Das metaphorische Herz

Das metaphorische Herz

Zeuge des archaischen Bewusstseins

Autor: Dr. Annette Blühdorn
Kategorie: Philosophie
Ausgabe Nr: 90

Ganz selbstverständlich benutzen wir das Herz immer wieder als Teil unserer Alltagssprache: »Ich fasse mir ein Herz« oder »Mein Herz geht auf«. Doch was meinen wir konkret bei solchen Aussagen, und auf welcher Grundlage beruhen unsere vermeintlich sicheren Äußerungen zum Herzen? Die Autorin zeigt uns, wo die Ursprünge dieser komplexen und vielschichtigen Herzmetapher liegen, indem sie uns auf eine Reise durch verschiedene kulturelle Vorstellungen von dem Herzen als Organ wie auch der Philosophie des Leibes führt.

Innenleben 

Es schmilzt uns es blutet es lacht uns im Leibe
Wir tragen es auf der Zunge
Wir schütten es aus
Wir machen ihm Luft
Wir grüßen von ihm
Wir essen es in Aspik
Es ist steinern und weich
golden hart brennend gespickt
halb leicht tief gut oder schwer
gebraten gebrochen erweitert verfettet
Wir bringen etwas darüber und tragen etwas darunter //
Wir legen die Hand darauf
Wir schließen etwas darin ein
Wir drücken etwas daran
Wir nehmen uns etwas dazu
Wir haben etwas darauf
Wir hängen es an etwas hin
Es hat Klappen Blätter Damen
Es hat Fehler Schläge Gründe Beutel und Gruben
Anfälle Kammern und Lüste
Wir lassen uns etwas daran wachsen
und etwas darin schneiden
und etwas daran greifen
Ein Stein fällt uns davon runter
Wir machen eine Mördergrube daraus
Wir haben es auf dem rechten Fleck

– Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger spult in seinem Gedicht Innenleben eine ganze Serie von geflügelten Herzens-Worten ab, die wir im Alltag regelmäßig verwenden, und er lässt dabei das physische Organ, den Herzmuskel, und das nicht-physische, metaphorische Herz wie zufällig miteinander verschmelzen. Dichterisch-ironisch bildet er damit unseren Umgang mit dem Begriff des Herzens ab, der meist unüberlegt erfolgt, denn wir benutzen viele der hier aufgeführten Wendungen gewöhnlich, ohne zu wissen, was genau wir mit »Herz« in dem jeweiligen Zusammenhang eigentlich meinen.

Dieser gedankenlosen, unkritischen Verwendung des Herzbegriffs begegnen wir auch im Yoga: Rückbeugen seien Herzöffner; das Herz Chakra stehe für Mitgefühl, Empathie, Kontakt; die energetische Natur des Herzens werde »erfahrbar in der Kraft der Liebe, die alle Hindernisse, die das Ego auftürmt, überwinden und auflösen kann« (Trökes, 101); und Doris Iding empfiehlt: »Spring in die Mitte deines Herzens. Bade in ihm und lebe aus ihm heraus.«

Hier wird einerseits so getan, als sei vollkommen klar, was die Metapher »Herz« bedeutet, während andererseits ganz offensichtlich unklar ist, wie die zitierten Aussagen und Empfehlungen konkret zu interpretieren oder umzusetzen sind. Im Gegenteil, sie bleiben schwammig und nebulös – entsprechend fehlen auch explizite Handlungsanweisungen.

Die Frage ist daher, auf welcher Grundlage diese vermeintlich sicheren Äußerungen zum Herzen beruhen. Wir lesen weder in den Yoga-Sutras noch in der Hatha-Yoga-Pradipika, also den Texten, auf die sich der Yoga – auch der moderne Yoga – wesentlich bezieht, wirklich erhellende Kommentare dazu.

[…]

Ziel dieses Artikels ist es, zu zeigen, wo die Ursprünge des metaphorischen Herzens mit seiner komplexen, vielschichtigen Bedeutung liegen, von der wir heute im Yoga, aber auch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch so selbstverständlich ausgehen.

Der Schwerpunkt wird dabei einerseits auf den Traditionslinien liegen, die das europäisch-christliche Abendland wesentlich geprägt haben, also auf der griechischen Antike und den Aussagen des jüdischen Alten und christlichen Neuen Testaments; andererseits soll speziell mit Blick auf den Yoga die vedische Kultur berücksichtigt werden.

Ausgangspunkt der Darstellung ist ein Überblick über das Verständnis oder Bewusstsein vom Herzen als Organ in den genannten Kulturen. Denn dass das Herz die metaphorische Bedeutung annehmen konnte, die es noch heute hat, muss auch im Zusammenhang mit seiner Funktion als Zentralorgan innerhalb des Körpers gesehen werden bzw. mit den Wechselwirkungen zwischen psychisch-emotionaler Befindlichkeit und physiologischer Herztätigkeit.

