im Fall des reinen Eros können die Grenzen des Egos, in denen wir auf der sexuellen Ebene gefangen sind, für eine bestimmte Zeit überschritten werden, sodass sich beispielsweise Liebe und Altruismus umfassend äußern können.

Während sexuelle Erregung Begierden, Unruhe und spezifische Emotionen im Wesen erzeugt, die zur Bewusstseinskontraktion führen, generiert erotische Erregung mehr Lebhaftigkeit und Freude und damit eine große Ausdehnung des Bewusstseins. Erotische Energie hilft dabei, die eigene Schwingungsfrequenz zu erhöhen, idealistische Gedanken und Ideen zu fördern und die Aspiration zu etwas Höherem zu nähren. Allgemein kann gesagt werden, dass die sogenannte »rohe Sexualität« zu einer Verengung des Bewusstseinsfeldes führt, wohingegen die reine Erotik zur Ausweitung des Bewusstseins beiträgt. Erotische Erregung wird wesentlich langsamer entfacht und steigt auch langsamer an als sexuelle Erregung. Dafür können Liebesspiele mit reinem Eros jedoch wesentlich länger dauern als gewöhnlicher Sex. Erotische Erregung ist wesentlich affektiver und sinnlicher als sexuelle Erregung. In diesem Zustand schwindet der Drang, zu ejakulieren, und es wird kein spezifisches Ziel, wie der Orgasmus, verfolgt. Vielmehr richtet sich das Liebespaar auf eine euphorische Verschmelzung miteinander und auf eine umfassende affektive Erfüllung aus.

Viele von uns haben ein typisches Bild vor Augen: die Frau kommt nicht zum Orgasmus und der Mann kommt zu früh. Erotische Kontinenz kann das Ganze wieder ins Gleichgewicht bringen. Was »erotische Kontinenz« bedeutet, erfahren Sie im ganzen Artikel – ganz unten den Link dazu!

Sowohl im Taoismus als auch in der tantrischen Kaula-Tradition wird die biologische Transmutation des sexuellen, kreativen Potenzials und dessen Sublimierung in höhere Formen vitaler, emotionaler, mentaler und spiritueller Energie als das Schlüsselelement der Erotischen Kontinenz angesehen. Transmutation beschreibt einen Prozess, bei dem eine Ausgangssubstanz in eine andere, subtilere (feinere) Substanz transformiert, also umgewandelt wird. Das Besondere an diesem Prozess ist die dabei frei werdende Energie, die man sich so zunutze machen kann. Tantrische Meister beschrieben den Prozess der biologischen Transmutation schon vor Jahrtausenden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dieser Prozess dann auch von der modernen Wissenschaft teilweise belegt. Der Franzose Louis Kervran war der Erste, der den Prozess der biologischen Transmutation mit seiner Forschung nachwies. Indem sich der Praktizierende den Prozess der Transmutation zunutze macht, kann er sich über die Begrenzungen des physischen Körpers hinwegsetzen und sein Leben spiritualisieren.

Sexualität im Tantra

Auf die Erotische Kontinenz übertragen bedeutet dies, dass bei der biologischen Transmutation sexuelles Material, also Sperma und andere sexuelle Flüssigkeiten, in andere Formen der Materie umgewandelt und vom Organismus absorbiert und genutzt werden. Mit dieser Transformation der Materie geht die Freisetzung einer großen Menge an Energie einher, die sich als physische, psychische, emotionale, mentale oder spirituelle Energie äußern kann.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Interessieren Sie sich dafür, wie sich erotische Kontinenz in der Praxis gestaltet und wie diese zum Erreichen der höchsten Ektase, Samadhi, beitragen kann?

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Stefanie Aue
Sexualität im Tantra
Wie die Erotische Kontinenz das Liebesspiel spiritualisiert

Unter dem Begriff Brahmacharya, der »Erotischen Kontinenz«, lehrt Tantra die Kontrolle der Sexualenergie und das Erleben spiritueller Höhenflüge während des Liebesspiels. Wer sich auf diesen tantrischen Weg begibt, kann nicht nur sein Liebesleben verbessern und bis dahin unbekannte Ekstasezustände erleben, sondern auch Gott näherkommen.
 

 

Artikelnummer: TVS02_07e Schlagwörter: ,

 
 

Über die Autorin

Unser Autorin Stefanie Aue

Stefanie Aue ist Redakteurin der Tattva Viveka-Redaktion und freie Journalistin. Als Sozial- und Medienwissenschaftlerin sowie Yoga-Lehrerin gilt ihr Interesse gesellschaftlichen und individuellen Transformationsprozessen. Sie befindet sich in einer Ausbildung zur Lehrerin für »Tantra für Frauen«-Gruppen.

Kontakt: Stefanie@tattva.de

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