Teilhard de Chardin – 3.Teil

Teilhard de Chardin – 3.Teil

Das Ewig-Weibliche und die Mystik der Liebe

Autor: Jürgen Schröter
Kategorie: Bewusstsein
Ausgabe Nr: 79

Pater Teilhard gilt als Wegbereiter einer »Neuen Spiritualität«. Er entwickelt eine christliche Evolutionslehre, in der Wissen und Glauben, Wissenschaft und Religion sowie Wissenschaft und Spiritualität zusammenkommen und miteinander versöhnt werden.

»Das Ewig-Weibliche« ist ein programmatischer Essay von Pierre Teilhard von 1918. Der Essay selbst ist Dantes Beatrice gewidmet, »wie dieser sie in der ›Göttlichen Komödie‹ verewigt hat, und darin allen Frauen« (Schiwy, Lesebuch, S. 130) – noch in der Zeit des ersten Weltkrieges geschrieben und entscheidend beeinflusst aus seiner Liebe zur Cousine Marguerite, die er in Paris 1912 nach einer gemeinsamen Kindheit wieder traf.

»Ein Licht leuchtet auf in der Tiefe der Augen, die ich liebe. … Mit der weiten und reinen Liebe ist eine neue Energie in mich gedrungen (oder aus mir ausgebrochen, ich weiß es nicht), die mich erfahren ließ, daß ich so offen und reich war wie das Universum.« (Schiwy, Biographie, Bd. 1, S. 263) Diese Liebesverzückung erinnert dann wirklich an Dantes Beatrice.

Später schreibt Pater Teilhard im »Herz der Materie«: »Das Leben­digste und Greifbarste ist das Fleisch. Und für den Mann ist das Fleisch die Frau. … Das seltsame ist nur, daß die Begegnung offensichtlich meinen dreißigsten Geburtstag abgewartet hat, um sich zu ereignen [Das war 1911 noch während der Studienzeit in Hastings / Wales, JS]. So groß war für mich die Faszination durch das Unpe­rsönliche und Allgemeine. Deshalb die seltsame Verzögerung. Denn da die neue Energie meiner Seele genau in dem Augenblick durch­drang, am Vorabend des Krieges …« (Teilhard de Chardin, Das Herz der Materie, S. 84)

Dieses Liebesgefühl umfasst die Mutter Erde, zur Materie, zum Leben, zum ganzen Kosmos. Er ist von einer Leidenschaft zum Leben durchdrungen, von einem tiefen Liebesverlangen.

Die Liebe ist die Kraft im Universum, die gegen die Kraft der Entropie und des Bösen, alles ausrichtet auf das Höchste, den »Punkt Omega«.

Diese ins Licht führende Liebe des Universums ist das, was Teilhard de Chardin dann als »Das Ewig-Weibliche« bezeichnet und das er in seinem Werk immer weiter verfeinern sollte. Pater Teilhard lässt »Das Ewig-Weibliche« in Ich-Form sprechen:

»Ich bin erschienen vom Anbeginn der Welt … Durch mich gerät alles in Bewegung und in Beziehung. «

Die Evolution als Treffpunkt von Glaube und Wissenschaft

Wir müssen uns bewusst sein, dass die Evolution im streng wissenschaftlichen Sinne gar nicht beweisbar ist. Es kann »kein Laboratorium geben, in dem die Evolution als wiederholbares Experiment nachgewiesen« werden könnte (Karl Schmitz-Moor­mann: Pierre Teilhard de Chardin. Evolution – die Schöpfung Gottes, S. 23). Und er schreibt weiter:

»Letzten Endes erweist sich die Evolution als wirklich nicht durch experimentellen Beweis, sondern durch die größere Kohärenz, die sie in unserem Verstehen der Daten aus allen Bereichen des Wissens, von der Physik bis hin zur Anthropologie, zu bringen vermag. Damit ist die Evolution als Faktum nicht streng beweisbar, sondern nur aufweisbar. Man kann sich von der Wirklichkeit der Evolution überzeugen, aber letzten Endes bleibt, wie bei jeder Überzeugung, ein Rest des Nichtwissens, der Unbeweisbarkeit.« (Ebenda, S. 24)

Teilhard de Chardin - Das Ewig-Weibliche und die Mystik der Liebe

Genau das ist der Grund, warum die Evolution, die Schöpfung der eigentliche »Meeting-Point« von Wissen und Glauben, von Wissenschaft und Religion ist. Hier kommen Spiritualität und Wissenschaft zusammen oder nirgendwo.