Lies mehr über das metaphorische Herz, das als Metapher in verschiedenen spirituellen Traditionen aus Gegenwart und Vergangenheit verwendet wird – vom der Kultur des Herzens im Alten Ägypten bis zu Meditation und Übungen der Achtsamkeit für das Herzchakra im indischen Yoga.

Das Verständnis vom Herzen als Organ

Hans Magnus Enzensberger vermischt in seinem Gedicht spielerisch-spielend die Sphären des abstrakten, metaphorischen Herzens und des konkreten Herzorgans. In den wissenschaftlichen (Berkemer/Rappe) und kulturwissenschaftlichen (Høystad, Nager) Untersuchungen zum metaphorischen Herzen ist das anders. Hier lesen wir sehr wenig über das Herz als Organ – als sei es für die Darstellung weitgehend irrelevant. Tatsächlich gibt es jedoch, wie Till Bastian erläutert, ein Organempfinden, das wohl auch die Menschen älterer Kulturen hatten, und diese Empfindungen ließen sie vermutlich die zentrale Funktion des Herzorgans erahnen.

Man kann argumentieren, dass erst über diese körperlich-leiblichen Eindrücke die Herzgegend bewusst wahrgenommen und dann auf psychisch-mentaler bzw. auch auf spiritueller Ebene bedeutend wurde.

Deshalb darf das Herz als Organ in der Diskussion über das metaphorische, nicht-physische Herz nicht ausgeklammert werden.

In dieser Fassung sind Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben. Den vollständigen Artikel gibt es im Pdf, das unten bestellt werden kann.

Altes Ägypten

Die altägyptische Kultur hat über ihre Wirkung auf die Kultur des frühen Judentums und damit das Alte Testament auch Einfluss auf die europäisch-abendländische, die christliche Kultur.

Jan Assmann beschreibt Ägypten und Israel als »Kulturen des Herzens«,

weshalb die Darstellung beider Kulturen hier fundamental ist. Dabei gilt der oben erwähnte Umstand, dass den altägyptischen Ärzten die biologische Funktion des Herzens bekannt war, als Voraussetzung und Grundlage für die zentrale Rolle, die das Herz im Alten Ägypten spielte.

Wenn Enzensberger das Herz steinern und hart nennt, dann beurteilen wir diese Qualitäten aus heutiger Perspektive eindeutig negativ. Bei den alten Ägyptern jedoch galt ein hartes, steinernes Herz als erstrebenswerter Vorteil. Sie pflegten einen pluralistischen Personenbegriff, der uns auch heute nicht fremd ist und uns bemüht sein lässt, die eigene Mitte zu finden, aus der eigenen Mitte heraus zu leben.

Schon in der altägyptischen Zivilisation ging man davon aus, dass ein Mensch aus verschiedenen Aspekten zusammengesetzt ist, aus seinen Handlungen und Zuständen, aus Körperteilen, sozialen Beziehungen und vielem mehr (vgl. Assmann, 145). Innerhalb dieser Vielheit war es wichtig, ein organisierendes, stabiles Zentrum zu haben, und diese Funktion erfüllte das Herz. Es bildete den inneren Kern des Menschen, das Zentrum seiner Gedanken und intellektuellen Aktivitäten.

Damit entspricht es der Funktion, die innerhalb der Gesellschaft der Pharao einnimmt, innerhalb der Götterwelt der Sonnengott. Um diese zentrierende Führung im Menschen ausüben zu können, musste das Herz eine gewisse Festigkeit, Stabilität und Härte besitzen.

Das Herz galt als der wichtigste und zugleich problematischste Bestandteil des menschlichen Körpers.

Erfahre im vollständigen Artikel, wieso für die alten Ägypter ein ruhiges und sanftes Herz, das sich nicht schnell aus der Fassung bringen lässt, als ideales Zentrum betrachtet wurde.

Für den im Alten Testament so häufig vorkommenden hebräischen Begriff lēb oder lēbāb, der meist mit »Herz« übersetzt wird, aber je nach Zusammenhang in der Bedeutung variiert, besitzt das Altgriechische kein Äquivalent. Stattdessen werden hier kontextabhängig verschiedene Begriffe verwendet, um den Brust- und Herzraum zu bezeichnen. Sehr deutlich lässt sich das in Homers Ilias beobachten.