So wie Darwin für die wissenschaftliche Evolutionslehre als Pate steht, so steht Pater Teilhard für die christlich-spirituelle Evolutionslehre. Die wissenschaftliche Evolutionstheorie hat sich längst in viele Teilbereiche zersplittert: Relativitätstheorie, Quanten-Physik, Quanten-Kosmologie, Biochemie, … selbst in der Pädagogik gibt es schon eine »evolutionäre Pädagogik«. Die wissenschaftliche Evolutionstheorie hat sich prächtig entwickelt, aber auch gewaltig zer­splittert und nahezu atomisiert. Eine christliche Evolutionstheorie dagegen ist über Teilhard de Chardin noch nicht hinausgekommen. Er ist hier immer noch der einsame Rufer in der Wüste.

Um den wesentlichen Unterschied kurz verständlich zu machen, will ich auf einen unverfänglichen Spruch von Karl Marx verweisen. Er meinte, die Physiologie des Menschen sei der Schlüssel zur Physio­logie des Affen. Mit anderen Worten: Das später Entwickelte ist der Schlüssel zu den Vorläufern. Wenn man das Spätere verstanden hat, versteht man auch das Frühere. Mit Marx Worten: Wer »Das Kapital« ver­standen hat, der hat den Schlüssel zum Verständnis für die Ent­wicklung der Menschheit. (Marx widmete den ersten Band des Kapitals übrigens Charles Darwin.)

Lesen Sie im vollständigen Artikel, welche Rolle die Liebe und das Weibliche nach Teilhard de Chardin in der Evolution spielt.

Es ist wichtig, das »Neue Zeitalter« und das recht kurze »Aufpoppen des New-Age« nicht zu verwechseln. Das »New-Age« ist sicher schon lange »Schnee von gestern«, der sich kaum mehr als ein Jahrzehnt gehalten hat. Seine unmittelbaren Ausläufer sind vielleicht nur noch in der »Esoterik-Szene« wiederzufinden. Das »Neue Zeitalter« meint sicher keine kulturellen und geistigen Mode-Erscheinungen. Hier geht es um Jahrtausende, die Ablösung des Fische-Zeitalters durch das Wassermann-Zeitalter, einer Zeitspanne von rund 2.000 Jahren.

So verstanden ist der kraftvollste Ausdruck des »Neuen Zeitalters« weder das New-Age noch die Esoterik-Szene, sondern die »digitale Revolution«. Das ist der GEIST des Wassermanns pur im archetypi­schen Sinne! Das ist die technische Revolution für das globale Gehirn der Menschheit. In diesen Dimensionen hat Teilhard de Chardin als Prophet und Visionär gedacht, auch ohne den Begriff des »Wasser­mann-Zeit­alters« zu verwenden. Er wäre heute fasziniert vom Internet und sicher einer der größten Blogger auf dem Planeten.

Wie dem auch sei: Es gibt keinen Zweifel, dass die ersten Autoren des »New Age« (Ferguson, Bohm, Capra, Jantsch, Prigogine) als Wegbereiter einer »Neuen Spiritualität« sich auf Teilhard de Chardin bezogen. Kaum ein anderer Religions-Philosoph wird in den ersten Schriften des »New Age« mehr zitiert.

Unser Autor Jürgen Schröter

Über den Autor

Jürgen Schröter (Jahrgang 1951) ist von Hause aus Pädagoge, war Lehrer in der Erwachsenenbildung und hat sich 1989 selbstständig gemacht. Hier hat er als Texter und Lektor gearbeitet, ist Autor (»Zahlenmystik als spiritueller Weg«), hat eine Autorenschule und den Verlag DIE SEELE gegründet. Er war der erste Herausgeber des an Ken Wilber orientierten Online-Magazins »integral informiert«. Seine Vision ist es, Schöpfungsmythologie und Evolutionstheorie in einer Theorie der Selbst-Bildung der Geist-Seele zu integrieren. Er lebt mit Sohn und Enkeln in Südfrankreich. https://juergen-schroeter.de

Dies sind Ausschnitte aus dem Artikel.

Erfahren Sie, wieso gerade Teilhard de Chardin die New-Age Pioniere stark beeinflusst hat und wie er mit seinen integralen Ansichten das Christentum bewegte,

Dieser Artikel ist der dritte und letzte Teil von Jürgen Schröters Abhandlung über Teilhard de Chardin. Lesen Sie die vollständige Fassung in der Tattva Viveka 79 oder downloaden Sie alle drei Teile zusammengefasst zu einem ePaper für nur 3,00 € (Pdf, 25(!) Seiten).

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2 Kommentare
  • Wolfgang Elija
    Veröffentlicht um 14:19h, 14 Juli Antworten

    Ich finde sowohl den Artikel, als auch die Vision von Herrn Schröter als auch ihn als Mensch und Lehrer sehr bereichernd und weise.

    • Tattva-Archiv
      Veröffentlicht um 09:02h, 29 Juli Antworten

      Das freut uns zu hören 🙂 Gruß Ronald Engert

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