Die Wörter, die hier benutzt werden, decken ein semantisches Begriffsfeld ab, das von konkreten Bezeichnungen wie Magen, Zwerchfell, Inneres des Brustkastens und Herz als Teil des menschlichen Körpers bis zu abstrakten Begriffen reicht wie Empfindungsvermögen, Gemüt, Gesinnung, Seele, aber auch Leidenschaft, Zorn, Eifer, Kampfesmut, daneben auch Verstand, Geist, Vernunft, Gedanke (vgl. Schmitz 31998, 373–445).

Dieser Umstand macht zweierlei deutlich. Er zeigt erstens, dass der homerische Mensch der Ilias nicht, wie der des Alten Ägyptens oder Israels, eine ihn konstituierende Mitte und ein personales Zentrum hat, die mit dem Herzen identifiziert werden – eine Annahme, von der wir auch heute noch ausgehen.

Daraus folgt zweitens, dass eine selbstreflektierende Hinwendung zum eigenen Selbst hier nicht stattfindet. Vielmehr muss man sich den homerischen Menschen der Ilias »als eine Sinfonie aus Impulsen und Stimmen vorstellen, die aus seinen verschiedenen Körperteilen kommen. Er empfindet seinen Körper nicht als Einheit, wie wir es tun, sondern als eine üppige Vielfalt verschiedenster, voneinander unabhängiger Kräfte.« (Høystad, 35)

Gleichzeitig lebt der Mensch noch nicht in der Polarität von Körper und Geist bzw. Seele, sondern erfasst sich in dieser Hinsicht ungeteilt. In diesen ganzheitlichen Zustand wieder hineinzufinden, ist übrigens das Ziel der Mystik des Yoga und sicherlich vieler Menschen, die heute Yoga praktizieren.

[…]

In das bis dahin ungeteilte, ganzheitliche Körperverständnis dringt mit Platon die Aufspaltung in Körper und Seele ein. Zwar hatten vor Platon schon andere griechische Denker zwischen der Materie und dem sie bewegenden und erkennenden Geist unterschieden, etwa Empedokles, Demokrit und die Vertreter der Orphik. Aber Platon entwickelte diesen Dualismus weiter und baute ihn zu einem systematischen Modell aus, in dem die Seele zum Zentrum des Menschen wird und der Körper an Bedeutung verliert.

Platon fächert die Seele auf und stellt drei hierarchisch geordnete Seelenbestandteile als ranghöher über den Körper. Der niedrigste, unterste Seelenanteil ist das Begehrende, das in der Region unterhalb des Zwerchfells verortet ist. Der mittlere Seelenanteil ist das Mutartig-Tatkräftige, das seinen Sitz im Herzen hat. An obererster Stelle steht die Vernunft- oder Denkseele, die im Kopf zu Hause ist und die beiden anderen Seelenaspekte lenken soll.

Nur dieser Vernunftanteil der Seele ist unsterblich und hat deshalb eine Sonderstellung. Der Körper wird durch die dreifach aufgespannte Seele belebt, körperliche Empfindungen und Antriebskräfte werden jetzt abgewertet oder verdrängt und in den abstrakten Bereich der Seele, also nach innen verschoben.

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Lesen Sie mehr über die Metaphern und Symbole verschiedener Kulturen in Bezug auf das Herz, und wie dies mit ihrem Menschenbild verwoben war – in der vollständigen Fassung in Tattva Viveka 90 oder downloaden Sie diesen Artikel einzeln als ePaper für 2,00 € (Pdf, 10 Seiten).

Der zweite Teil des Artikels erscheint in der kommenden Ausgabe der Tattva Viveka Nr. 91 am 1. Juni. Seid gespannt, wohin die Herzensgeschichte uns führen wird.

Das metaphorische Herz (PDF)

 2,00

Anette Blühdorn

Die Autorin zeigt uns, wo die Ursprünge der komplexen und vielschichtigen Herzmetapher liegen, indem sie uns auf eine Reise durch verschiedene kulturelle Vorstellungen von dem Herzen als Organ wie auch der Philosophie des Leibes führt.
 


 

Artikelnummer: TV090e_09 Kategorie: Schlagwort:

Kompletter Artikel im PDF-Format (10 Seiten)

 
 

Über die Autorin

Unsere Autorin Dr. Annette Blühdorn

Dr. Annette Blühdorn, Studium der Klassischen Philologie, Slawistik, Germanistik; Promotion über zeitgenössische deutsche Lyrik; langjährige Lehrtätigkeit als Universitätsdozentin in England; Yoga-Praktizierende seit über 35 Jahren; zertifizierte Iyengar-Yoga-Lehrerin, seit 2014 mit eigenem Yoga-Studio in Millstatt, Kärnten; Mitarbeiterin im Redaktionsteam der Verbandszeitschrift von »Iyengar-Yoga Deutschland e.V.«; verschiedene Veröffentlichungen.

Website: www.yoga-weinleiten.at

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